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nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

Helge Herms
beschreibt ihre Flucht aus Posen

(aus Gästebuch II / der Familie Andrews )

Die Russen hatten Kutno genommen, Panzerspitzen in Richtung Posen. Um die Mittagsstunde begann ein heimliches Regen. Man murmelte vom Nahen des Feindes; von Packen und von Flucht. Aber keiner wagte laut davon zu sprechen. So war es wohl überall! Ja, es galt für feige, vom frühzeitigen Abmarsch zu reden. Welche Panik im Ernstfall entstehen würde hatte sich keiner klar gemacht. 

Um 14 Uhr wurden alle deutschen Angestellten des Lehmbaubetriebes – darunter auch wir Keramiker – zusammengerufen und der Ernst der Lage bekannt gemacht. „Packt das Nötigste, morgen stellen wir einen Treck von allen deutschen Bauern der Umgebung zusammen und fahren in Richtung Westen – “ Lissa (?) – ab. 

Vor ein paar Stunden hatte man noch eifrig an seiner Töpferscheibe gearbeitet und nun sollte man alles von heut auf morgen im Stich lassen? Zum langen Wundern, noch Überlegen blieb uns wenig Zeit. Bald kam der Befehl, heute abend müssen alle Frauen, Mütter wie Berufstätige, die Stadt verlassen. 

In Eile wurde das Nötigste eingepackt, man eilte zur Bahn – aber ein Mitkommen unmöglich. Die Straßen wurden von Stunde zu Stunde schwärzer von dem Menschengemenge. Wir mußten alle mit dem Treck. Als wir – d.h. der Lehmbau – 16 Personen, darunter 2 Kleinkinder und die Posen-Lenzinger Bauern um 19 Uhr abmarschierten, gingen auch die Männer mit, die eigentlich zur Verteidigung des Gebäudes dableiben sollten. Das Militär hatte bereits alles beschlagnahmt. 

Langsam setzte sich der Lenzinger Treck (30 – 40 Wagen) in Bewegung. Der Schnee knisterte, dazu dröhnten die schweren Wagen über die eisglatte Straße. Welch seltsame, eintönige Musik, die durch das hü und hott - Rufen der Kutscher unterbrochen wurde. Die Augen wanderten nach oben. Dort waren Ruhe und Frieden – vor uns stand in seiner leuchtenden Kraft der Orion. Die goldene Mondsichel spendete genügend Licht, um seinen dunklen Nachbarn erkennen zu lassen. 

Pausenlos ging es vorwärts, vorbei an Gehöften – an Dörfern – durch dunkle Kiefernwälder. Wehrmachts- und Parteiautos überholten uns, ebenfalls Radfahrer und schnelles Fußvolk. Unheimlich waren die Sträflinge. Wie kamen sie auf diesen Weg? 

Nach 14 km gab es einen Stillstand, fast Umkehr, Partisanenkämpfe? Nein, das RAD (Reichsarbeitsdienst) Lager hatte seine Munition gesprengt. Nun hörte man die Explosionen durch den Wald schallen. Eine hohe rote Feuersäule stieg drohend aus dem Dunkel zum Nachthimmel empor. Nach einer unruhigen Stunde voller Angst und Bangen ward das Rätsel zum Guten gelöst. 

Inzwischen hatte ein polnischer Kutscher die Gelegenheit zum Ausreißen benutzt. In der Kalesche saßen eine schwangere Frau, eine Wöchnerin mit 8 Stunden altem Säugling, die Großmutter mit 4jährigem Enkel. Mit einem Keramiker zusammen, d.h. abwechselnd kutschierend , habe ich die Kutsche bis Grätz, 50 km westlich von Posen gefahren. In dieser Nacht habe ich wahrlich das Kutschieren gelernt. Glatteis – unebene Abhänge, enge Gassen, durch verbaute, verstopfte Straßen – mit Pferden die unbeschlagen und ausgehungert waren. Wir waren mit unserem Wagen 5 Stunden hinter dem Treck zurück geblieben – ohne Futter für Mensch und Tier. Jedes Hälmlein Heu und Körnlein Hafer wurden gesammelt und nach 12stündiger Fahrt aus dem Hut verfüttert. 

Im geräumten Grätzer Krankenhaus fand sich noch eine Schwester, die unsere kranken Flüchtlinge für 24 Stunden aufnahm. Nach 3-stündiger Rast schlossen wir uns dem Posener Treck an. Der Treck war inzwischen gewachsen. Aus allen Richtungen waren deutsche wie polnische Wagen dazu gekommen. Manche Kutschen elegant und klapprig. Kasten- und Heuwagen, mit Holz- und Plandach –  alte verhutzelte Gesichter, weinende Kinder, aufgeregte Frauen unterstrichen die unheimliche Stimmung, die über dem ganzen lag. – Zur Nacht trennten wir Lehmbauleute uns von den Posenern und ruhten uns in einem polnischen Dorf, das bereits von Deutschen geräumt worden war, aus. Gottes Schutz war mit uns – denn heil kamen wir wieder heraus. Unterwegs hörten wir von anderen Flüchtlingen, die ihre Angehörigen durch Ermordung beim Übernachten in polnischen Häusern verloren hatten. 

Der 22. Januar war eisig. Weiß bereift, zu Eis gefroren kamen wir am frühen Morgen in Neu-Tomischel an. Hier vertröstete uns der Ortsgruppenleiter auf einen Zug – mit dem wir um 15 Uhr tatsächlich abfahren konnten. In der Bahn war es warm – man taute buchstäblich auf. Ach wie viel Not, wieviel Elend! Alt und Jung, Reichsdeutsche und Umsiedler saßen beisammen, das Schicksal hatte sie alle zusammen geführt. Uns war es noch gut gegangen, aber was hatten die Bauern für Märsche hinter sich. Die Schwarzmeerdeutschen waren 1944 von Januar – März durch Rußland gewandert, die Galizier und Bessarabier 1940 – waren 8 Wochen bei Eis und Schnee unterwegs gewesen. Aber auch auf diesem kleinen, kurzen Treck hatte es Unfälle und Todesfälle genug gegeben. Das Grauen und der Wahnsinn des heutigen Krieges wurde einem so erst bewußt. 

20 Stunden fuhren wir zusammen Richtung Berlin. Wohin mit den Menschen, was wird aus Ihnen, wer sorgt für sie? Keine KSV hatte für die Armen gesorgt. Wir Jugend konnten es noch ertragen. Aber all die Kinder, die seit Tagen nur von Brot lebten und nichts warmes mehr bekommen hatten. Ein jeder half so gut er konnte – damit das Schreien und Jammern der Kleinen verstummte und die aufgeregten Gemüter endlich zur Ruhe kamen. 

Der Zug fuhr durch Berlin. Beim Halten auf freier Strecke stiegen wir Keramiker aus. Ja, wir hatten fürs erste hier ein Ziel. Unsere Mitflüchtlinge sollten nach Großkreutz ins Lager. 

Das liebe Haus am Marienplatz war uns in diesen Tagen eine ruhige Erholungsstätte - Schlaf, Wärme, Essen, Liebe. Noch ist die Fahrt nicht beendet, morgen gehts heimwärts ins Elternhaus. 

Tag und Nacht rollen die Flüchtlingszüge vom Osten nach dem Norden und ins Innere des Reiches. Die russische Walze geht unbarmherzig westwärts. 

Unsere Aufgabe : ‘Kultur‘ in den Warthegau zu bringen, hat ein schnelles, sehr grausiges Ende genommen. Mit dem Töpfern ist Schluß – jetzt warte ich auf den Frieden, ehe ich wieder neue Töpfe mache, die nicht von den Russen oder Amerikanern zerstört werden.

 

Helge, 28. 1. 1945

 

 

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