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nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

Unsere Mutter
>Anna< Dorothea Andrews, geb. Weigelt
(von Großvater Erich Andrews nach dem Tode seiner Mutter am 7.3.1943 aufgezeichnet)
 

Unsere liebe Mutter ist am 7. März früh zwischen 1 und 2 Uhr von uns gegangen, scheinbar ohne zu leiden. Am Tage vorher hatte ich sei noch besucht, konnte mich aber nicht mehr mit ihr unterhalten. Sie lag teilnahmslos, klagte aber nicht über Schmerzen. Der Schlaganfall, den sie am 4. Februar mit einer linksseitigen Lähmung erlitt, hat sie dahin gerafft.

Ich bin sehr froh, daß das Leiden der guten Mutter nicht länger gedauert hat, ja ich glaube, daß sie sich ihres Zustandes überhaupt nicht bewußt geworden ist. Man kann das aus Antworten schließen, die sie der pflegenden Schwester während ihres Krankenlagers gegeben hat. 

Am Donnerstag, den 11. März, haben wir Mutter zu Grabe getragen, von ihren 9 Kindern waren alle da mit Ausnahme von Henry, Hermann und Anita, die aus Sheffield, Paris und London nicht kommen konnten. Sie ruht nun aus unter den märkischen Kiefern des Friedhofs ‘ in den Kisseln‘ in Spandau, wo sie in den letzten 16 Jahren gewohnt hat. 

Ein arbeitsreiches Leben hat  nun ein Ende gefunden. Am 12. Oktober 1852 in Hamburg geboren hat sie den größten Teil ihrer Kindheit in Wyk auf Föhr verlebt, wohin der Großvater nach Auflösung der freien Gemeinde und Verlust seines Predigeramtes in den fünfziger Jahren zur Übernahme des Bades gezogen war. Damit verließen die Weigelts Hamburg bzw. Altona nach 50jährigem Aufenthalt und siedelten sich für fast 100 Jahre auf Wyk an, bis mit dem Tode meines Onkels Georg Weigelt im Jahre 1941 der männliche Stamm erlosch. Es ist der fünfte Ort, an dem das Geschlecht ansässig gewesen ist. Nach Altona ist Christian Heinrich Weigelt zu Anfang des 19. Jahrhunderts gezogen, er gründete dort eine Gerberei und setzte dieses Handwerk von Annaberg im Erzgebirge fort. Mein Großvater Georg Christian Weigelt wurde 1816 in Altona geboren. Vorher waren Annaberg und hauptsächlich Königswalde bei Annaberg von etwa 1650 – 1800 der Wohnort der Weigelts. Sechs Generationen haben sie dort als Handwerker oder Erbbaugesessene gelebt. Samuel Weigelt, der nächste Ahn, ist nachweisbar als Bürger in Annaberg, er ist 1553 in Schwarzenberg geboren und hat auf dem neuen Vorwerk gesessen. Aus Schwarzenberg stammt die Familie bzw. lebte der älteste bekannte Ahn Peter Weigel um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, sein Besitz ist auf der Ur-Öder-Karte Schwarzenberg von 1580/90 verzeichnet. 

Die Beziehungen meines Großvaters zu Hamburg brachen mit der Übersiedlung nach Wyk nicht ab, dortige Freunde hatten ihm beim Erwerb des Bades geholfen. In Hamburg lernte meine Mutter auch ihren Gatten kennen und heiratete in Wyk im Jahre 1874 mit 22 Jahren. Die Eltern wohnten zunächst in Wyk, zogen dann nach Schwartau bei Lübeck, nach Schleswig, Borgwedel an der Schlei und 1885 nach Flensburg, um eine brauchbare Schule für die Kinder zu haben. In Flensburg blieb Mutter, bis sie im Weltkrieg nach Ütersen zog, um Gerhard die Wirtschaft zu führen. Später siedelte sie mit Gerhard nach Neuß über bis zu dessen Heirat im Jahre 1926. Schließlich wurde Spandau ihr letzter Wohnsitz mit Margot, Anita und Gertrud nach ihres Mannes Tode. 

Meine ersten Erinnerungen an Mutter stammt aus Borgwedel an der Schlei, ich muß vier oder fünf Jahre gewesen sein, als ich auf einem Frühbeet herumkletterte, durch die Glasscheiben brach und mich mit verbundenem Bein auf dem Sofa liegend wiederfand. Oder ich sehe Mutter aus Borgwedeler Tannen einen Kranz flechten, als 1885 der Großvater in Wyk gestorben war. Auch an ein Weihnachtsfest in Borgwedel erinnere ich mich mit herrlichen Geschenken und an das Stint-Angeln in der Schlei, wo ich allerdings nur Zuschauer war, der mit den Beinen zappelnd auf der Brücke saß. Und den Auszug aus Borgwedel nach Flensburg sehe ich noch vor mir: wir saßen schon im Pferdewagen, der uns nach Schleswig bringen sollte, waren schon am Ende des Dorfes, als das Mädchen mit dem Kanarienvogel im Bauer uns zur Freude aller Kinder nachgelaufen kam.  

Schwere Schicksalsschläge sind unserer Mutter nicht erspart geblieben. Die erste Tochter Elisabeth, die nach mir geboren wurde, erstickte als Säugling durch die Unachtsamkeit eines Mädchens, es verschwand nach dem Unglück und tauchte nie wieder auf. Im Jahre 1895 verließ sie ihr Mann, Anita war Säugling und William noch in der Lehre. Die ganze Last für die Erziehung ihrer neun Kinder lag auf Mutters Schultern und Geld war nicht vorhanden. Zwar halfen die Verwandten in Wyk. Margot, Gerhard, Hermann und Anita waren vor und zum Teil auch während der Schulzeit ganz bei Onkel Georg und Tante Mimi, und wir älteren Geschwister fanden in den Oster-, Sommer- und Herbstferien gastliche Aufnahme im Haus Weigelt, die uns allen unvergessen bleiben wird. Die Hauptlast blieb aber doch bei der Mutter. Sie half sich, indem sie Knaben, die in Flensburg die Schule besuchen sollten, in Pension nahm und hat damit die Erziehung ihrer Kinder und den Besuch auf höheren Schulen durchgesetzt. 

Wir sind unserer guten Mutter zu großem Dank verpflichtet. Wenn es auch nur einfach bei uns zu Hause zuging, haben wir doch eine fröhliche Kindheit mit den Geschwistern verlebt, eine glückliche Zeit, die uns allen fürs ganze Leben eine schöne Erinnerung geblieben ist und aus der das Bild unserer geliebten Mutter nicht fortzudenken ist. 

So lebt ihr Andenken in uns weiter!

 

Den folgenden Brief, den letzten längeren, den ich erhielt, schrieb die Mutter mit 88 1/2 Jahren! 

Spandau, 18. April 1941

Lieber Erich!

Zum Geburtstag meinen herzlichen Glückwunsch, ich wünsche die ein recht gutes Jahr, uns allen den ersehnten Frieden. Vielen Dank für deinen Brief – wir hoffen, dass ihr dort besseres und wärmeres Wetter habt wie wir hier, man merkt noch gar nichts vom kommenden Frühling und auch sonst ist die Zeit ja wenig erfreulich. Schnee hatten wir allerdings nicht aber geheizt wird wie im Winter, wir trösten uns aber mit dem Gedanken, dass es ganz plötzlich besser werden kann. Die Engländer haben uns in den letzten Tagen auch beunruhigt so dass man sich schon mit dem Gedanken an gestörte Nachtruhe Abends hinlegt, das ist nicht angenehm, ist aber zu erwarten wenn wir in London so viel Unheil anrichten. Dass ihr recht gut verpflegt werdet freut uns, das gehört zu solcher Reise wo man nichts zu tun hat als Spazierengehen. Amelie wird es angenehm finden mal eine Zeit lang ohne Jagd nach Lebensmittel verpflegt zu werden. Aus Wyk hören wir immer seltener, über Flensburg gelegentlich dass nichts besonderes zu melden ist. Onkel Georg kann so schlecht gehen dass Tante Mimi ihn nicht mehr auffordert zu Spaziergängen, sogar die Sonntags-Besuche bei Heymanns sind aufgegeben. Margots Osterferien sind zu Ende und sonst geht alles wie gewöhnlich. Henrys Geburtstag war am 3., aber dieses Jahr konnte ich ihm nicht schreiben. Wir alle grüßen dich, Amelie und die Töchter

herzlich deine Mutter.

Gertrud u. Margot gratulieren und wünschen dir alles Gute. 

 

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