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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

 

 

 

 

 

Ursula Andrews
und Heinrich Labur
beschreiben ihre Flucht aus Pritisch

Ursels Begleiter beschreibt die Flucht nach Berlin (aus Gästebuch II) 

Es war Abend geworden! Der Frost hatte schon nachgelassen! Ich stand auf dem Abmarsch zur rückwärtigen Front betreffs einen Auftrag auszuführen. Da begegnete ich einem Mädchen (Ursel) !, das hilflos und und schutzlos verlassen dastand. Ich fragte sie: ob sie auch zurück wolle! Worauf sie mir zur Antwort gab 'wenn es mir gelingt'. Da ich selbst zurück mußte, bot ich ihr meinen Schutz an. Wir wanderten los. Es war auch nicht möglich gewesen ein Fahrzeug zu kriegen. Sie alle müssen an sich selbst gedacht haben. Unterwegs gesellte sich ein Kamerad zu uns, der auch ins rückwärtige Gebiet wollte. Zu dritt legten wir den Marsch zurück, einsam und verlassen. Der Menschenstrom hatte aufgehört. Beiderseitig der Landstraße und vor uns schweres Feuer, so daß wir nicht wußten, wie wir uns retten sollten. In dem Ort Limmtritz hielt uns ein Auffangkommando an, Begründung zu erwartender Angriff der nach 15 Minuten stattfand. Wir wurden regulär gezwungen, unsere letzte Habe im Stich zu lassen, um aus dem Feuer... heil herauszukommen. Es war eine schwerer Verlust aber es gibt nur ein Leben auf der Welt. Es gelang uns auch aus dem Dorfe zu fliehen und uns weiter rückwärts zu bewegen! Vor uns war ständiger .... Fliegerbeschuß auf zurückziehende Truppen und Flüchtlingstrecks. Wir hatten Mühe und Not, aus dem Beschuß ständig fern zu bleiben und sind so manches Mal in Deckung gegangen. Als wir die Oder durchwatet hatten faßten wir neuen Mut, denn Berlin war nahe. Es gelang uns den Rest des Weges unter Aufbietung allerletzter Kräfte zurückzulegen. Ich habe meine beiden Genossen zu Hause unversehrt abgeliefert. Lieber ein Leben geschont als Reichtum nachgegangen. Ich danke für die Gastfreundschaft und verbleibe in steter Erinnerung.

Gefreiter Labur, 5.2.1945 

Ursel beschreibt ihre Flucht nach Westen (aus Gästebuch II) 

Am 2. Mai 1944 trat ich meine zweite Kindergärtnerinnen Stelle an, diesmal als Leiterin von 60 Kindern und 4 Helferinnen in Pritisch, Kreis Schwerin a.W. (an der Warthe), an. Ich hatte es dienstlich sehr gut, meine für ländliche Verhältnisse geradezu komfortabel eingerichtete 2-Zimmerdienstwohnung blickte nach Süden, direkt auf den 2 km langen See. Hier verlebte ich eine wunderschöne Zeit, die nichts zu wünschen übrig ließ und die mich mit Sonne, Ruhe, Speck und Eiern den Krieg fast ganz vergessen ließ. An einem heißen Julitag feierte ich mit dem halben Dorf das Sommerfest und am 20. Dezember ein sehr gemütliches Weihnachtsfest. Die paar Tage Urlaub in Berlin anschließend waren erfrischend, um so eifriger machte ich mich zu Beginn des neuen Jahres mit meinen Helferinnen ans Basteln. Gerade hatten wir eine wunderschöne Holzschnitzerei für meinen Schreibtisch beendet als plötzlich der Krieg für uns begann. 

Tag und Nacht rollten ohne Unterbrechung die Wagen der Flüchtlinge aus Posen an meinen Fenstern in der Hauptstraße vorbei in Richtung Westen. Aber auch in Richtung Osten fuhren ununterbrochen Wagen, es war die militärische Verstärkung. Pritisch selbst bekam Einquartierung, im Kindergarten versorgte ich 50 Mann und in meiner Wohnung 4.  So schien das Leben für uns Pritischer doch noch einen nutzvollen Sinn zu haben. Die Soldaten gingen vor dem Dorf in Stellung und kamen halb erfroren zurück, da war es für uns die größte Freude, wenn wir es ihnen in jeder Beziehung gemütlich machen konnten. 

Doch die Lage wurde ernster von Tag zu Tag. Die feindlichen Panzer kamen immer näher, eine Nacht konnten wir nicht Schlafen, weil Wierzebaum mit schwerer Artillerie beschossen wurde, die nächste Nacht stießen die feindlichen Panzer bis Pritisch vor, doch die folgende Nacht – unsere letzte in Pritisch – verging ruhig. 

Morgens um 9 Uhr wachte ich am 29.1. frisch und ausgeschlafen auf, ich war fast glücklich, und glaubte nach dieser Ruhe erst recht, daß wir bleiben dürften. Um 10.05 wurde ausgeklingelt, daß Pritisch bis 12 Uhr mittags geräumt sein müßte. Obwohl ich mich nun schon langsam an den Gedanken gewöhnt habe, bekam ich doch ein heftiges Zittern in den Beinen. Ich zwang mich zur inneren Ruhe, freute mich, daß ich wenigstens noch eine so ruhige Nacht genießen durfte, verschnürte die längst gepackten Koffer auf dem Rad, schlug die letzten Eier in die Pfanne und zog mich fluchtmäßig an. Um 10.40 kamen sich meine sehr lieben Nachbarn weinend verabschieden, da dachte ich noch, ‘gut, daß du hier nicht zu Hause bist, da brauchst du wenigstens nicht zu weinen‘, aber als ich eine halbe Stunde später das Dorf verließ und dabei etlichen meiner Mütter und Kinder begegnete, kamen auch mir die Tränen. Noch im Dorf überholte mich ein Polizeiwagen, der mich nebst Gepäck 3 km mitnahm. Weitere 3 km marschierte ich zu Fuß, immer mein tapferes Stahlroß mit 2 Koffern, 1 Decke, 8 Einkaufstaschen und 1 Rucksack neben mir durch den 20 cm hohen Schnee schiebend bei 15° Kälte. Dort stand ein leerer Pferdewagen, der direkt auf mich gewartet zu haben schien, die Männer halfen mir beim Aufladen, so konnte ich verhältnismäßig bequem bis nach Schwerin fahren, wo ich mittags um 2 Uhr eintraf. Da ich schrecklichen Durst hatte, gedachte ich im dortigen Kindergarten bei ‘Tante‘ Waltraut eine kurze Pause einzulegen und dann weiterzumarschieren nach Landsberg und Loppow (?) zu Else. Im Kindergarten war es so herrlich warm, ruhig, friedlich und gemütlich, daß ich beschloß, dort über Nacht zu bleiben. Gegen 11 Uhr abends legten wir uns ins Bett, doch um 12 Uhr kam schon der Räumungsbefehl für Schwerin (?).  

So mußte ich mitten in der Nacht bei Schnee und Kälte mit meinem schweren Gepäck weiter. Etwa 3 km hinter Schwerin half mir ein freundlicher Soldat, das ganze Gepäck auf das vor mir fahrende, halb leere Fahrzeug zu laden. Da es noch dunkel war, merkte der Besitzer, Bauer Brunner aus Schwerin, nichts, war aber, als er mich im Dämmern erkannte, recht freundlich. So fuhr ich wieder recht gut. Gegen morgen in dem Wald wurde an der Straße ziemlich heftig gefeuert, die Soldaten meinten, der Wald wäre vom Iwan besetzt. Es machte mir nicht viel aus, da das Geschieße ja nicht direkt gegen uns gerichtet war. Gegen 11 Uhr mittags waren wir an der Stelle, wo rechts die Straße nach Landsberg abzweigte, aber sie war gesperrt, weil der Russe bereits in Landsberg eingedrungen war. Also weiter ging es genau in Richtung Westen nach Kriescht immer durch den Wald, in dem es heftig schoß. Gegen 12 Uhr erschienen auch noch Tiefflieger, die den Treck angriffen. Etwa um 2 Uhr mittags hörte das Geschieße im Wald auf, Herr Brunner ließ daher den Pferden und sich Zeit, wir stiegen ab, um es den völlig überlasteten Pferden leichter zu machen. Abends um 9 Uhr trafen wir endlich in Kriescht ein und fanden sofort ein recht nettes Quartier. Inzwischen hatten Herr Brunner und ich folgenden Vertrag geschlossen. Er sollte mich nach Berlin fahren und dafür sollte er bei uns wohnen bis man zurück könne. Mittwoch früh sollte es also weiter gehen. Doch leider war Herr Brunner so erschöpft, daß er vorschlug, einen Ruhetag einzuhalten.  

Doch nachmittags stieß der Iwan nördlich von uns bis Völlensradung (?) und südlich bis bis Wandan (?) vor, so daß die Gefahr der Einkesselung bestand. In dieser Erkenntnis war ich recht verzweifelt, da lernte ich den Gefreiten Heinrich Labur kennen, mit dem ich mich auf Donnerstag früh verabredete. Er hatte das gleiche Ziel wie ich, er wollte mit Rad und Gepäck auf jeden Fall durch bis Berlin.  

So ging es vormittags mit vereinten Kräften weiter. Schon nach 2 Dörfern hörten wir im Wald vor uns schießen, der Russe hatte also den Kessel schließen können. Trotzdem marschierten wir tapfer weiter und – wir hatten Glück – als wir durch besagten Wald hindurch mußten, hörte die Schießerei auf. Gegen 11 Uhr mittags trafen wir in dem Dorf Limmtritz ein, wo wir – da der Russe schweigt – eine kurze Frühstückspause einlegen wollten. Doch da stand mitten im Dorf ein Schupo und verbot uns, weiterzumarschieren, da der Russe den Ring geschlossen hätte. Mit einiger Schwindelei kamen wir auch hier vorbei und kehrten in einem der letzten Häuser des Dorfes ein zu unserer Frühstückspause. Gerade haben wir den ersten Bissen im Munde, da beginnt eine unheimliche Schießerei, der Russe beschoß Limmtritz mit schwerer Artillerie. Wir lassen alles stehen und liegen und rennen aus Leibeskräften aus dem Dorf hinaus immer in den Wald hinein. Als ich mich nach einigen Minuten nochmals umsah, war das Dorf bereits in Flammen aufgegangen. Nun schoß es auch aus dem Wald mit MG, und wir rannten, obwohl ich ja eigentlich nicht mehr konnte. Da kam ein ratterndes Militärauto, das uns ins nächste Dorf – Sonnenburg – fuhr. Sonnenburg hatte gerade einen russischen Fliegerangriff hinter sich, alles lief aufgeregt durcheinander, trotzdem verbot uns der Dorfschulze weiter zu marschieren, da der Iwan auch im Westen stehe. In der allgemeinen Aufregung sind wir wieder entwischt und das war gut, denn schon wurde auch Sonnenburg mit schwerer Artillerie beschossen und ging kurz darauf in Flammen auf. Also weiter gen Westen. Nach etwa 3 km sind die Landstraßen mit schwerer Artillerie beschossen, so daß wir quer über die bei dem Sauwetter aufgeweichten Felder laufen mußten. Wieder nach einigen km tauchen Tiefflieger auf, doch da floß ein Bach mit einigen Weiden daran, dort fanden wir Schutz. Bald ging es weiter, doch gegen Mittag liefen wir wieder   gerade in eine heftige Schießerei hinein, aber Heinrich führte mich unerschrocken sicheren Schritts quer durch den Wald. Hier trafen wir einen zweiten Soldaten, 22 Jahre alt, zu Fuß bereits von Warschau, Ziel Berlin, er schloß sich uns an und das war gut, denn er konnte uns in jeder Lage zum Lachen bringen. Etwa um 3 Uhr mittags erreichte die Schießerei um uns herum ihren Höhepunkt, da kam uns ein kleiner Pferdewagen mit einem kräftigen Pferd davor entgegen. Ich meinte nur ‘der wäre solch ein Wagen für uns‘ als auch meine beiden Begleiter sich schon mit einigen Zigaretten und einigen russischen Worten auf den russischen Fahrer stürzten und ihn tatsächlich zum Umdrehen überredeten. In rasender Fahrt ging es nun gen Westen. Wir hofften, wenn wir über die Oder wären, wären wir sicher. Göritz an der Oder zwischen Küstrin und Frankfurt sollte noch vom Feinde frei sein. Dorthin wurden also die Schritte des kräftigen Gauls gelenkt.  

Verhältnismäßig rasch und nur unter Tieffliegerbeschuß erreichten wir die Oder, aber wie kommen wir hinüber? Alle Brücken waren gesprengt, die Fähren noch nicht in Betrieb, da die Oder noch Eis hatte, allerdings war das schon verschiedentlich gebrochen, also wateten wir hinüber. Bis an die Knie naß hofften wir uns im nächsten Dorf nun endlich sicher, aber warum war dort alles so aufgeregt? Da sagte es uns ein Soldat, russische Spitzen waren bei Küstrin und Frankfurt ebenfalls über die Oder gegangen, also waren wir dem Kessel immer noch nicht entkommen. Meine beiden Soldaten schauten mich mitleidig an, denn es war bereits stockfinstere Nacht, und ich hatte meinen Füßen an diesem Tage etwas Ungewohntes zugemutet. Aber ich sagte’ von mir aus können wir jetzt die ganze Nacht hindurch weitermaschieren, dann sind wir morgen früh in Berlin'. Also weiter ... im Norden, Osten, Süden brannten ringsum verschiedene Dörfer, aber vor uns im Westen bliebs ruhig. 2 Dörfer haben wir noch hinter uns gebracht, dann begann es ziemlich zu gießen, so daß auch der der letzte Rest unserer Kleidung noch naß wurde. So suchten wir Quartier. Meine beiden Begleiter meinten so wie so, das Laufen im Dunkeln wäre zu gefährlich. 

Freitag früh um 5 Uhr ging es weiter, teils mit, teils ohne Beschuß. Gegen 8 Uhr kamen wir in ein Dorf, wo man uns sehr freundlich empfing, man schenkte uns sogar Vollmilch frisch aus dem Stall mit herrlichen Schmalzstullen. Dieses Dorf war in der Nacht auch beschossen worden, das sahen wir am Straßengraben. Dort standen volle Wagen, Schlitten, einzelne Gepäckstücke, die wohl auch irgendwelchen Flüchtlingen hinderlich waren. Dort bereicherten wir uns ruhig mit 2 Decken, 2 Zahnbürsten, 1 Rasierapparat, 1 Glas Kirschen und 1 Glas Hühnerfleisch, und weiter ... Gegen 10 Uhr überholte uns der Treck aus Gnesen, er war bereits 14 Tage unterwegs. Auf einen enormen Wagen kletterten wir hinauf und freuten uns nun unserer Rettung, sofern keine Tiefflieger in Sicht waren. Die Sonne erschien, es hätte eine herrliche Fahrt im Vorfrühling sein können, wäre es nicht eine Flucht gewesen. Auch die unmittelbare Nähe Berlins, die endlich einsetzende Stille vor dem Feind und die Aussicht auf das mittägliche. Hühnerfleisch hoben unsere Stimmung. So gelangten wir verhältnismäßig glücklich am 2.2.abends (einem Freitag) nach Berlin-Lichterfelde-Ost wo wir gleich den Sonntag begrüßten.

Ursula Andrews 

 

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