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nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

 

Plauderei
anhand einer Bilderfolge,
vorgetragen auf dem Wagner-Familientag in Dassel
am 13. November 2004 

 

von Dr. Werner Klose


Blick auf die evangelische (unierte) Kirche und den Rathausturm

Da mögen gleich beim Lesen des Themas einige Fragen aufgetaucht sein: Was haben denn die beiden Stichworte im Titel, nämlich Meseritz und Wagner-Familie miteinander zu tun? Was kann man schon in Meseritz von der Wagner-Familie erleben? Und schließlich, wer weiß denn noch, wo dieses Meseritz überhaupt liegt?

Nun, einige Jahrzehnte lang sind zahlreiche Mitglieder der Wagner-Familie als Besucher in diesen Ort gekommen. Und vom Wagner-Stammsitz in Marienwerder aus gesehen liegt das Städtchen - zusammen mit Stettin – in der vordersten Reihe der übrigen über das Reichsgebiet verstreuten Wohnorte der Wagner-Familien ( siehe Karte ).

Die Kreisstadt Meseritz mit etwa 10.000 – 12.000 Einwohnern findet man ca. 70 km östlich von Frankfurt an der Oder im westlichsten Teil der Provinz Posen. Nach der Schaffung des sogenannten polnischen Korridors 1919 waren es noch 15 km bis zur Reichsgrenze. Der Name deutet auf die Lage ''zwischen den Flüssen'' ( vergl. " Mesopotamien " ) und tatsächlich mündet hier das Flüsschen Packlitz in die Obra, die etwas nördlich in die Warthe, einen rechten Nebenfluss der Oder fließt.
 
Wie kam es aber nun, dass Meseritz ein Filialstandort der Wagner-Familie wurde? Seit dem Jahre 1835 gab es hier in einigen Orten der Umgebung kleine Gemeinden der evangelisch-lutherischen Freikirche Alt-Preußens. Die Gemeinde in Meseritz hatte sich im Jahre 1865 eine kleine Kirche in der Lutherstraße und daneben im Jahre 1905 ein recht stattliches Pfarrhaus erbaut.

 evang.luth. Kirche in Meseritz
(evang.-luth.Freikirche Alt-Preußens)

In diesem befand sich neben der Pastorenwohnung im 1. Stockwerk und den erforderlichen Amts- und Versammlungsräumen auch ein Gästezimmer, was in den späteren Jahren für die Unterbringung der Besucher aus der Wagnerverwandtschaft von großer Bedeutung werden sollte. Das große Haus, dessen Dach man im Hintergrund des Bildes erkennen kann, ein paar Schritte um die Ecke in der Bahnhofstraße gelegen, sollte ab der Mitte der zwanziger Jahre noch eine Rolle spielen. Im Jahre 1911 bekam nun die Gemeinde Meseritz als neuen Pastor Johannes Schachschneider, der mit einer Enkelin von Julius Hermann Wagner, nämlich Elisabeth geb. Mintzlaff,genannt (Tante) Lieschen, Tochter von Martha Mintzlaff geb. Wagner, verheiratet war. Mit den Schachschneiders wohnte noch eine weitere Enkelin von Julius Hermann Wagner im Dachgeschoß des Pfarrhauses, nämlich Martha Windaus, Tochter von Magdalene Windaus geb. Wagner ( zu den Verwandtschaftsbeziehungen s. die Stammtafeln 1, 2 und 3). Bald darauf wurden neue Mitglieder in den Pfarrhaushalt aufgenommen:  es waren die drei älteren Kinder des geschwisterlichen Ehepaars Martin Schachschneider und Marie geb. Windaus, die damals beide auf einer Missionsstation in Ostafrika wirkten, also Hans, Dorothea und Annemarie Schachschneider.  

 

 

 

 Stammtafel 1

                                                                           Julius Hermann Wagner ---------- -             |

                                                                                                       |                                                         

                          Magdalene Wagner ∞ Carl Windaus                                         Martha WagnerEduard Mintzlaff            
                                             |                                                                             |                                 

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    Martha Wagner      Marie WagnerMartin Schachschneider          Johannes Mintzl. ∞ Friedel Saalbach   Elisabeth Minzl. ∞ Johannes

               ( gen. Mietze )                   |                                                                                 |                                                           Schachschneider

                                                                |                                                             |                                                           "Hans Pastor"

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      Hans Schachschn.     Dorothea Schachschn. ∞ Leonhard     Annemarie              Ruth Mintzlaff       Heinz Mintzlaf               Elisabeth Mintzlaff

                                                                               Hoffmann    Schachschneider                                                                                      " Lilli "                                                                                |

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                            Helmut Hoffmann              Mechthild Hoffmann           

Hier stehen sie mit ihrem Onkel Hans und der Tante Martha Windaus auf der Eingangstreppe zum Pfarrhaus. Inzwischen hatte sich noch eine dritte Enkelin von Julius Hermann Wagner in Meseritz eingefunden, Elisabeth Wagner genannt „Ischa“, die jüngste Tochter von Martin Theodor Wagner aus Altona, die nach Beendigung der Schulzeit einmal einen anderen Haushalt kennenlernen sollte. Sie war dort sicherlich sehr willkommen zur Unterstützung von Lieschen Schachschneider, die nach einer Hüftoperation mit stark verkürztem Bein leben mußte. Bewundernswert, wie sie trotz dieser Behinderung nicht nur unermüdlich im Haushalt tätig war, sondern darüber hinaus ihrem Mann als echte "Pfarrfrau" im umfassenden Sinne bei der Gemeindearbeit zur Seite stand.

Dass der große Pfarrgarten nicht nur Platz für ein Schaukelgerüst hatte – auf dem man im nächsten Bild Ischa mit den Schachschneidermädels sehen kann – sondern auch den Haushalt mit allerlei Obst und Gemüse versorgte, können wir aus einem der Briefe entnehmen, die Elisabeth regelmäßig ihren Eltern nach Altona schrieb:
Meseritz, den 3. Oktober 1913
... Am Montag sind nun unsere beiden Pflaumenbäume, die brechend voll waren, endlich geplündert worden... Am Dienstag wurde dann in der Waschküche Pflaumenmus eingerührt. ....Am Abend war es dann sehr ulkig: Das Mädchen sollte nach dem Abendbrot noch bis 10 oder halb 11 rühren und dann schlafen gehen. Martha und ich wollten dann weiter rühren. Inzwischen war der junge Herr Klose gekommen, um Hans (Schachschneider) etwas zu fragen.

Da Hans nicht da war, wollte er auf ihn warten. Hans war zu einem Gemeindeglied gegangen und als er um 11 nach Hause kam, bot sich ihm in der Waschküche ein entzückendes Bild dar: da stand der Studiosus am Waschkessel und rührte das Pflaumenmus und Martha und ich sahen zu.

Hans lachte furchtbar und rührte dann auch noch selbst. ... Es war sehr gemütlich in der Waschküche, wir tranken alle noch ein Glas Bier und die Herren rauchten dazu. Um 12 Uhr konnten wir dann das Mus rausnehmen...Leider ist uns von dieser Waschküchen-Idylle kein Bild überliefert, steckt doch darin schon der Keim zu einem weiteren Standbein der Wagner-Familie in Meseritz. Dieser Studiosus Johannes Klose, - hier ein späteres Bild aus dem Jahre 1919 – findet von nun an in Ischas Briefen an ihre Eltern in Altona immer mal wieder Erwähnung. Die sich anbahnende Verbindung wurde jedoch durch den Kriegsausbruch 1914 starken Belastungen ausgesetzt.
Hans Klose, mitten aus seinem Medizinstudium herausgerissen, war die ganzen Kriegsjahre als Bataillonsarzt in Russland und Frankreich eingesetzt, während Ischa als Krankenschwester in Stettin tätig war. Nach Beendigung des Studiums in Rostock mit der abschließenden Promotion konnte dann 1920 endlich die Verlobung gefeiert werden.

 

 

 Stammtafel 2

                                                                           Julius Hermann Wagner ---------- -             |

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                                                                                   >Martin< Theodor Wagner ∞  Martha Poltrock               Magdalene Poltrock
                                                                                                               |                                 
 "Tante Lenchen"

 

 Hermann W.   Jula Wagner ∞ Wilh.Brachmann    Lotte Wagner   Walter Kabis ∞ 1)Hanna W.   Hans W.     Elisabeth Wagner ∞ Dr.Hans Klose

                                     |                                                                                                 |  ∞ 2) Walter Kliche                                    |

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  Irmgard Br. ∞ Walter     Gerd Br. ∞ Marianne     Lotte Br. ∞ Heinz    Walter Kabis Maria Kabis    |   Hans-Hermann Kl.  Friedrich Kl.   Werner Kl.
                        
Schnoor                    Pabst                            Bove                       Dankwart Kliche   Almut Kliche

                                                                                           |

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                                                            Rainer Bove   Winfried Bove  Hans  Bove         

 

Im Jahre 1921 folgte dann die Hochzeit und die Niederlassung als praktischer Arzt in Meseritz. Mit der Geburt von Hans-Hermann 1922 und Friedrich 1924 wurde es für die Familie im elterlichen Hause in der Obrastraße 3, zusammen mit der Mutter Martha Klose, den Geschwistern und dem Uhrmacherladen mit Werkstatt zu eng. Es erfolgte der Umzug in eine Wohnung des Hauses Bahnhofstraße 55, dessen Dach schon auf dem Bild vom Pfarrhaus und der Kirche zu sehen war, von diesen nur getrennt durch das Eckgrundstück Lutherstraße/Bahnhofstraße, dafür aber rückseitig durch die aneinander stoßenden Gärten verbunden. Mit diesem "Doktorhaus" hatte also die Wagner-Familie neben dem Pfarrhaus für nahezu zwei Jahrzehnte noch einen zweiten Anlaufpunkt in Meseritz.

Im Jahre 1927 schließlich wurde ich als dritter Klose-Sohn geboren.
Nach dieser Einführung in den Standort Meseritz geht es nun zu dem im Titel angesprochenen Hauptthema, nämlich meinem Bekanntwerden mit zahlreichen Mitgliedern der großen Wagner-Familie, gewissermaßen aus der Froschperspektive eines Kindes. Da möchte ich als erstes meine Paten erwähnen, zunächst die Schwester meiner Mutter, Hanna Kabis geb. Wagner, die den Schreihals bei der Taufe in der Kirche auf und ab getragen hat, ferner Martha Windaus und schließlich Heinz Mintzlaff, Sohn von Tante Lieschens Bruder Johannes Mintzlaff;  ihm habe ich meinen zweiten Vornamen zu verdanken. Den dritten Vornamen erhielt ich zum Gedächtnis an Tante Hannas verstorbenen Mann Walther Kabis (s. Stammtafel 1 u.2).


Hanna Kabis geb. Wagner                           Heinz Mintzlaff                                     Martha Windaus

Meine erste große Reise war die Fahrt mit der Familie im Sommer 1928 in das Ostseebad Misdroy auf der Insel Wollin. Johannes Mintzlaff, der in Stettin eine Heizungsbaufirma betrieb, hatte uns zu einem Ausflug in seinem Motorboot auf dem Dammschn See bei Stettin eingeladen.

Mein Patenonkel Heinz fuhr damals offensichtlich ein kleines Segelboot. So wurde also schon damals meine Sehnsucht nach der Weite des Meeres geweckt, die mich in späteren Jahren immer wieder auf die See hinauslockte. Vorn im Boot sitze ich auf dem Schoß von Fräulein Schädlich, der jahrzehntelangen und praktisch in die Familie integrierten Hausdame der Mintzlaffs, dahinter meine Mutter, Martha Windaus und meine Brüder, etwas vom Segelmast verdeckt mein Vater und, über Bord gebeugt, Tante Friedel Mintzlaff.


Das nächste Bild zeigt die Ausflugsgesellschaft bei der Rast auf der Düne, vermutlich eine Selbstauslöser-Aufnahme, bei der sich der Fotograf Hans Mintzlaff noch schnell neben die Gruppe gekniet hat.

 

Im Juli 1929 sitzen die drei Wagnerbrüder Martin, Reinhard und Konrad im Pfarrgarten; sie sind nach Meseritz gekommen um Reinhards 70. Geburtstag zu feiern (s. Stammtafel 3).Eines der Schachschneidermädel von 1913, Dorothea, ist inzwischen verheiratet und besucht im Sommer 1929 mit ihrem Mann Pastor Leonhard Hoffmann, genannt „Hardi“, und ihrem Sohn Helmut ihre zeitweiligen Pflegeeltern in Meseritz. Zur gleichen Zeit ist auch Julia Brachmann, Ischas ältere Schwester aus Cuxhaven bei uns zu Besuch. Der Platz vor der weinumrankten Laube im Pfarrgarten wurde immer gern für ein Gruppenfoto genutzt. Im Herbst wurde dort alle Jahre ein großer Haufen abgeschnittener Äste und verwelkter Staudenreste aufgeschichtet und ein loderndes Feuer entzündet. In dem schmalen Streifen zwischen Kirche und Nachbargrundstück wuchsen Topinamburpflanzen, deren Knollen zum Schluß in der heißen Asche geröstet wurden. Für uns Kinder immer ein besonders Erlebnis, da so etwas in der Enge unseres gemieteten Gartens nicht möglich war.

 Stammtafel 3

                                                                        Julius Hermann Wagner ---------- -

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   Ludwig Wagner  ∞ Sidonie Poltrock        Martin Wagner                 Konrad Wagner        Reinhard Wagner   Immanuel Wagner ∞ Josephine Nohl

                         | _ _ _ _ _ _ _                             ∞ Martha Poltrock                                                                   "Manno"            |

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Amelie Wagner ∞   Erich Andrews          Jula   Lotte  Hanna  Ischa                    Hermann Wagner     Ludwig Wagner   Adelheid Wagner

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              Helmut Andrews                                      

 

Im Sandkasten hinter dem Pfarrhaus konnten Helmut, der nur zwei Monate jünger war, aber bereits der nachfolgenden Generation angehörte, und ich uns ausgiebig betätigen.

 

 

„Alle Jahre wieder“ kam Muhme Lotte aus Altona, die ältere Schwester meiner Mutter, nach Meseritz, um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel mit uns zu feiern.

Vor der Bescherung las nach alter Tradition – nach dem ausnahmsweise im Herrenzimmer stattfindenden Kaffeetrinken – unser Vater die Weihnachtsgeschichte, um dann mit den Worten " Ich bin müde, ich gehe jetzt ins Bett! " den Raum zu verlassen.

 

Wenn dann nach kurzer Zeit aus dem Wohnzimmer die Klingel ertönte und Vater auf dem Flügel " Ihr Kinderlein, kommet " intonierte, gingen wir hinein zum Lichterbaum, davor der vom Vater gebastelte Stall mit den aus dem Großelternhaus in Altona übernommenen Krippenfiguren.

Am 2. November 1930 feierte Großvater Martin Wagner in Altona seinen 75. Geburtstag zusammen mit seinen Töchtern und Schwiegersöhnen
und fast allen Enkelkindern – nur Hans-Hermann und Friedrich waren nicht dabei.


In der hinteren Reihe stehen Hans und Elisabeth Klose, Irmgard Brachmann, Thora Kabis, Gerd und Wilhelm Brachmann, in der mittleren Reihe Lotte Wagner, Walther Kabis, Julia Brachmann und Hanna Kabis und vorn Maria Kabis, Großvater Martin mit Werner Klose und Lotte Brachmann.

 

Im Juli 1931 machten wir einen Sonntagsausflug zu den Bechenseen im Buchwald nördlich von Lagow.
Durch Besuche aus der Verwandtschaft war an dem Tag eine größere Gruppe zusammen gekommen. Neben der Familie Klose und den Schachschneiders mit Martha Windaus nahmen auch die Hoffmans aus Friesau mit Helmut und Mechthild sowie Mintzlaffs aus Stettin zusammen mit Heinz daran teil, ferner Frau Hilde Prüfer, eine gute Bekannte aus der Kirchegemeinde.

Zum Transport aller dieser Teilnehmer waren natürlich mehrere Fahrzeuge erforderlich. Mein Vater benötigte ja für seine Patientenbesuche – sein Praxisgebiet umfasste neben der Stadt noch eine Reihe von Dörfern in der Umgebung ein Auto, das an den Wochenenden auch für Familienausflüge genutzt werden konnte; Hans Mintzlaff fuhr einen Mercedes und Leonhard Hoffmann – für die Betreuung seiner Pfarrgemeinde – einen " Dixi". Schließlich stand auch das Auto von Frau Prüfer, die einen Wäscherei- und Reinigungsladen betrieb, zur Verfügung.
(siehe Karte II) –

 

Heinz Mintzlaff war damals schon stark von einer Knochentuberkulose-Erkrankung gezeichnet, die trotz verschiedener Operationen nicht geheilt werden konnte. Während dieses Besuchsaufenthalts in Meseritz sind Helmut und Mechthild auch einmal zum Spielen mit dem Bollerwagen zu uns in den Hof in der Bahnhofstraße gekommen. Auch im Spätsommer 1931 ist die Familie Mintzlaff wieder zu Besuch in Meseritz; diesmal ist auch ihre Tochter Elisabeth, genannt „Lilli“ (4.v.li.) dabei, die Medizin studierte und später – zusammen mit ihrem Mann Dr. Benno Schindler - als Ärztin in Dresden tätig war. Tante Friedel hat ihren Hund " Luchs " mitgebracht. Ganz rechts Mintzlaffs Hausdame Frl. Schädlich und 3.v.re. eine Diakonissenschwester Elisabeth, zur Pflege von Heinz Mintzlaff in der Zeit seiner Krankheit. Außerdem weilte Irmgard Brachmann einige Zeit bei uns (2.v.li.). Ich erinnere mich noch gut an ihr einfühlsames Spiel auf unserem Flügel, so u.a. an Schuberts b moll-Impromtu Op.141.  Im Hintergrund des Bildes ein Blick in das zwischen Wohnzimmer und dem Sprechzimmer gelegene Herrenzimmer.

 

Im Sommer 1932 besuchten Mutter und ich Großvater Martin in Blankenese. Mit Irmgard Brachmann und Lene Meinhoff, einer Freundin von Tante Lotte, machen wir einen Spaziergang zum Blankeneser Bismarckstein. Es war mein letztes Zusammensein mit meinem Großvater. Im gleichen Jahr war Großvaters Bruder Reinhard aus Berlin zum letzten Mal in Meseritz, hier mit Hans Schachschneider, Lene Meinhoff, Tante Lotte und Tante Lieschen im Pfarrgarten. Im Hintergrund die originelle vierseitige Gartenbank mit der pyramidenförmigen Rückenlehne in der Mitte.

 

Ein Sonntagsausflug in den Stadtwald von Zielenzig, die westlich gelegene Nachbarstadt von Meseritz. Für den schon recht gebrechlichen Ohm Reinhard wurde bei diesen Fahrten immer ein Klappstuhl mitgenommen. Links steht Schachschneiders Hausgehilfin Frieda mit dem Dackel " Strolch ", daneben Georg Schorsek, unser Nachbar und guter Freund der Eltern, der im Nebenhaus ein Haushaltswarengeschäft betrieb.

 

 

 

 

 

 

 

 

Da unser Vater aufgrund seiner beruflichen Belastung relativ wenig Zeit für uns erübrigen konnte, trat "Onkel Scho" stellvertretend in diese Lücke und wurde für uns ein geliebter Freund und Lehrer bei Radausflügen, Waldspaziergängen, bei Vogel- und Wildbeobachtungen – er hatte stets ein Fernglas zur Hand – und beim Pilze- und Beerensammeln. Rechts Vaters Schwester Martha, die bald darauf Onkel Scho heiratete.

1933 kommen Walther und Maria Kabis aus Wittenberg zu Besuch und wir machen mit ihnen einen Badeausflug zum nahe gelegenen Bobelwitzer See.

An einem der Weihnachtstage des Jahres 1934 traf sich ein Kreis aus den verschiedenen Wagner-Familien bei Onkel Hans und Tante Lieschen Schachschneider im Meseritzer Pfarrhaus. Dort waren Friedel und Hans Mintzlaff aus Stettin zu Besuch. Wie in all diesen Jahren war auch Tante Lotte aus Altona angereist, um mit uns Weihnachten zu feiern. Sie brachte immer eine große Packung einer konzentrierten Marzipanmasse mit, aus der dann unter Zusatz von Zucker und Mehl ein Teig für ein sehr beliebtes Weihnachtsgebäck geknetet wurde.

Vor kurzem war Magdalene Poltrock, genannt Tante Lehnchen, die jüngste Schwester unserer Großmutter Martha Wagner, nach Meseritz gezogen und hatte eine Wohnung im Hause des Rechtsanwalts Urbach gefunden. Sie hatte wohl einige Probleme mit den Knochen und Gelenken und wurde deshalb zu ihren Besuchen bei uns oder im Pfarrhaus mit dem Wagen abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Hans-Hermann musste in jenem Winter für längere Zeit einen Turbanverband tragen, wegen eines hartnäckigen Ausschlags auf der Kopfhaut. Friedrich und ich glänzten in den Feiertagen in den von uns nicht sonderlich geliebten Matrosenanzügen, die bei der Firma Friedrich Busch in Kiel bestellt wurden. Das dazugehörige Ladengeschäft habe ich dort in den ersten Jahren nach dem Kriege in der Dänischen Straße entdeckt.

 

Zum Silvesterabend versammelte sich der Kreis in nahezu gleicher Zusammensetzung im Wohnzimmer bei Kloses.

Hier ist auch Adelheid Wagner, genannt Heidi, die Tochter von Großvaters jüngstem Bruder Immanuel ( "Onkel Manno" ), aus Mühlheim dabei. Sie war des öfteren, manchmal auch für längere Zeit Gast im Pfarrhaus.

Wir Jungen erinnern uns noch gut daran, dass sie – musisch sehr begabt, aber leider etwas schwermütig veranlagt – im Pfarrgarten saß, auf ihrer Gitarre spielte und dazu mit ihrer warmen Stimme sang, meist Lieder aus ihrer alemannischen Heimat, wie beispielsweise " Ins Mueter Stüebele, do goht dr hm, hm, hm, ins Mueter Stüebele, do goht dr Wind ".

Gelegentlich wurden zu solchen Abenden auch einsame Menschen aus der Gemeinde eingeladen, so hier der stark gehbehinderte Uhrmacher Günther aus der Nachbarschaft.

 

1936 verlebten wir unsere Sommerferien in einer Pension in Cuxhaven-Döse, dicht hinter dem Deich, in der Nähe der Kugelbake. Dort hatten wir nicht nur eine schöne Zeit mit Baden, Wattlaufen und Burgenbauen, wir konnten nämlich auch an der Hochzeitsfeier von Irmgard Brachmann und Walter Schnoor teilnehmen. Hier ein Bild der Hochzeitsgesellschaft im Garten des Brachmannschen Hauses Westerwischweg 28.

 

v.l.n.r. Clärchen und Wilhelm Helmke , dahinter Hans Klose, Ernst Benöhr, Lotte Wagner, Sophie Lichtwerk , Jula Brachmann, Frau Borchert, Wilhelm Brachmann, Irmgard Benöhr (Schwester von Wilhelm Brachmann), Pastor Professor Weinreich, Herr Borchert, Elisabeth Klose, Gerd Brachmann, vorn Hans-Hermann, Friedrich und Werner Klose, rechts und links vom Hochzeitspaar die Verlobten Heinz Bove und Lotte Brachmann, und schließlich Hans-Hinrich Benöhr. Borcherts waren Freunde von Walter Schnoor und Eltern des Schriftstellers Wolfgang Borchert.

Neben Hochzeit und Strandleben bot uns dieser Urlaub auch die Gelegenheit, bei Brachmanns am Radio die Meldungen von den neuesten Sportereignissen während der gerade in Berlin stattfindenden Olympischen Spiele zu verfolgen.

 

ImJahre 1938 bekam unser Vater Unterstützung in der Praxis durch einen jungen Mediziner, nämlich Helmut Andrews aus Berlin, der nach Abschluß seines Studiums bei uns seine Assistentenzeit absolvierte. Mit ihm und "Onkel Scho" machten wir einen Ausflug zum Taubenstein, einem großen Findling in der Nähe der Stadt Zielenzig.

In den Sommerferien dieses Jahres hatten wir Besuch von Maria Kabis und von Helmut und Mechthild Hoffmann. Vater hat uns zu einer seiner Praxisfahrten zu seinen Patienten in der ländlichen Umgebung von Meseritz mitgenommen.
Dies wird wohl eine der letzten Fahrten mit dem beigefarbenen, eleganten und geräumigen Wanderer-Cabriolet gewesen sein. Der Nachfolger dieses Wagens, ein blau-grauer Mercedes 170 V, war sicherlich wesentlich robuster, aber auch etwas kürzer und gedrungener.


Abschied von Meseritz:

1938 geht Pastor Johannes Schachschneider in den Ruhestand; Onkel Hans, Tante Lieschen und Tante Martha Windaus ziehen um nach Blankenburg am Harz. Ein letztes Bild mit Mintzlaffs und Kloses auf der Treppe zum Pfarrhaus.

Damit endet eine Ära, in der dieses Pfarrhaus in Meseritz und seine Bewohner 27 Jahre lang für die Besucher aus den Wagner-Familien nicht nur Quartier, sondern vielfach auch Erholung und Erquickung für Seele und Leib geboten haben.

 

 

Im Sommer 1939 machten Mutter und ich zusammen mit Tante Lotte, Tante Hanna, Dankwart und Almuth Kliche Ferien in einer Pension in Blankenburg am Harz.

Unerklärlicherweise sind mir sämtliche Fotos von unseren Ausflügen, z.B. zur Roßtrappe, zum Brocken und zu den Tropfsteinhöhlen bei Rübeland abhanden gekommen; deshalb hier nur ein früheres Foto von Dankwart und Almuth.

Für die letzte Ferienwoche war Vater mit dem Mercedes nachgereist. Dort erreichte ihn ein nachgesendeter Brief vom Wehrersatzkommando.

Ich erinnere mich noch genau an die betretenen Gesichter meiner Eltern, als sie die Nachricht von der Einberufung meines Vaters zur Wehrmacht gelesen hatten. Auf der daraufhin erfolgten Rückfahrt nach Meseritz machten wir noch eine Stippvisite bei Tante Hannas Schwiegermutter Naemi Kliche ( geb. Geßner ) in Quedlinburg:

 

 

v.l.n.r. Walter Kliche, Hans Klose, Ischa Klose, Lotte Wagner,
Naëmi Kliche ( Die Schwester von Walther Kliche ), Tante Hanna Kliche,
Walther Kabis, vor Mutter Kliche Werner Klose.
 

In den darauffolgenden Kriegsjahren nahm die private Reisetätigkeit immer mehr ab. Im Jahre 1940 hatten wir noch eine Einquartierung aus Cuxhaven:

Lotte Bove geb. Brachmann war mit ihrem Sohn Rainer wegen der häufigen Fliegeralarme und Bombenangriffe zu uns in den damals noch kriegsverschonten Osten gekommen, um hier ihr zweites Kind zur Welt zu bringen.

Heinz Bove, derzeit als Luftwaffensoldat in den Niederlanden stationiert, konnte gelegentlich zu einem Kurzurlaub nach Meseritz kommen.

Mit Rainer Bove macht Ischa Klose einen Besuch bei Tante Lenchen Poltrock. Von dem Balkon ihrer Wohnung in der Vollmerstraße hatte man einen schönen Blick über Gärten und Wiesen auf das Stadtzentrum mit dem Turm der evangelischen Kirche am Markt.

 

 

 

 

In den letzten Kriegsjahren blieben Besuche aus der Verwandtschaft fast gänzlich aus.

Mit der Flucht der Eltern in den Abendstunden des 29. Januar 1945 – in einem der letzten in Richtung Westen abfahrenden Züge – und mit der bald danach erfolgten Zerstörung des Hauses Bahnhofstraße 55 ging der Standort Meseritz endgültig verloren.

 

 

 

Bahnhofstr. 55 in Meseritz
1. Stock: Vaters Praxis und unsere Wohnung 

Nov. 2004,
Werner Klose

 

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