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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft


 

Schicksal
einer Handwerkerfamilie
in Westpreußen

von Volker Poltrock
im Jahre 2003

 

Ich bin gebürtig auf Marienwerder in Westpreußen, das Land östlich und westlich der Weichsel von Thorn bis Danzig. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Westpreußen ganz und Ostpreußen zum größten Teil polnisch. 

Die Stadt wurde 1233 – also vor 770 Jahren – als Burg zur Verteidigung gegen die einheimische, heidnische Bevölkerung der Pruzzen ( Preußen ) durch den deutschen Ritterorden gegründet.

Das Stadtbild wird bis heute beherrscht durch den Dom, das Schloß und den Danzker. Mit dem Bau wurde 1343 – Jahrhunderts beendet.

Im 18. Jahrhundert hatte sich in Marienwerder  eine verhältnismäßig große Tuchmacherinnung entwickelt, die ihre Stoffe zum Färben nach Danzig oder Thorn geben mußte. Dem preußischen König Friedrich II. – dem Großen – gelang es in der 1. polnischen Teilung seine Länder mit der abseits gelegenen Provinz Ostpreußen durch den Erwerb von Westpreußen zu verbinden.   

König Friedrich machte 1772 Marienwerder zu Residenzstadt seiner neu erworbenen Provinz. Er versprach einer Delegation der Tuchmacherinnung, für die Einrichtung einer Färberei in Marienwerder zu sorgen und berief den Färbermeister und Schönfärber Buhler aus Württemberg der 1781 die Konzession zur Errichtung einer Färberei und die erforderlichen Geldmittel vom preußischen Staat erhielt. 

Die Familie Wagner 

Mein Urgroßvater ist Johann Christian Wagner. Mit folgenden Worten blickte der Ahn der Familie Wagner 1835 kurz vor seinem Tode auf sein Leben zurück:

“Mich hat Gott wunderbar in der Welt geführt. An der Saale geboren, an der Donau aufgewachsen und erzogen hat er mir meinen Aufenthalt an der Weichsel angewiesen. Aber ich hatte auch keine wohlhabenden Eltern, die für mich sorgen konnten, sondern Gott war mein Vater und Versorger, der mich bis hierher geleitet hat und noch ferner bis ans Grab geleiten wird.“

Es steht fest: er wurde im Dezember 1762 in Jena geboren. Die Mutter stammte wohl aus Ulm, hat bald nach der Geburt des Jungen die Rückreise dorthin angetreten und ist unterwegs gestorben. Das Kind wurde in Ulm bei fremden Leuten untergebracht und 6 Jahre alt dem Waisenhaus in Ulm übergeben. Im Herbst 1777, also mit knapp 15 Jahren, kam Johann Christian Wagner in die Lehre bei dem Schwarz -und Schönfärber Kiderlen in Ulm. Nach 4-jähriger Lehrzeit legte er die Gesellenprüfung ab und begab sich danach auf Wanderschaft. Seine Tätigkeitsorte waren: Bern, Braunschweig, Hamburg, Graudenz und Königsberg in Preußen.

Er kam 1792 nach Marienwerder und fand bei dem zuvor genannten Schönfärbermeister Buhler Arbeit. Sein Meister war zu diesem Zeitpunkt schon krank und starb 1794.  Johann Christian Wagner wollte den Betrieb übernehmen, aber die Vermögenslage war nicht erfreulich. Der Nachlaß des verstorbenen Schönfärbermeisters Buhler war auf rd. 2187 Taler ( Immobilien, Färberei-Einrichtung ?) geschätzt worden. Dem stand eine Schuld von 2200 Talern gegenüber, die durch Unterstützungen seines Geschäftes seitens der preußischen Regierung entstanden war. 

Johann Christian Wagner muß ein sehr sparsamer Geselle gewesen sein, denn er konnte zu dieser Zeit gerichtlich ein Vermögen von 1200 Talern ( rd. 55 % der Geschäftsschulden ) nachweisen. So konnte er es wagen, die Buhlersche Färberei zu übernehmen. Die Königlich Westpreußische Kriegs- und Domänenkammer bestätigte im September 1796 die Übernahme. Zur selben Zeit erwarb er das Großbürgerrecht in Marienwerder.

Im Oktober 1796 heiratete er die Witwe seines früheren Meisters, Eva Sophia, geb. Anderson. Sie brachte aus erster Ehe eine Tochter mit und bekam im November 1797 einen Sohn, Christian Reinhard. Die Ehe scheint glücklich gewesen zu sein, dauerte aber nicht lange, weil seine Frau erkrankte und bald darauf im Jahre 1806 starb. Sie starb am Vorabend schwerer Zeiten. Das Jahr 1806  brachte die Niederlage Preußens im Krieg gegen Frankreich ( Napoleon I. ) Besonders harte Drangsale warteten auf die Stadt Marienwerder, weil französische Truppen im Januar 1807 in sie einrückten.  

Johann Christian Wagner, inzwischen zum Stadtverordneten gewählt, hatte die unangenehme Aufgabe, die drückenden Lasten der Einquartierung möglichst gerecht auf die Einwohner zu verteilen und die Bürger  in ihrer Notlage zu unterstützen. Auch im Wagnerschen Haus wurden Soldaten der Besatzungsmacht untergebracht.

Inmitten der unruhigen und schweren Jahre heiratete Johann Christian Wagner zum 2. Mal die um 22 Jahre jüngere Tochter Dorothea des Tuchmachermeisters Gumprecht. Die Hochzeit fand im April 1808 statt. Sie schenkte ihrem Mann 4 Kinder. Zu ihnen zählte auch mein Urgroßvater Julius Hermann Wagner, der den väterlichen Familienbesitz – und betrieb später übernahm und erfolgreich weiterführte.

Der Rußlandfeldzug Napoleons um 1812 brachte erneut französische Truppendurchmärsche durch Marienwerder. Manche Bürgerhäuser mußten 30 – 50 Mann Einquartierung aufnehmen. Johann Christian Wagner war 1809 zum Ratsherrn gewählt worden. Dennoch blieb sein Haus von einer Einquartierung der o.g. Stärke nicht verschont und sein Wohlstand hatte damals wohl einen Schlag erlitten, den er nie wieder völlig überwunden hat. 

Im Winter 1812/1813 brachten die traurigen Reste der großen Armee auf ihrer Rückkehr eine Seuche ( Typhus, Ruhr ? ) mit, die furchtbar auch unter den Einwohnern Marienwerders wütete. Auch ins Haus Wagner schlich sich um diese Zeit der Tod ein: 2 der 4 Kinder starben, die Mutter selbst starb viel zu früh im Altern von 31 Jahren.

Johann Christian Wagners Sohn Christian Reinhard aus 1. Ehe wurde 1813 als fünfzehnjähriger zu den freiwilligen Jägern einberufen und machte die Befreiungskrieg 1813/1814 gegen Frankreich mit. Er kehrte 1814 in die Heimat zurück; er starb – von den Kriegsstrapazen gezeichnet -  kaum 21 – jährig im Mai 1817.

Trotz dieser Schicksalsschläge heiratete Johann Christian Wagner nach einiger Zeit zum 3. Male :  Caroline Kelch, die Tochter eines Superintendenten ( in der Jetztzeit: Dekan ), ohne noch eigene Kinder mir ihr zu haben. Wie er in  die Beziehung zu dieser Familie gekommen ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Aber wie es scheint, war seine 3. Frau bemüht, dem Hause einen „feineren“ Anstrich zu geben.  Dennoch dürfte es nicht nur auf ihren Einfluß zurückzuführen sein, daß sich ein geselliger Kreis – auch mit Menschen höherer Bildung – dem Hause Wagner anschloß. Sie – Johann Christian Wagners 3. Frau – wurde von ihren beiden Söhnen aus 2.Ehe offenbar sehr geschätzt.

Für seinen Humor sprach das kleine Lied, das er ihr ab und zu vorsang:

Lieb Mutter,
koch mir Nudelschnitz,
fein viel, fein viel, fein viel,
du weischt ja, daß ich’s gerne ess’,
fein viel, fein viel, fein viel!“

Von den Söhnen nahm der ältere: Ludwig das Theologiestudium auf; der jüngere: Julius Hermann war als Nachfolger für den Betrieb vorgesehen und verließ 16-jährig das Domgymnasium. Die Eltern standen ihren beiden Söhnen bei allen wichtigen Lebensentscheidungen mit Rat und Tat zur Seite. Mit zunehmendem Alter wurde Johann Christian Wagner von Altersbrand befallen. Die damit verbundenen Schmerzen verschlimmerten sich; die Sehkraft seiner Augen wurde schlecht. Er starb 74-jährig im Dezember 1836. 

Mein Urgroßvater Julius Hermann Wagner wurde 1811 in Marienwerder geboren und begann nach dem Besuch des Domgymnasiums eine 3-jährige Färberlehre im väterlichen Betrieb. Nach dem Ablauf der Militärdienstzeit ging er 1832 auf Wanderschaft. Diese führte ihn über Berlin und den Harz nach Düsseldorf zum “Vater“ Rhein, den er flußaufwärts wanderte. Weitere Stationen waren Köln, Koblenz, Mainz, Heidelberg, Freiburg und Basel; dann ging es weiter durch die Schweiz nach Zürich und Bern bis zu den Alpen. Sein Wanderbuch wies aber auch Berufstätigkeit auf. Ein Meister in Braunschweig, bei dem er von September 1832 bis Mai 1833 arbeitete, stellte ihm folgendes Zeugnis aus : „Über seine fachliche Geschicklichkeit als auch über sein moralisches Betragen kann ich ihm nur das allerbeste Zeugnis erteilen.“ Er machte seine Wanderschaft also nicht auf Kosten seines Vaters.

Julius Hermann Wagner machte in seinem Wanderbuch aber auch Aufzeichnungen über das, was er auf seiner Wanderschaft sonst noch erlebte, über die Schönheit der Landschaften und die Pracht der großen Städte, über geschichtliche und literarische Erinnerungen, über Kunst, Musik und Theater. Auch mit den politischen Ereignissen seiner Zeit setzte er sich auseinander.

Seit 1834 arbeitete er wieder im väterlichen Betrieb. Als sein Vater 1836 starb, übernahm er die Färberei und damit die Verantwortung für die Weiterführung des Geschäftes.
Im Jahr 1836 traf er auf seine spätere Ehefrau Julie Zimmermann. Sie war im April 1818 geboren und entstammte einer alten Danziger Kaufmannsfamilie. Aber es vergingen 3 volle Jahre, bis er ihr Vertrauen gewann; erst beim 3. Heiratsantrag ging sie auf ihn zu. Das junge Paar heiratete im Oktober 1839 in Danzig und baute seine Zukunft auf ein gemeinsames, festes Gottesvertrauen.

Der Kindersegen stellte sich bald ein. Es wurden 9 Söhne und 5 Töchter geboren, die leider z.T. schon in frühester Kindheit, in ihrer Jugendzeit oder im besten Lebensalter starben.

Nur 4 Söhne erreichten ein höheres Alter, darunter mein Großvater Ludwig Wagner.

In der Anfangszeit der Färberei unter Johann Christian Wagner bestand die Tätigkeit im Färben von Tuchen und baumwollenen Flanellen, die echt Indigoblau gefärbt wurden; ferner im Färben der sogenannten Bauernware, d.h. der Produkte, die in der Landwirtschaft auf Webstühlen hergestellt wurden, nämlich feinware und Garne von Flachs und Wolle. 

Aber die Färberei ging einer tiefen Krise entgegen. Die Aufträge gingen zurück, weil die Verbilligung der Webwaren durch den Aufschwung der fabrikmäßigen Herstellung von Stoffen  die von der Landbevölkerung betriebene Hausweberei fas überflüssig machte. Kleiderstoffe aufs Baumwolle waren nun gefragt und verdrängten das Leinen, das aus Flachs hergestellt wurde.

Auch legte die städtische Bevölkerung Wert darauf, die eingefärbten, bzw. bedruckten Tuche in der Färberei zu kaufen. Die gewerblichen Gebäude der Färberei lagen jedoch in der Unterstadt am Fluß  ’Liebe’ – weitab vom Stadtzentrum entfernt – und waren daher für eine an Tuchen und Stoffen interessierte Käuferschicht schlecht zu erreichen.

Julius Hermann Wagner eröffnete daher deshalb zusätzlich zum alten Betrieb in der Oberstadt direkt im Stadtzentrum ein Tuch- und Schnittwarengeschäft mit feinen Stoffen aus Schlesien und Bielefeld, Kattunen, Nesselstoffen, Bettbezügen, usw. Der neue Betrieb beschäftigte neben Verkäufern von 1840 – 1860 regelmäßig 2-3 Gesellen, welche täglich 20-25 Nesselstücke von je 30 m Länge bedruckten. Die wurden danach als Schnittware im Laden in der Oberstadt verkauft, aber auch auf Märkten außerhalb Marienwerders.

Unter Julius Hermann Wagner gewannen die von ihm farbecht bedruckten Nesselstoffe in Preußen weine sehr weite Verbreitung. Die Einnahmen im Laden waren bedeutend. War es ein schlechter Tag, lag die Einnahme bei 100 Taler ( 300  Mark ) An Markttagen betrug die Einnahme häufig 300 Taler ( 900 Mark ) pro Tag. Der Erlös dieses Verkaufs sollte in Zukunft der Firma Wagner zur wichtigsten Einnahmequelle werden.

Trotzdem gingen nach 1860 die Einnahmen der Färberei langsam zurück, weil in dieser Zeit sowohl Dampfmaschinen als auch Aninlinfarben beim Färben zum Einsatz kamen und die Produktion von Textilien wesentlich vereinfachten.

Das Haus in der Oberstadt wurde 1876 wieder verkauft und die Familie zog in das inzwischen umgebaute Haus in der Kehrwiederstraße in der Unterstadt zurück, auch wenn es für ein Ladengeschäft ungünstig lag.

Julius Hermann Wagner hielt es jedoch für seine Bürgerpflicht, sich für die allgemeinen Aufgaben der Stadt und des Vaterlandes einzusetzen. 1846 wurde er zum Stadtverordneten gewählt, 1847 zum Stadtverordnetenvorsteher. Später wurde er Beigeordneter und hatte besonders während des Krieges 1870/1871 stellvertretend das Bürgermeisteramt geführt. 

Bei seinem Auftreten gegen Liederlichkeit und Schlamperei erhielt er einmal eine eigenartige Antwort von einer polnisch sprechenden, armen Frau : „ Hat sich lieberrr Gott alles geschäffen, Spitzbub und Polizei, gäb es keine Spitzbuben, hätte Polizei nichts zu tun !!“ 

Aber damals gab es noch keine Omnibusse, Automobile, Motorräder und Fahrräder. Seit 1879 zog sich Julius Hermann Wagner mehr und mehr vom Betrieb zurück, nachdem er seinen Sohn Ludwig Wagner in die Geschäftsvorgänge eingearbeitet  hatte. 1896 erkrankte er an einer Lähmung und starb 86-jährig im Juli 1897. 

Mein Großvater Ludwig Wagner wurde 1853 in Marienwerder geboren. Nach dem Schulbesuch machte er eine 2-jährige Lehrzeit im väterlichen Betrieb um danach eine Stelle in einer Kleiderfärberei anzunehmen. Er arbeitete in verschiedenen Kleiderfärbereien in Stuttgart, Berlin, Dresden und Wien, aber ebenso auch in “Chemischen Waschanstalten“ ( Chemischen Reinigungen ). 

Er kehrte 1876 aus Wien nach Marienwerder zurück. Sein Aufgabengebiet wurde die Kleiderfärberei und die Chemische Reinigung. Im Jahr 1879 wurde Ludwig Wagner Teilhaber der Firma J.H. Wagner. 

Sein Prinzip war, durch Einrichtung von Filialen den Umsatz zu heben. Es wurden zuerst Filialen in Danzig, Schwetz, Graudenz, Kulmsee, Thorn und Elbing eingerichtet. Durch Verbesserung der technischen Einrichtungen und durch An- und Umbauten wurde der Betrieb auf die erforderliche Höhe gebracht. 

Die finanziellen Mittel für die Betriebsverbesserung wurden zum Teil durch eine Erbschaft, zum Teil durch Kredite beschafft. 

Die Vergrößerung der Firma durch Filialen im Umkreis von Marienwerder erwies sich als großer Betriebserfolg. Die Einrichtung einer Weißwäscherei erfolgte im Jahr 1908. 

Im September 1880 heiratete mein Großvater : Sidonie Poltrock; in der Ehe wurden 4 Kinder geboren. Seine Frau starb 35-jährig bei der Geburt des 5. Kindes, das ebenfalls nicht überlebte. Er heiratete zum 2. Male : Johanna Berendt; aus dieser Ehe stammten 2 Kinder. Doch auch die 2.Frau starb bald nach der Geburt ihres 2.Kindes. Später heiratete er zum 3. Male: Susanne Ziegelmann, doch diese Ehe blieb kinderlos. 

Während des 1. Weltkrieges leitete er die Firma J.H. Wagner zusammen mit seinem Sohn Lutz aus 2.Ehe, weil sein Sohn Hermann und sein Schweigersohn Victor Poltrock beim Militär waren.

Die Kriegs- und Nachkriegsereignisse von 1914 an bis zur Inflation 1923 und die dadurch entstehenden Betriebsprobleme belasteten meinen Großvater sehr. Er starb 1927 mit 74 Jahren. 

Sowohl mein Urgroßvater und meine Urgroßvater als auch mein Großvater waren treue Anhänger der ev. lutherischen bzw. altlutherischen Kirche in Preußen. Der älteste Sohn meines Großvaters Ludwig Wagner – mein Onkel Hermann wurde 1882 in Marienwerder geboren. Nach seiner Lehrzeit in Bromberg arbeitete er in den Jahren 1903 – 1906 bei verschiedenen Firmen in Berlin, Barmen, Zwickau in Sachsen und Pasing bei München. Er trat 1906 endgültig in den väterlichen Betrieb ein, den er durch seine auswärts gemachten beruflichen Erfahrungen wesentlich unterstützen konnte. Das Größerwerden des Betriebes, der nun aus Färberei, Chemischer Reinigung und Weißwäscherei bestand, machte eine genaue und intensiv geführte Buchführung notwendig und so kam mein Vater : Viktor Poltrock als gelernter Kaufmann 1910 in die Firma. Im Jahr 1911 wurden mein Vater und mein Onkel Hermann Wagner Teilhaber der der Firma meines Großvaters Wagner, die nun den Namen Z.H. Wagner erhielt.  

Mein Onkel Hermann heiratete 1908 Liesel Deus. In dieser Ehe kamen 4 Söhne zur Welt. Im Jahr 1912 heiratete mein Vater Victor Poltrock die Tochter meines Großvaters : Margarethe Wagner. In dieser Ehe wurden 5 Kinder geboren, 2 Söhne und 3 Töchter. 

Der 1. Weltkrieg brachte einen tiefgreifenden Einschnitt. Der Sieg Hindenburgs bei Tannenberg im August 1914 befreite Ostpreußen von der Bedrohung durch die russische Armeen. 

1915 konnte der Betrieb durch Reinigung von Uniformen und Waschen von Lazarettwäsche weiteren finanziellen Gewinn erzielen und dadurch die Situation der Firma wesentlich verbessern. Doch Deutschland verlor dem 1.Weltkrieg und mußte on dem unglückseligen Friedensvertrag von Versailles das sogenannte Korridorgebiet an den neu gegründeten Staat Polen abtreten, der Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet abtrennte. 

Dadurch zerriß die Verbindung der Firma mit den ertragreichsten Zweiggeschäften im Gebiet westlich der Weichsel, dem Kulmerland und dem Betriebsstandort in Marienwerder. Die Filialen der Firma J.H. Wagner in Mewe, Neuenburg, Schwetz, Graudenz, Thorn, Kulmsee, Strasburg und Löbau gingen durch die Abtrennung dieser Gebiete an Polen verloren. 

Die Lage der Firma verschlechterte sich dadurch sehr; deswegen mußte wieder einmal ein neuer Erwerbszweig gefunden werden. In der Erweiterung durch eine Strickerei, die 60 Menschen beschäftigte und teilweise von meiner Mutter geleitet wurde, fanden in den schweren Jahren der Nachkriegszeit die Firmenchefs einen gewinnbringenden Übergang bis zur Rückkehr zu der eigentlichen Arbeit des Betriebes. Die Färberei, die chemische Reinigung und die Dampfwäscherei strebten von neuem aufwärts. 

Alte und neue Filialen waren Marienburg, Elbing, Pr. Holland, Riesenburg, Deutsch-Eylau, Osterode, Allenstein und die Freie Stadt Danzig; hier allein waren 4 Filialen. Sie schufen ein Arbeitsgebiet weit über Marienwerder hinaus.

Mit firmeneigenen Kraftwagen wurde die Schwerfälligkeit des Verkehrs zwischen Filialen und Betriebsstandort überwunden. Güte und Schnelligkeit waren die beste Reklame für die Firma, die nach 1930 rd. 240 Arbeiter und Angestellte beschäftigen konnte. 

Die Regierungsübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 änderte Vieles. Die wirtschaftliche Situation in Deutschland verbesserte sich langsam, so daß es im Laufe der Jahre zu einem Aufschwung der geschäftlichen Lage der Firma J.H. Wagner kam. Währenddessen verschlechterte sich unter dem Einfluß der Regierung der Nationalsozialisten die gesellschaftliche und rechtliche Situation in ganz Deutschland. 

Inzwischen suchten mein Onkel Hermann und mein Vater unter ihren Kindern Nachfolger. Onkel Hermanns 2.Sohn Jochen und mein ältester Bruder Friedrich sollten später die Leitung der Firma J.H. Wagner übernehmen. Beide bereiteten sich nach dem Schulbesuch auf diese, ihre spätere berufliche Aufgabe vor. Dazu gehörte auch als erstes die Ausbildung im Färber- und Chemisch-Reinigerhandwerk mit abgeschlossener Gesellenprüfung.  

Seit 1938 mehrten sich die politischen Ereignisse.  Nachdem Anschluß Österreichs, des Sudetenlandes, des Memellandes und der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren steuerte die politische Entwicklung immer mehr auf eine Auseinandersetzung mit Polen zu. Betrieblich gesehen, nahm die geschäftliche Entwicklung der Firma durch Aufträge des RAD und der Wehrmacht zu. 

Dann kam der 1. Sept. 1939. Die Deutsche Wehrmacht marschierte in Polen ein. Deutsche Truppen aus dem Reichsgebiet durchstießen den polnischen Korridor, überquerten die Weichsel Anfang September auf einer Pontonbrücke und zogen durch Marienwerder weiter in Richtung Osten. Die Bevölkerung von Marienwerder jubelte den Soldaten aus dem Reich zu und warf Blumen, Brötchen, Kuchen, Schokolade und Zigaretten auf die Militärfahrzeuge. Das war das Bewußtsein, nicht mehr vom Reichsgebiet abgeschnitten zu sein. Ein einmaliges Ereignis! Ich hab’s auf jeden Fall gesehen!  

De Betrieb erhielt von der Wehrmacht vermehrt Aufträge, so z.B. Uniformen zum Umfärben für Kriegsgefangene; es wurden Uniformen gereinigt und die Wäsche für Lazarette, RAD und Wehrmacht gewaschen. Aus Mangel an Arbeitskräften arbeiteten mehrere englische Kriegsgefangene mit. 

Mein Bruder Friedrich wurde 1939 Soldat und machte die Feldzüge in Polen, Frankreich und Rußland mit. 1942 wurde er bei Pjatigorsk nördlich des Kaukasus schwer verwundet und nach Deutschland verlegt. Es gelang ihm, ins Heimatlazarett Marienwerder überwiesen zu werden. Er konnte später – soweit es die Behandlung seiner Verwundung zuließ – im Betrieb der Firma J.H. Wagner mitarbeiten. Mein Vetter Jochen wurde etwas später im Krieg eingezogen, kam an die Ostfront und dann nach Stalingrad. Nach der Einkesselung der deutschen Truppen sagte ein Flugzeugführer zu dem auf dem Flugplatz umherirrenden, an der Ruhr schwer erkrankten : „ Für dich ist auch noch Platz in meiner Maschine!“ und brachte ihn aus dem Kessel von Stalingrad heraus. 

5 Jahre später sah es nicht mehr nach dem Jubel vom September 1939 in Marienwerder aus. Der 20. Juli 1944 ( Attentat auf Hitler ) mit all seinen Folgen war vorbei. Die sowjetischen Armeen näherten sich der ostpreußischen Grenze. Am 12. Januar 1945 begann die russische Winteroffensive in Polen. Am 21. Januar 1945 versuchte die Kreisleitung der NSDAP in einer öffentlichen Veranstaltung um 20.00 h die Bevölkerung von Marienwerder zu beruhigen. Um 22.00 h kam dann doch der Räumungsbefehl telefonisch durch. Großmutter, Eltern, Kinder und Enkelkinder sowie weitere Bekannte wurden in einen sehr großen firmeneigenen Lastkraftwagen von einem sehr zuverlässigen Kraftfahrer bis in die Gegend von Schneidemühl ( Pommern ) gebracht.  Von dort mußte jeder sehen, wie er weiter kam. Nach unendlichen Mühen erreichten Großmutter, Mutter und meine jüngste Schwester Meinhild Stargard, wo Großmutter ins Krankenhaus gebract wurde; Mutter und meine Schwester fuhren dann weiter nach Neubrandenburg, wo eine verheiratete Schwester meines Vaters wohnte. Dort erhielt meine Mutter die telefonische Nachricht, daß Großmutter Ende Januar im Krankenhaus von Stargard verstorben sei. Später reisten beide nach Eutin in Holstein, wo die jüngste Tochter meines Großvaters Wagner zusammen mit ihrem Mann eine Gärtnerei betrieb. 

Onkel Hermann, sein Sohn Jochen und mein  Vater blieben wegen des kriegswichtigen Betriebes ( Wehrmachts – und Lazarettaufträge ) in Marienwerder, bis auch sie nach 2 Tagen auf die Flucht gingen. Damit endete die Geschichte der Färberei und späteren Firma J.H. Wagner der 4, man kann schon sagen, fast 5 Generationen, gedient hatten. Die Arbeit und der Einsatz von rd. 150 Jahren einer Handwerkerfamilie in Westpreußen, der Familie Wagner, war damit zu Ende. 

Schlimmer als der Zusammenbruch Deutschlands und der Verlust der Heimat und der Existenzgrundlage beider Familien ( Wagner und Poltrock ) waren die  vielen Kriegstoten, die zu beklagen waren. Es  starben im 1. und 2. Weltkrieg an den Folgen dieser Krieg 2 Brüder und eine Schwester sowie 5 Neffen meines Vaters und 3 Neffen meiner Mutter. 

Nachfolgender Brief, der das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Familie zum Ausdruck bringen soll, stammt von meinem Vetter Peter, dem Sohn meines Onkels Hermann. Er wurde als Flugzeugführer eines Kampfflugzeuges im Juli 1940 über dem Ärmelkanal abgeschossen und schrieb diesen Brief zu Anfang des Krieges; er wurde seinen Eltern im August 1940 zugesandt : 

„Ihr geliebten Eltern, meine lieben Brüder !

Dies sollen die letzen Worte sein, die ich als Lebender noch einmal an Euch richten will. Innigsten Dank an Euch alle, Ihr Liegen, die Ihr mir so viel Gutes getan habt, vor allem Du, meine liebe Mutter. Dank aber auch an Gott, den Schöpfer im Himmel, der mich in meinem leider viel zu kurzen Leben an einer so einzigartigen und schönen Familienharmonie teilhaben ließ. 

Meine letzte Bitte soll sein : Das Largo von Händel soll noch einmal an meinem Sarg erklingen; und das Gebet der Baltin wünsche ich mir noch : 

Weißt Du den Weg auch nicht,
Gott weiß ihn wohl.
Das macht die Seele still und friedevoll. –
Du weißt den Weg ja doch !
Das ist genug ! 

Nun lebt alle wohl, Du meine liebe Mutter, lieber Vater und meine lieben drei Brüder.
Behaltet mich in treuem Andenken !“ 

Euer Peter 

 


 

 

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