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Nachruf

auf Julius Hermann Wagner

 

aus dem Kirchenblatt entnommen

vom 06.02.1898

Nach hartem Kampf und schweren Leiden löste der HErr am Abend des 28. Juli 1897 die Seele seines treuen Knechtes, des Vorstehers der Marienwerderer Gemeinde  Julius Hermann Wagner. Ein reich bewegtes Leben hatte hier seinen Abschluß gefunden, ein Leben des Kampfes, aber auch gewissen, frohen Sieges, ein Leben der Arbeit, der mancherlei Sorgen und Mühen, ein Leben aber auch reichen innern und äußeren Segens, ein Leben in täglicher Buße, ein Leben aber, daß auch im täglichen Ergreifen der sündenvergebenden und heiligenden Gnade seinen Grund, seinen Trost und Frieden fand.

J.H. Wagner wurde zu Marienwerder am 28. Juni 1811 als der jüngste Sohn des Färbereibesitzers Johann Christian Wagner geboren. Auf den Wunsch seines Vaters ergriff er dessen Beruf und übernahm später, als er Deutschland und einen Teil der Schweiz mit hellem Auge mit fröhlichem Herzen durchwandert und seine Kenntnisse erweitert hatte, das Geschäft seines Vaters.  
Durch seinen älteren Bruder, den Kandidaten ( späteren Pastor bzw. Superintendenten ) Ludwig Wagner, kam er zum lebendigen Glauben. Eine Anregung dazu hatte er weder im Elternhause noch im Konfirmanden-Unterricht empfangen, nur ein unbestimmtes Sehnen und der Durst nach Wissen füllte seine Seele. Er schreibt später darüber in einem Briefe: “ Es gab eine Zeit, in der ich die Ruhe meines Herzens im Wissen zu finden wähnte, sank nur um so mehr in Unruhe und Zweifel. Ich danke dem HErrn, daß er mich nun zu einem Wissen geführt hat, das da heißt:  Christus, meine Gerechtigkeit. Dies Wissen bringt Trost und Frieden, Liebe und Leben; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit – das sind wahre und wahrhaftige Worte.“ 
Bei einem Gliede eines neu gegründeten Missions-Vereins, in den er durch seinen Bruder eingeführt wurde, lernte er mehrere der seit 1838 nach Marienwerder verbannten lutherischen Pastoren kennen und hörte da zum erstenmal von den Kämpfen der lutherischen Kirche. Hier fand er auch seine Lebensgefährtin. Als er nach dem Tode seines Vaters in den Besitz des Geschäftes getreten war, führte er im Oktober 1839 die Jungfrau Julie Zimmermann in sein bescheidenes Besitztum. Die junge Frau, die einer der verbannten Pastoren, der sie im Hause ihres Schwagers kennen gelernt hatte, “ eine reich begabte und dabei in aller Demut wandelnde Frau ", er selbst aber in seinen Briefen “seinen Liederschatz“ nennt, war mit ihrem Manne eins  im Trachten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit.  
“Wie preise ich“, schreibt er in einem Briefe aus der Brautzeit, “daß du, meine liebe Braut, den HErrn lieb hast und wir nun zusammen in seiner Gemeinschaft wandeln können;  ich bin nicht wert seiner Barmherzigkeit und Treue“, und in einem andern Briefe:  “Ach könnten wir ihm immer dienen, machte er uns zu Handlangern im Bau des Reiches Gottes.  Möchte er uns zu rechten Priestern in unserem Hause machen und unser Haus zu seinem Tempel; das hilf uns, lieber Heiland.“ - 
Am Tauftag ihres ersten Sohnes ( 29. November 1840 ) wurden beide Eheleute durch Pastor Ludwig Wagner, der damals von Bromberg aus auch das Gemeindlein Marienwerder versorgte, in der evangelisch-lutherischen Kirche aufgenommen. In der Hausbibel, worin dies wichtige Ereignis auch vermerkt wurde,  lesen wir: “Wir preisen Gottes Barmherzigkeit, die uns die Augen aufgethan und uns in sein heiliges Zion mit lauterm Wort und Sakrament geführt hat, und bitten ihn, daß er uns und unsere Nachkommen festhalte in dem Bekenntnis der Väter in Lehre und Leben.“   
Als später die Gemeinde wuchs, gab er seinem Schmerz,  daß Bekenntnis und Leben nicht immer gleichen Schritt halten, in einem Briefe folgenden Ausdruck: “Die alte Glut zu dem Einen, der der Schönste ist unter den Menschenkindern, verbindet nicht mehr die Herzen in der Gemeinde,  die Opferfreudigkeit fehlt, keiner will etwas entbehren um der Kirche willen;  die Brosamen, die von den Tischen fallen, sollen sie ernähren; ein jeder karkt und knausert und sucht nach entschuldigenden Pflastern für sein Herz und Gewissen, wenn es ihn mahnt, dem HErrn, der sein heiliges Gottesblut für ihn vergossen, etwas zum Opfer zu bringen.“  “Die Herzen sind leer und darum auch die Taschen.“ –  Soweit die Aufzeichnungen einer Tochter des Heimgegangenen. 
Nach seinem Übertritt gab Wagner auch in dem Hinterhause seines väterlichen Grundstücks einen Raum zu den gottesdienstlichen Versammlungen des Gemeindleins her, die damals noch wiederholt durch polizeiliche Besuche gestört wurden. Als letztere 1842 aufhörten, wurde in dem anderen Grundstücke Wagners der inzwischen größer gewordenen Gemeinde eine geräumigere Stätte bereitet. Bald zum Vorsteher gewählt, hat Wagner das Amt über fünfzig Jahre treu versehen und mit seinen schönen Gaben Pastor und Gemeinde mit Lust und Freude gedient, Jahrzehnte lang verwaltete er auch das Amt eines Vorlesers und das Kassen -und Rechnungsführers der Gemeinde.  
Er hatte lieb die Stätte des Hauses Gottes und den Ort, da seine Ehre wohnt, versäumte nie einen der Sonntags -und Wochen –Gottesdienste und ließ es sich bei keinem heiligen Abendmahl nehmen, dem Pastor Handreichung zu thun. Wiederholt wurde er als Vertreter des Pfarrbezirks, sowohl vor 1851,  wo Marienwerder noch zu dem Danziger gehörte, als nach 1851, wo Marienwerder, wo es einen besonderen bildete, zu den Kirchen-Versammlungen in Breslau gewählt, das letzte Mal 1882.

Seine Gaben und Tüchtigkeit wurden auch in seinem bürgerlichen Leben erkannt und gewürdigt. Er ward,  obwohl er niemals irgendwelche Bewerbung anwandte, auch seine ernstere Geistesrichtung und kirchliche Glaubensstellung niemals verleugnete,  1845 Stadtverordneter, 1847 Stadtverordneten-Vorsteher, 1849 Ratsherr, 1862 Abgeordneter zum Königsberger Landtage, 1886 Beigeordneter, 1871 Ritter des Kronenordens 4. Klasse, 1887 Stadtältester, 1889 Ehrenbürger und Ritter des roten Adlerordens 4. Klasse.  
Jederzeit und in jeder Beziehung war er bereit, das Wohl der Stadt zu fördern, und hat es mit Erfolg gethan. Mit Gefahr seines Lebens trat er in dem Hungerjahr 1847, als der Pöbel den Kornspeicher eines Wucherers zu plündern begann, auf den Schauplatz und traf, während die berufenen Häupter der Stadt ratlos waren, Vorkehrungen, wodurch dem Unwesen bald gesteuert wurde. Seiner besondern Bearbeitung unterlag nach seinem Eintritt in den Magistrat das Schulwesen, das seiner Hingebung und Rührigkeit viel zu verdanken hat, u.a. die Stiftung einer Schulvermögens-Stiftung. Wie für alle anderen Gegenstände der Stadtverwaltung, so hatte er besonders auch ein warmes Herz für die Armen des Stadt, und es ging ihm stets nahe, wenn die Zuwendungen, für sie nicht nach seinem Maße erfolgten. Er selbst hatte immer, wie für alle kirchlichen Notstände, so auch für die Armen eine offene Hand und ließ die Linke nicht wissen, was die Rechte that. Er gründete mit andern einen Armen-Pflege-Verein, in dessen Vorstande, wie bei andern verwandten Vereinen, er stets verblieb.  
Zum Besten insonderheit der Gewerbetreibenden verband er sich mit etlichen zur Bildung eines Vorschuß-Vereins, zu dessen Leiter er bald und dann jährlich wiedergewählt wurde. – Daß die Achtung, die er in der Stadt und bei den Behörden genoß, auch unserer Gemeinde zu gute kam. läßt sich denken. Damit hängt mehr oder minder manche Rücksicht zusammen, die der Gemeinde zu teil wurde, ihr aber sonst bei der hier bestehenden Schätzung der “Mucker“ wohl kaum erwiesen worden wäre. Das gilt u.a. von den Bewilligungen der drei Stätten ( Friedrichschule, höhere Mädchenschule, Amtsgericht ), in denen sie ihre Gottesdienste von 1848 bis 1892, wo sie in den Besitz eines eigenen Kirchleins gelangte, nacheinander gehalten hat. Der Saal der Friedrichschule ward ihr sogar ohne ihren Antrag auf Anregung eines nicht-lutherischen Stadtverordneten eingeräumt. 
In Wagner Häuslichkeit sah man das Bild des 128. Psalms verwirklicht. Das eheliche Leben in herzlicher Liebe und Hochachtung gegeneinander, die Kinderzucht in der Zucht und Vermahnung zum HErrn, gegen die Dienstleute kein “Dräuen“ und sonst Gottesfurcht und Gebet, Arbeitsamkeit, Einfachheit, Biederkeit, Gastfreiheit “ohne Murmeln“.  Wie viele durchreisenden Lutheraner sind besonders in den ersten Zeiten der wiedererstandenen Gemeine dort aufgenommen worden und an den Sonntag-Nachmittagen fand jedes Gemeindeglied dort Gelegenheit zu edler Geselligkeit; denn das, was der Apostel Eph. 5, 19  empfiehlt, wurde dort reichlich geübt. Das freundliche Wohlwollen, die herzliche Teilnahme, der reichliche, geistliche und leibliche Segen, den jeder da empfing, hat vielen, Lutheranern und Nicht-Lutheranern, das Haus unvergesslich gemacht. 
Zwölf Kinder entsprossen der Ehe, von denen fünf Söhne und zwei Töchter noch am Leben sind. So groß aber die Arbeit und Sorge für sie war, die barmherzige Liebe nahm auch noch andere an und erzog noch zwei elternlos gewordene Kinder völlig.  Es fehlte auch sonst nicht an weitgreifenden Unterstützungen anderer. Rührende Dankesbezeugungen blieben nicht aus. Nach 42 Jahren Ehe ( 1881 ) rief der HErr die Hausfrau ab. Er wollte ihr die schweren Zeiten, die in der Folge wegen des Irdischen wiederholt einkehrten, ersparen, dem im Glauben starken Greise aber half er in Gnaden immer wieder, den Kopf oben zu behalten. Im September 1896 erlitt er an seiner ganzen linken Seite einen Schlaganfall.   
Für den bis an den Tag seiner Erkrankung noch immer arbeitsfreudigen und trotz seiner fünfundachtzig Jahre noch immer kräftigen Mann wurde es eine schwere Geduldsprüfung, zehn und einen halben Monat unthätig liegen zu müssen, auf die Hilfe anderer angewiesen und von dem Willen anderer abhängig zu sein. 
Die Kraft des Wortes Gottes aber, das er so viel gehört , gelesen, gelernt, gesungen und geglaubt, bewies sich an ihm herrlich, und der Kampf des Fleisches gegen den Geist wurde zu des letzteren Sieg endgültig ausgefochten. Am 07. Sonntage nach Trinitatis legte der Ortpfarrer mit den beiden im geistlichen Amte stehenden Söhnen des Entschlafenen dessen Leib in den Gottesacker, in vieler Wehmut, aber auch in gewisser Hoffnung seiner fröhlichen Auferstehung zum ewigen Leben.
         
Reinold von Flanss, Pastor in Marienwerder

 
Kirchenblatt 06.02.1898

 

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