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nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

FÄRBEREI  J.H. WAGNER
Marienwerder / Westpreußen

 

Geschäftsentwicklung von 1772 – 1916
von Ludwig Wagner

fortgeführt bis zum Ende im Januar1945
nach Briefen und Erinnerungen von

Friedrich Poltrock  

 

 

Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, daß dieser Bericht unseres Großvaters Ludwig Wagner noch vorhanden ist Hilde Stamm-Andrews fand beim Aufräumen des Schreibtisches ihrer Eltern diese mit der Maschine geschriebenen Seiten, offensichtlich eine Abschrift vom handgeschriebenen Konzept von Ludwig Wagner. Ich habe mich wörtlich an den Text gehalten bis auf die Berichtigung einiger Fachausdrücke und westpreußischer Städtenamen.

Die zeitgenössischen Aufnahmen entstammen ( meist ) einem aufwendigen großformatigen Prospekt, der wahrscheinlich zwischen 1911 - 1913 erschienen ist.  Sie illustrieren sehr beredt - mehr zweckmäßig als schön - jene glückliche Aufbauphase der alten Firma J.H. Wagner vom Anfang des Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkrieges.

Durch Wolfgang Andrews sind mir außerdem Briefe der Kinder Ludwig Wagners ( Generation unserer Eltern ) zugängig gemacht, die eine Fortführung des Berichts bis zum Ende des Krieges 1918 erlauben.
Die daran anschließende Schilderung bis zur Aufgabe des Betriebes 1945 gründet sich nur auf meine eigene Erinnerung. Außer der Bilanz 1943 standen mir leider keine weiteren Unterlagen zur Verfügung. 
 

        Ludwig Wagner

Kurze  Übersicht und Entwicklung unserer Färberei

von   1772  bis  1916

 1916 aufgeschrieben von Ludwig Wagner

Als Friedrich der Große 1772 nach der Teilung Polens Marienwerder zur Residenzstadt seiner neu erworbenen Provinz machte, war ihm sehr viel daran gelegen, Handel, Industrie und Gewerbe zu heben; von Mockrau  bei Graudenz, wo er von 1772 - 1785  alljährlich hinfuhr,  um seine neue Provinz in Ordnung zu bringen und Truppen-Revuen abzuhalten, besuchte er auch 1772 zum ersten Male Marienwerder, er empfing eine Deputation Gewerbetreibender und hörte ihre Wünsche an, so eine auch der hiesigen Tuchmacher-Innung, die darüber klagten, daß sie ihre Tuche in Thorn und Marienburg färben lassen müßten, da hier keine Färberei existierte.
Friedrich II. kam ihrem Wunsche nach und berief den Färbermeister Buhler aus Württemberg, dem er zur Anlegung der Färberei ein Kapital lieh, welches durch Rescript vom Juni 1788 noch um 1000 Reichstaler vergrößert wurde.

Bald jedoch starb der z.z. Buhler, denn als im Jahre 1792 Johann Christian Wagner in Marienwerder einwanderte ( aus Königsberg kommend ), war Frau Buhler bereits eine Witwe.  Im Jahre 1792 (  nach Martin 1796 ) heiratete unser Großvater die Witwe Buhler.

Die Färberei bestand damals im Färben von Tuchen und baumwollenen Flanellen ( sogen. "Barchent", von dem es im Westfälischen heißt: Linnen und Barchent - macht die Kenner schnarchend, Seide und Spitzen - bringen sie in Hitzen !), die auf der warmen Küpe echt Indigoblau gefärbt wurden.

Ferner aus dem Färben der sogenannten Bauernware, das war Leinwand, Garn von Flachs und Wolle, diese Sachen wurden in allen Farben gefärbt, doch auch zum größten Teil echt Indigoblau auf der kalten Küpe, die mit Kalk und Eisenvitriol angesetzt wurde, wodurch dem Indigo der Sauerstoff entzogen wurde. In dieser goldgelben Flüssigkeit wurden die zu färbenden Sachen hineingehängt, nach einer viertel oder halben Stunde wurden die Sachen herausgezogen.  Die Gegenstände waren zuerst gelb und wurden an der Luft nach einigen Minuten grün und dann blau.

Waren die Sachen noch nicht dunkel genug, so wurden sie noch mal in die kalte Küpe getaucht, bis sie dunkel genug waren. Dann kam die Leinewand durch ein schwaches Schwefelsäurebad, um den Kalk, der in der kalten Küpe war, zu entfernen, und die Leinwand war zum Trocknen fertig. ( d.h. so schnell denn doch nicht:  Zwischen den Bädern und am Schluß des Färbens mußten die gefärbten Stücke gespült werden. Sie wurden auf einer Karre durch die " Klappe " im Schuppen geradewegs zur Liebe gefahren, wo sie dann, vom Steg aus im fließenden Wasser gespült wurde. ( Der Steg existierte noch zu unserer Kinderzeit, also 1920-30 )

Gedruckte Leinwand wurde auch in der kalten Küpe gefärbt, die Leinewand wurde in rohem Zustande mit einem Schutzpapp bedruckt dann gefärbt und mit Schwefelsäure abgezogen.

Rote Wolle wurde viel mit Cochenille ( eine getrocknete indische Blutlausart ) gefärbt, es gab mit Zuckersäure und Zinnsalz gefärbt ein prachtvolles Hochrot. Beiderwand und Flanelle zu Unterröcken wurden viel in der Farbe gefärbt. Ganz zart hellblau färbte man auch Wolle mit gelbem Blutlaugensalz, ferrum cyancalium und Eisenvitriol, Grün mit Gelbholz, Querzitron, schwarz mit voransieden von Eisenvitriol, Kupfervitriol- und Schwefelsäure, ausfärben mit Blauholz und Gelbholz.

Die Baumwolle wurde in Schmad ( Gerbestoff ) gelegt , dann auf kalte Eichenflotte genommen und mit Blauholz und Gelbholz handwarm ausgefärbt.

Von 1860 an machte  sich schon die Wirkung der Anilinfarben bemerkbar und die Wirkung der Dampfmaschinen.  Es wurde durch diese schnellere Art der Fabrikation der Gewebe, mehr die Verarbeitung der Baumwolle in Anspruch genommen.  Die Färber färbten von etwa 1840 an eine Menge Nesselstücken, die sie in ihren Geschäften verkauften.  So beschäftigte mein Vater von 1840 -1860  stets 2 – 3  Gesellen, die jeder den Tag 6 - 8 Stücke zu je etwa 30 m, also ca. 400 m den Tag fertig druckten.

Die Stücke wurden im Laden verkauft, auch auf Märkten nach Graudenz etc., wohin mein Vater fuhr. Vom Jahre 1855 - 1876 hatten wir zum besseren Verkauf unserer Fabrikate ein Haus in der Marienburgerstraße gekauft, wo wir wohnten und im Laden unsere gefärbten Erzeugnisse und auch noch andere Kleiderstoffe verkauften. Der Erlös in dem Laden war ziemlich bedeutend, wenn wir 100 Tlr. ( sind 1oo Mark ) einnahmen an einem Tage, dann war es ein schlechter Markttag. Am Jahrmarkt betrug öfters die Einnahme über 300 Tlr. ( 9oo Mark ).  In der Färberei und Druckerei beschäftigten wir 6 - 8 männliche Arbeiter.

Das Geschäft wurde geringer, als sich im Jahre 1867 unser Werkführer Kühne etablierte und uns dadurch und durch Herabsetzen der Preise großen Schaden zufügte. Auch das Ladengeschäft wurde geringer durch große Ausverkäufe, die jüdische Geschäfte infolge von Concursen ins Werk setzten.

Wir wurden durch diese Geschäftscalamität so in  Mitleidenschaft gezogen, daß mein Vater 1869 Concurs ansagen mußte, es gelang uns durch Accordieren unser Geschäft weiter in derselben  Weise zu führen. 

In demselben Jahre ( 1869 ) trat ich in die Lehre ein. Ich fühlte  mich dazu veranlaßt, weil mein damals schon 58 Jahre alter Vater sehr darunter litt, daß er trotzdem er viele Kinder, aber keinen Geschäftsnachfolger hatte.  Sein Sohn Hermann war 1864,  34 Tage nachdem er sein Militärjahr vollendet hatte, in Königsberg gestorben, er hatte die Färberei erlernt und war in Königsberg, um bei Herrn Färbereibesitzer Kleist sich weiter auszubilden. Da bekam er infolge eines kleinen Geschwürs die Kopfrose und starb nach 5-tägiger Krankheit.

Diesen Verlust konnte mein Vater gar nicht überwinden, daher dachte ich mit  meinen schwachen Kräften einzuspringen. Es kostete mir viele Überwindung, denn die Färberei war in einem sehr kläglichen Zustande, da mein Vater oben das Geschäft hatte und sehr als Ratsherr engagiert war, wenig für die Färberei übrig hatte,  weil er sah, wie sie zurückging.

Der Rückgang der Färberei war auch darin zu suchen, daß die Landbewohner anfingen, rationeller zu wirtschaften. Die Kleiderstoffe waren durch die Fabrikation und die Einführung von baumwollenen Geweben billiger geworden, die Landleute bauten nicht mehr Flachs, daher wurde das färben lassen von Leinewand und Garn weniger.    

Mein Vater, der den Rückgang der Färberei verfolgte, merkte bald, daß die Färberei in der alten Weise nicht lange mehr fortgeführt werden würde, sorgte dafür, daß ich nachdem ich zwei Jahre bei ihm gelernt hatte ( 1869 – 1871 ), nun eine Stelle in einer Kleiderfärberei annahm. Vorher wurde ich mit den damals notwendigen Kenntnissen in der Chemie ausgebildet, wozu ich zwei Jahre hindurch in jeder Woche zwei Stunden Unterricht erhielt, die mir sehr von Nutzen waren.

Ich arbeitete nun in verschiedenen Färbereien, in Stuttgart, Berlin, Dresden und Wien - fast nur in Kleiderfärbereien und damals eben aufkommenden : " Chemischen Wachanstalten ", diente inzwischen ein Jahr in Dresden ab und kam inzwischen 1876 aus Wien wieder in Marienwerder an.  

Meine Aufgabe war nun die Kleiderfärberei und Chemische Färberei einzuführen. Ich legte dazu in alten Städten im Umkreise von Marienwerder Annahmen an, so in Neuenburg, Mewe, Graudenz, Thorn, Elbing, Tiegenhof, Neuteich etc.   *1.  Im Jahre 1879 trat ich als Teilhaber der Firma J.H. Wagner in das Geschäft ein. Der Rückgang des Geschäftes der Bauernfärberei war trotz der Zunahme der Kleiderfärberei so bedeutend, daß in ganzen Umkreise von Marienwerder die alten Blaufärbereien eingingen und sich nur noch diejenigen mit Mühe und Not aufrechterhalten konnten, die die Kleiderfärberei angefangen, oder ihr Handelsgeschäft weiter ausgedehnt hatten.

So gingen ein die Färbereien von Lehmann und Schulz in Riesenburg, Liebert, Neuenburg, Markentin in Marienburg, Augstin &  Boergen in Graudenz, Augstin in Thorn, und viele andere. Aber auch unser Handelsgeschäft ließ so bedeutend nach, daß mein Vater schon 1876 sein Haus in der Marienburger Straße verkaufen und mit dem Rest seines Geldes wiederum seine Waren - Schulden regulieren mußte, etwas blieb noch um das Haus in der Kehrwiederstraße auszubauen, dann wurde es neu beliehen.  In der Kehrwiederstraße wurde wohl das Schnittgeschäft weitergeführt und quälten wir uns noch 20 Jahre damit, der ganze Jahresumsatz betrug 1897 nach den Tode meines Vaters nur noch 3550 Mark.

Ich verkaufte daher alles ( das Warenlager ), und löste das Schnittgeschäft auf, denn der Umsatz betrug im Jahre 1901 nur noch 1509 Mark.  Mein Vater hatte wohl richtig erkannt, daß nur in der Fortführung der Kleiderfärberei und Chemischen Waschanstalt ein lohnendes Geschäft in unserer Branche zu machen sein würde, hatte aber nicht mehr die Kraft es durchzuführen, da es am nötigsten zu sehr gebrach. 

Auch ich hatte alles, was ich konnte, eingesetzt, ich verpfändete meine Lebensversicherung  und lieh darauf von H. Hoffmann 2400 M., von Herrn v. Flanß 12oo M, womit ich die Färberei zum ersten Mal wohl seit 100 Jahren ausbaute. Ich kaufte im Jahre 1888 von E. Kliche Pakosch einen Dampfkessel und errichtete mit Dampfbetrieb die Chemische Wäscherei ein.  Ich wurde zwar  schon 1884 für meine guten Leistungen in meinem Fach in einer Ausstellung in Marienburg prämiert  *2.,  aber es blieb das alles nur Stümperwerk, weil man in der Provinz nicht sah, was ich leistete. In die Kehrwiederstraße, die abgelegen von allem Verkehr liegt, kam wenig Publikum, und die was brachten, die konnten im Laden nichts sehen, es waren nur Stoffe zum Verkauf vorhanden, meine gereinigten und gefärbten Sachen und Stoffe hingen in einer feuchten Kammer.

Um es möglich zu machen, das ganze Geschäft zu halten, arbeitete ich von morgens 6 Uhr bis abends 7 oder 7 Uhr 3o ununterbrochen. *3.  Ich beschäftigte ja in den Jahren 1888 - 1897 nur noch einen Mann, und ein Mädchen.    

( Das muß dann wohl der berühmt-berüchtigte Filipsen gewesen sein,  eine treue Seele, aber ein versoffenes Subjekt, den unser Großvater Ludwig Wagner ein ums andere Mal stockbesoffen aus den Kneipen des Niedertors oder aus dem Rinnstein nach Hause geschleppt hat – nach Friedrich Wagner-Poltrock )

Folgende Steuereinschätzung, die von dem Einkommensteuersecretär in meinen Büchern nachgeprüft und noch mal aufgestellt wurde, geben an, in welcher Notlage wir uns befanden, wir waren nicht auf Rosen gebettet, es sah aus, als müßten wir untergehen, da wir alle Jahre mehr herunterkamen.
 

Zur Einkommensteuererklärung 1895 : 

Färberei- Erträge   1895     5.076 M.
                              1894     4.706 M.

                              1893      4.551 M.  Durchschnitt          5100 M.

 

Laden – Erträge       1895      4.250 M.  
                              1894      4.700 M.
                              1893      5.900 M. Durchschnitt          4.950 M.

Badeanstalt-Ertr.    1895       1.136 M.
                              1894      1.160 M.
                              1893      1.132 M.  Durchschnitt           1.140 M.

 
                                                Gesamtertrag:        11.190 M.

Kosten:
Unterhaltung
Masch. und Gebäuden             400 M
Feuerversicherung                   95 M

Heizung und Beleuchtung         800 M
Waren des Ladens                3.970 M
Waren der Färberei            2.550 M
Lohn für 1 Gehilfen                 624 M
Lohn für 1 Mädchen                360 M
Gewerbe St. Grundst.               75 M ./. Gesamtkosten      8.874 M.
                                                          Ertrag aus
                                                          Handel und Gewerbe 2316 M.

 

Die Färberei war nicht mehr in die Höhe zu bringen, denn der Umsatz betrug nach meinen noch vorhandenen Büchern : 

Färberei:      1889       5.462 M.                        Laden:

                     1890      5.483 M.

                     1891      5.531  M.
                     1892      4.592 M.
                     1893      4..551 M.                        5.820 M.

                     1894      4.702 M.                        4.852 M.

                     1895      5.076 M.                        4.485 M.

                     1896      4.700 M.                         ---------

                     1897       5.818 M.                         ---------
                     1898       7.296 M.                        2.488 M.

                     1899                                             2.315 M.

                     1900                                             1.760 M.
                     1901                                              1.509 M. 

Nach den Büchern war der geringe Verdienst zu sehen, es deckte nicht unsere Bedürfnisse, wir setzten jährlich mehr zu,  nur die direkten Barbeträge ( zusätzlich ) halfen uns das Geschäft deficiert zu decken, nämlich von Johanna ( Johanna Berendt, die 2. Frau von Ludwig Wagner, "Mutter Johanna" ) ca. 800 M. Zinsen und von Vater als Direktor des V.V. ( VorschussVerein – Raiffeisenbank ) 800 M., zusammen 1.600 M.

Wie ist es nun möglich geworden, das Geschäft zu der Blüte zu bringen ? - zumal alles sehr verschuldet war. Ich nahm daher als Vaterchen vom Schlage gerührt war, im Dezember 1898  eine Bilanz auf , um mich zu vergewissern, was ich machen sollte, ob ich lieber nach dem Tode des Vaters mit Johannas Hilfe neu anfangen sollte, oder lieber den Concours anmelden sollte, - ich lebte mit Johanna nicht in Gütergemeinschaft.- ( Der vorsichtige Konsul Münchmeyer !! )

Bilanz 1896  

Activa :                                             Passiva :

Warenbestand                3.159           Warenschulden                         2.935

Lager gef. Sachen  160                       Eingetr. Schulden                    
   „     Farbstoffe  185      345           v: Flanß                                    3.000
Forderungen                     730           E.B. Windaus                             8.000
Gebäude lt. Feuervers.                        M. Mintzlaff                            2.400
Taxe 25.000 20 Jahre
Abnutzung                    22.500          Badeanstalt-Actien                   3.420
Inventar Färberei                              Schulden gegen Verpfändung
u. Badeanstalt                 3.500          Leb.Vers. J.H.Wagner               2.700
mehr Schulden                      91          desgl. L. Wagner
                                                        an Th. Hoffmann    2.400
                                                        v. Flanß                 1.200            3.600

                                                        gegen Schuldschein
                                                        Ida Zimmermann       450
                                                        Vorsch.-Verein          220

                                                        Martha Mintzlaff  3000

                                                        Luth. Kirche              300

                                                        Private Rechnung      300           4.270                                      _____                                                        _____

                                     30.325                                                                                                                                          30.325

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Kehrwiederstr. 4/5 - die Wagnerheimat

Unser Nachbar, der Baumeister Herwicz, den ich bat mit zu sagen, wie hoch der Wert des heutigen Grundstücks sei, sagte er mir 15.000 M.  Ich war daher in einer sehr üblen Lage, wollte aber den Namen meines Vaters nicht in Unehre bringen und übernahm alle Schulden  und Gott der Herr half über Bitten und Verstehen, ich bin es nicht Wert gewesen, trotzdem ich danach 7500 M. mehr gezahlt habe als der eigentliche Wert des Grundstückes war.  

Im Jahre 1898 starb meine liebe Frau Johanna geb. Berendt und hinterließ mir und meinen Kindern folgende Vermögen :
 

Hamburger Eskot-Actien           Wert  8.000 M.

Itel: Eisenbahn Actien              Wert 11.000 M.
v.Tante Therese Elmering
erbten wir                                        5.500 M.
im Jahre 1900 wurde meine
Lebensvers.fällig                      Wert 5.000 M.
 

Durch diese Kapitalien wurde es uns schon gleich nach Vaterchens Tode möglich, verschiedenes zu regulieren und im Jahre 1900 neu zu bauen.

Ich mußte mein Pfund nicht im Schweinstuch verbergen, es konnte nur vorwärts kommen, wenn es auch Menschen sehen und kennen lernte.

1924 bei Wagners in Marienwerder

 

Zunächst aber mußte ich Räume haben, in denen ich auch was leisten konnte.  Ich kündigte daher dem Verwalter von Johannas Vermögen Herrn Consul Münchmeyer die Summe und bat um Auszahlung. Aber der alte Onkel erwies sich als hartleibig, ich mußte die Sache durch einen Rechtsanwalt machen, erst in einem halben Jahr konnte ich in den Besitz gelangen, sodaß ich 1900 neu bauen konnte.  Ich baute den hinteren Teil des Hauses aus um neue Plätt - und Detachierräume zu bekommen. Kaufte von der Stadt den Eingang des Ganges um das Gebäude recht niedlich zu machen und erhielt dadurch einen Plätt - und Detachiersaal und oben schöne Wohnzimmer.

Meine Idee war nun,  Läden in auswärtigen Städten - auch in hiesiger Stadt - anzulegen, damit mein Geschäft in der Provinz mehr bekannt würde, denn es war nur möglich ein Geschäft zu machen, wenn man einen größeren Umsatz erreichen konnte.  Da bei meinem Geschäft der Verdienst dadurch, daß ich selbst mitarbeitete und meine Tätigkeit nicht mit in Anschlag brachte, 5o % betrug, der heute 1916 nur noch 15 % beträgt, so kam es nur darauf an, einen großen Umsatz zu erzielen und viele Filialen zu gründen, denn die konnten noch 2o % für Mädchen und Ladenmiete tragen.

Darauf gründete ich mein Geschäftsprinzip und fing im Frühjahr, am 01.02.1901 in Danzig meine erste Filiale an. Es war mit Zittern und Zagen, aber Gott der Herr gab seinen Segen dazu, sodaß ich auch im Frühjahr 1902 in Marienwerder einen Laden dort getrost aufmachen konnte.  Im April 19O2 heiratete ich Susanne geb. Ziegelmann, die mein Geschäftsprinzip zu der ihrigen machte und mich dadurch sehr unterstützte.  So legten wir dann 1904 die Filiale in Schwetz am 1. März an, in Juli desselben Jahres Straßburg Wpr. und Graudenz, im April 1905 Culmsee und im Herbst desselben Jahres Thorn und 1906  Dt. Eylau und Osterode.  Mein Sohn Hermann, der 1899 - 1902 bei Kopp Bromberg lernte, 19O1 - 1903 sein Militär absolvierte ( Danzig ), arbeitete 1903/04 bei Bergmann in Berlin, 1905 in Barmen, 1906 in Zwickau und Pasing b. München ( Arnold ). Er war inzwischen zu Hause um mich mit Neuheiten bekannt zu machen und trat 1906 endgültig zu mir ins Geschäft und wurde meine treue Stütze. - Wie sehr meine Idee mit der Vergrößerung des Umsatzes die richtige war, zeigt folgendes Zahlenergebnis :

 

Umsatz 
1897  -          5818           
1898  -          7296
1899  -          8992
1900  -        10564
1901   -        12009
1902  -        12262
1903  -        22181
1904  -        25191
1905  -        40484
1906  -        56579

Leider war es uns nicht möglich, die Städte Marienburg, Dirschau und Stargard mit Zweiggeschäften zu belegen, da die Städte schon durch Concurrenz besetzt waren, wir beschränkten uns nur auf Städte, die keine Concurrenz hatten oder deren Größe es vertragen konnte. Im Jahre 1907 legten wir Zoppot an und 1908 Elbing. 

Teilansicht Färbereigebäude
linke Ecke Wohnhaus mit Lieferwagen, Hauptgebäude

Unser Geschäft bekam 1908 wieder eine etwas andere Wendung.  Ich hörte davon, daß jemand hier im Ort eine Weißwäscherei anlegen wollte,  und da derartige Geschäfte über kurz oder lang eine Chemische Wäscherei anfangen, so suchte ich es dadurch zu verhindern, daß ich selbst mit Herrn Ing. Ernst Elmering, meinen Schwager, eine Weißwäscherei an die Färberei angliederte und die Wäscherei dann an E. verpachtete. Dazu waren große, neue Anlagen nötig, um beide Betriebe damit betreiben zu können. So wurde dann 1908 wiederum gebaut.  Ich kaufte noch das Nachbargrundstücke dazu an, legte einen neuen Dampfkessel 7 m lang, Dampfmaschinen, neue Wasserleitung und Wasserreinigung, baute die ganze Färberei und Chemische Wäscherei um, neue Centrifugen und Waschmaschinen, ebenso Farbbottiche aller Art alles nur mit Dampfbetrieb wurde angelegt. Nun konnte alles nach bester Art gemacht werden, da mein Sohn Hermann, der nun seit 2 Jahren ganz zu Hause tätig war, es in den größten und besten Färbereien kennen gelernt hatte. Der immer größer werdende Umfang des Geschäftes machte auch eine größere Contortätigkeit notwendig.  Meine liebe Frau stand mir dabei zur Seite wie auch bei den öfters zu besuchenden Filialen. Jedoch im Jahre 1910 erkrankte mein Sohn Ludwig an einer Knochenentzündung, sodaß ihre Tätigkeit 2 Jahre hindurch gehemmt wurde.

 

                  Gardinen und Deckchen-Spannerei                        Teilansicht des Plättsaals                                 Teilansicht der Expedition

Während dieser Zeit wurde mir klar, daß eine ganz genau intensiv geführte Buchführung bei uns eine absolute Notwendigkeit war, mir fehlte das kaufmännische, daher mußten wir uns danach umsehen und wählten unseren Schwiegersohn Victor Poltrock.

Im Jahr 1911 wurden mein Sohn Hermann und mein Schwiegersohn Victor Poltrock Teilhaber meines Geschäftes unter der Firma J.H. Wagner.

 

nach 1908: ein richtiger Dampfkessel !

 

unser Dampfmaschinchen, welche von der Benzinwäscherei
bis zum Pumpenhaus alles in Bewegung setzte

Der Umsatz der Färberei entwickelte sich mit der Anlage weiterer Filialen wie folgt:

Umsatz

1907 Neuanlage von Zoppot                                            Umsatz        61.536 M.
1908 Neuanlage von Elbing                                                                75.122 M.
1909 Neuanlage von Briesen                                                               89.622 M.
1910  Neuanlage von Elbing II, Danzig II                                           98.869 M.
1911                                                                                                 101.351 M.
1912   Neuanlage von Neuenburg,Riesenburg,Löbau                             120.446 M.
1913   Neuanlage von Neumark, Soldau,Tuchel                                    148.060 M.
1914  Neuanlage von Mewe, Graudenz II’
                                Pr. Holland, Tiegerhof                                      

Das Jahr 1914 war bis 1. August für uns ein recht zufriedenstellendes Jahr. Da. brach leider der Krieg aus, der uns nicht nur unseren Verdienst nahm, sondern uns einen sehr bedeutenden Verlust von über 20.222 M. brachte, trotzdem wir noch einen Umsatz von über 130.000 M erzielten. Der Verlust trat ein, weil ein großer Teil der Bevölkerung von Ost- und Westpreußen über die Weichsel floh und fast nichts mehr in unsere Filialen gebracht wurde, dabei mußten aber die Miete und auch das Gehalt der Angestellten weitergezahlt werden und viele andere Ausgaben dazu.

Wir kamen dadurch in sehr große Geldverlegenheit, zumal auch die Banken das Guthaben auszuzahlen verweigerten, weil sie es nicht mehr konnten.  *4. Erst im Frühjahr 1915 setzte das Geschäft allmählich wieder ein. Große Sorge machte uns die Erlangung von Benzin. Wir mußten uns mit Schwerbenzin und Benzol behelfen, das einen Preis von 60 – 105 Mark gegen 24,50 vor dem Kriege hatte pro 100 kg.  Auch hatten die Farbstoffe und alle Materialien einen enorm hohen Preis erlangt, so daß es den Anschein hatte, daß das Jahr 1915 noch schlechter werden würde.

Da bewarben wir uns um Militärlieferungen, d.h. wir boten unsere Färberei und Wäscherei zum Waschen von Uniformen an. Dadurch erhielten wir im Laufe des Jahres ca. 70.000 Stück und erzielten mit unserem Filialumsatz einen Umsatz von 191.000 M. und auch einen sehr guten Reingewinn, so daß wir das Deficit des Vorjahres damit reichlich decken konnten, und noch einen Überschuß hatten. Mein Sohn Hermann wurde infolge der Militärlieferungen beurlaubt. Wir danken Gott, der uns so gnädiglich der Sorge enthoben hat. 

Ich habe es für nötig erachtet, diese Aufzeichnungen zu machen, die nach den alten vorhandenen Büchern zusammengestellt wurden. Ich gebe zu, daß die Bücher nicht so correct geführt wurden wie heute, daher kennen wohl kleine Irrtümer vorhanden sein, jedoch werden sie immerhin ein ziemlich genaues Bild der ganzen Lage und des Werdeganges unseres Geschäftes und seiner Entwicklung darstellen.  

Gott gebe weiter meinen Nachfolgern seinen Segen, wie er es mir so unverdienter Weise gegeben hat.

Marienwerder, im Februar 1916    
Ludwig Wagner

 

von hier an schreibt
            Friedrich Poltrock

 

Anmerkungen : 

1.) Es ist nicht sicher, ob damit wirkliche "Annahmestelen" d.h. Agenturen in Textilgeschäften gemeint sind, oder ob damit die spätere Entwicklung mit der Errichtung von eigenen Filialen ( nach 19oo ) vorweg genommen ist.
 

2.) Auszeichnung mit einer Medaille.
Vergrößerte Nachbildungen ( wohl aus Gips ) der Vor- und Rückseite prangten "Vergoldet" an den Schaufenstern der Filialen, so bis 1945 am Laden in der Marienburgerstraße

3.)  siehe Brief seiner Frau Sidonie an ihre Schwester Martha v. 17.11.84

4.) Mein Vater Victor Poltrock erzählte, daß in der Zeit die 3 Familien Ludwig Wagner, Hermann Wagner und Victor Poltrock zusammen kochten und aßen, um möglichst zu sparen, da absolut kein Bargeld vorhanden.

  
Es war natürlich überaus schwierig, den Betrieb in den Kriegszeiten weiterzuführen. Alle Materialien waren überaus knapp, wie Farbstoffe, Seife, Soda, Benzin - und ganz besonders auch Kohlen.

Aber noch einschneidender war ohne Zweifel, daß eben auch die meisten Männer von Anfang an eingezogen waren, wenn Großvater schreibt, daß sein Sohn Hermann infolge der Militärlieferungen beurlaubt wurde, so erfolgte das nur zeitweise und war auch nur möglich, da er ( infolge seiner schweren Krampfadern nicht K.v. ) bei der Besatzung der Festung Graudenz stand.  Mein Vater Victor Poltrock war anfangs auch nicht K.v. - , wurde erst bei einer späteren Nachmusterung Mitte 1917 eingezogen.

Lutz Wagner, der jüngste Sohn, machte 1916 sein Abitur und begann in Jena zu studieren. Als jedoch Victor Poltrock eingezogen wurde, holte ihn der Vater zurück, nun mußte er Buchführung und schriftliche Arbeiten machen. In seinen Briefen fanden sich Angaben über Umsätze und Rein­gewinne :
                  Umsatz         Gewinn
1908           61536             99oo
1909           75826            9317
1910           93S69           14636
1911           101351            18201
1912          12o446            19696
1913          146957           35365
1914          130234           10592
1915          191943           53370
1916         274867           73299
1917         362969           134253
 
Wenn auch die Aufträge der Zivilbevölkerung weiter ausgeführt wurden ( das Filialnetz blieb ja bestehen ), so müssen es doch vor allem große Mengen von Uniformen gewesen sein, die da durch den Betrieb gegangen sind, Mengen, die in den bisherigen Räumen gar nicht zu bearbeiten waren. So wurde wieder gebaut : Auf der Grenze nach Süden am Kleinbahndamm ein zweistöckiges massives Gebäude,  unten mit Waschmaschinen,  Schleudern u.s.w. , -  oben Lagerräume, daneben in einem alten ( schon vorhandenen ) Schuppen stand ein zweiter Dampfkessel zur Versorgung mit Kraft und Wärme. - Ich war damals noch so klein, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, diesen Betriebsteil in Funktion erlebt zu haben, außer daß ich einmal mit meiner Mutter auf dem Boden war, wo sie Uniformteile zählen, bündeln und verladen mußte. ( Später waren in dem Maus oben 3 Wohnungen für unsere Leute, unten die Abt. Naßwäsche - Wäscherei / Hedwig Pirk ). Auch kann ich mich an den alten 2. Kessel erinnern, der nach Kriegsende außer Betrieb war und schließlich verschrottet wurde.
 
Für das Jahr 1918 liegen leider keine Zahlen mehr vor, doch geht aus Lutz' Briefen hervor,  daß die Firma J.H. Wagner für 1917 und für 1918 mit großen Steuerzahlungen rechnete. Aber natürlich hörten mit Kriegsende die Militärlieferungen auf und damit die großen Umsätze und Gewinne.

Die Schwierigkeiten bei der Materiallieferung blieben noch lange Zeit bestehen, vor allem auch mit Kohle. Großvater ( als Stadtrat ) kannte gut den Direktor der Städtischen Gasanstalt.  Beide taten sich zusammen ( d.h. J.H. Wagner und die Stadt ) und kauften in der Tucheler Heide ein Bergwerk ( es muß im Frühjahr 1919 gewesen sein ), eine abgeteufte kleine Braunkohlengrube.  Mein Vater ist mit hingefahren und hat sich das angesehen, worauf die Firma J.H. Wagner ihre Anteile schnell wieder verkauft hat :  Die dort geförderte Braunkohle war nur ein besserer Torf und in unserem Dampfkessel überhaupt nicht zu verfeuern, wie sich nach einem Versuch herausstellte. Aber Vater war sehr angetan von der schönen Gegend und er brachte eine große Tüte herrlicher weißer Weizenbrötchen mit - dazu  " Grasbutter " ! ( was so eindrucksvoll war, daß ich es heute  nach 65 Jahren noch weiß. )  - Der tüchtige Gaswerksdirektor löste das Kohleproblem schließlich auf andere Art : Er fuhr nach OS und verhandelte dort an Ort und Stelle mit den Verladesteigern abends so nachdrücklich, daß die Lieferschwierigkeiten aufhörten !

All die täglichen Probleme, so bedrängend sie auch im Augenblick sein mochten, bedeuteten nichts vor der sich für uns
Deutsche so verhängnisvoll anbahnenden politischen Entwicklung. Es entstand - mit Billigung und Förderung der Siegermächte - der Staat Polen, wobei große Teile der bis dahin deutschen Ostgebiete diesen zugeschlagen wurden : So blieben von der ganzen Provinz Westpreußen östlich der Weichsel nur die Kreise Marienwerder, Rosenberg, Stuhm, Marienburg und Elbing deutsch, die nun als Regierungsbezirk Westpreußen zur Provinz Ostpreußen traten.  Danzig wurde Freistaat unter einem Völkerbundskommissar, innenpolitisch weitgehend autonom mit eigener Währung ( Danziger Gulden ), außenpolitisch sowie in einigen wesentlichen Funktionen wie Zoll, Bahn, Post direkt von Polen abhängig.

Marienwerder war der deutsche Eckpfeiler im Südwesten der Provinz : Nach  Westen war die polnische Grenze 5 km weit entfernt nach Süden 12 km. Wenn man auf der Karte um Marienwerder als Mittelpunkt einen Kreis schlug, so war jetzt nach dem " Vertrag von Versailles " ( bei uns nie anders als : " Diktat von Versailles " ) drei Viertel dieses Gebietes polnisch. Damit verlor die Firma J. H. Wagner von einem Tag auf den anderen 13 Filialen, darunter die besten mit den größten Umsätzen ! Leider gibt es für die Jahre nach dem Kriege keinerlei Zahlen mehr,  die Umsätze müssen gewaltig zusammengestürzt sein.

Nach dem " Zweitfrühstück " kam immer die Post.  Nach der Durchsicht die Lagebesprechung.  Ich erinnere mich als kleiner Junge einmal dabei gewesen zu sein ( oben in Großvaters Wohnung ). Onkel Hermann schließlich : " Was sollen wir nur machen ? Wir haben die Räume, wir haben die Maschinen. Sollen wir Seife kochen wie Gucziewski ?"  ( Ein windiger Fabrikant am Liedertor . . . . )  

Zunächst einmal verlängerte L. Wagner 1918 nicht die Pacht für die Wäscherei ( die bei Elmerings nie sonderlich gut gegangen war ) und übernahm sie in eigene Regie.  Sodann wurde in Marienburg ein Laden eröffnet ( vor oder nach 1923 ? ) der bald der wichtigste von allen wurde.

Der Verkehr  zwischen  der einzelnen Filialen und dem Betrieb in Marienwerder war umständlich,  arbeitsaufwendig und teuer : Die Läden packten die zum Färben oder Reinigen angenommenen Kleidungsstücke bei  einzelnen Teilen  in Postpakete,  meist aber in aus Weiden geflochtenen verschließbare Deckelkörbe  ( so etwa 180 x 60 x 40  cm ) , ließen sie vom Spediteur zur Bahn  bringen und als Eilgut nach Marienwerder schicken.  Hier holte sie unser Kutscher mit dem Rollwagen von der Bahn ab und brachte sie in den Betrieb. Nach  der Bearbeitung erfolgte auf dieselbe Weise der Rücktransport.Nach heutigen Verhältnissen  einfach unvorstellbar.
 

Glücklicher Weise blieben die Läden im Freistaat Danzig erhalten ( Liegenhof, Danzig I u. II, später III ( Langfuhr ). Doch war hier das Transportproblem noch komplizierter, weil zusätzlich noch der Zoll eingeschaltet war : Zwar brauchten wir für die zu bearbeitenden Sachen keinen Zoll zu zahlen  ( " zollfreier Veredelungsverkehr " ) aber die Zöllner mußten Ein- und Ausfuhr bescheinigen, einmal bei der Einreise, dann wieder bei der Ausreise. ( Um den Herren den Dienst etwas angenehmer zu gestalten, stand unter ihrem Pult in der Expedition eine Kiste Zigarren, die  sogenannten " Zollzigarren " ).

Die Firma schrumpfte sich zurecht,  versuchte das stark verkleinerte Einzugsgebiet um so intensiver zu bearbeiten. Da das Ladennetz bestand, versuchte man es mit zusätzlichem Verkauf, zunächst von : Seife  ( Dreiring-Krefeld ),  dann von Minderstrümpfen ( Drei-Kugel, Bischof und Rodatz)  -  aber obwohl gute Ware, wollte beides nicht so recht laufen. 

Dies war die innerbetriebliche Entwicklung unserer kleinen Firma , überschattet von den  gesamtdeutschen Verhältnissen : Nach dem verlorenen Krieg folgte der Vertrag von Versailles, damit u.a. die Abtretung der Ostgebiete  an Polen sowie Reparationen unbekannten Ausmaßes, die wiederum den Verfall unserer Währung nach sich zogen. So kam die Inflation über uns, langsam einsetzend,  aber dann lawinenartig anschwellend und alles an Geldvermögen verschlingend, was Generationen in fleißiger und geduldiger Arbeit erworben hatten. 

Für J. H. Wagner war es ein großes Glück, daß die Läden im Freistatt Danzig weiter bestehen bleiben konnten : Die Danziger Währung war zwar auch von der Inflation erfaßt, aber dank der Stützung durch die Bank von England schneller und besser damit fertig geworden - der Gulden war also stabil - und für uns harte Devisen ( soweit ich weiß etwa 1 Jahr vor der Rentenmark ).  Die Landbevölkerung war mit der Geldentwertung verhältnismäßig günstig dran, sie produzierte Werte,  1 Zentner Kartoffeln blieb 1 Zentner Kartoffeln !

Da kam man dann bei J.H. Wagner auf den Gedanken, Rohwolle anzunehmen und dafür Fertigware, zunächst Strümpfe, zurückzuliefern. Also Tausch unter Umgehung des inzwischen fast wertlosen Geldes. Und woher die Strümpfe ? Wollten sie selber produzieren !  In Chemnitz gab es eine Wirkschule, wohin meine Mutter Margarete Poltrock fuhr, um Maschinenstricken zu lernen, sie wohnte bei ihrem Bruder Fritz.  Für die letzten 14 Tage fuhr auch Victor Poltrock hin, um sich mit den Maschinen vertraut zu machen. ( Wir Kinder wurden derweil bei den Großeltern abgegeben. ( Friedrich, Ulla, Hanna ) 

Nach Rückkehr wurden für die Umschulung 3 Mädchen ausgesucht, die nun ihrerseits von Mutter das Maschinenstricken beigebracht bekamen. Versuchte man am Anfang Strümpfe zu stricken und zu tauschen, so stellte sich bald heraus, daß die Bevölkerung viel lieber Pullover und Strickjacken abnahm.

So lief es recht gut an : Rohwolle wurde angenommen, zur Kammgarnspinnerei Döring nach Bartenstein geschickt. Von dort bekamen wir Garne zurück. Diese wurden in der Färberei J.H. Wagner wunderschön gefärbt, aufgespult, und in der Strickerei verstrickt.  Die gestrickten Teile kamen in die Näherei, wurden zugeschnitten und zusammengenäht, Taschen, und Blenden aufgesetzt, Knopflöcher hergestellt und Knöpfe angenäht.

Die Strickerei war inzwischen eine eigene Firma : Poltrock & Wagner ( Margarete Poltrock, Victor Poltrock, Hermann Wagner), die Geld verdiente. Die Färberei J.H. Wagner wusch und färbte die Garne und ihre Läden verkauften die Strickwaren - so hatte auch sie ihren Anteil am Erfolg. 

Parallel dazu verlief die Entwicklung der Abt. Wäscherei. Obwohl ein der Chemischen Reinigung verwandtes Gebiet, hatte sie doch maschinell und verfahrensmäßig ganz andere Grundlagen. Eigentlich begannen sich die großen gewerblichen Wäschereien in Deutschland erst zu entwickeln. - Ihre Waschverfahren waren zunächst noch empirisch ohne wissenschaftliche Grundlage.

Als J.H. Wagner also 1918 von Elmerings die Wäscherei übernahm, dieses unbeliebte Stiefkind, kümmerte sich Victor Poltrock darum, der sich nun in das ihm zunächst fremde Gebiet einarbeitete. Er besuchte ein oder zwei Wäscher-Verbandstage " im Reich ", kaufte 1 kleine und 2 größere gebrauchte Waschmaschinen und 1 Schleuder dazu, sodaß man schon von Wäscherei sprechen konnte. 

Gewaschen wurde damals nach dem sogenannten " Bretschneider-Verfahren " , das davon ausging, den Schmutz bereits in der Anfangsphase des Waschvorgangs durch eine extrem hohe Alkalikonzentration ( Soda ) bei Temperaturen bis 35 Grad  C zu lösen. 

Was kam damals eigentlich an Wäsche-Aufträgen ? - Vor allem einmal die " Feinwäsche ", d.h. Oberhemden und Kragen, Manschetten u.s.w.  Was gab es nicht alles alleine an Herren-Kragen : Stehkragen, Eckenkragen, Stehumlegekragen,  Sportkragen ( halbsteif ). Die Stehumlegekragen mußten " hohl " gebügelt sein, damit man die Krawatte beim Binden hin und her ziehen konnte.  Auf Wunsch konnte jeder Kunde seine Kragen und/oder Manschetten weich, halbsteif oder steif erhalten......   Die Kragenabteilung wurde bald das  Glanzstück der Firma. Unter dem Slogan " Kragen zu Wagner " verteilten wir an Hotels, Cafes, Konditoreien, Restaurants Millionen von Tassendeckchen ( unter Kaffeetassen oder Biergläser), für die wir bei Melitta - Minden einen großen Abschluß hatten. " Wir kamen in diesen Zeiten auf über 500.000 Stück Kragen im Jahr !  Für gute und sorgfältige Arbeit auf diesem Gebiet waren wir in der ganzen Provinz bekannt. Wir hatten im hintersten Ostpreußen Kunden - Gutsbesitzer - ,  von denen wir 1-2 mal jährlich ein Fäßchen bekamen, Inhalt : 100 - 150 Kragen + Manschetten !  Dagegen war anfangs das Aufkommen an Haushaltswäsche verhältnismäßig gering. Aber gerade dafür wurde nun hauptsächlich geworben : Gewichtswäsche !

15 Pfund Naßwäsche         M. 2,70
15 Pfund Mangelwäsche    M. 4,20

Es dauerte lange, bis sich die Gewichtswäsche durchsetzte, aber das brachte dann die Mengen, die die Waschmaschinen und die großen Mangeln brauchten.

Am Anfang fehlten dazu alle Voraussetzungen : Elmerings hatten mit Leitungswasser ( von der Stadt ) gewaschen, was sehr hart ( Kalkablagerungen ) und teuer war. Nach und nach ( bis 1925 ) wurde die Wasserversorgung des Betriebes so eingerichtet, daß das Rohwasser der Liebe entnommen wurde, die ja hinten am Garten vorbeifloß. Dieses Flußwasser war natürlich sehr unterschiedlich, an guten Tagen fast klar, konnte es nach Gewittern oder schweren Regenfällen richtig lehmig sein. Daher wurde bei dem Neubau der Wäscherei ( 1925  ? ) unter der Wäscherei-Expedition ( sozusagen im Keller) ein großes Becken mit ca. 200 cbm Fassungsvermögen angelegt, in dem sich der größte Teil der Sinkstoffe absetzen konnte, am Schluß war ein Überlauf in eine kleinere Kammer, von der aus dieses Rohwasser durch Kiesfilter in die Hochbehälter im 3. Stock des Fabrikgebäudes ( hinter Dämpferei / Gard.-Spannrahmen ) gepumpt wurde. Von hier aus wurde ein Teil so verwendet ( Färberei und Naßwäscherei ), der für die Weißwäscherei bestimmte Teil durchlief noch die Wasserenthärtung, sodaß zum Waschen der Weißwäsche klares, weiches Wasser zur Verfügung stand.  Dazu notwendig war das Pumpenhaus, das den Abschluß des Wäschereigebäudes bildete und fast bis an die Liebe reichte.  Hier beförderten mehrere starke Pumpen das Wasser aus der Liebe in das Klärbecken, dann nach dem Überlauf in die Hochbehälter. 

Der Antrieb aller Maschinen erfolgte damals über eine Transmission, die von der Dampfmaschine angetrieben wurde ( siehe Foto ! ), in Richtung Kehrwiederstraße ( Osten ) zur Naßwäscherei -Färberei - Benzinwäscherei, - in Richtung Westen zur Liebe hin über Weißwäscherei - Mangelsaal - bis hin zum Pumpenhaus. Die Transmission ( 72 Umdr./Min. ) war sicher 60 - 7o m lang.  Mein Vater hat immer wieder die gute und gewissenhafte Arbeit der BAMAG - Monteure gelobt, die diese unglaublich lange Welle so hervorragend gelagert hatten, daß sie anstandslos und ohne große Kraftverluste durch all die verschiedenen Gebäudeteile lief. Aber vor der Dampfmaschine kommt ja wohl erst der Dampfkessel ! Man kann ihn, oder doch seine Feuerungstür auf den Foto bewundern ( der Mann daneben mit dem herrlichen Bart war der Heizer Klein - hier nur eine seiner Geschienten :
Sonnabend gab es Geld und damit blieb er in einer der Kneipen am Niedertor hängen. Hinterher schien es ihm wenig ratsam, in diesem Zustand nach Hause zu gehen, er wohnte auf "Marjenau" ( in Marienau ).  Also zurück in die Firma, schnappte sich ein paar Säcke und schlief oben auf dem Dampfkessel, wo es ja schön wärm war, seinen Rausch aus. Im Morgengrauen ist er dann aber doch nach Hause gegangen. Er mußte durch's Küchenfenster einsteigen, weil seine Frau ihn ausgesperrt hatte;  da in der Küche stand nun eine Schüssel Klopse für Sonntag Mittag, an denen er sich erstmal stärkte. - Er hat dann keinen sehr fröhlichen Sonntag gehabt. - Am Montag kam seine Frau zornentbrannt zum Großvater .... Nach ihrem Abzug stellte nun Großvater  Klein zur Rede.  " Aber Herr Wagner, die Klopse ...das war ja man das reine Brot ! "  

Der Kessel war ein Einflammrohr-Kessel von etwa 28 qm Heizfläche, der nach dem Kriege durch den Einbau einer Röhrenbatterie in dem 1. Zug auf etwa 35 qm Heizfläche vergrößert wurde. Außerdem erhielt er eine Wurffeuerungsanlage, die die Feuerung automatisch beschickte. Der Schornstein, der die Rauchgase abführte, war aus eisernen Rohren zusammengenietet und stand in der Nähe des großen alten Kastanienbaumes - Schaukel und Reckstange. - Die Vergrößerung der Leistung des Kessels wurde notwendig, da die Wäscherei für Waschmaschinen und Muldenmangel viel Dampf brauchte. 

Die Waschmaschinen waren zunächst alle direkt beheizt, d.h. der Dampf blies in die Waschflotte und heizte sie so auf - ähnlich wie in der Färberei die Farbbäder. Doch hatten wir dadurch in der Wäsche immer wieder Rostflecken, entstanden durch  aus den Dampfleitungen bei der hohen Strömungsgeschwindigkeit mitgerissene Rostteilchen. Daher wurden die Waschmaschinen eine nach der anderen umgebaut auf indirekte Heizung ( der Dampf ging nur noch durch eine Rohrschlange ), die Wasserleitungen wurden alle in Kupfer verlegt, die Hochbassins wurden innen alle mit Kupfer ausgekleidet. Von da ab gab es keine Rostflecken mehr !  Aber es bedurfte vieler Arbeit  und verursachte viele Kosten bis dieses Ziel erreicht war. 

Zu Großvaters Zeiten vor dem 1. Weltkrieg wurden die meisten der anfallenden Reparaturen vom " alten Leinbaum " gemacht, einem Schlosser, der schräg gegenüber in der Kehrwiederstraße in seiner kleinen murksigen Werkstatt saß , - und so war denn auch alles : mehr schlecht als recht.  Großvater und auch Hermann Wagner waren hervorragende Fachleute auf ihren Gebiet, doch technische Fragen lagen ihnen nicht sonderlich.  Meinen Vater, Victor Poltrock, dagegen interessierten diese Dinge, er war von Hause aus handwerklich geschickt und mit technischer Phantasie begabt. Er kümmerte sich um die " Werkstatt ",  ja sie wuchs ihm sozusagen zu und wurde seine eigentliche Domäne. 

Anfang 1914 hatte er als Heizer und Masch.-Schlosser : August Marquard angestellt, einen geschickten und tüchtigen Mann, der vorher am Bau der Münsterwalder Brücke und später in der Zuckerfabrik gearbeitet hatte. Als dieser nun nach Kriegsende wiederkam, begann bald eine fruchtbare Zusammenarbeit : An technischen Ideen hat es meinem Vater sein Leben lang nicht gefehlt. Auf dem Hof, dem Kessel gegenüber, stand eine Feldschmiede und in einen bescheidenen Raum neben dem Kesselhaus bald eine kleine Drehbank - und von da ab wurden alle Reparaturen, wenn nur irgend möglich, in eigener Regie gemacht. ( So der Umbau der Waschmaschinen u.s.w. ) Dazu kamen Auf- oder Umstellungen von Maschinen und das Verlegen von Rohrleitungen ( alle in Schraubverbindung, sehr sparsam mit dem Einsatz von Verschraubungen, da so teuer ).  " Der Marquard, der kann alles. " Wir Jungen trauten es ihm jedenfalls zu und waren oft in seinem Umkreis zu finden. 

Sein Gehilfe - obwohl nur ungelernter Arbeiter - wurde Erich Paul, auch so ein wirkliches Faktotum, der alles wußte und das meiste konnte : mauern, malern, den Kessel heizen, als Handlanger bei allen Reparaturen, an der Zentralheizung, auf den Dächern, an den Fenstern, im Herbst - beim Äpfelpflücken u.s.w.  Seine Leidenschaft war das Angeln, wo es denn auch für ihn keine ( moralischen )  Grenzen gab.  Wir Jungens rechneten ihn - nicht zu unrecht - zu den Fisch-Wilddieben. 

Die Werkstatt entwickelte sich : Otto Pörschke wurde Heizer. Er kam auf Empfehlung von Onkel Bruno Fenske vom Überlandwerk, ebenso wie Otto Tranke, unser späterer Kfz.-Meister. 

Auf den alten Briefköpfen wird die Firma als " Chemische Waschanstalt " bezeichnet und auch Großvater Ludwig Wagner nenn diesen Begriff, den ich im folgenden erläutern möchte :

In der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, daß man mit Benzin verhältnismäßig schnell und einfach Fettflecken entfernen kann. Die Färbereien, denen durch die Textilindustrie ihre bisherigen Aufträge verloren gegangen waren, gliederten sich, um überleben zu können, möglichst schnell eine " Chemische Waschanstalt " an,  d.h. sie wuschen die ihnen von ihrer Kundschaft zum Reinigen übergebene Garderobe in Benzin. 

Ein eigentlicher chemischer Prozeß fand dabei überhaupt nicht statt, aber indem man diese Neuentwicklung " Chemische Waschanstalt " nannte, spannte man die Chemie, diese so überaus erfolgreiche und entwicklungsträchtige Wissenschaft vor den eigenen Wagen.  So heißt unser Gewerbe richtiger in England " Drycleaning " - und in Frankreich " Nettojage à sec " - Trockenreinigung, weil  die  Faser im Gegensatz zur Wäsche mit Wasser trocken bleibt und nicht quillt. So bleiben Appretur und Ausrüstung weitgehend erhalten und auch die Farben verändern sich nicht.

Das sind die großen Vorteile der " chemischen Reinigung ", nur leider löst das Benzin eben nur die Fettflecken ( mineralische ), die tierischen Fette bedingt restlos nur dann, wenn sie ganz frisch und noch nicht durch die Luft oxydiert sind.  Alle anderen Verschmutzungen müssen nachgearbeitet, d.h. entfleckt werden bzw. naßgewaschen werden. Diese schwierige und verantwortungsvolle Tätigkeit heißt heute noch detachieren und die Abteilung Detachur ( aus dem Französischen,  détacher = entflecken ).  Man hat zwar versucht den Reinigungseffekt durch Zugabe von "Benzinseifen" zu erhöben, doch ist damit leider nichts Wesentliches erreicht worden.  Viele - die meisten der zu reinigenden Teile mußten naß nachbehandelt werden, d.h. von Hand mit einer Bürste in Wasser und Seife gewaschen werden, um alle wasserlöslichen Verschmutzungen zu beseitigen. ( Danach spülen, schleudern, im Trockenraum aufhängen, nach Trocknung wieder abnehmen, dämpfen und bügeln - ein Programm, das lange dauerte und viel kostete ).
Das zur Reinigung verwendete Leichtbenzin war sehr flüchtig und verdunstete schnell.  Das dabei entstehende Benzin-Luftgemisch ist explosiv. So bestanden für alle Chemischen Reinigungen strenge Vorschriften der Baupolizei und der Gewerbeaufsicht : Die Räume durften nur ebenerdig, einstöckig mit einem leichten Dach versehen sein, mußten eiserne Türen und Fenster haben u.s.w. 

Beim Reinigen von Wolle und Seide entstand durch die Reibung in der Trommel Reibungselektrizität, die Maschinen waren zwar alle geerdet, aber wie weit würde das Benzin als absoluter Nichtleiter diese Reibungselektrizität ableiten ?

In Marienwerder hatten die Fenster der Benzinwäscherei eiserne Läden, die durch Drahtseile von außen zugezogen werden konnten, ebenso die Türen. Darüber hinaus ging eine Dampfleitung großen Querschnitts ( 3“ ) vom Kessel direkt in den Raum,  wodurch im Fall einer Explosion oder eines Brandes der ganze Raum im Augenblick voller Sattdampf geblasen werden konnte, der jeden Brand ersticken mußte. 

Wie wichtig alle diese Vorkehrungen waren, zeigte sich bei den beiden Benzinbränden, die ich erlebt habe :

Der 1. ereignete sich in dem besonders kalten Winter 1929. Zufällig war ich bei Peter Wagner, aber als wir ans Fenster stürzten, sahen wir nichts mehr von den Flammen sondern nur noch die abziehende Qualmwolke - so gut hatte die Löschvorrichtung funktioniert ! 

Auch der 2. Brand wurde schnell gelöscht ( Winter. 1932 ? ) doch erlitt in diesem Fall der Benzinwäscher unglücklicherweise so starke Verbrennungen, daß  er verstarb. 

Wie kam es, daß beide Brände im Winter sich  ereigneten ? Das verbrauchte, schmutzige Benzin wird um es wieder verwenden zu können, mit Frischdampf destilliert, wobei im Destillat Spuren von Wasser enthalten bleiben,  die die Reibungselektrizität ableiten, können.  In beiden kalten Wintern werden diese geringen Wasserspuren ausgefroren sein, so daß die Reibungselektrizität nicht hat abfließen können. ( So etwa lauteten die abschließenden Berichte der Berufsgenossenschaft, Gewerbepolizei u.s.w. )Als Folge hiervon  bestand in späteren  Jahren bei uns die Vorschrift, daß die Benzinbäder bei jeder Reinigung einen wesentlichen Anteil frisch-destillierten Benzins enthalten mußten. 

Das Arbeitsverfahren  im Ganzen hatte sich in den 40 Jahren seit Großvaters Beginn kaum verändert :  In der Benzinwäscherei wurde in den Waschmaschinen die Holztrommel gereinigt, das  Benzin durch einen Filter gepumpt, um es von mechanischen Verunreinigungen zu befreien, schließlich, wenn es zu dunkel wurde, ausdestilliert.

Die  Detachur  ( nach dem Ausdunsten ) erfolgte  mit Bürste und Pinsel und Schwamm sowie einem Lederlappen, um die nassen Stellen möglichst trocken zu bekommen. Als Mittel dazu: Marseiller Seife ( eine neutrale Olivenöl-Seife, die in der gesamten Textilindustrie verwendet wurde ), Salmiakgeist, Essigsäure, Oxalsäure. Man kann sich  leicht vorstellen, wie schwierig es war, unter diesen Bedingungen  einen Fleck " randlos " zu beseitigen....  Das Bügeln erfolgte von und mit gasbeheizten Bügeleisen. ( 2-Schlauchsystem ) Die  erste wichtige Neuerung, die mein Vater um 1910 einführte, war das Akkord-System in der Plätterei ( gegen die Vorstellungen von Großmutter Susanne ). 

1926 wurde der 1. Lieferwagen  angeschafft, ein Brennabor 8/38 in blauer Lackierung  ( etwa kornblumenblau ) mit goldener Beschriftung - mit großem geschlossenem Aufbau und Doppeltüren. Wir holten ihn direkt vom Werk aus Brandenburg / Havel. Da der Wagen ja eingefahren werden mußte, wird er wohl 2 - 3 Tage bis Marienwerder ( durch den Korridor ) gebraucht haben. Die Wagner-Vettern waren in der Zeit an der See, so hatte ich das Glück, die 1. Fahrt nach Marienburg mitmachen zu dürfen. Obwohl Juli, fror ich erbärmlich im Fahrtwind, da der halbe Türen hatte. ( Heute wundert man sich, daß so etwas überhaupt geliefert wurde ! ). Bei den 25 - 3o km/h brauchten wir unsere Zeit bis Marienburg, aber es war eine Erkenntnis dieser Weise für mich, daß man fremde Städte auch über Landstraßen erreichen konnte, nicht nur mit der Eisenbahn.  

Im Jahr darauf folgte dann der 2. Lieferwagen, ein Hansa-Lloyd, ähnlich in der Aufmachung ( blau und geschlossener Lastenaufbau ), aber größer und leistungsfähiger. Er fuhr nach Elbing - Pr. Holland, bzw. Riesenburg - Dt. Eylau -Osterode.  Mit den regelmäßig verkehrenden Lieferwagen konnten wir nun auch Haushaltswäschen ( Gewichtswäschen ) bearbeiten, die in den Filialen angenommen waren, was bisher an den Versandkosten gescheitert war. 

Als – vorläufig - letzte Filiale wurde ein Laden in Allenstein eingerichtet, doch war die Entfernung dahin so groß, daß er nicht von den Lieferwagen bedient wurde.  Er schickte und bekam seine Sendungen mit der Bahn ( wie früher alle Filialen ).

Im Juni 1927 starb Großvater Ludwig Wagner.  Die beiden übrigen Gesellschafter Hermann Wagner und Victor Poltrock führten die Firma J. H. Wagner weiter fort.

In dieser Zeit wurde eine wichtige Entscheidung notwendig.  Die betraf die Strickerei, die sich ja seit 1922 hervorragend entwickelt hatte und der es wohl überhaupt zu verdanken war, daß die alte Firma J.H. Wagner Krieg und Inflation überlebt hatte. Längst hatte die Strickerei sich aus den primitiven Anfängen zu einem leistungsfähigen Betrieb gewandelt, der gute und qualitativ hochwertige Strickkleidung herstellte. ( Anleitung und Leitung : Frau  Breithaupt aus Chemnitz, die mehrere Male für 3 - 4 Monate nach Marienwerder kam und dann bei uns in der Kniebergstraße in unserem "Gästezimmer" hauste ( einer schrägen Dachkammer ).

Inzwischen wurde nicht mehr die dicke, harte Landwolle verarbeitet, sondern schöne weiche, dünne Merinogarne, die natürlich auch wieder andere, bessere Strickmaschinen mit feineren Nadelbetten und breiteren Schlitten erforderten.  Die Rohgarne ( von der Kammgarnspinnerei Döring, Bartenstein ) wurden im Strang gewaschen und gefärbt und danach auf der Spulmaschine auf Holzspulen ( von Marquard in der Werkstatt gedrechselt ...) umgespult. Stundenlang konnte ich da bei Frau Albrecht zukucken, wie die bunten Garne auf die immer dicker werdenden Spulen aufliefen ...

Es mögen etwa 8 Strickerinnen gewesen sein, die in der ehemaligen Expedition wirkten, dort waren die besten Lichtverhältnisse ( Oberlicht ). Die Näherei war in der Detachur, eine Treppe höher, mit untergebracht.  Dazu gehörten eine Reihe teurer Spezialmaschinen zum Schneiden der Strickteile, zum Abketteln, zum überwendlich zusammennähen, für Knopflöcher u.s.w. ( alle von Singer –USA ).

In der letzten Zeit wurden vor allem Kinder- und Damenstrickkleidung auf Bestellung gearbeitet, für die die Kunden sich Größe, und Farben bzw. Farbzusammenstellung aussuchen konnten.  So war es möglich Kragen, Manschetten, Taschenpatten, Knopfleisten in einer anderen, zweiten Farbe zu bestellen. Es sind da ganz verrückte, knallige Zusammenstellungen vorgekommen, so erinnere ich mich z.B. an Jacken in grasgrün / orange !

Die Färbereiabteilung hatte durch Färben der Wollgarne gut zu tun.  Die Garnstränge wurden zunächst gewaschen ( um sie zu entfetten ) und dann in einer großen, innen mit Kupfer ausgeschlagenen Kufe ( von Marquard gebaut ! ) sauer gefärbt - mit den schönsten Wollfarbstoffen der I.G. Farben in hervorragenden Echtheiten. ( Alizarine, Anthralane,  u.s.w., u.s.w. ) 

Doch so um 1927 (?) herum war der große Bedarf der Bevölkerung an dieser Art Bekleidung gedeckt, sie wurde weniger verlangt.  Die Kunden fragten nun allmählich nach modisch gemusterten Wirkwaren, doch die konnten wir nicht herstellen. Dazu gehörten große, sehr teure Jaquard-Maschinen, für deren Anschaffung das Kapital nicht reichte. So entschloß sich mein Vater ( sicher schweren Herzens ) dazu, die Strickerei aufzulösen, die Maschinen und das Material zu verkaufen und das freiwerdende Kapital " in den Betrieb " zu stecken, wo viele Vorhaben warteten. 

Die Wäscherei vor allem war, was den Raum anbelangte, am Rande ihrer Kapazität. (  1928 ? )  Durch die Lieferwagen kamen jetzt so viel Aufträge, daß erweitert werden mußte. Das war bei den Grundstücksverhältnissen nur möglich durch Aufstocken des bisherigen Gebäudes. Die Baupläne hierzu kamen von Friedrich Wagner-Poltrock und auch die Bauaufsicht : Architekt Wolfgang Scharre. Das ganze Vorhaben wurde generalstabsmäßig geplant, jeder wußte, wann wer was zu tun hatte. Denn der Betrieb, d.h. die Wäscherei, mußte nach 14 Tagen wieder arbeiten !  Länger konnten wir die Kunden nicht warten lassen !     

Da Fundamente und Grundmauern nicht ausreichten, um das neue Stockwerk zu tragen, wurden sie durch tief gegründete Strebepfeiler verstärkt, das alte Dach abgerissen, eine massive Decke gegossen, dann wurden die Mauern des neuen Stockwerks hochgezogen und das neue Dach aufgesetzt. Das war die Aufgabe der Baufirmen unter Scharres Regie. Die " Werkstatt ", d.h. unsere eigenen Leute, mußten die Plätterei mit dem Kragentisch, den Pressrotoren, den Plättbrettern  u.s.w. oben in den neuen Räumen installieren, und unten an der neuen, massiven Decke die Transmission mit all ihren einzelnen Lagern wieder anbringen, damit die Pumpen arbeiten konnten, die das Wasser für die Wäscherei förderten. Ich war damals viel zu klein, um begreifen zu können, was sich da in den 14 Tagen abgespielt hat, - heute kann ich es beurteilen. Vater war des Lobes voll über Scharre, der den Bau auf die Minute pünktlich hinbrachte, und auch die ( junge ) Baufirma und ihr Leiter hatten seitdem einen Stein im Brett bei ihm : Thuiskon ( ! ) Baier und seine Produktiv - Hoch + Tiefbau. 

Jedenfalls hatte die Wäscherei nun viel Platz – und konnte arbeiten. Nach oben zog wie schon gesagt die Plätterei mit der Kragenabteilung und den Pressrotoren, die Zählerei, in der alle Aufträge gezählt und gezeichnet ( gestempelt ) wurden, erhielt einen eigenen Fahrstuhl, die Näherei und die Büros.

Jetzt endlich gab es ein Büro, für die Chefs, wo auch mal 4 - 5  Leute am runden Tisch sitzen konnten, was in dem alten Glaskasten in der Färberei ja überhaupt nicht möglich war ( da hatten Vater und Onkel Hermann je einen Schreibtischplatz, dazu ein kleiner Stuhl in der Ecke und womöglich noch 2 Stehplätze, doch war es dann schon schwierig, die Tür zuzumachen. ( Aber dahin kamen all die Leute, die nach Arbeit fragten : " Herr Wagner, kann ich bei Sie arbeiten ?" Dann kuckte Onkel Hermann erstmal über die Brille,  nahm sein dickes Oktavheft und trug ein : Name, Wohnung, evang.- kath.? wobei ein polnischer Name und katholisch schon ein negatives Vorzeichen waren. Als nächstes kam die Frage : " Was ist der Vater ? " - wobei es immer gut war, wenn er Handwerker war - ''Arbeiter " oder " bei die Maurers " ( also Handlanger ), galt schon weniger.        .

Es ist für mich schwer, heute nach fast 60 Jahren aus der Erinnerung heraus den zeitlichen Ablauf der Entwicklung aufzuzeichnen - Irrtümer sind da nicht auszuschließen  - doch im Großen und Ganzen wird es sicher stimmen. 

Um diese Zeit herum ( Nach der Aufstockung der Wäscherei ) wird auch die erste große Muldenmangel von E & F / Bremen angeschafft worden sein. ( Vorher lief die Mangelwäsche, soweit ich mich erinnern kann, durch einen alten Poensgen-Kalander, noch aus Elmeringscher Zeit ? Jedenfalls waren Leistung und Ausfall unzureichend ).        

Die Muldenmangel mit einer Arbeitsbreite von 4000 mm, Walzendurchmesser 800 mm schaffte natürlich erheblich mehr bei einem wesentlich besseren Ausfall der Mangelwäsche.  Die geschleuderte, noch feuchte Wäsche wurde zunächst ausgeschlagen und sortiert ( Tischtücher, Laken, Bezüge, Kopfkissen, Handtücher u.s.w. )  Dann wurde die Wäsche " durchgelassen ", d.h. auf der Eingabeseite standen meist 5 Mädchen, die die Teile anlegten und darauf achteten, daß die Stücke möglichst glatt und nicht verzogen durch die Mangel liefen.  Auf der anderen Seite waren 3 Mädchen beschäftigt, die gemangelten Teile abzunehmen.  Auf großen Tischen und Regalen wurden sie dann zusammengelegt und postenweise sortiert ( nach den verschiedenen  Wäschestempeln, so war z.B. unser Stempel-Kennzeichen P 28,  Wagners hatten W 11 ). 

Inzwischen hatte sich der Fuhrpark weiter vergrößert : Es war dazugekommen ein Personenwagen  ( eine dunkelgrüne Adler-Limousine, 4-türig, 10/55 Sechszylinder,60 – 65  km schnell ), und ein weiterer ( dritter ) Lieferwagen, wieder ein Brennabor, aber ein  " Schnelläufer ", der bis zu 85 km/Std. schaffte und meist auf der Strecke nach Danzig eingesetzt wurde. 

Um die Fahrzeuge alle unterbringen zu können, erwarb die Firma ein Grundstück jenseits der Liebe, über die nun eine stabile Brücke gebaut wurde, und hier entstanden drei große Doppelgaragen mit eigener Zentralheizung ( was bei unseren östlichen Wintern ja kein Luxus war, sondern eine Notwendigkeit ) 

Verantwortlich für den ganzen Kfz-Bereich, für Einsatzbereitschaft und notwendige Reparaturen war Otto Franke, der zunächst als Fahrer zu uns gekommen ( vom Überlandwerk ) war. Er war ein Mann, der nie viel redete, aber wenn er was sagte, dann hatte das Hand und Fuß !  Seiner stetigen, treuen, zuverlässigen Arbeit war es zu verdanken, daß die Wagen der Firma J.H. Wagner jeden Tag fuhren - pünktlich und zuverlässig wie die Reichsbahn !  

Er hat zum Schluß,  im Januar 1945 die Familien Wagner und Poltrock mit dem Lieferwagen nach Westen gebracht ( Konitz, Schneidemühl ? ) bis zu noch funktionierenden Bahnhöfen, von wo aus sie weiter kommen konnten. Nach Rückkehr fand er unterwegs Vater, Onkel Hermann, Jochen und noch viele andere Marienwerderer Freunde. Allen gelang die abenteuerliche Flucht bis nach Swinemünde. 

Alles, was die Firma oder ihre Inhaber an Geld oder Geldwerten besessen haben, ist in der Inflation dahingeschmolzen wie Schnee in der Sonne. ( Mit einer Ausnahme : Hermann Wagners Frau Liesel geb. Deus erbte Ende des Krieges etwas. Mit diesem Gelde kauften sie ein Wiesengrundstück südlich des Kleinbahndammes jenseits der Liebe - J.H. Wagner sozusagen diagonal benachbart - über einen schmalen Steg zu erreichen.  Größe etwa 4 - 5 Morgen )

Die kleine Stadt Marienwerder hatte leider keine größeren Banken aufzuweisen. Der Vorschußverein, später Raiffeisenbank, in dem Großvater Ludwig Wagner im Vorstand saß, war viel zu klein, um Kredite zu vergeben in dem Rahmen, den die Firma J.H. Wagner benötigte. Und auch die Kreis- und Stadtsparkasse reichte da nicht aus. Erst mit der Landesbank der Provinz Ostpreußen war dann die Verbindung gefunden, die ausreichte, um die Kreditwünsche zu erfüllen. Mein Vater Victor Poltrock hat sich seit der Inflation darum bemüht, eine Hypothek oder langfristiges Darlehen für die Firma zu erhalten. Und obwohl er gute Verbindungen besaß ( er war im Vorstand der Industrie - und Handelskammer und im Aufsichtsrat der Ostpreußischen Stadtschaft ), ist es ihm nicht gelungen.

So arbeitete die Firma mit einem täglich kündbaren Konto-Korrentkredit der Landesbank,  Kreditrahmen 1932 wenn ich mich recht erinnere  135.000 Mark und dementsprechenden Zinsen  : Das waren immer schwierige Verhandlungen und Vater ist deswegen öfter in Königsberg gewesen, denn die Zweigstelle in Marienwerder wollte und konnte die Verantwortung für derartige Summen wohl nicht übernehmen.

Besonders kritisch wurde es nach dem Bankenkrach 1929, damals kostete der KK  2 % Zinsen im Monat ! Vater erzählte später, daß er lange mit sich gerungen hätte, ob er das Faß Teer kaufen sollte, daß sie zum Teeren der Pappdächer dringend brauchten.    

Der Aufbau und Ausbau der Wäscherei ( Gebäude und Maschinen ), die Anschaffung der Lieferwagen, Kauf des Garagengrundstückes jenseits der Liebe,  Brückenbau und Garagenbau u.s.w., das alles hat viel Geld gekostet.

Es war die undankbare Aufgabe meines Vaters, die Privatentnahmen der Inhaber zu begrenzen ! Aber er hat sich durchgesetzt und jede verdiente Mark wieder investiert, was ihm wiederum bei den Kreditverhandlungen mit den Banken zugute gekommen ist.

Ein erheblicher Teil des Umsatzes der Firma kam aus den Danziger Filialen ( Portechaisengasse, später Breitgasse, Langgarten, Langfuhr, Tiegenhof ). Der Freistaat Danzig war für uns zolltechnisch gesehen Ausland. Um die Aufträge zum Färben, chemischen Reinigen, Waschen aus Danzig ausführen und bearbeitet wieder einführen zu können, brauchten wir die vom Danziger Senat zu erteilende " Genehmigung zum zollfreien Veredelungsverkehr ", die wir jedes Jahr wieder erhielten. Doch im Frühjahr 1932 oder 1933 wurde die Genehmigung nicht wieder erteilt, wir sollten kurzfristig unsere Läden aufgeben. ( Möglicherweise haben die Danziger Färber beim Senat geklagt : Wenn Wagner weg ist, haben wir mehr Arbeit und können mehr Leute einstellen ......Es war ja die Zeit mit den höchsten Arbeitslosenzahlen ! ) 

Ich kann mich noch genau erinnern an den Tag, als der Brief des Danziger Senats mit der Post kam. Das löste einen Sturm aus ! Ich ( Lehrling ) mußte die Danziger Umsätze der letzten 10 Jahre nach Färben / chemisch Reinigen und Wäsche getrennt zusammenstellen. Mein Vater diktierte lange Briefe an die  IHK, an den Regierungspräsidenten und ich weiß nicht wohin noch.  Jedenfalls waren wir ein aufgescheuchter Bienenhaufen ! Glücklicherweise konnte das Unheil abgewendet werden,  wir konnten weiterhin nach Danzig liefern. ( Der Senat war wirtschaftlich weitgehend vom Deutschen Reich abhängig....) 

Nach 1933 besserten sich auch in Ostpreußen die wirtschaftlichen Verhältnisse. So wurden 1935 nach Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht viele Truppenteile neu aufgestellt. Für viele dieser Einheiten wurde die Mannschaftswäsche von " Wagners " gewaschen. Das waren jede Woche große Mengen an Leibwäsche, die zwar schnell gewaschen waren, aber das Trocknen dauerte immer lange, vor allem bei schlechtem oder Regenwetter. 

So war 1936 die Wäscherei wieder einmal am Rande ihrer Kapazität, aber nicht nur die Wäscherei sondern auch der Dampfkessel und die Dampfmaschine : sie schaffte es nicht mehr, was sie da alles bewegen sollte. Nach langen Überlegungen wurde dann an der Südgrenze zum Kleinbahndamm hin ein neues Kessel - und Maschinenhaus gebaut einschl. Werkstatt, dazu ein massiver Schornstein ( wegen des schlechten Untergrundes auf einem Riesenfundament ! ) Der " alte Tolke ", ein erfahrener Maschinenbaumeister, reiste im Auftrag der Firma " ins Reich ". Dort besichtigte er eine Reihe gebrauchter Kessel und Dampfmaschinen, und kaufte endlich für uns einen gebrauchten Zweiflammrohrkessel,  75 qm Heizfläche, sowie eine schöne, große, leistungsfähige Dampfmaschine. Da die Maschine nun ja nicht mehr über die Transmission arbeiten konnte, wurde ein weiterer wichtiger Schritt vollzogen, und zwar die Teilung der Transmission in einzelne Gruppenantriebe : Die Dampfmaschine arbeitete nicht mehr über eine Transmission, sondern mit einem Generator, d.h. J.H. Wagner machte sich jetzt seinen Strom selber ! Und die Gruppenantriebe im Betrieb waren nun Elektromotore ! 

Um die Leistungsfähigkeit der Wäscherei zu steigern, wurden eine ganze Reihe neuer Maschinen angeschafft : Eine große Sternwaschmaschine von Reineveld / Holland. Eine große Pendelzentrifuge 12oo mm von Krantz - Aachen, ein großer Kulissentrockner für die Wehrmacht-Leibwäsche, eine weitere große Muldenmangel von Engelhardt &  Förster 32oo x 800 mm. Um die Mangel aufstellen zu können mußte ein neuer Mangelsaal gebaut werden, nach Norden hin in Großvaters alten Garten hinein. ( " Unser Garten" war es längst nicht mehr, wir waren den Kinderschuhen entwachsen ... )
Im nächsten Jahr, 1937 bot sich die Gelegenheit, das Haus zu kaufen, in dem sich in der Marienburgerstraße unser wichtigster Laden befand, der " Stadtladen " im Gegensatz zum Fabrikladen.  Frau Adloff, die Besitzerin, wollte aufgeben und die Firma ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen, von nun an gab es keine Verhandlungen mit dem Hauswirt wegen der Ladenmiete, denn das waren wir nun selber. 

In eine der Wohnungen dieses Hauses zog Großmutter Susanne, geb. Ziegelmann. Sie wohnte bisher in der Kehrwiederstraße im 2. Stock, hatte von da aus auf dem Weg zur Stadt immer das steile Niedertor zu bewältigen, was ihr in ihrem Alter schwer fiel.  Jetzt konnte sie mitten in die Stadt ziehen.  Diese Gelegenheit nahm sie gerne wahr und hat es, soweit wir wissen, auch nicht bereut. In eine 2. Wohnung dieses Hauses zog als Hauswart unser Kfz.-Meister Otto Pranke. 

Im Jahr 1938 ergab sich die nächste Gelegenheit : Das Grundstück Wallstr. 17, Ecke Kehrwiederstraße, kam zur Zwangsversteigerung,  bei der es die Firma preiswert erstehen konnte. Nach Instandsetzung und Umbau kam hierher die Werkküche und der Eßraum für die ( große ) Belegschaft von ca. 2oo Leuten. Die Stallung wurde instand gesetzt, dann zog Barteck mit unserer Pferden in einen wirklich schönen Stall.  Daneben waren Lagerräume, die schon bald nötig wurden. - Das Haus war das Gasthaus " zur goldenen Krone " . - Während des Krieges war das Obergeschoß " Lager " für die bei uns arbeitenden 9 kriegsgefangenen Engländer und den deutschen Wachmann. 

Nach dem Umzug von Großmutter Susanne Wagner in die Marienburgerstraße wurde ihre bisherige Wohnung in der Kehrwiederstraße frei, der 2. Stock des Wohnhauses, wo früher Hermann Wagner mit seiner Familie gewohnt hatten. Hierher nach oben zog jetzt die Buchhaltung, Lohnbuchhaltung, und Büro Färberei. Sie hatten bis dahin in dem alten Glaskasten zwischen Plätterei und Expedition hausen müssen - beengt und ohne Licht und Luft. 

Der Glaskasten war noch das alte Büro mit dem Schreibtisch von Großvater Ludwig Wagner und dem Platz, an dem mein Vater 1910 als Buchhalter angefangen hatte.  Während des 1. Weltkrieges ( 1917 – 1918 ) saß da Onkel Lutz, der sein eben begonnenes Studium in Jena abbrechen mußte, um zu helfen.

( Hermann Wagner und Victor Poltrock waren eingezogen ).  Zu meiner Lehrlingszeit 1932 - 1934 regierte da als Buchhalterin Frl. v. Homeyer und Frl. Gertrud Wolf machte Kasse und Sekretariat.  Ich erinnere mich an Silvester, einen ganz normalen Arbeitstag, wo wir wie üblich bis 19 Uhr arbeiteten. 

Beginn und Ende der Arbeitszeit wurde mit der Dampfpfeife angezeigt, es hat "getutet" sagten wir. Mit den Zeiten bin ich mir nach 5o Jahren nicht mehr so ganz sicher. Beginn morgens um 7 Uhr, Frühstück 9 Uhr 45 - 10 Uhr, Mittag von 12 Uhr bis 14 Uhr, Kaffee 15 Uhr 45 - 16 Uhr, Feierabend um 18 Uhr. Sonnabend 13 Uhr ? 

Etwa seit 1935 (?) gab es den " Hermann Göring Plan der deutschen Wirtschaft ".  Er sollte bewirken, daß alle bisher eingeführten Rohstoffe durch inländische ersetzt werden sollten.  Das betraf auch unseren Betrieb, so sollte schließlich keine Reisstärke hergestellt werden ( Reis nur noch für Nahrungszwecke  verwendet werden ). Es wurde bei Hoffmann's Stärke-fabriken in Bad Salzuflen gleich ein großer Posten gekauft. Auf unserem großen Boden in der Fichtestraße stand bis in den Krieg hinein ein ganzes Gebirge von Stärkekisten ...  

Ähnlich war es mit Nurpur-Seifenflocken von der Sunlicht ( die dazu benötigten Fette waren bewirtschaftet ), Mit Kessel, Mollton, Padding, - mit den großen Filzbezügen für die Muldenmangeln u.s.w. 

Die Erinnerung an die schwierigen Zeiten des Weltkrieges und der Inflation ließen die Firmenleitung vorsorgen !  Ich erinnere mich an ein Gespräch - während eines Urlaubs im Kriege - mit Frl. Anna Stutzki, von der man wahrhaft sagen konnte, daß sie " die Wäscherei regierte " : " Wie ist es mit Seife ?" "Wir haben genug."  "Na, und Silovo ? ( Ein Vorwaschmittel von Henkel – Düsseldorf )"  "Silovo ? Herr Poltrock ! Können wir die Weichsel mit zuschütten ! "

Schwierig war und blieb dagegen die Versorgung mit Waschbenzin für die chemische Reinigung. Das einerseits, sowie der wesentlich bessere Reinigungsausfall andererseits, wird mit der Grund gewesen sein, von der I.G. Farben eine Asordinanlage zu kaufen. ( Asordin ein chlorierter Kohlenwasserstoff, in der Reinigungswirkung dem heute meist verwendeten Perchloräthylen vergleichbar ).  Die Maschine kam im Februar 1940 und verhalf mir zu meinem ersten Kriegsurlaub, ich wurde als Fachmann zum Einfahren benötigt......        

Unser Großvater Ludwig Wagner war ein frommer Mann. Er dachte und handelte sozial aus seiner Verantwortung als Christ seinen Mitmenschen gegenüber sowohl in seiner immer größer werdenden Firma als auch als Stadtrat der Stadt Marienwerder. Auch für seine Nachfolger war diese Haltung den Mitarbeitern gegenüber eine Selbstverständlichkeit. So hat die Gewerkschaft bei uns nie eine wirkliche Rolle spielen können.

Die Firma gründete vielmehr von sich aus einen " Personalverein ", mit dem Vorstand wurden schwierige Fragen besprochen. Der Vorstand bestand immer aus alten, bewährten zuverlässigen Mitarbeitern, später nach 1923 aus dem Betriebsobmann. Der Verein feierte jedes Jahr an einem Wochenende vor Weihnachten ein Fest, das " Wintervergnügen ".  Hierzu waren immer auch die " Chefs " mit Familie eingeladen, sodaß die Wagner-Vettern und ich von klein auf dabei gewesen sind. Anfangs war es immer im Alten Schützenhaus und begann mit einer Polonaise und hinterher war dann richtiger Tanz. 

In späteren Jahren, als im Alten Schützenhaus anfingen die Dielen durchzubrechen, fand das Vergnügen dann bei Frost auf dem Schweinemarkt statt.  Hier hatten Jochen Wagner und ich ein spezielles Abkommen mit " Tante Hedwig " ( Bedienung hinter der Theke ) : Wenn wir einen ausgeben mußten, tranken wir beide immer einen Klaren - aus einer besonderen Flasche, die nur Wasser enthielt. Auf die Art und Weise kamen wir lebendig nach Hause. 

Bis zum Beginn des Krieges 1939 war die Belegschaft auf über 25o Mitarbeiter angewachsen, davon waren etwa 10 % Männer. Viele von ihnen wurden gleich zu Anfang eingezogen, so auch mein Vater Victor Poltrock ( allerdings nur während des Polenfeldzuges ).

Die Firma hat während des ganzen Krieges voll gearbeitet. Auch der Verkehr mit den Filialen konnte - wenn auch mühsam— durch einen unserer Lieferwagen, der nicht eingezogen war, aufrecht erhalten werden. 

Die Bilanz 1943 weist aus : 

Färberei u. Chem. Reinigung    Umsatz               M  581.000

Wäscherei                             Umsatz               M 346.000
                                        zusammen                M 927000 

Der hohe Färberei-Umsatz erklärt sich dadurch, daß sehr viel Uniformen ( tschechische und polnische ) feldgrau gefärbt wurden. Der niedrigere Wäscherei-Umsatz ist sicher eine Kriegsfolge : Keine Kragen und Oberhemden, oder doch viel weniger, und auch weniger Haushaltwäschen. 

In früheren Jahren hielt sich der Umsatz zwischen Färberei - Chem. Reinigung und Wäscherei, soweit erinnerlich, etwa die Waage. 

Der Reingewinn 1943 war überdurchschnittlich hoch, er lag bei 3o % , was nur dadurch zu erklären ist, daß Grundstücke und Gebäude, Maschinen und Einrichtung bereits weitgehendst abgeschrieben waren. 

Am 2o. Januar 1945 kam für die Zivilbevölkerung der Räumungsbefehl, Hermann Wagner, Jochen Wagner und mein Vater Victor Poltrock folgten etwa 3 Tage später. – 

Große Teile des Betriebes sind bei den Plünderungen in Flammen aufgegangen. Es stehen noch Teile der Wäscherei und das Kesselhaus sowie das Wohnhaus von Marquardt, Paul, u.s.w.  Das Grundstück wird heute genutzt von den Polen als städtischer Bauhof. 

Wenn ich als Kind meinen Vater aus seinem Kontor abholte um mit ihm zusammen nach Hause zu gehen, mußte ich durch die Plätterei ( Färberei ). Die Plätterinnen sangen, Volkslieder meist, an Geburtstagen auch einen Choral.  Ich kann nicht sagen " immer ", aber sehr oft doch, sodaß es mir heute noch in den Ohren klingt. In der Wäscherei war es nicht anders, da sang die Plätterei ebenfalls und auch die Expedition.Wer singt bei seiner Arbeit ?  Bestimmt niemand, der sie nur widerwillig tut ! Die Firma hatte wirkliche Mitarbeiter  !

Zu meinem Geburtstag 1984  erhielt ich von einer dieser Büglerinnen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte ( sie war 1938 als sechzehnjähriges Mädchen zu uns gekommen) einen Brief : 

" .... es hat mir viel Freude gemacht bei Ihnen und Familie Wagner, Ihre Verwandte.  Wir waren eine große Familie in ihrem Betrieb.  Beweis : Alle so lange Jahre dort gearbeitet und fleißig gewesen. War in der Abteilung bei Frau Katoll und Klossowski’s, liebe Menschen, auch Frau Krüger .... " 

Die Nachfolger von Ludwig Wagner haben den Betrieb in seinem Sinne weiter geführt und entwickelt, bis das nicht von ihnen verschuldete Unglück 1945 über sie und ihre Firma hereinbrach. 

Friedrich Poltrock
( in den 80.ger Jahren )

 

 

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