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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

Aus dem Leben meines Großvaters
>Erich<  Georg  Andrews
   (20. 4. 1880, Wyk - 07.05.1957, Berlin)  

 

 

 

zusammengestellt
von seinem ältesten Enkel
Peter Andrews       * 17.10.1940 in  Berlin-Lichterfelde

für seine Familie,
seine Geschwister und seine Cousins

 

Unser Großvater Erich Georg Andrews wurde am 20. 4. 1880 in Wyk auf Föhr geboren, wo seine Eltern William Henry Andrews (5.2.1848, London - 26.5.1921, Hamburg, ab 1856 in Bad Cannstadt) und Anna Dorothea Weigelt (12.10. 1852, Hamburg - 7.3.43, Berlin) im Hause Weigelt am Sandwall 140 am 26.6.1874 geheiratet hatten. Sie hatten sich 2 Jahre vorher verlobt (Anzeige in die West-See Inseln vom 21.8.1872). Großvater hatte insgesamt 9 Geschwister, 2 ältere Brüder William John (17.9.1876, Wyk - 11.11.1948, Flensburg, Reedereikaufmann) und Henry (3.4.1879, Wyk - 28.11.1971, Sheffield, Ingenieur) und 3 jüngere Schwestern (Gertrud Elisabeth (21.6.1884, Schleswig - 24.2.1978, Büderich, Elfenbeinschnitzerin), Margot Luise (7.11.1885, Borgwedel - 26.6.1979, Büderich, Lehrerin) und Anita Marie Helene (2.10.1893, Flensburg - 31.5.1988, Stowmarket, Botschaftssekretärin)) und 3 jüngere Brüder (Franz Albert (28.9.1887, Flensburg - 1.11.1946, Bad Hönningen, Kaufmann), Gerhard Alexander (7.2.1889, Flensburg - 12.1.1971, Büderich, Papieringenieur) und Hermann (28.8.1890, Flensburg - 29.8.1963, Paris, Kaufmann)). Eine Schwester (Gertrud (27.9.1882, Schleswig - 4.8.1883, Schleswig)) verstarb bereits sehr früh (Unfall? erstickte, möglicherweise durch die Schuld des Kindermädchens). 

Bald nach Großvaters Geburt zog die Familie erst nach Schwartau (1875-1877, vielleicht länger), dann nach Borgwedel (31.8.1881 – Herbst 1882), dann nach Schleswig (Herbst 1882 - April 1885), dann nach Borgwedel (April 1885 – Mai 1886) und schließlich nach Flensburg um einen guten Schulbesuch der Kinder sicherzustellen. Die erste Wohnung war in der Waitzstr. 5, eine spätere Wohnung war die Margarethenburg (1888 - 1892 ?), eine weitere in den Jahren 1893 - 1894 (Friedrichstr. ?), andere Wohnadressen waren Conventgarten, Nordermarkt und Wilhelmstraße 1 (am 10.12.1906). Großvaters Vater ging keinem Gelderwerb nach und in Urkunden hat er keine Berufsangabe. Er muß Vermögen gehabt haben, denn eine so große Familie mußte ja ernährt werden. In den 70iger Jahren gab er seinen Stand als Kaufmann an und hatte sich beim ersten Wohnaufenthalt in Borgwedel mit Capital an einer Unternehmung beteiligt. Mitte der 80iger Jahre verkaufte er einen Kutter. 

"An Erichs 14. Geburtstag, 20.4.1894, war die Taufe bei Andrews. Sämtliche Kinder, außer William, der separat getauft werden mußte, standen in einer Reihe. Anita klapperte mit einem großen Hausschlüssel auf dem Klavierdeckel herum." So schreibt Großvaters Schwester Margot in einem Bericht über ihren Bruder. "Wenn Erich mal Urlaub hatte, dann besuchte er seine Großmutter in Wyk (Gertrudmine Cathrine Weigelt (Boma), geb. Fogh, 12.1.1823, Svendborg - 14.1.1915, Wyk, verh. 19.11.1815 in Altona mit Georg Christian Weigelt, 8.9.1816, Altona - 12.11.1885, Wyk). Wie stolz war ich, wenn ich mit meinem großen Bruder spazieren gehen konnte." 

In einem Brief vom 31. 10. 1914 an einen Onkel seiner Frau (Martin Wagner, 2.11.1855 - 9.1.1933) beschreibt Großvater später in dürren Worten den drastischen Lebensplanwechsel, der bald und unerwartet über die Familie hereinbrach:

"Als wir unseren Vater verloren (im Frühjahr 1895 nach Hamburg verzogen, die Ehe wurde geschieden, mit dem Vater als schuldigem Teil) war mein ältester Bruder 20 Jahre und meine jüngste Schwester 2 Jahre. Wir waren 9 Kinder. Vermögen war nicht vorhanden. Wir 3 älteren Knaben mußten, soweit es noch nicht geschehen war, die Schule sogleich verlassen und in praktische Berufe eintreten. Meine Mutter nahm Schüler in ihr Haus und wir haben es dann erreicht, daß unsere Geschwister ohne nennenswerte fremde Hilfe erzogen wurden. Dazu war allerdings eine dauernde und für uns junge Menschen nicht ganz unbedeutende jährliche Abgabe unserer Einnahmen erforderlich, die wir beim Eintritt ins Heer nicht hätten leisten können."  

Hier soll nicht unerwähnt bleiben, daß Anna mit ihren Kindern von ihrer Mutter und vor allem von ihren unverheirateten Geschwistern (Georg Christian Weigelt, 20.10.1850, Hamburg - 28.7.1941, Wyk und Marie Weigelt (Mimi) 12.11.1854, Hamburg - 10.6.1944, Nienburg) nach Kräften unterstützt wurde. Viele von Großvaters jüngeren Geschwistern verbrachten lange Zeit in Wyk. “Margot, Gerhard, Hermann und Anita waren vor und zum Teil auch während der Schulzeit ganz bei Onkel Georg und Tante Mimi, und wir älteren Geschwister fanden in den Oster-, Sommer- und Herbstferien gastliche Aufnahme im Haus Weigelt, die uns allen unvergessen bleiben wird (Großvater 1939 im Gästebuch II).“ Margot war später mehrere Jahre Lehrerin in Wyk (ab Frühjahr 1945). 

In einem Bericht seiner Schwester Margot (undatiert, möglicherweise für unsere Großmutter geschrieben, da nur die Zeit vor dem Kennenlernen der Großeltern behandelt wird) heißt es:

"Erich soll ein guter Schüler gewesen sein. Er kam Ostern 1895 (also gerade 15 Jahre alt) zu einem Bekannten seiner Eltern" (dem Buchhändler Oskar Hollesen, Inhaber der Huwaldschen Buchhandlung in Flensburg), wo er eine 3-jährige Lehre antrat und erfolgreich abschloß (Zeugnis vom 14.3.1899). "Von dem ersten selbstverdienten Geld kaufte er seiner Mutter einen herrlichen Spitzen-Lampenschirm für eine Petroleum-Stehlampe, den seine Geschwister alle sehr bewunderten. Damals begann seine Vorliebe fürs Theater und die Musik."  

Gegen Ende seiner Lehrzeit nahm er bei der ehemaligen Gymnasiallehrerin Luise Göttig in Flensburg Privatunterricht in Englisch und erhielt ein vorteilhaftes Zeugnis (März 1899). 

1 Jahr nach Abschluß der Lehre in Flensburg ging er nach Berlin, wo er zunächst zusammen mit seinem Bruder Henry in der Genthiner Str. 201 wohnte. Er war 9 1/2 Monate (ab 15.3.1899) bis zum Jahresende 1899 bei der Firma F. Schneider & Co, Buch- und Kunsthandlung, einem Verlag mit Sortimentsbuchhandlung und Antiquariat, angestellt, wo er durch Vermittlung seines Lehrherren als 3. Gehilfe anfangen konnte Die Konditionen waren wie folgt: 90 Mark im Monat, Arbeitszeit an 6 Tagen in der Woche von 8.30 - 20 Uhr mit 2 Stunden Mittag, also 57 Wochenstunden. In den Monaten Oktober bis Dezember 1899 bildete er sich im Rahmen seiner Anstellung in der Druckerei der ‘Verlagsbuchhandlung Georg Reimer in Berlin‘ in Trebbin, Kreis Teltow, technisch fort. 

Mit Jahresbeginn 1901 trat er beim Verlag Dietrich Reimer, Berlin SW 48, Wilhelmstraße 29, ein, wo er Herrn Joseph Steiner kennenlernte, mit dem er dann verschiedene Wohnungen teilte und wie wir später sehen werden, zweimal gemeinsam Häuser baute. Hier betrug sein Anfangsgehalt 100 Mark monatlich. 

In einem Geburtstagsbrief an seine Mutter (10.12.1906, aus Berlin W 36, Motzstr. 68) schildert Großvater sein Leben in Berlin. ... ‚Ich muß auch sagen, daß Steiner und ich einer entsetzlich materiellen Lebensanschauung huldigen, schon morgens fangen wir mit einem Ei an, dann kommt 2. Frühstück mit Cacao, Mittagessen einfach schlemmerhaft und vom Abendessen kann man ohne Übertreibung sagen, daß eine kleine Familie davon satt werden könnte. ... Abends essen wir jetzt stets bei Ne.....          in der Pension, wo es vergnüglich ist. Gertrud geht auch zum Mittagessen dort hin und erzählt wahre Wunderdinge von der Liebe, mit der alles zubereitet sei. Steiner und ich essen Mittags im Restaurant Friedrichshof, wo es, wie gesagt, auch schon gut ist. Hier zu Hause ist es jetzt gemütlich, heute habe ich wieder heizen lassen, was 10 Pfennig kostet‘. 

Im Jahre 1942 berichtet Großvater im Gästebuch über diese Zeit:

„Im Jahre 1906 verließen Steiner und ich die Pension der Frau König in der Steglitzer Straße und machten uns ‘selbständig‘. Wir mieteten im Gartenhaus Motzstr. 68 IV eine Dreizimmerwohnung und möblierten sie. Steiner und ich nahmen je ein Zimmer, das Dritte blieb für Gäste, eine zeitlang wohnte auch Gertrud darin. Das Mädchenzimmer überließen wir Frau Ballabene, unserer Wirtschafterin, die gegen freie Wohnung die Zimmer in Ordnung hielt und morgens den Kaffee kochte. Mittags aßen wir bei Frl. Töppel in der Anhaltstraße und abends in der Pension des Fräulein Eisenbeiss. Hier gefiel es uns nicht recht und Steiner unternahm es, für unseren Abendtisch eine andere Pension in unserer Nähe ausfindig zu machen. Er fand sie im Hause Motzstraße 72 in der Pension der Frau Poltrock (Hedwig Emma Pauline Charlotte Poltrock, geb. v. Oven, 14.9.1852, Nikolskowo, Kreis Kolmar - 9.7.1842, Neu-Brandenburg, verh. 27.10.1888 in Duderstadt mit Arthur Poltrock, 28.8.1847, Reddestow – 16.1.1898, Nauen). 

Es war eine vorwiegend von Musikstudierenden weiblichen Geschlechts besuchte Pension, deren Inhaberin uns zwei Mannsleute, obgleich sie sonst nur Vollpensionäre aufnahm, die Teilnahme an den Abendmahlzeiten gestattete. Es gefiel uns gut. Nach dem Essen blieb man meist noch einige Zeit zusammen und unterhielt sich. Die Gäste waren Deutsche und Ausländer und es gab immer abwechselungsreiche Gespräche. 

Nach und nach lernte ich auch die weit verzweigte Familie der Frau Poltrock kennen, nicht nur ihre sechs Kinder, sondern auch die weiteren Verwandten, Neffen, Nichten, Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen. So erschien auch im Sommer 1907 kometenhaft eine neue Nichte, Fräulein Amelie Wagner (Amelie Julie Magdalene, 30. 3. 1885, Marienwerder – 27.5.1958, Berlin-Lichterfelde), auf der Durchreise von Zeven nach der Heimatstadt Marienwerder. (Amelie war nach dem Besuch eines Lehrerinnen-Seminars auf verschiedenen Gütern als Hauslehrerin tätig, da die 3. Frau ihres Vaters, Susanna Ziegelmann (26.5.1861 – 29.1.1945) sich weder mit seinen Kindern noch mit dessen Geschäft verstand. Zuletzt hatte sie eine Stellung in der Schule von Zeven.) Im Herbst 1908 erschien besagtes Fräulein zum zweiten Mal bei ihrer Tante und blieb den Winter über, um das Abitur nachzumachen und anschließend Philologie zu studieren. Der Winter 1908/09 gehört zu meinen schönsten Erinnerungen und in ihm habe ich auch die feinfühlende, vornehm denkende Tante Heta, wie ich sie nach meiner Verlobung nennen durfte, schätzen gelernt. Sie hat zu unserem Sichkennenlernen und Sichfinden ihr gutes Teil beigetragen.“ 

So lernten sich unsere Großeltern kennen. Mit einem Sohn der Wirtin (Viktor Poltrock, 5.7.1884 - 4.7.1958) und dessen Bruder Fritz gingen Großvater und Steiner gelegentlich sonntags rudern. Viktor heiratete später Großmutters Schwester Margarete (Grete) Hedwig Elisabeth (7.5.1889, Marienwerder - 7.11.1974, Celle) und über die Bekanntschaft mit Großvater wurde später Großmutters Vater (Ludwig Heinrich Wagner, 19.9.1853, Marienwerder - 17.6.1927, Marienwerder) ein Kredit von Konsul a.D. Ernst Vohsen vermittelt. 

Seine Schwester Margot berichtet aus dieser Zeit:

"Als Erich dann zu Vohsen (dem Eigentümer des Dietrich Reimer Verlages) kam, mußte er häufig auf das Haus (Vohsens), die Kinder und die Dienstboten aufpassen in Caputh, wenn die Eltern eine Reise unternahmen. Im Sommer machte Erich gern Urlaubsreisen ins Gebirge, einmal auch mit Henry und Steiner zusammen. Er schickte voller Begeisterung Karten nach Haus, wenn er zum Beispiel auf den Großen Venediger geklettert war. ... Zuletzt hatte Erich, ich meine es war 1908, eine kleine Wohnung in der Motzstraße mit Gertrud und Steiner zusammen. ... Und die späteren Jahre hast Du mit Erich verbracht. Da brauche ich also nichts hinzuzufügen." 

Während des zweiten Quartals des Jahres 1904 ist Großvater im Firmenauftrag in London, lernte Herrn Fisher-Unwin kennen und vervollkommnete seine Englischkenntnisse. Als mein Vater Wolfgang 1932/33 nach England ging, war ihm diese Freundschaft seines Vaters nützlich. 

Am 8.9.1909 heirateten unsere Großeltern in Marienwerder nachdem sie sich am 28.4.1909 verlobt hatten. Sie zogen am 24.9.1909 in ihre erste gemeinsame Wohnung in Berlin-Friedenau, Brünnhildestr. 5 II. Im Juni 1910 wurde ihr ältester Sohn, mein Vater Wolfgang Ludwig geboren (7.6.1910, Berlin-Charlottenburg - 9.2.2001, Wülfrath) und zwei Jahre später sein Bruder Richard Helmut (29.10.1912, Berlin - 25.10.1993, Bethel). Die Familie zog dann am 27.5.1911 nach Berlin Südende, Berliner Str. 13b (später Döllestr. 34), in eines von mehreren Häusern, die Konsul a.D. Ernst Vohsen für seine Angestellten hat bauen lassen (Baubeginn Oktober 1910, Grundrißplan von Amelies Bruder Fritz (Friedrich Wagner-Poltrock, 31.5.1883, Marienwerder - 4.2.1961, Esse, Grundstückspreis 18 Mark/m²)). Die Einrichtung der neuen Wohnung und der Stolz und die Freude des neu verheirateten Paares darüber ist in Briefen unseres Großvaters an seinen Onkel Georg Weigelt überliefert. Die Wohnzimmermöbel wurden nach Plänen von Großmutters Bruder Fritz angefertigt. (Hilde: wenn die 3 großen Robinien im Garten blühten, konnte man nicht mit offenem Fenster schlafen.) 

Zu seinem 30ten Geburtstag (20.4.1910) schenkten ihm Amelies Bruder Fritz und Alfons Niemann (16.9.1886 – 3.12.1968, hatte zusammen mit Großmutters Bruder Fritz in Breslau studiert, war mit Lotte Elmering verheiratet, die im Hause Wagner zusammen mit unserer Großmutter und ihren Geschwistern aufgewachsen war) ein Gästebuch. Dies war eine segensreiche Investition, denn von 1910 bis 1942 sind darin viele interessante Details und zahlreiche Besucher dokumentiert. Mit den beiden Freunden fuhr Großvater in der ersten Augusthälfte 1910 für 2 Wochen nach Paris. 

Am 29. Oktober wurde den Großeltern ihr zweiter Sohn, Helmut Richard, geboren. Im August 1913 machten Großvater und seine Familie Urlaub in Wyk, vermutlich bei Onkel Georg Weigelt. Dort erkrankte mein Vater, gerade 3 Jahre alt, an Kinderlähmung. Welch ein Schock für die Familie. 

Im Zuge der Verheiratung versuchte Großvater, die Deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Dies hatte sein Schwiegervater Ludwig Heinrich Wagner verlangt. Dazu findet sich in den Unterlagen die knappe lakonische Antwort des Königlichen Regierungspräsidenten in Potsdam (Herrn Freiherr von Falkenhausen):

"Die von Ihnen am 19. 3. 1910 bei mir beantragte Naturalisation lehne ich mangels eines staatlichen Interesses hiermit ab."

Hätte Großvater bereits seinen Militärdienst absolviert, wäre die Einbürgerung möglicherweise gelungen. Da die Familie aber auf die Einkünfte der älteren Geschwister aus wirtschaftlicher Not angewiesen war, konnte keiner der Söhne den damals mehrjährigen Wehrdienst antreten. 

Dies wurde schon bald danach sehr bedeutsam, da Großvater bald nach Ausbruch des 1. Weltkrieges (ab 28.7.1914 mehrere Kriegserklärungen in schneller Folge) zusammen mit seinen Brüdern in einer Pferdebox auf der Rennbahn in Berlin-Ruhleben als Ausländer interniert wurde (6.11.1914 - 23.4.1915). Den Platz von 2 Pferden mußten sich zunächst 6 'Engländer' teilen bis später Baracken gebaut wurden. Obgleich in Deutschland geboren, aufgewachsen und deutscher Muttersprache, war er doch ebenso wie seine beiden Söhne und natürlich alle seine Geschwister englischer Staatsbürger, da sein Vater Engländer war, der aber schon ab vermutlich seinem 8. Lebensjahr in Deutschland lebte (wohl bald nach dem Tod seiner Mutter (Margaret, geb. Moseley, 1808, Abergavenny - 13.2.1856, Hannover Square, verh. 28.8.1845 mit William Henry Andrews, 1803 - 7.6.1878, Hampstead, der Überlieferung nach zunächst, ab 1856,  in einem Internat in Bad Cannstadt). Es gibt zwei  Stellen in den Wagner Rund-Reise- Briefen, in denen Großvater auf seine Familie eingeht: (6. September 1931) ... Zu meinem englischen Vater kommen mütterlicherseits eine Großmutter aus Dänemark und je eine französische und holländische Urgroßmutter, und (7. September 1923) ... ich kann es Euch nicht länger verschweigen, daß ich väterlicherseits von dem berühmten englischen Dichter Thomas More (7.2.1478 – 6.7.1535) abstamme. ... Neben besagtem Dichter kann ich eine Reihe edler Lords zu meinen Ahnen nehmen und es ist sehr wahrscheinlich, daß sich die Familie bis auf ein englisches Königsgeschlecht zurückführen läßt, wie das ja bei den meisten halbwegs anständigen englischen Familien der Fall ist). - (nach Auskunft von Donald Andrews (19.9.1931, Sheffield, Lehrer, Sohn aus 2. Ehe von Großvaters Bruder Henry (3.4.1879, Wyk – 28.11.1971, Sheffield, Ingenieur)) gibt es keine Aussicht, diese Ansprüche zu substantiieren, denn standesamtliche Aufzeichnungen, auch in Kirchenbüchern, sind in England erst seit 1753 verbindlich vorgeschrieben gewesen, ein zentrales Standesamt gibt es sogar erst ab 1848 in Somerset House). 

Hiervon war auch die restliche Familie schwer getroffen, denn Großmutter mußte sich mit den Kindern zweimal täglich bei der Polizei melden, also viermal täglich den einfachen Weg von ¾ Stunde zu Fuß mit einem Bollerwagen, in dem die 3- und 5-jährigen Kinder saßen, zurücklegen. 

Ein Stimmungsbild aus dieser Zeit des beginnenden 1. Weltkrieges gibt ein Ausschnitt eines Briefes seines in Frankreich lebenden jüngeren Bruders Hermann vom 4.10.1914:

“Es freut mich, daß es Euch allen gut geht und daß Ihr nicht belästigt werdet. Wie Du Dir wohl denken kannst, liest man hier (in Paris) täglich von Greueltaten, die an Franzosen und Engländern in Deutschland verübt sein sollen, ebenso wie Eure Zeitungen von den Nöten der Deutschen hier berichten. Diese Geschichten sind natürlich beiderseitig unbegründet. Na, ich will Dir aber jetzt erzählen, wie es mir gegangen ist. Als die Deutschen Anfang September so bedenklich nah an Paris herankamen und es aussah, als wenn die Stadt belagert werden würde, entschloß man sich, die Fabrik zu schließen und ich wurde entlassen. Daraufhin fuhr ich am 5.9. nach London ... und folgte dann der Einladung Henry's nach Irland. Bald wurde ich wieder telegraphisch nach Paris gerufen, weil die Fabrik wieder arbeitete, ... damit wir die englische und amerikanische Kundschaft nicht verlieren.“

 

Am 14. Mai 1915 wurde Großvater und mit ihm seinen beiden Söhnen durch Aushändigung einer Urkunde die Staatsangehörigkeit im Königreich Preußen verliehen, womit er, Wolfgang und Helmut Deutsche wurden. Die Gebühr für die Urkunde betrug 150 Mark, mehr als das Eineinhalbfache seines anfänglichen Monatsgehaltes von 1899. Am 18. Mai 1915 trat er als Kriegsfreiwilliger ins Heer ein (1. Garde-Fußartl.Regt., II. Ersatzbatl., 3. Batterie, Körpergröße 1,73 m, Stiefelmaß: Länge 28,5 cm, Weite 4).  

Auch Großvaters Brüder William, Franz und Gerhard meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Gerhard wurde allerdings nicht eingezogen, weil er vorher unberechtigterweise verdächtigt worden war, als ‘Engländer‘ Brieftauben aufgelassen zu haben. Das in 1910 noch fehlende staatliche Interesse für eine Einbürgerung war wohl nun dadurch gegeben, daß im Kriegsfall Kriegsfreiwillige erwünscht waren. 

Im Anschluß an seinen Eintritt ins Heer ist im Gästebuch der Familie vermerkt, daß “am 2. Sonntag nach Trinitatis der Hausvater zum ersten Male in der blauen Uniform mit blanken Knöpfen der Döberitzer Kanoniere zu Hause“ war. Während seiner Grundausbildung war er am 27.5., 4.7., 11.7., 18.7., 25.7., 1.8., 8.8., 15.8. und 22.8. jeweils kurz zu Hause. Großvater zog am 19.10.1915 als Kanonier ins Feld (Pomoscha in Rußland) und wurde (als ehemaliger Engländer) nur an der Ostfront eingesetzt. Seit Februar 1916 war Großvater beim sächsischen Fußart. Bat. 18 (Stellungskämpfe am Narotsch See, bei Kowel, am Styr und Stochod). Am Bußtag, 22. 11.1916, hatte er nach 13 Monaten seinen ersten Heimaturlaub, der bis zum 5.12.1916 dauerte. Er erhielt im Felde das Eiserne Kreuz 2. Klasse (31.7.1916). Ende Juni 1917 sollte er nach Flandern verlegt werden, wurde aber dann als ehemaliger ‘Engländer‘ nach Döberitz beordert, wo er vom 13.6.-4.9.1917 stationiert war (nach dem Abflauen der Kriegshandlungen im Osten als Folge der Oktoberrevolution in Rußland). Ein zweiter Urlaub wurde ihm vom 13. - 27.7. 1917 gewährt, gefolgt von weiteren Besuchen zu Hause am 28./29.7., 5. - 18.8., 26.8. und 2./3.9 1917. Am 8.9.1917 wurde er, inzwischen zum Gefreiten befördert, wieder Zivilist. Einschließlich der Internierung hatte ihn der Krieg 34 Monate seines Lebens genommen. 

Im November 1919 übernahm unser Großvater im Alter von 39 Jahren mit 3 weiteren Teilhabern (Moritz Gotthart, Ernst Wilke und Joseph Steiner) den Georg Reimer Verlag von der Witwe des am 20.6.1918 verstorbenen Eigentümers Konsul a.D. Ernst Vohsen, dessen Sohn Fritz Vohsen 1917 in Belgien gefallen war, in Form einer Aktiengesellschaft. Am 7.5.1935 waren die beiden älteren Miteigentümer (Gotthart (geb. 1854) und Wilke) bereits ausgeschieden (1934 bzw. 1930), denn ab diesem Zeitpunkt wurde der Verlag als offene Handelsgesellschaft von Großvater und Steiner geführt. Der Verlag wurde Großvaters Lebensaufgabe. Er ging mit seinem Tod 1957 auf seinen Sohn Wolfgang, meinen Vater, über, der ihn am 1.7.1976 an Herrn Dr. Friedrich Kaufmann übergab, der ihn Ende 1999 verkaufte, die angeschlossene Buchhandlung aber zunächst noch weiter führte. 

Nun aber vom Geschäft unseres Großvaters zurück zu ihm. 1918 und 1924 wurden ihm nach den bereits erwähnten Söhnen Wolfgang und Helmut die Töchter Hildegard (Hilde) Sidonie Anna Margarethe (22.4.1918, Berlin) und Ursula (Ursel) Erika Hanna (22.1.1924, Berlin - 22.3.1996, Weißenburg) geboren. 

Aus Briefen, die Amelie und Erich an Amelies Schwester Hänse Herms schrieben, ergibt sich folgendes Bild. Wirtschaftlich muß die Nachkriegszeit mit der Übernahme eines Anteils des Verlages schwer gewesen sein. Amelie führte den Haushalt aus Mangel an Nahrungsmitteln und Geld längst wieder nur mit einem Mädchen (1.9.1919). Es wird eine Ziege gehalten, die Amelie melkt (mindesten bis 1923). Auch die Inflation muß schlimm gewesen sein. 1 L Ziegenmilch kostete 960 Mark (April, 1923). Fürs Essen und Trinken und Mädchenlohn waren (1919) monatlich 1000 – 1200 Mark aufzuwenden. Daneben mußte der Kaufpreis für den Geschäftsanteil ratenweise zurückgezahlt werden. In Briefen finden immer wieder Zuwendungen von Nahrungsmitteln (eine Ente, Äpfel, Kartoffeln, eine Gans, ein Brot) durch Amelies Schwester Hänse, die in Holstein versucht eine Gärtnerei als Lebensgrundlage aufzumachen, dankbare Erwähnung (Jahre 1920 – 1922). 1922 ist Erich Geschworener (‘ich verkehre nur noch mit Mördern und Einbrechern‘, 18.5.1922). Im März 1925 gab es viel Ärger in der Firma. Fast die Hälfte der Belegschaft streikt (‘nicht wegen Lohndifferenzen, sondern wegen ihrer‘‘gesellschaftlichen Stellung‘. Sie wollen nicht mehr Arbeiter sein sondern Angestellte‘) bereits 3 Monate (23.5.1925). 

Mein Vater Wolfgang schreibt im Juli 1970 an Gerhard, einen Bruder unseres Großvaters:

"Die ersten Jahre der Selbständigkeit nach dem verlorenen Krieg und der Inflation müssen sehr schwer gewesen sein. Ein Durchbruch zu besseren Aussichten gelang erst, als 1924 das erste Tierbuch von Bengt Berg (Mit den Zugvögeln nach Afrika) ein Erfolg wurde. ... Es gelang, den Verlag mit den technischen Betrieben gut zu entwickeln. 1939 hatte die Firma ca. 200 Mitarbeiter. 

Mein Vater arbeitete mit Umsicht, Schwung und Zähigkeit, und er arbeitete im Grunde gern. Ein zweiter oder gar dritter Feiertag - etwa zu Weihnachten - war ihm zuwider. Er hat viele schöne Erfolge seiner Arbeit sehen können, aber zum Schluß blieb ihm der völlige Untergang nicht erspart. Das Geschäftshaus ging im April 1945 restlos in Flammen unter, ein absoluter Neubeginn war erforderlich und die Jahre waren zunächst ohne Erfolg. 1951 starb sein alter Freund und Miteigentümer Joseph Steiner - das Verhältnis zu ihm war auch nicht ungetrübt geblieben. 

Trotz allem gewann er in den letzten Jahren eine gewisse Heiterkeit. Wir Kinder waren alle frei in unserer Berufswahl. Mein Bruder und meine Schwester Hildegard studierten Medizin. Helmut heiratete (17.1.1942, Zwickau) während eines Fronturlaubs Ingeburg (Inge) Pfisterer (26.2.1017-13.7.2002, Ehe geschieden 1971, heiratete am 23.2.1973 Anita Schulze, 4.2.1925 - 9.12.1992). Meine jüngste Schwester Ursula wurde Kindergärtnerin und heiratete 1951 Curt Heublein (2.1.1888, Leipzig - 6.12.1968, Raubling). Ich wurde Buchhändler ...(und heiratet am 29.12.1938 Hildegard von Varchmin, 27.5.1914, Berlin-Wilmersdorf – 28.7.1971, Berlin-Lichterfelde)." 

Der Kontakt zu Bengt Berg kam durch Edmund Herms (Onkel Mundo), einen Bruder von Ludwig Herms (25.3.1884 – 3.6.1970, Eutin), dem Mann von Großmutters Halbschwester Johanna (Hänse) Wagner (25.7.1898, Marienwerder – 17.4.1973, Eutin) zustande. Er lebte in Berlin, verkehrte bei den Großeltern, sprach 7 Sprachen flüssig und hat auch die Bücher von Bengt Berg aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt. 1926 besuchte Erich Bengt Berg und flog von Stettin nach Schweden. Bald nach seiner Rückkehr ereignete sich bei Juist ein Flugzeugunglück (Brief von Amelie vom 29.7.1926). 

Rückblickend soll Großvater gesagt haben: die schönste Zeit waren die Jahre vor dem ersten Krieg. Einmal im Jahr kam der Steuereinzieher, kassierte 3 Goldmark und man hatte den ganzen Monat schlechte Laune (T. Hilde).

1920 nahm Großvater an der Abstimmung teil, die über das Schicksal seiner Heimat Föhr entscheiden sollte, wozu ein eigens von der Abstimmungsbehörde ausgestellter Passierschein (2.3.1920) benötigt wurde.  

Einen kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse gestattet ein Brief seiner Tante Marie (Mimi) Weigelt (12.11.1854, Hamburg – 8.6.1944, Nienburg), den diese am 8.12.1920 bei einem Besuch in Südende an ihre Schwester, Großvaters Mutter Anna, schrieb:

"Helmuts Mantel scheint mir besser zu sein als Wolfgangs, dessen Mantel aus kariertem Damenstoff ist, heil und ordentlich, aber nicht recht passend für einen Jungen. ... Amelie ist froh, daß die beiden Jungen nicht zur Quäkerspeisung bestimmt wurden; denn das ist doch ein Zeichen, daß sie es nicht so nötig haben wie ihre Mitschüler. Die Jungen würden gerne mitessen, denn es soll immer etwas schönes geben." 

Die Familie machte fast jährlich eine Reise (Urlaub). In den ersten Jahren (1909 – 1925)in der Regel zur väterlichen oder mütterlichen Familie (Wyk: 1909, 1911, 1913, 1914, Marienwerder: 1912, 1919, 1920, 1924, 1925) oder zu Amelies Geschwistern Johanna ((Hänse) 27.5.1898, Marienwerder – 17.4.1973, Eutin) in Bundhorst 1922 und Fritz (verschiedene Orte in Sachsen 1918, 1921, 1923). 1926 und 1927 wurde in Koserow auf Usedom Urlaub gemacht. 1928 zog Curt Heublein, der als Kupferstecher für den Dietrich Reimer Verlag arbeitete, nach Aschau im Chiemgau, wohl auch um seiner Begeisterung für die Berge nachgehen zu können, mit der er auch Großvater ansteckte. Das war vermutlich der Grund warum in den Jahren 1928 – 1938, 1941 und 1942 - die Urlaubsziele im Süden lagen (Bayern, Österreich, Württemberg). In den Jahren 1915 – 1917, 1940, 1941, 1943 – 1949 waren Reisen durch die Kriege und die Kriegsfolgen nicht möglich. 1950 und 1951 fuhr man nach Wyk und in den Jahren 1952 – 1956 jeweils in den Chiemgau, wo Ursel wohnte und 1952 den Großeltern die jüngsten Enkel schenkte (Dieter Wilhelm Rudolf und Joachim Georg Erich Heublein, 13.4.1952, Prien). 

Die Eigentümer des als 'Rüstungsbetrieb' eingestuften Dietrich Reimer Verlages – es wurden in großem Umfang Militärkarten hergestellt – sahen sich bald dem Druck ausgesetzt, der NSDAP beizutreten. Großvater soll seinen Teilhaber Steiner mit den Worten "das machen Sie, Steiner, ich habe Familie" dazu überredet haben, der NSDAP beizutreten. (T. Hilde) 

Anfang der 30iger Jahre hatte Großvater eine alte jüdische Frau als Sekretärin, die er dann auf politischen Druck hin entlassen mußte. Angestellte der Firma überwiesen ihr dann weiter regelmäßig ihr Gehalt. Schließlich meuterte der Betriebsrat und dann zahlten Großvater oder Steiner persönlich das Gehalt bei der Post ein. Sie endete in Theresienstadt. 

Am 9. Oktober 1936 wurde Richtfest gefeiert und am 18.3.1937 war der Einzug. Großvater und Steiner hatte sich aneinander grenzende Doppelhaushälften in der Karlstraße 7 in Berlin-Südende nach den Entwürfen von Amelies Bruder Fritz bauen lassen. Ende 1937 erfuhr Großvater aus der Zeitung die Hiobsbotschaft, daß sein und weitere Häuser in der Gegend für den Bau eines geplantes Südbahnhofes enteignet werden sollen. Die Enteignung geschah und vertrieb die Familie aus dem neuen Haus, der Bahnhof wurde nie gebaut und die Häuser stehen noch heute. 

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause wurden dann Lichterfelde-Ost, Marienplatz 8 (auf Anraten von Frau Klepper, einer Nachbarin in der Karlstraße in Südende) und Klein-Machnow (Hilde: wegen des schönen Friedhofs) in die engere Wahl gezogen. Wie sich später herausstellen sollte, war die Entscheidung für Lichterfelde-Ost ein Glücksfall. Die auf dem Grundstück stehende Villa wurde abgetragen und aus den Ziegeln bauten Großvater und Steiner ihre Häuser nach Entwürfen von Prof. Schopohl. Der Bau war wegen Materialbewirtschaftung für den heraufziehenden 2. Weltkrieg schwierig. Am 28.6.1939 wurde eingezogen, im August wurde Urlaub im Sauerland gemacht und am 1.9.1939 begann der nächste Krieg, der 2. Weltkrieg. Großvater war 59 Jahre alt. 

Am 8. Januar 1940, dem letzten Tag von Hildes Physikum, ereignete sich eine kleine Katastrophe: der Weihnachtsbaum fing Feuer und das schöne neue Wohnzimmer brannte aus. Ich erinnere mich noch an die später immer noch erkennbaren Brandflecken im Teppichboden vor dem Kamin. 

"Am 23. März 1942 hat Ursel Abitur gemacht. Damit ist die Schulzeit unserer Kinder nach 24 Jahren beendet, sie begann im Kriege Ostern 1918 (mit Helmuts Einschulung), sie endet gleichfalls im Kriege". So eine erlösende Eintragung im Gästebuch. Wolfgang wurde die ersten Jahre von seiner Mutter zu Hause unterrichtet und ging erst später (zumindest ab 1920) in eine öffentliche Schule. 

Als letztes erfreuliches Ereignis vor der Evakuierung des Gästebuches wird die Geburt von Wolfgangs Tochter, meiner Schwester Marianne Ursula (11.9.1942, Berlin-Charlottenburg) vermerkt. 

Helmut, der vor dem Kriegsbeginn bereits beim Militär war, berichtete Mitte August: Jetzt geht’s bald los, wir impfen schon.  

Aus den Kriegjahren gibt es ein bemerkenswertes Dokument, das Luftschutzkeller-Tagebuch, das in der Zeit von 8. Juni 1940 bis zum 21. April 1945 insgesamt die unfaßbare Zahl von 394 Alarmen verzeichnet, die jeweils mit dem Umzug der Familie und der oft zahlreichen Besucher in den Luftschutzkeller verbunden waren. Dabei war die Zeit wohl doch etwas grausiger als die freundliche, geknüttelte Widmung des Tagebuches vermuten läßt: 

"Dieses Büchlein schlicht und klein / soll für unsere Gäste sein /
die am Tage, in der Nacht / wenn es draußen schießt und kracht /
Schutz in unserem Keller suchen / (manchmal gibts gar ein Stück Kuchen)". 

Hier einige Eintragungen aus dem Luftschutzkeller-Tagebuch:

"16.1.1942:  erster Tagesangriff"
"26.8.1943: Zu meinem dreitägigen Luftschutzkursus erhielt ich den praktischen Unterricht in Lichterfelde. Ich habe begriffen, es genügt mir. Möge das Schicksal dem gastlichen Hause auch weiterhin hold sein und uns allen bald den so sehr notwendigen Frieden geben. Es ist überreichlich genug an Grausamkeiten von und auf beiden Seiten gegeben worden. Onkel Franz"
"31.8.1943:  In dieser Nacht jährt sich der Kriegsbeginn. Vier Jahre lang dauert das Morden, niemand zum Segen, der Menschengeschichte zur Schande und Anklage. Meine einzige Bitte in diesen Stunden in diesem Hause, galt der Erhaltung wenigstens einer Insel, die mir so oft Heimat war: der Marienstraße. Erhard Stamm (13.11.1918 - 8.6.1992, Dießen, heiratete 21.12.1972 in 2. Ehe Hilde)"
"24. April 1944:    194. Alarm, bisher schwerster Angriff auf Lichterfelde. Stabbombe in die Garage, Schlafzimmer Deckenbrand, 3 Phosphorblindgänger im Garten, schwere Beschädigung von Dach und Haus durch Mine auf dem Marienplatz, Steiners Haus ausgebrannt durch Phosphorbombe im Schlafzimmer. "
"7.5.1944:   206. Alarm, der Betrieb durch 2 Sprengbomben schwer getroffen, Steindruckerei und Buchbinderei mit allen Maschinen zerstört. "
"26.2.1945: 321. Alarm, sehr schwerer Angriff, 7 Brandbomben in der Wilhelmstraße 29.
Am 20.4.1945 war Großvaters 65ter Geburtstag. Von Feierlichkeiten irgendwelcher Art ist nichts zu erkennen. Im Luftschutztagebuch steht: "392. Alarm, 9.30 - 12.00, Bomberverbände über der Stadt, bei Nauen und westlich von Potsdam, 393. Alarm, 21.35 - 2.40, Russen und nacheinander 7 Moskito Verbände. "

"Am 25. April 1945 kamen wir unter russische Besatzung. Am 26.4. mittags, als wir beim Essen saßen, fielen 2 russische Bomben in nächster Nähe. Bei uns erzitterte das ganze Haus und wir hatten Glasschaden." 

In den letzten Kriegstagen (im April 1945) wurde der teilzerstörte Betrieb in der Wilhelmstraße 29 durch SS gründlich und vollständig durch Brandlegung zerstört, so daß nichts mehr verblieb. 

Über die ersten Tage nach dem Einmarsch der Russen gibt es einen ausführlichen Bericht von Großvater (nicht datiert). Hier nur einige Daten:

Das Haus wird mehrfach von russischen Trupps durchsucht und geplündert (mindestens 6 Besuche, dann noch am 3.5., 17.5. und 30.5. 1945). 

28.4.45       “Nachmittags ging ich mit Hilde und Ursel Wasser holen. In der Bahnhofstraße wurde ich von einem russischen Soldaten angehalten, ... und von einem anderen Rotgardisten untersucht. Gegen 6 Uhr abends kam der Kommandeur und die Verhöre begannen. ... Am Morgen, bald nach 5 Uhr ging die Verhandlung weiter, als zweiter Mann kam ich an die Reihe. Man fragte mich nach Namen, Familie, Wohnung, Volkssturmzugehörigkeit usw. Ich wurde bald nach Hause entlassen und war um 6 Uhr früh wieder zu Hause.“ 

"Am 18. Mai beginnt das Wasser in der Leitung wieder zu laufen (Wasser und Strom fielen am 25.4.1945 aus), Strom ist dagegen noch nicht vorhanden, das Brennholz fängt an knapp zu werden.

Am 11.6. setzt der elektrische Strom wieder ein, so daß wir nach 7 Wochen wieder elektrisch kochen können.

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist so geregelt: 300 g Brot und 400 g Kartoffeln und 7 g Fett täglich. ... Amelie und ich haben weiter abgenommen, wir sind, das läßt sich nicht verheimlichen, alte Leute geworden. Nach den Aufregungen des Luftkrieges durch 5 Jahre, dem Verlust des Geschäfts und den Erfahrungen mit der feindlichen Besatzung ist das ja nur natürlich. Verglichen mit dem was andere Familien haben hergeben müssen, haben wir aber nicht den geringsten Grund zur Klage. Wolfgang, Hilde und Ursel sind hier. Von Helmut wissen wir nichts, wir nehmen an, daß er in Gefangenschaft ist, wenn er noch lebt, die letzte Nachricht war von Ende März." 

Am Kriegsende war unser Großvater 65 Jahre alt. Ein Alter, in dem heute (mehr als 50 Jahre später) die allermeisten Menschen es als völlig selbstverständlich ansehen, schon längst ihre Altersbezüge zu beziehen und erwarten, die Früchte ihres Lebens ungestört genießen zu können. Unser Großvater stand damals allerdings fast vor dem Nichts. Natürlich gab es viele Menschen, denen der Krieg noch mehr genommen hatte, schließlich blieben die Großeltern und ihre 4 Kinder ohne großen körperlichen Schaden und das Haus war von der Zerstörung bewahrt. Mit dem Verlust des Betriebes stand die Familie jedoch wirtschaftlich mit fast völlig leeren Händen da. 

Nach Kriegsende trat der letztlich sehr glückliche Umstand ein, daß Lichterfelde amerikanischer Sektor und damit Teil des späteren West-Berlin und der Bundesrepublik Deutschland wurde. Zunächst war das Leben aber schwierig. Das relativ gut erhaltene und vor allem moderne und neu gebaute Haus der Großeltern drohte um Ostern 1946 von den Amerikanern requiriert zu werden. Als Ausweg ergab sich über einen Bekannten von Hilde, der Krankenhäuser renovierte, die Möglichkeit, das Haus dadurch zu behalten, daß darin einen Arztpraxis begründet wurde. So richtete Hilde im Elternschlafzimmer mit Küchentisch, Waschtisch und Blutdruckmeßgerät und dem Flur als Wartezimmer ihre erste Praxis ein. Da Lichterfelde zu 3/4 ausgebombt war, war die Zahl der Patienten sehr gering, aber das schöne Haus blieb in der Familie. 

Nach dem Krieg arbeitete Ursel zunächst in der Gärtnerei Kleinhans. Die Tochter dieser Familie wurde dann Großvaters Sekretärin. Über Großvaters Sekretärin lernte die Familie den Zahnarzt Dr. Leutke (Berliner Str. Ecke Osdorfer Str.) kennen, der Hilde empfahl, ihre Praxis nach Lichterfelde-Süd zu verlegen, das weniger zerstört war. Es gelang in der Müllerstraße 2 Zimmer zur Untermiete zu ergattern, die als Behandlungs- und als Wartezimmer dienten (ab 1.4.1948). Ursel arbeite dort zunächst als Sprechstundenhilfe. 1951 wurde in der Lindenstraße ein Haus gebaut, in dem Hilde eine Zweizimmerwohnung für die Praxis mieten konnte. Der geschäftliche Erfolg war zunächst sehr bescheiden: am Marienplatz 60 und in Lichterfelde-Süd 250 Scheine im Quartal (250 Scheine _= 600 DM monatlich für Miete, Gehälter, Wohnen bei den Eltern). Aus einem Angebot, eine Praxis in Neukölln zu übernehmen, wurde nichts und schließlich übernahm Hilde eine Praxis in Lichterfelde-Ost, Ferdinandstraße 21 (Einzug im April 1958 an dem Wochenende als Großmutter starb). Diese Praxis führte Hilde bis zum 15.5.1987 und zog dann im Februar 1988 ins Augustinum nach Dießen am Ammersee. 

Nach dem Krieg war es zunächst nicht möglich, den Verlag fortzuführen. Unserem Großvater wurde die Befähigung einen Verlag zu führen, nach 45 Jahren Firmenzugehörigkeit, davon 25 Jahre in leitender Position, aberkannt, schließlich hatte er ja einen ‘Rüstungsbetrieb‘ geführt. Ab November 1945 wurde in einem Ladenlokal in der Drakestraße 31a in Berlin-Lichterfelde versucht, mit einer Sortimentsbuchhandlung, die mein Vater leitete, zum Überleben beizutragen. Wohl nur vorübergehend wurden zwei weitere Buchhandlungen in Lankwitz und Schöneberg in Gemeinschaft mit anderen Geschäften betrieben. Von der Militärregierung wurde Dr. Paul Weiglin als Geschäftsführer des Verlages bestimmt. Die Beschlagnahme des Verlages dauerte bis zum Mai 1948, also fast2 ½ Jahre, sie wurde aufgegeben, nachdem die Entnazifizierung von Herrn Steiner von den Amerikanern bestätigt worden war. Danach durfte Großvater wieder im Verlag arbeiten. 

Am 3.3.1949 wurde Großvater die Lizenz für den neuen Verlag ausgehändigt und unter der Firma Palmenverlag konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden. Als Geschäftsräume diente das Obergeschoß des Hauses Marienplatz 8, statt ca. 200 Mitarbeitern vor dem Krieg wurden mit Erich, Wolfgang und Steiner nun gerade 3 Personen beschäftigt. Großvaters Teilhaber, Herr Steiner, führte unter altem Namen die Sortimentsbuchhandlung weiter. Am 1. April 1951 wurde es dann wieder möglich, als Dietrich Reimer Verlag zu firmieren und der Palmenverlag ging in der historischen Firma auf. Nur Monate danach verunglückte Großvaters einziger verbliebener Partner Joseph Steiner (26.10.1951) tödlich. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren außerordentlich eng. Der mittlere Reingewinn der Jahre 1952 - 1956 betrug 9000 Mark pro Jahr und davon mußten Großvater und mein Vater Wolfgang und deren Familien leben. 

Am 7. Mai 1957 verstarb unser Großvater im Alter von 77 Jahren, davon 56 Jahre im Dienste seines Verlages. Am 26.4.1958 folgte ihm seine ihm sehr innig verbundene Frau, unsere Großmutter Amelie. Beide wurden auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde beigesetzt. Ihre Gräber werden im Sommer 2002 aufgegeben, da nun keiner aus der Familie mehr in Berlin lebt (Wegzug von Marianne im Sommer 1999). Bei seinem letzten Urlaub in Aschau (1956) machte sich eine Erkrankung bemerkbar, so daß Großvater nicht mehr an allen Ausflügen teilnehmen konnte. Im Januar 1987 wurde dann ein Pankreascarcinom diagnostiziert und eine Operation konnte nichts mehr retten. Großmutter hatte die letzten 10 Jahre eine schwere Hüftgelenksarthrose, die damals noch überhaupt nicht therapierbar war (kein Cortison). Beide Großeltern starben im Graf-Botho-Schwerin Krankenhaus am Marienplatz. Nach dem Tode der Großeltern wurde das schöne Haus am Marienplatz 8 verkauft (Erlös 80.000 DM). 

Wie unser Großvater im Alter auf Menschen wirkte, wurde sehr einfühlsam von einer Freundin Hildes (Susanne Diderichsen, Kopenhagen) in deren Kondolenzbrief vom 15.12.1957 beschrieben:

"... Er (Großvater) war eine seltene Persönlichkeit und ich habe ihn sehr verehrt. Er besaß die Gabe mit der Weisheit des Alters eine fast naive Kindlichkeit und herzliche Unbefangenheit zu verbinden. Er war zwar der Mittelpunkt des Hauses, aber auf feine, unaufdringliche Art, eben nur Kraft seiner inneren Güte und Liebe zu dem Nächsten. Am meisten war ich immer von der Herzlichkeit Ihres Vaters berührt, die sich niemals in äußerem Gebaren zeigte, aber doch sein ganzes Wesen so durchdrungen hatte, daß jeder etwas davon spüren mußte, wes Geistes Kind er war. Auf diese Weise hat Ihr Vater vielleicht mehr für das Christentum gewirkt als mancher Pfarrer. Er wußte selbst dem Ablehnendsten wenigstens Respekt vor dem Christentum einzuflößen, denn jeder mußte fühlen, das ist die Kraft aus der dieser Mann lebt.  

Ich habe oft daran gedacht, daß Ihr Vater doch in seinem Leben viel Schweres ertragen mußte, schon als Kind - als der Vater die Mutter mit den Kindern verließ - und doch war nie etwas Bitteres, Verschlossenes, Hartes in ihm, sondern die Kraft, das Leben immer wieder von neuem anzufangen mit unzerstörter Liebe und Güte. Und sein Vorlesen! Mit welchem Humor und welcher Freude konnte er vorlesen und die Ideen, die ihm gefielen, hervorheben oder wiederholen, während die weiblichen Mitglieder der Familie auf vorzügliche Art über das langweilige Stopfen und Flicken kam. Überhaupt geistig war Ihr Vater von einer seltenen Lebendigkeit, ich kam mir immer ganz dumm, unwissend und interessenlos vor, wenn er von seinen Büchern erzählte.  

Das Haus, besonders das große Wohnzimmer habe ich immer als seine Schöpfung angesehen: die Bescheidenheit nach außen (bloß nichts vorstellen wollen) und die schöne kultivierte und durchdachte Anordnung im Innern mit den vielen schönen Einzelheiten an kunstgewerblichen Gebrauchsgegenständen. Er war gar nicht von der Mode oder von dem, was 'man' hat, beeinflußt, sondern ging ganz seinen eigenen Weg. Man kann im besten Sinne von ihm sagen, er war ein Original. " 

Aus eigener Erinnerung vermag ich, Peter Andrews, kaum noch wissenswertes beizutragen, war ich doch als unser Großvater starb erst 16 Jahre alt. Unsere Familie wohnte seit Sommer 1950 in Lichterfelde-West, Rotdornweg 12, nicht unerreichbar weit (3/4 Stunde Fußweg) vom großelterlichen Haus entfernt. An den großen Garten mit einer riesigen Buche und einer großen Katalpe, in der verschiedentlich ein Pirol sang, kann ich mich ebenso erinnern wie an die Büsche mit roten Johannisbeeren und an die eigenen Beete, die meine Schwester Marianne und ich in einem Winkel des Gartens hatten. Ebenso ist meine Erinnerung an das schöne großzügige Haus, die weite Eingangshalle und das riesige Wohnzimmer, den abgetrennten Privatbereich mit Bad und Schlafzimmer und die Durchreiche zwischen Küche und Eßzimmer und die Geschäftsräume im Dachgeschoß noch ganz lebendig. 

Da wir die Großeltern vermutlich nur an Wochenenden und Feiertagen besuchten, gab es für mich eigentlich immer beide Großeltern, nur mittags, wenn Großvater einen kurzen Erholungsschlaf nahm, fehlte er. Im Hause der Großeltern war für mich immer Frieden, Ruhe, Behaglichkeit zu spüren. Großvater hatte eine goldene Taschenuhr, die uns als Kinder faszinierte. Wenn man stark genug auf sie blies, sprang der Deckel auf. Heute bewahre ich diese Uhr als ein ganz besonderes Erinnerungsstück auf. Großvater machte mir in den frühen 50iger Jahren ein willkommenes und noch heute fortwirkendes Geschenk, er gab mir ein kleines Briefmarkenalbum. Daraus ist inzwischen eine umfangreiche Akkumulation von vor allem deutschen und englischen Briefmarken geworden. 

Für die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Nöte, die es reichlich gegeben haben muß, hatte ich noch kein Gespür, auch wurden solche Themen nie vor Kindern besprochen.  

 

 

 


Peter Andrews,

Wuppertal, den 9.4.2002

 

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