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etwas über Martha Wagner, geb. Diehr

In diesem Kreis ist ja schon mehrfach von denen erzählt worden, die durch ihre Heimat sozusagen zu Wagner-Sippenmitgliedern wurden. 

Ich will etwas von Martha Wagner, geb. Diehr, erzählen, erste Frau von Lutz Wagner und Mutter von Hansel und Burkhard. Für mich ist sie eine der wichtigsten Frauen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe und ich erzähle gerne von ihr. 

Ich habe sie 1962 oder 63 erstmals mit Hansel zusammen in Freiburg besucht. Der erste Eindruck war die Wärme und Herzlichkeit, mit der ich empfangen und aufgenommen wurde – und so blieb ich aufgenommen, so lange sie lebte. 
Viele Jahre haben wir bei unseren Ferienreisen gen Süden bei ihr Station gemacht. Die Wohnung war nicht sehr groß, es mußte schon viel untergebracht

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werden, aber im Wohnzimmer war immer Schlafplatz für uns beide bereit. 

Burkhard brauchte sein Zimmer zum schlafen und arbeiten, da hatte Mutter Wagner ihr Bett in der Küche untergebracht und auch die Dinge, die ihr die wichtigsten waren. So konnte Burkhardt auch zeitweilig bekannte Studenten oder Studentinnen in Mutters Wohnzimmer wohnen lassen.
Da gab es einen großen Tisch, an dem Erdkunde-Studenten ihre Karten und Zeichnungen besser ausbreiten konnten als in ihren engen Buden; oder Musik-Studenten fanden einen Flügel vor und ihr üben wurde nicht als störend empfunden. Später gab es im Wohnzimmer ein Fernsehgerät und oft luden sich Nachbarn als Mit-seher ein.
So lebte Mutter Wagner vorwiegend in der Küche – aber in unerschöpflicher Fülle. Mir sind als Besonderheit die Fabeltiere aufgefallen, die an der Lampe hingen. Sie hatte sie aus Früchten gemacht, die sie im Botanischen Garten oder auf anderen Spaziergängen gefunden hatte. Manchmal wurden nur ein paar Ahorn-Nasen oder eine Vogelfederchen angesteckt und schon sah es nach einem interessanten Tier aus. Und sie kannte die Pflanzen, denn ihr Interesse ging weit über die schöne Form der Frucht hinaus.

Ich weiß nicht, wie viele Bäume, Blumen und Gräser ich durch sie kennengelernt habe. Selbst bei einem Spaziergang im Gebirge nannte sie uns viele Blumennamen, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. 
Vor Ostern gab es bei ihr ganze Türme von ausgeblasenen Eiern, die schon mal eine Grundfarbe hatten und nun darauf warteten mit den apartesten Mustern verziert zu werden. Anregungen gab es viele, denn Mutter Wagner ging mit aufmerksamen Sehen durch die Stadt. Manches Balkongitter, mancher Zaun oder auch manch schön gestaltetes Mauerwerk am Freiburger Münster, bis hin zu der großen Rosette wurden zu geeigneten Mustern erklärt und in Miniatur auf ein Ei gebracht. Wir besitzen heute noch an die 50 so bemalter Eier. Aber auch in Freiburg wird man noch viele finden, denn gute Freunde und Bekannte wurden zu Ostern mit Zweigen und schön bemalten Eiern bedacht. 
Eine Nähmaschine gab es auch und Mutter Wagner nähte nicht nur Kleider für sich – für Hansel und mich hat sie auch einmal ganz leichte Urlaubssommerkleidung genäht – sondern sie fand die interessantesten Stoffe, aus denen sie ich weiß nicht wie viele ’Pollacks’ angefertigt hat, warme, bequeme Fußpolster. 
Sie arbeitet ja eine zeitlang als Hauskrankenpflegerin und kam dadurch in die verschiedensten Haushalte. Da gab es bei den Patienten immer mal Kleider oder Nachthemden, die enger oder weiter, kürzer oder länger besser passen würden.  
Oder sie nähte Kissenbezüge für die Leute, die das brauchen konnten. Einmal sah ich eine Nachbarin auf dem Küchentisch stehen und Mutter Wagner maß die zu verändernde Rocklänge gewissenhaft von der Tischplatte aus. 
Die ’Badische Zeitung’ lag immer griffbereit, wurde gewissenhaft gelesen. Mutter Wagner wußte über ihre Stadt Bescheid. Wie viele Veranstaltungen , z.B. im Rathaushof, hat sie mit uns besucht. Sie hat uns von dem zu erwartenden Stück schon mal den Inhalt erzählt, aus dem Leben des Verfassers die wichtigsten Daten genannt, Abbildungen gezeigt oder von bereits gemachten Erfahrungen berichtet. Sie wußte, welche Vorträge gehalten wurden, welche Diskussionen stattfanden und war an vielem interessiert.  
Sie kannte viele Menschen, wußte wo sie wohnten und konnte uns manche Familiengeschichte erzählen. Wenn wir mal mit dem Auto durch Freiburg fuhren und sie uns den Weg zeigen wollte, kam es schon mal dazu, daß sie sagte:“ Da, in dem Haus, wo der und der wohnte, mit der und der Besonderheit..“ waren wir längst vorbeigefahren, wenn sie eigentlich sagen wollte, „ da hätten wir abbiegen sollen.“
Mutter Wagner hatte eine sehr warme, wohltuende Stimme. Sie sang sehr gerne und las auch gerne vor. Wenn wir bei ihr waren oder sie ab und zu mit uns Urlaub im Schwarzwald machte, sang sie uns vor, anfangs noch mit Lautenbegleitung. Viele Lieder aus dem ‚Zupfgeigenhansel’ oder aus ‚Spinnerin Lob und Dank’ habe ich auch sie kennen und lieben gelernt. Und hin und wieder gab es eigene Vertonungen von ihr liebgewordenen Texten. 
Einmal ging es mir im Urlaub sehr schlecht und ich mußte einige Wochen liegen. Mutter Wagner war zeitweilig bei uns und sie wurde nicht müde, mir vorzusingen vorzulesen oder auch mit mir Karten zu spielen. Sie las uns aus Biographien vor, mit denen sie sich gerade beschäftigte, Gedichte, die sie besonders mochte, Märchen, Geschichten von Joh. Peter Hebel, auch in Alemannisch. Gerne hätte sie uns auch französische Texte vorgelesen, aber mit Rücksicht auf mein Nicht-Verstehen blieb sie bei der deutschen Sprache.  
Sie erzählte von ihren Erlebnissen, z.B. von Reisen mit der Gruppe Ur- und Frühgeschichte, die sie mit Interesse und Freude genießen konnte. Die ergänzende Literatur stand dann griffbereit um sie herum.

Natürlich hat sie auch gekocht und gebacken. Unvergessen ist bei uns ihr frisches Bohnengemüse zum Empfang, wenn wir im Sommer zu ihr kamen. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere von Euch ihren Kirschenplotzen oder ihren Apfel-Baiser-Kuchen kennengelernt. Frisch eingekochte Marmelade durften wir uns aussuchen, wenn wir wieder abfuhren und zuhause noch lange davon zehren. Sie gab uns Blumen aus ihrem kleinen Gärtchen mit: Winden, die bei uns zum Blühen kommen sollten, Lampionblumen oder einen ganz bunten Strauß, den der Garten gerade zu bieten hatte. Ich habe einmal drei Wochen bei ihr gewohnt. In der Zeit habe ich nicht nur das Eierbemalen gelernt, ich habe auch gelernt, wie gut Hopfenspitzen als Gemüse schmecken, wie eine Wasseramsel aussieht und was eine Gottesanbeterin ist. Sie fand eine in ihrem Garten, rief das naturkundliche Institut an- und um der Gelegenheit willen wurde die Gottesanbeterin gerne abgeholt.
Ich lernte Vogelmiere kennen und daß Kanarienvögel die Früchte von Spitz- und Breitwegerich mögen.
Es gab nämlich eine sehr alte Dame im Dachgeschoß bei Mutter Wagner, die das alles nicht mehr selber sammeln konnte für ihre Vögel. Und ich habe gelernt, daß es einem überhaupt nicht zuviel wird, drei Wochen lang alle Tage Erdbeeren mit Schlagsahne zu genießen.

Es gab kein Tier, das sie nicht mit Verstand und Behutsamkeit behandelt hätte. Einmal zirpte es in ihrer Küche und sie fand keine Ruhe, bis sie wußte, woher das kam. Eine Grille oder Heuschrecke mußte hinter ihrem Gasherd sein. Mit viel Umstand und Güte war es ihr schließlich gelungen, den Gasherd abzurücken, um das kleine Tier zu retten – aber dabei hatte sie aus Versehen mit dem Absatz drauf getreten – und lebend konnte nichts mehr geborgen werden. War das ein Jammer. 
Ich weiß gar nicht, wie seltsam oder wunderlich ein Mensch hätte sein müssen, für den sie nicht Verständnis und ein weites Herz gehabt hätte. Ein Nachbar hatte vom Krieg her eine Kopfverletzung, war dadurch arbeitsunfähig und lebte von einer guten Rente. Er konnte sich nicht gut selbst versorgen. Mutter Wagner kümmerte sich immer wieder um ihn. Oft hatte er einen Riesenberg von getragenen Oberhemden, er wusch nicht, kaufte halt immer wieder neu. Mutter Wagner wusch für ihn und weil er sie doch niemals alle tragen konnte, behielt sie etliche – für Notfälle – bei sich.  
Die ’Notfälle’ kamen in Gestalt von Bettlern an ihr Tür – und es ging niemand leer aus. Einmal brachte einer der ’Brüder von der Landstraße’ ihr zu Weihnachten eine Topfpflanze. Gerührt nahm sie sie an und wandte sich an uns: “Hoffentlich hat er sie wenigstens nicht gekauft, sondern irgendwo mitgehen lassen!“ Ich bin sicher, wenn sie gewußt hätte, wem die Pflanze jetzt fehlte, sie hätte sie gewissenhaft an ihren rechtmäßigen Platz zurückgetragen. 

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