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nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

meine Kindheit                                

Victor Poltrock

aufgeschrieben
im Dezember 1950.

 

 

 

 

Am gleichen Tage, dem  27.10.1880  hatte der damalige Landrat Karl von Oven und seine Frau Emma, geb. Gräfin von Westarp in Duderstadt am Harz ihre älteste Tochter Hedwig dem Regierungsbauführer Arthur Poltrock und ihre zweite Tochter Anna, dem Amtsrichter Eduard Twele zur Frau gegeben. Damit ging viel übermütiges und tüchtiges Leben aus dem Elternhaus und dem großen Geschwisterkreis. Mit viel Herzlichkeit und Humor hatte man das große Familienfest so schön gefeiert, wie es nur ging. Als dann die Trennungsstunde kam, fuhren meine Eltern nach Berlin, das andere junge Paar nach Göttingen, jedes in sein eignes, kleines, neues Nest, um nun als selbstgewählte Gefährten gemeinsam die neue Lebensaufgabe anzupacken.

Ohne jede feste Stellung, ohne ein wenn auch noch so kleines regelmäßiges Einkommen meines Vaters fingen meine Eltern an. Eine sehr liebevolle, etwas ältere, kluge Base zweiten Grades meiner Mutter, Bianca von Oven, in Frankreich aufgewachsen, war in Berlin-Treptow an einen Fabrikanten, Walther Auffermann verheiratet. Er hatte eine Holzfärbefabrik, färbte nach eignem Verfahren hauptsächlich Holz für Klaviertasten durch und durch schwarz. Geeignete Birnbäume kaufte er selbst auf weiten Reisen, die ihn bis nach Russland hineinführten. Diese beiden feinsinnigen, edlen Menschen hatten Mutter in großzügiger Weise in ihrem schönen Hause zwei Zimmer angeboten und sie gebeten, der Tante, die wohl zart war, in Haus und Wirtschaft und bei ihren damals 4 Kindern tätig zu helfen. Essen sollten Vater und Mutter dafür aus der gemeinsamen Küche.

Damit erst war meinen Eltern ein Anfangen ermöglicht und Vater setzte nun alles daran, sein Regierungs-Baumeister-Examen zu machen. Daneben bemühte er sich bei seinen vielen guten Bekannten, die Vater schätzten, und wo es möglich war, um Arbeiten. Er schrieb Artikel für Zeitungen, Kritiken für Fachzeitschriften, machte Zeichnungen und Entwürfe, aber alles ohne rechten klingenden Erfolg. Das Wirtschaftsleben verlief damals noch spärlich. Das Geldverdienen ging langsam und mühevoll. Doch wenn ihn bei vielen Misserfolgen Mut und Hoffnung verlassen wollten, half ihm seine immer frische und tatkräftige Hete wieder von neuem anfassen. 

Aus dem bis zu Auffermanns Tode überaus herzlichen Verhältnis zwischen ihnen und Mutter darf man schließen, daß die Zeit des Zusammenlebens harmonisch blieb. Meine Eltern waren durch die Musik zusammengeführt, wie Mutter mir noch 1941 bei meinem letzten Besuch in Neubrandenburg, ein Jahr vor ihrem Tode ausdrücklich erzählte. Sie hatte gute Gesangstunden gehabt, die ihre schöne Stimme entwickelten, ohne ihr die frische Natürlichkeit zu nehmen. Und Vaters große Liebe und Leidenschart war immer das Klavierspiel gewesen. Sein technisch vollendetes, musikalisches und seelenvolles Spiel öffnete ihm die Herzen, und brachte ihm viel Achtung und Liebe entgegen. Ein schönes Klavier fand Vater bei Auffermanns vor. Welche Freude für die Eltern und die hochmusikalische Familie Auffermann, wenn Vater sich in sein liebes Instrument versenken konnte, oder, was er immer besonders gern getan hatte, den Gesang seiner Hete einfüh1end begleiten.  

Denn so hatte es ja angefangen: Der junge Reg.-Bauführer Poltrock, der für eine Reihe von Monaten einen Bauauftrag am Gymnasium in Duderstadt hatte, erregte bald Aufsehen durch solch ungewöhnliches Spielen. Und bald war es so weit, daß, wo es auch war in Gesellschaft bei Bekannten, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen, die frische natürliche Hedwig von Oven sang begleitet von Herrn Poltrock. Selbst mir, dem Musikverständnis nur in schwachem Abglanz dämmert, macht noch heute in der Erinnerung das Spielen meines Vaters, der ganz in sich versunken, die schönen klassischen Stücke, eins nach dem anderen auswendig vollendet spielte, starken Eindruck.  

Zur Geburt ihres ersten Kindes fuhr Mutter zu ihren Eltern nach Duderstadt. So wurde mein Bruder Walther, ein Duderstädter Kind, geb. 08.08.1882. Wie lange die Eltern noch bei Auffermanns in Berlin-Treptow gewohnt haben, weiß ich nicht.  Ich als zweites Kind wurde schon in der eignen Wohnung geboren: Berlin-Moabit, Turmstr., mir ist so, als sagte Mutter Nr.4. 

In einem kleinen einfachen Heftchen hatte mein Vater angefangen, über die wichtigsten Familienereignisse kurz zu berichten. Es kam nach Mutters Tode, 1942, in meine Hände. Leider blieb es am 23.01.1945,  als ich nach angeordneter Räumung Marienwerder verließ - bei dem plötzlichen Abmarsch konnte ich mein Haus gar nicht mehr aufsuchen – mit allem anderen uns lieben und unersetzlichen zurück.

Mit welcher Freude und Stolz berichtete Vater, wie er seine liebe Frau mit dem strammen erstgeborenen nach Berlin zurückholte. Ich erinnere mich, daß er nach meiner Geburt einschrieb: ein einfacher, ruhiger, kleiner Mann, der seiner Mutter nicht viel zu schaffen machen wird.  

Bitter beklagt er sich später, wie schlecht er als Bauführer gestellt sei, verhältnismäßig schlechter, als jeder Bauarbeiter. Immer spärlicher wurden dann die Aufzeichnungen von ihm, das einzige, was von ihm auf uns überkommen war. 

Vater fand dann Beschäftigung an der Baupolizei in Charlottenburg und hiermit verbunden, im Laufe der Zeit gleichzeitig die Bauaufsicht und Beratung der noch neuen " Kolonie Grunewald ", was ihm etwas mehr Einnahmen und Anregung und Freude an seiner Arbeit brachte. Inzwischen wuchs die Kinderzahl, die Eltern mussten umziehen. Die erste Wohnung meiner Erinnerung: Friedenau, Lauterstr.  Walther hieß der Hauswirt, wie mein großer Bruder. Er handelte, wie uns erzählt wurde, mit Käse. An jedem Morgen stand ein beladener auf neu lackierter Rollwagen in der Hofausfahrt und davor ein wunderschönes, großes braunes Pferd. Das hat sich dem kleinen Jungen tief eingeprägt. An jedem Morgen kam dann der Kutscher mit Büchse und Bürste und wichste ihm die Hufen glänzend schwarz. Und dann zog das schöne Pferd den Wagen fort.  Dunkel besinne ich mich auch darauf, daß wir mit anderen Kindern auf der Straße spielten, auch im nahen Birkenwäldchen, wo mich einmal eine Hummel gestochen hat. Ich war wohl zu interessiert an ihrem Erdloch, aus dem sie gerade herauskam. Heta, meine einzige Schwester, war schon da: 10.8.1885,  Ulrich: 06.12.1886.

Und dann kam auch wohl die ganz große Reise im Sommer 1887 zu unseren Großeltern Poltrock nach Reddestow, Krs. Lauenburg, in Pommern. Von der langen, für die Eltern mit ihren 4 kleinen Kindern und vor allem für Mutter nicht einfachen Reise weiß ich nichts mehr. Aber dann, als der Zug einmal wieder hielt, wurde ich aus dem hohen Wagen gehoben und der große Mann war unser Großvater. Sicher war mit den Wagen auch Tante Vince gekommen, die wir ja so gut kannten und sehr lieb hatten  und hatte gleich ihren Patenneffen und Liebling Walther an sich genommen. Als die große Unruhe nachließ, sagte der Großvater: Na, die Frauen und Kinder in den Landauer und Arthur, Du und der Kleine hier, Ihr kommt auf meinen Wagen. Beide schönen Kutschen gehörten unserem Großvater. Jede mit zwei großen Pferden. Aber zum Staunen blieb mir keine Zeit. Auf einmal saß ich auf dem Bock neben dem Kutscher, wo ich die Pferde und alles so schön sehen konnte.
Ganz genau weiß ich noch, wie ich kleiner Knirps stolz war, daß ich mit Großvater und Vater im Männerwagen fahren durfte, während der Frauen-,Kinder-, und Gepäckwagen noch nicht fertig war und dann hinterher fuhr.

Für die Großen alle muß dieser Sommerbesuch ganz wunderschön gewesen sein. Das Wiedersehen und sich Wiederfinden nach langen Trennungsjahren. Die schöne ländliche Ruhe und Sicherheit nach vielen sorgenvollen Jahren. Dazu Vaters Lieblingsschwester, unsere Tante Vince, immer unternehmungslustig und fröhlich, klug und geistig beweglich. Für uns staunende Kinder brachte Reddestow wohl ein neues Leben. Immer habe ich es bedauert, daß ich damals erst 3 Jahre alt war. Zu wenig Eindrücke sind geblieben, aber die wenigen sitzen dafür auch fest.

 

 

Rittergut Reddestow in Kreis Lauenburg / Pommern

Reddestow war zwar Rittergut, aber nicht übermäßig groß. Die Landschaft war hügelig,  abwechslungsreich, mit Wald vermischt, Bäche und Teiche, wunderschön. Aber der Boden war leicht, die Ernteerträge schwankend. So war der Lebenszuschnitt einfach und schlicht.Dem entsprach auch ganz das Gutshaus. Einstöckig breit mit einfachem glatten Ziegeldach. Die oberen Giebel als Stuben ausgebaut. Eine Eckstube unten war Kirchenstube mit einfachem Gestühl, ein kleines umbautes Pult, als Kanzel.

        P. Heinrich Brachmann

Wir kamen nicht in die Kirchenstube. An einem Sonntag war der Pastor gekommen, Onkel Brachmann, ich glaube aus Stolp, es wurde uns gesagt, daß er ein lieber Onkel sei. So sah er mir auch aus. Es kamen auch fremde Männer und Frauen, alle hatten schwarze Anzüge und Kleider an und ernste Gesichter. Nachher, als wir im Garten  spielten, dachten wir an die Kirchenstube. Das Fenster war zu hoch für uns. Aber wenn ich mich ganz, ganz groß machte, auf den Zehenspitzen, dann konnte ich den Onkel Pastor sehen und den Großvater und die anderen schwarzen Menschen. Unsere Ankunft in Reddestow wird am späten Nachmittag gewesen sein. Wie es im Hause war, Großmutter, Tanten, etwa Kuchen essen, Milch trinken, - nichts, gar nichts hat sich mir eingeprägt. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein mit Tante Vince. Sie wollte uns ins Bett bringen und zog uns aus. Kommt mal her Jungens, zum Fenster. Seht mal, was sind denn das da unten für große Tiere? Wir waren in einer der großen Giebelstuben. Unten vor dem Haus war eine kleine Koppel und in der sprangen ein paar große braune Tiere fröhlich herum. - Ja, wir wussten es auch nicht. Wir strengten unser Gedächtnis an, solche Tiere hatten wir noch nicht gesehen. Schließlich schlug Walther, als der erfahrenere vor, es würden wohl Kamele sein. Und mir schien das ganz zutreffend. Als uns dann Tante Vince sagte, während sie uns auszog, daß seien Pferde, junge Pferde, die Fohlen heißen und lachend fragte: Kennt ihr denn keine Pferde? da wurden wir wieder sicher. Ja, Pferde die kannten wir schon, aber richtige mit Geschirr und einem Wagen zum ziehen, oder mit einem Sattel und Zügel, wie die Reiter sie haben. Aber solche Pferde, wie diese hier, die hatten wir noch nie gesehen. An der Rückseite des Hauses, zu ebener Erde lag die Küche. Eine einfache Tür führte nach draußen. Davor ein kleiner Austritt mit ein paar Stufen nach unten zum Weg hin. Auf diesem Austritt fanden Walther und ich einen Henkelkorb mit Kartoffeln vor, ziemlich voll, nicht zu große. Und vor dem Tritt auf dem Weg ein paar schnatternde Gänse. Die hatten uns nichts getan. Aber wohl aus allgemeiner Jungenstradition heraus sausten jetzt unsre Kartoffeln auf die Gänse! Als es denen ungemütlich wurde und sie weiter wackelten, da stieg meine Begeisterung und mein Eifer aufs Höchste und die Kartoffeln wurden immer weniger. Plötzlich ging die Küchentür auf und eine feste Hand fasste nach dem Korb : " Lasst das mal sein Jungens, warum wollt ihr denn die Gänse tot schmeißen? die sollen ja noch am Leben bleiben und die Kartoffeln wollen wir noch essen. – Richtig, die Gänse hatten uns wirklich nichts getan und die Kartoffeln waren nicht für uns zum Schmeißen da. Und was wir getan hatten, war ungezogen und schlecht von uns. Das hat mich damals recht bedrückt, wir dachten auch an Strafe. Die blieb aus, aber das Gefühl, damals Unrecht getan zu haben, das war in mir ganz klar und das empfinde ich heute noch. 

Onkel Fritz, Vaters jüngster Bruder, wollte einmal Mutter, die ja auch auf dem Lande aufgewachsen war, - zuerst auf Ludom, Prov. Posen, später auf Großvaters Gut Zawada, Kreis Schlochau, Westpr. - mit ihren Kindern durch die Felder spazieren fahren. Ein paar junge Pferde, die im Stall standen, spannte er vor einen leichten Wagen, wie sie auf den Markt fahren. Vorn ein einfacher Quersitz, ringsum niedrige Seitenwände. Wir Kinder saßen hinten auf dem Boden, Mutter mitten unter uns. Ob die Fliegen und Bremsen die jungen Pferde beunruhigten, oder was es sonst war: Plötzlich gingen sie durch! Kurz entschlossen warf Mutter uns alle um, damit keiner über Bord ginge. Ich sehe noch das Bild.  Gegen den schönen hellblauen Himmel: der Onkel, halb stehend an  der Leine reißen und zu den Pferden sprechen und auf Mutters klaren Befehl, fest liegen zu bleiben, uns auf dem Wagenboden zu legen. Der Schreck war bald überstanden, nichts passiert. Aber Mutter war der Schreck in die Glieder gefahren, der kleinen Kinder wegen. Noch in ihrer letzten Zeit sprach sie davon. Noch ein kleines Erlebnis haftet in meiner Erinnerung. Vor der einen Hälfte der Hausfront war in den Hof hineingebaut ein kleiner Schmuckgarten. Vielleicht wollte die Großmutter vor ihrem Wohnstubenfenster lieber einen freundlichen Blumengarten haben, als immer den Ausblick auf den kahlen Wirtschaftshof mit seinen Scheunen und Ställen. Ein niedriger, alter, behaglicher Zaun fasste den Garten ein. An der Hofgrenze standen einige große alte Bäume, ich glaube Linden. Unter ihnen eine kleine Pforte im Zaun. Und an dieser Stelle sehe ich einen Mann stehen. Über einem Arm hing eine große scharfe Säge, in der Hand eine hübsche, graublaue Taube, mit lebhaften Äuglein. Irgend eine der Tanten, die bei ihm stand, sagte ihm, er solle die Taube schlachten und in die Küche bringen. Die arme schöne Taube, dachte ich. Jetzt muß er ihr mit der großen Säge den Kopf absägen!  Ziemlich dunkel sehe ich noch das Pferd des Gendarmen, der auf den Hof gekommen war, um irgend etwas mit Großvater zu besprechen. Tante Lenchens kleiner Hund ließ sich nicht beruhigen und kläffte das  Pferd unaufhörlich an, tat, als wenn er es in die Hinterbeine beißen wollte, wie die Hütehunde es beim Vieh tun. Plötzlich jaulte er laut auf. Das Pferd, dem  die Sache zu dumm geworden war, hatte ihn getroffen. Laut weinend erschien nun Tante Lenchen und trug ihren Liebling ins Haus. Das war das letzte, was ich noch von Reddestow weiß, der Kinderheimat meines Vaters und aller seiner Geschwister. Nichts, gar nichts von  der Großmutter, die eine  kluge, weitblickende Frau gewesen sein soll, von Tanten oder Onkels.  

Ich wüßte so gern:  wie waren die Persönlichkeiten meiner Verwandten, wie war das Haus innen, wie die Zimmer und ihre Einrichtung, wie das Familienleben seiner Bewohner. - Aus dem Dunkel taucht mir kein Bild mehr auf. Als in Preußen unter Friedrich Wilhelm III. die kirchliche Union zwischen Lutheranern und Reformierten eingeführt wurde, waren es nur ganz  wenige, welche diesen Schritt nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten und sich in der Evangelisch Lutherischen Kirche Altpreußens zusammenschlossen. Ihnen schloss sich auch sehr bald unser Großvater Poltrock mit seiner Frau an. Ihre stark religiös veranlagte Natur fand in der schlichten einfachen Frömmigkeit Luthers volle Befriedigung und sie haben sich mit ihren Kindern ihr Leben lang immer in der verhältnismäßig kleinen Freikirche, die vom Staat völlig unabhängig  blieb, wohlgefühlt.  

Das Rittergut Reddestow hatte schon der Vater meines Großvaters gekauft.  Vorher saßen die Poltrocks schon lange als Pächter auf den Vorwerken Speck und Barbidol, die zu den Gütern eines Herrn von Somnitz gehörten. Lange Zeit vorher schon sind sie in den Kirchenbüchern als Freisassen  ( = freie Bauern auf grundherrlichem Boden )  erwähnt.  Die Großmutter Poltrock war eine geb. Raasch. Ihr Vater war Müller und Besitzer der Krampkewitzer Mühle. Nach Großvaters Tode stellte sich heraus, daß er guten Bekannten und Freunden gebürgt hatte, wenn es ihnen schlecht ging und sie sich Geld beschaffen wollten. Jetzt war das Gut selbst in Schwierigkeiten, die Zeiten waren schlecht für die Landwirtschaft und als nun nach Großvaters Tod alle seine Bürgschaften eingelöst werden sollten, war das Gut nicht mehr zu halten und musste verkauft werden, um wenigstens die Schulden zu tilgen. – Gar nicht lange nach Großvaters Tod starb auch die Großmutter. Das Gut in fremder Hand - die Heimat von Großvater, in die er seine Lebensarbeit hineingesteckt hatte, ein langes Leben voll fleißiger gewissenhafter Landmannsarbeit. Seine junge Frau hatte er sich ins Haus geholt, 9 Kinder hatte sie ihm geboren. Vergangen, verweht, die Kinder alle zerstreut. 

So blieb unser Besuch das letzte schöne Wiedersehen meiner Eltern mit Reddestow. Ich glaube, im Januar 1889 starb Großvater an Herzschlag, unerwartet und ohne Leiden. Im Kuhstall sprach er noch mit dem Knecht, da sank er zusammen und war kurze Zeit darauf tot. Vater fuhr zum
Begräbnis. Als er zurückkam, durften Walther und ich mit zur Bahn, ihn abzuholen. Es war schon Abend. Er sagte gar nichts, als er ankam. Abgespannt von der Fahrt und wohl auch traurig über den Verlust seines guten Vaters und die schon damals bedrohliche Lage des Familiengutes, der Heimat, an der sie doch alle hingen. Der Sturm riß die Dampfwolken der Lokomotive um uns herum über die Straße fort, als wir über die Straßenbrücke am Bahnhof Westend gingen. Der liebe arme Großvater war nun ganz tot, bei solchem Patschwetter  und wir würden ihn nie wieder sehen können. Es war gut, daß Mutters liebe,  starke Hand meine kleine Kinderhand ganz fest hielt. 

Mein Bruder Fritz war noch in Friedenau geboren, am 06.05.1888. An Friedenau habe ich noch eine Erinnerung. Aus den Häusern wehten Fahnen auf Halbmast und zwischen die Doppelfenster wurden auf kleine, schwarze  Brettchen geklebte weiße Lichter gestellt. Unser guter, alter Kaiser Wilhelm war gestorben. Die Verehrung, Liebe und Vertrauen, die ihm unsere Eltern entgegenbrachten, übertrug sich auf uns Kleine. Wir trauerten aufrichtig mit und fühlten die Sorge unseres ganzen Volkes. Wer wird nun unsre Land beschützen, wenn die Feinde wieder Krieg anfangen ? 

Mein jüngster Bruder Konrad wurde schon in Westend geboren, Ahornallee 42. Als wir dahin zogen stimmte die Hausnummer mit Vaters Alter überein. Er war geboren am 28.August - Goethes Geburtstag – 1847. Unsere gute, liebe, für uns Kinder immer bereite und zuverlässige Mutter am 14. September 1852. 

Allmählich werden meine Eindrücke schon bestimmter. Ein sehr lieber Patenonkel war in mein Leben getreten. Mutters einziger Bruder Adolf. Es war in Friedenau, ich wohl 4 oder 5 Jahre alt. Wir spielten gegenüber Haus. Plötzlich standen wir Kinder ungläubig, fast erschrocken. Ein ganz feiner Offizier auf einem herrlichen Pferd kam im Schritt auf uns zu geritten und das war mein Onkel Adolf.  " Komm mal her mein lieber Patenjunge " sagte er zu mir. " Du hast heute Geburtstag, da schenke ich Dir einen Thaler, den gib Deiner Mutter, sie soll ihn Dir in die Sparbüchse tun. Und grüße Vater und Mutter schön ! " Vom Sattel herunter reichte er dem kleinen Stift einen blanken Thaler, nickte mir freundlich zu und trabte fort. Er war damals in Berlin, wohl auf Kriegsakademie oder im Generalstab. Solange er und sein schönes Pferd
mit Silber am Zügel noch deutlich zu sehen war, standen wir alle wie gebannt und sahen ihm nach. Aber die kleine Faust hielt den Thaler fest. Und dann hin zur Mutter, den blanken Thaler in die Sparbüchse stecken und erzählen vom guten Onkel und seiner schönen Uniform und seinem blanken Säbel und dem schönen Pferd, und . .." Mutter, wenn ich mal groß bin ...?? "  - " Ja, mein lieber Junge, wenn du immer ein lieber und guter und tapferer Junge sein willst, dann kannst du vielleicht auch mal so ein Offizier werden, wie Onkel Adolf. "

In Westend, zu Charlottenburg gehörig, hatten wir es besser als in Friedenau. Vater hatte ein freundliches, schmales aber 2-stöckiges Häuschen gemietet mit kleinem Garten hinter dem Haus. Gegenüber unbebautes Land, Ausläufer des Grunewaldes. Zwar hungernde, mickernde Kiefern auf klarem Sand, aber was tat es? Wir hatten Freiheit und Sand! Um diese Stückchen Wüste kümmerte sich damals kein Mensch und wir konnten das ungestört spielen. Das Häuschen gehörte einer Familie Hänsel, Nachkommen des Komponisten.

Walther fing Ostern 1889 mit der Schule an in der Nona des Charlottenburger Gymnasiums, Berlinerstr., Ecke Cauerstr.  Sein Schulweg war weit, aber sehr schön. Er fuhr immer mit der Pferdebahn.  Daß ich später auch mit der Pferdebahn zur Schule fahren würde, war mir eine stille Hoffnung. Auf Konrads Taufe besinne ich mich. Während der Kirchenrat Nagel von unserer evang.- luth. Kirche da war, durften wir mit seiner Tochter Vally  vor dem  Hause  spielen. Es war ein freundliches, nettes Mädchen.

In diesem Sommer, wenn ich nicht recht erinnere, nahm Tante Vince Walther und mich mit an die See.  Ihre Schwester Lydia mit Ihrem Mann, Onkel Paul Seiffert und ihren Kindern, Martin und Else fuhren an die See nach Sorenbohm  nicht weit von ihrem Wohnort Köslin. Und denen schlossen wir uns an. Mir ist so, als hatten wir beide in diesem Sommer Keuchhusten und den sollte das Seeklima bessern. Man ging dann mit uns zum Dorfschuster und der klebte uns ein großes schwarzes Pechpflaster auf die Brust, das sollte auch helfen. An die See durfte ich, glaube ich, nicht, den Husten nicht zu reizen. Sollte mehr am Hofe spielen. Das war sicher auch schön, denn ich habe Sorenbohm in angenehmer Erinnerung. Ob es daran liegt, daß man mit Keuchhusten also doch angegriffen, weniger aufnahmefähig ist, ich kann mich an Erlebnisse, Einzelheiten, fast gar nicht erinnern, höchstens daran, daß Onkel Paul jeden Morgen ein weiches, gekochtes Ei bekam, davon musste seine Frau ihm die Kappe abpulen. Es hieß, er selbst könne das nicht. Ob das nun Spaß war, oder ob er sich so etwas als Pascha fühlte, der sich gern von seiner Frau bedienen liess ? – Doch eins hat mir damals noch Eindruck gemacht. Bei den Fischerleuten, in deren Haus wir wohnten, wurde mittags und zum Abendbrot noch gemeinsam aus einer Schüssel gegessen. Eltern und die große Kinderschar saßen um den Tisch herum, d.h. die: Kleineren standen auf ihren Stühlen oder Bänkchen und abwechselnd löffelte jeder aus der großen Schüssel. Mir war das etwas ganz neues, schien mir aber doch zweckmäßig.

Im Winter darauf wohnten Mutters beide Schwestern Tante Emma und Tante Frieda bei uns. Sie sollten wohl mal aus Duderstadt, der beharrlichen Kleinstadt heraus und Berlin kennen lernen. Tante Emma, die gut Klavier spielte, war eifrig beflissen, mit guten Stunden bei einem Fräulein Leubuscher und viel fleißigem Üben recht große Fortschritte zu machen und Tante Frieda nahm Kochunterricht in einem empfohlenen Hotel. Nebenbei schneiderten beide mit meiner Mutter zusammen , wie ich glaube, unaufhörlich. Noch heute sehe ich die zugeschnittenen Teile der damals modernen, verdrehten, riesenhaften Puffärmel. Tante Emmas große Energie und Frische machten mir starken Eindruck und flößten mir größte Achtung vor ihr ein. Aber die stille, überaus freundliche Art von Tante Frieda tat mir wohl. Sie war, wie eine fröhliche Güte, die man lieb haben mochte. 

Nach 2 Jahren mußte Vater das nette Haus in der Ahornstraße wieder räumen. Unvermutet früh brauchte die Familie Hänsel es wieder selbst. Wir zogen also wieder um, diesesmal nach Westend, Nussbaumallee, in die Nähe des Wasserturmes. Der Hausbesitzer Hampe hatte auf dem Hof einen Stall für 3 – 4 Kühe. Er kaufte sie frischmelkend und verkaufte die Milch dann and die Nachbarschaft. Als Tante Vince am nächsten Sonntag, wie üblich, zu Besuch kam, platze ihr gleich einer von uns, glaube Ulrich, mit der großen Neuigkeit ins Gesicht:  " Du, Tante Vince, hier trinken wir immer Milch von richtigen Kühen ! " Na ja, mein Kerlchen, sagte sie in ihrer freundlichen, lachenden Art, habt Ihr denn früher nicht Milch von richtigen Kühen getrunken? " Nee, doch bloß von Bimmel-Bolle! " Daß sie den Unterschied nicht so würdigte wie wir, haben wir ihr nicht weiter nachgetragen. Dem freundlichen Bäcker, der in unserem schmucklosen Mietshaus unten einen Laden hatte und der an jedem Sonntag morgen mit den Semmeln für jedes von uns 6.Kindern eine schöne Schnecke mit leckerem Zuckerguß, umsonst als Zugabe mitschickte bewahre ich noch heute ein dankbares Gedenken. Wie schön liessen sich diese Berliner Schnecken aufrollen und dann mitbedacht aufknabbern.!  

Ostern 1891 kam ich in die Schule: Charlottenburger Realgymnasium, Charlottenburg, Schillerstr.  Inzwischen war Walther auch auf diese Schule gekommen. Zuckertüten, wie die Sachsen es ja wohl aufgebracht haben sollen,  gab’s damals noch nicht. Wir waren eben Preußen! Die ganze Sache war noch Anfang einer neuen Pflicht, aber es gab keine Feier. Im Tornister steckten Tafel, Griffelkasten, Fibel und Butterbrot. An der Seite meines schönen neuen Tornisters klebte eine neue gelbe Monatskarte für die Pferdebahn. Und als Walther, der große erfahrene Bruder mich bei der Hand nahm und ich Mutter versprochen hatte ja aufzupassen, und auf der Straße nicht zu träumen, da stand mir wirklich die Welt offen.  

In der Klasse waren wir so an 30 Jungens, aber es herrschte Ordnung.  Keiner durfte sich rühren. Wollte er was, so durfte er die Hand hochheben und wenn gefragt wurde, so durfte er antworten. Dazu machte der gute Herr Benecke ein Gesicht, als wenn er ernstlich böse werden könnte. So ging alles gut und dafür zeigte uns Herr Benecke gleich, wie man ein i schreibt. Nach dem Spruch: Rauf, runter, rauf und ein Pünktchen oben drauf. Ging das bloß schön!  Und nun sollten wir alle Tage weiter lernen dürfen. Ganz erfüllt kam ich mittags zu Hause an. Gleich nach Tisch machte ich mich an meine Schularbeiten, eine ganze Tafel voll i schreiben. So schön, wie das, was mir Herr Benecke vorgeschrieben hatte, wurden meine ja nicht. Aber wurden sie nicht allmählich schon besser? Bloß dann auf einmal war die Tafel voll. Das hatte ich nicht vorausbedacht. Was nun.  Mutter konnte mir gegen mein Erwarten auch keinen guten Rat geben. Und bis zum nächsten Tag zu warten, das war eine harte Zumutung für meinen Eifer.  

Zu Anfang ging ich noch lange Zeit sehr gern zur Schule. Es war ja alles so spannend neu und so leicht zu begreifen. Aber als es dann für den Lehrer hieß, den Klassendurchschnitt auf den vorgeschriebenen Stand  zu bimmsen, da war es aus mit der Freude und mein Eifer erlahmte. Ich glaube, in’s zweite Schuljahr ging ich noch als Klassenerster, dann aber verging mir die Freude an der Schule immer mehr und das hielt mit geringen Abweichungen so an bis zum Schluß.

Es war wohl im Sommer 1890, als der Plan auftauchte, Walther und ich sollten im Sommer zu den Großeltern Oven nach Duderstadt fahren. Irgend eine Tante sollte uns in der Bahn von Berlin aus mitnehmen und dann in Leinefelde einer von Mutters jüngeren Schwestern übergeben. War das nun ernst ? Sollte das Wirklichkeit werden ? Aus einer Äußerung von Walther, der scheinbar schon mehr davon gehört hatte, ob es stimmte, daß da alle Menschen katholisch seien, merkte ich aufhorchend, an der Sache sei etwas dran. Als Mutter dann antwortete: " Ja, in Duderstadt sind fast alle Menschen katholisch", da stiegen mir Bedenken auf, ich wurde besorgt. Da schien irgend etwas gefährlich zu sein und klar musste alles sein, wenn wir wirklich fahren sollten.

Die Eltern saßen mit Tante Vince auf unserem großen Sofa, ich hockte neben  Vater, " Vater, wenn wir aber dahin fahren, wenn wir beide denn man nicht auch katholisch werden? " wandte ich mich an ihn als der maßgebenden. " Nein, mein Junge", sagte er in seiner sicheren Art, " wir können ganz ohne Sorgen sein.  Die guten Großeltern und die Tanten die passen schon auf, daß euch nichts passiert, und daß Ihr so evangelisch bleibt, wie wir auch". War das schön, daß Vater das so wußte und nun war alles klar und schön und wir sollten wirklich fahren.

Die Fahrt selbst ist gut verlaufen. Mir ist so, als erinnere ich mich noch an den abfahrenden Zug.  Irgend jemand waren wir anvertraut. Wir fühlten uns sicher und machten uns keine Sorgen. Dann waren wir auf einmal in Leinefelde und wurden herausgesetzt. Und da war auch schon unsere Tante Emma, die uns in Empfang nahm. Nach weiter, schöner Wagenfahrt für uns Stadtkinder immer ein großes Ereignis, kamen wir endlich in Duderstadt an, das damals noch keine Bahnverbindung hatte. Tante Emma und Frieda kannten wir ja schon aus Westend und die Großeltern hatten uns auch schon einmal besucht, so fühlte ich mich nicht sehr fremd. Die Tanten schenkten uns niedliche, ganz kleine, dünne Zinnsoldaten, mit denen wir gleich auf einem  kleinen Sandhaufen im Garten spielten. Sie zeigten uns auch den kleinen Garten und Eidechsen und die Katzen, die über Zäune und Dächer kletterten. Die Häuser waren in Duderstadt ganz anders als in Berlin und wohl viel besser zum Klettern für die Katzen, denn in Berlin hatten wir nie so viele Katzen gesehen.

Vor Großvaters Haus fließt  ein hübscher Rinnstein, aber ganz sauberes Wasser. Darin kann man Salat und Gemüse und was man sonst will,  schön sauber abspülen und es kommt immer  neues, sauberes Wasser angeflossen. Und ein gemauerter Graben  den sie Brehme nennen, kommt neben der hohen katholischen Kirche unten aus einem großen viereckigen Loch in der Mauer herausgeflossen und fließt dann durch die Stadt weiter.

Die Zeit bei den guten Großeltern und Tanten war wunderschön. Es gab so viel neues und so viel, was uns Freude machte. Als Landrat musste Großvater viel über Land fahren. Dazu benutzte er einen Mietkutscher von Denecke. Manchmal durften wir mitfahren und neben dem Kutscher sitzen. Das war doch immer das schönste. Vor uns trabten die großen Pferde, die Strasse rollte unter uns fort und zu beiden Seiten zog das weite, schöne Land ruhig an uns vorbei. Und wenn ein Schmetterling angeflogen kam, dann schlug der junge Denecke mit der Peitsche nach ihm. Mir  ist so, als gab es da einen Berg Sonnenstein. Zu dem fuhren wir einmal im Wagen hin. Da konnte man ganz steil immer höher steigen. Wie es oben war, weiß ich nicht mehr.

Im Herbst 1891 sind wir wohl von der Nussbaumallee nach Charlottenburg gezogen in die Pestalozzistraße. Nichts zum Spielen, als gepflasterte Hinterhöfe und gepflasterte Straßen. Und doch fand sich was Schönes für uns. Schräg gegenüber eine leere Baustelle in der sonst geschlossen bebauten Straße wurde als Kohlenplatz benutzt. Alfons Lönge wurde damals unser bester Freund. Sein Vater hatte ein Pferd, mit dem er alle Fuhren machte, es hieß Nauke und hatte uns gern. Wenn wir unter seinem Bauch durchkrochen, stand es ganz still. In den Ferien gingen wir manchmal mit, wenn Kohlen ausgefahren wurden, und wenn der Wagen leer wurde, durften wir aufsteigen. So war Alfons der Gebende und wir die Nehmenden, aber im Winter haben wir ihm dafür geholfen. Wir bekamen Dauerkarten für die Eisbahn am Zoo. Wenn wir schon auf der Eisbahn liefen, rief uns plötzlich vom Zaun unser Freund Alfons an, ob wir noch seine Handschuhe hätten. Richtig, aus der Tasche kamen sie hervor und wurden ihm über den Zaun zugeworfen. Darin war die Einlaßkarte und kurze Zeit darauf  begrüßten wir Alfons auf der Eisbahn. Der Eisbahnmann hatte ja dadurch keinen Schaden, da Alfons das Eis auch noch etwas zerkratzte und zu Hause bekam Alfons kein Geld für die Eisbahn.

Im Sommer 1892 unternahm Vater es, mit allen 6 Kindern an die Ostsee nach Zingst zu fahren. Die Kosten werden ihm Sorgen gemacht haben. Aber, wenn einer gut rechnen konnte, eisern  und doch klug sparen und einteilen, dann war es unsere Mutter. Tante Vince fuhr natürlich mit uns. Ob sie, die trotz ihres kleinen Gehaltes als Berliner Volksschullehrerin, doch immer Geld hatte zum Freude machen und Schenken, auch zugeschossen hat?  In zwei Droschken ging’s durch Berlin zum  Stettiner Bahnhof.  Noch sehe ich das furchtbare Gedränge, die mit Koffern und Kisten und Bettsäcken haushoch beladenen Gepäckwagen auf den Bahnsteigen, welche die angehängten Güterwagen füllten. Aber schließlich fanden wir alle Platz und es ging wirklich los. Nach langer Bahnfahrt mussten in Barth alle Zingster auf einen kleinen Dampfer umsteigen. Für so viele Menschen war er viel zu klein, nahm aber trotzdem alle mit. Und nun kam durch dieses furchtbare Gedränge auf Deck der dicke Kapitän, das Fahrgeld einzuziehen. " Na Männeken, das geht aber nicht, hier kommen sie mit ihrer Wespentaille nicht durch ", schallte es ihm entgegen. Genau so ruhig und freundlich lachend, wie vorher rutschte und drückte er sich vorsichtig weiter durch die Enge.  " So wat jift nich, wat nich jeit ", das war alles. Ein freundliches Nicken zur Sprecherin und alles war auf seiner Seite.

War das eine schöne Zeit für Große und für die Kinder: Das  geheimnisvolle Meer mit seinen lebensvollen Wellen. Manchmal klein und niedlich: dann groß und bedrohlich, daß einem Angst werden konnte. Doch das schönste war der Strand mit seinem schönen, schönen Sand. Uns beiden Große nahm Vater mit ins Herrenbad. Fünfzig Pfennig versprach er uns für die Sparbüchse, wenn wir beim Baden einmal richtig, anerkannt untertauchten. Ich konnte sie mir leicht verdienen. Meinen großen Bruder Walther will ich nicht kränken, aber mir ist so, als hätte er es nicht geschafft.

Von einem Marsch nach Prerow weiß ich noch den Aufstieg zum Leuchtturm und den ergreifenden Rundblick von oben über das ganze Land und die mächtige, weite, schöne See. Die riesige Petroleumlampe, die mit ihrem drehbaren Scheinwerfer durch Sturm und Nacht und Seenot den Männern im Schiff den Weg wies. Ganz ergriffen von dem großen, tapferen Gedanken folgte ich den Eltern auf dem Heimweg. 

" Fritz ist verloren gegangen " ! Dieser Schreckensruf fuhr mir eines abends ordentlich in die Glieder. "  Walther läuft den Weg und Du diesen und gut aufpassen"!  lautete der klare Befehl von Mutter. Ich weiß noch, wie spielend leicht ich den Weg ablief, unseren lieben, kleinen Fritz wieder zu finden. Zum Glück war er schon wieder da, als ich ohne Erfolg zurückkam und ich hätte ihn doch so gerne gefunden und gebracht ! 

Anfang 1893 endlich wurde Vater als Staatsbeamter fest angestellt und damit die drückendsten Geldsorgen von ihm genommen. Gewiss bedurfte es auch weiter noch ernster, gleichmäßiger Sparsamkeit, aber Vater hatte doch jetzt endlich eine feste Grundlage. Er bekam die Kreisbauinspektion:   Nauen / Osthavelland. ( Jetzt staatliches Hochbauamt.) Er durfte aber weiter die Bauaufsicht und Beratung der ihm lieb gewordenen Kolonie Grunewald bei Berlin behalten. Zu Ostern 1893 zogen wir um nach Nauen, Mittelstr.48. Damit begann wenigstens für mich die schönste Kindheitszeit. Vater hatte das Wohnhaus seines verstorbenen Amtsvorgängers gemietet. Vorn an der Straße nur durch schmalen Vorgarten abgetrennt, das schlichte einstöckige Wohnhaus. Zwei Stufen in die Erde mit Eingang von hinten, vom Garten aus : Küche, Speisekammer, Mädchenzimmer, Keller und Waschküche. Nach dem Garten zu, nach hinten ein großer 3- fenstriger Büroraum, in dem Vaters einsamer Schreiber regierte, Herr Rotstock. Die beiden Männer, das war die ganze Kreisbauinspektion. So ähnlich war es ja auch mit Großvater Ovens Landratsamt in Duderstadt: Der Herr Landrat, der Kreissekretär und der Kreisbote. Das war alles und genügte und war das nicht schön? So einfach und so billig arbeiteten damals Behörden. 

Vaters Arbeitszimmer war oben in der Wohnung rechts vom Flur. Wenn wir ihm unsere frischen Schulzeugnisse zeigen mußten, dann kamen wir in diesen sonst von uns gemiedenen Raum. Auf Vaters Schreibtisch besinne ich mich genau. Dunkel Mahagoni und das Mittelstück der Platte, glaube ich, mit grünem Tuch bezogen. Immer war er wunderbar aufgeräumt und sauber. Rechts hinten stand die vierkantige Leimflasche mit Blechhütchen und Pinsel drin, auf einem Untersatz, den ich mal zu Weihnachten für Vater gestickt hatte. Lauter  einzelne Quadrate mit Kreuzstich dicht bestickt, jedes in einer anderen, schön leuchtenden Farbe. Immer wieder zog dieses schöne Farbenspiel meinen Blick auf sich und gefiel mir aufs neue. Eine Chaiselongue, davor ein Tisch mit Decke, ein Rauchzeug darauf für etwa rauchenden Besuch -Vater rauchte nie -. Ein eiserner Anthrazit-Ofen, ein kleines Schränkchen für Vaters Akten und Papiervorräte. Darauf standen im Winter Vaters Hyazinthentöpfe mit spitzen Papierhelmen zum Vortreiben. Nebenan Mutters Stube, d.h. es war die für Besuch so notwendige ' gute ' Stube. Etwas voll, etwas befremdend feierlich, ein leichter Mahagonischreibtisch mit geschwungenen Beinen, dunkles Plüschsofa, ovaler Tisch mit dazu passenden guten Mahagoni - Rohrstühlen, ein Teppich. An der Wand ein großer, alter, englischer Kupferstich, noch von Mutters Großmutter her. Etwas geheimnisvoll für mich. " Solitude " stand darunter. Romantische Einsamkeit, Ruinen, ein Bach, tiefhängende Baumzweige, ein Grabkreuz. Im Hintergrund betende Mönche in Kutten. Mutter sagte, ihr wäre es lieb. An der Schmalseite zum Saal hin das Familienheiligtum, Vaters gutes Klavier. Auf der Rückseite des Hauses, zum Garten hin: der Saal. Seinen Glanz erhielt der Saal, ein großes 3-fenstriges Zimmer, als Weihnachtsstube. Keine schönere Erinnerung, als unsere Weihnachtsfeste in Nauen. Außerdem sah der Saal im Winter " das Diner ", das Vater der " hoben Gesellschaft " in Nauen gab. Auch an Sonntagen, wenn wir Besuch hatten, wurde im Saal gegessen. Unsere eigentlichen Wohnräume lagen auf der anderen Seite des Hausflures. Nach der Strasse zu  die Kinderstube mit dem wunderbaren Speisenaufzug aus der Küche, noch aus der Zeit her, als das Haus mal Lazarett war für die eine Schwadron Ziethenhusaren, die damals in Nauen lag. Hier in dieser Stube war alles ungestörtes Leben. Hier wurde gespielt, getobt, gearbeitet, gebastelt, vorgelesen, Weihnachtsarbeiten gemacht und für gewöhnlich auch gegessen. Hier auf dem alten, geblümten Sofa, inmitten allen Kindertrubels, wir waren doch 6 Kinder im Abstand von 8 Jahren, hielt Mutter ihre kurze Mittagsruhe. Solange ein normaler Lärm war, ruhte sie in leichtem Schlaf. Wurde es dann wohl mal still, so war sie sofort munter. Die Sache war dann unter Umständen verdächtig. An das Kinderzimmer stießen als Giebelzimmer die Jungensstube für Walther, Ulrich und mich, dann die Elternschlafstube auch für Fritz und Konrad, die beiden Kleinen und schließlich ein schmales Zimmer nach dem Gartenbalkon für Heta, gleichzeitig Badezimmer.

Viel schöner und wichtiger als das geräumige,  behagliche Haus war für mich aber der Garten. In seinem vorderen Teil wohl als Ziergarten  angelegt, mit  viel Bäumen, Kastanien und Eichen. Ziemlich eng gepflanzt  und dann in die Höhe geschossen. Was konnten wir da herumklettern und uns oben in den schwankenden Wipfeln vom Wind wiegen lassen, daß einem bei starkem Wehen die Luft weg blieb. Dann dachten wir uns als Matrosen bei Sturm auf See oben im Mastkorb -. Unter den Bäumen war alles, alles Spielplatz. In der hinteren Hälfte des Gartens war Obst und Gemüse. Zum ersten mal erlebten wir reifende Äpfel am eigenen, schönen, großen Apfelbaum, der viele herrliche Äpfel trug. Dann war noch eine Himbeeranlage und Erdbeete. Und ganz hinten im Garten war eine Tür zum Schmied Möbius, das war unser Hauswirt. Ein gesunder, kräftiger, freundlicher Meister.  Gleich am ersten Tag fanden wir zu seiner Schmiede und standen in der  Tür und staunten. Genau weiß ich noch, wie ergriffen ich von diesem starken, schönen Schaffen war. Und dann lachte Möbius uns an: " Na, will einer von Euch mal Luft machen ? Aber einer nach dem anderen." Damit holte er aus der schwarzen Höhe einen rußigen Holzgriff,  an dem mußte man ziehen, rauf und runter. Der unförmige Lederblasebalg oben unter der rußgeschwärzten Decke knackte und rumorte über uns. Unser Wind: fauchte in das Schmiedefeuer und die Glut wurde immer heißer, je mehr wir zogen. Aber als es am schönsten wurde, als lauter weiße leuchtende kleine Sternchen aus dem Feuer spritzten: " Halt, nicht so doll, aufhören!  Ihr verbrennt mir ja mein ganzes Eisen " War das nicht schade?  Es war ja so aufregend schön gewesen. Kann denn Eisen verbrennen? das hatten wir wirklich nicht gewußt.  

So fing  für uns die schöne, freie, ungebundene Kinderzeit in der Kleinstadt an. Nauen hatte damals an 8.000 Einwohner, fast alle evangelisch. Um die alte mächtige Jakobikirche scharte sich die kleine anspruchslose Ackerbürgerstadt. Durchschnitten von der Mittel-  Markt- und Bahnhofsstraße in einer Richtung von der Chausseestrasse ( Hamburg-Berliner Chaussee ) in der anderen, an der Berlin Hamburger Bahn gelegen, war es Sitz der bescheidenen Kreisbehörden. Die Bewohner waren zum großen Teil Ackerbürger, hatten ihre Wohnhäuser und Ställe in der Stadt, die Scheunen außerhalb der eigentlichen Stadt, in den Scheunenvierteln. Wenige und anspruchslose Geschäfte genügten vollauf. Handwerkliche Arbeit spielte damals noch eine beherrschende Rolle. Bedeutung hatte die große Zuckerfabrik, von der die Nauener behaupteten, sie sei die größte in Deutschland.

Und dann " Kupperschmidt – Schmidt ". Walter Schmidt ging in meine Klasse, Bruno  eine höher. Der Vater hatte einen nicht unbedeutenden, gut geleiteten Betrieb: Kupferne Apparate in aller Art. Lieferte viel Einrichtungen für Zuckerfabriken, auch ins Ausland, namentlich Rumänien, beschäftigte an 100 Mann. Ging das breite hohe Hoftor auf und der Terrier Hans schoß laut bellend auf die Straße, so folgten ihm, kurz gehalten im Schritt die beiden recht guten braunen Kutschpferde mit dem alten Kutscher auf dem Rollwagen. Grauer, hochgezwirbelter, forscher Schnurrbart, eiserne Ruhe im erfahrenen Gesicht. Meist im blauweiß gestreiften Kutscherkittel, irgend ein Apparatungetüm zur Bahn fahrend. Des Abends auch öfter in Livree auf dem Jagdwagen mit Herrn Schmidt durch die schlecht gepflasterten Strassen polternd, zur Jagd ! Schmidts blieben unsere guten Spielkameraden. In ihrem großen, gut gehaltenen Garten war vieles nicht erlaubt, so kamen sie meist zu uns zum Spielen. Unser guter Vater war fest in dem, was er von uns verlangte, dafür ließ er uns in allem anderen gern volle Freiheit.  

Schon in den ersten großen Ferien in Nauen hatte ich das Glück, auf Reisen gehen zu können. Ein guter Freund meines Vaters aus seiner Studienzeit, Onkel Adolf Brandt, Wasserbaurat, leitete damals einen Bauabschnitt des Nordostseekanals und der hatte mich als seinen Patenjungen für die Sommerferien eingeladen nach Burg in Dithmarschen in Holstein. Ein Onkel von Oven in Hamburg, der mich auf dem einen Bahnhof abholen und auf dem anderen in den neuen Zug setzen wollte, war verhindert. So verlief die Reise nicht ganz glatt. Aber ein hilfsbedürftiges  Kind findet wohl meist gute Leute. Eine nette Frau nahm mich mit und schenkte mir Stachelbeeren und alles ging gut. Wie gern war ich da bei Brandts!  Schon der liebe, freundliche  Gesichtsausdruck von Onkel und Tante zeigte die ganze menschliche Wärme und Güte dieser besonders liebevollen süddeutschen Menschen. Und mit Max, Dora und der kleineren Schwester lebte ich wie Geschwister in voller Fröhlichkeit. Nur abends, wenn ich in meiner Bodenkammer einsam zu Bett gegangen, dann kam wohl das Heimweh über mich,  daß ich mich in den Schlaf weinte. Einmal muß Tante Brandt wohl davon gemerkt haben. Plötzlich stand sie neben meinem Bett und sprach mir so freundlich und lieb zu, da war gleich alles gut. Aber in meinem Herzen da schämte ich mich, daß ich mich hatte so gehen lassen, es hat mich dann auch nicht wieder untergekriegt. 

Wie hieß doch der nette, junge Bauer uns gegenüber ? Mir ist so, wie Niklas! Am Sonntag ging er in weiten, weißen Büxen einher und am Abend saß er mit der langen Pfeife vor der Haustür, wie alle Bauern da im Dorf. Aber wenn er aufs Feld fuhr, dann durften Max und ich mitfahren. Und auf dem Felde da ließ er uns auch mal beim Pflügen den Pflug halten, oder das Pferd lenken. Der war gut und wusste, was einem Jungen Freude macht ! 

Ebenso schön war Onkel Brandts Motorboot. Sein Bauabschnitt verlangte, daß er fast täglich mit seinem Boot unterwegs war und wenn es passte, dann durften wir Jungens mit. Erst die geschlängelte Holtenau entlang und dann in den breiten Kanal. Diese stillen, ruhigen Fahrten waren schön und ich bin immer gern eingestiegen und mit Bedauern wieder ausgestiegen. Und dann eines Tages durften wir steuern, allein unser schönes, schnelles Boot lenken. So ein Hochgefühl !  Zwar saß da der Bootsmann neben uns. Aber er ließ uns gern die Freude an der neuen Möglichkeit und Verantwortung und war sparsam mit Worten. Später bin ich mit Brandts nur selten und kurz zusammengetroffen. 

Max fiel im ersten Weltkrieg als Kompanieführer und seit dem Tode meiner Mutter bin ich ohne jede Verbindung mit Ihnen. Zu den Herbstferien brachte Vater eine Einladung für Walther und mich auf die Domäne Fehrbellin, die in seinem Kreis Osthavelland lag und wo er den Pächter Keppler und seine Familie kennen gelernt hatte. Zwei wunderschöne Wochen auf dem Lande. Große Ställe voller Pferde und Kühe. Mit den Kepplerkindern durften wir überall herumstreifen und zusehen und staunen. Die Kartoffelernte war in vollem Gang. Eine Fuhre nach der anderen rollte auf den Hof. Gern packte Herr Keppler selber zu, um, wenn es sehr drängte, einen Kastenwagen vor der Brennerei schnell abzuladen.  

Unheimlich bis zum letzten Tage blieb uns der große, dunkelbraune Boxer : " Tell ".  Daß er ganz besonders klug und treu war, wollten wir gern glauben. Nur ohne Kepplerbegleitung wollten wir ihm nie begegnen. Sein Gesichtsausdruck ließ unsere Angst und Mißtrauen gegen  ihn nicht zur Ruhe kommen.  

In Nauen waren wir Kinder alle nun eingewachsen. Walther war in die Quinta des Realprogymnasiums gekommen zu Herrn Prof. Zibale, ich in die Septima zu Herrn Wolgast und Ulrich zu Herrn Schnuchel in die Nona. Unsere Eltern meinten, die Schule sei rückständig und werden damit Recht gehabt haben. Jedenfalls war die Behandlung  sehr anders, als in Charlottenburg. Es wurde noch ausgiebig und gern vom Stock Gebrauch gemacht und mehrere Lehrer brachten es in dieser Art der Erziehung besonders weit. In den 5 Jahren, die ich auf der Nauener Schule war, zeigte sich als der schlimmste Lehrer Herr Wolgast, mein Klassenlehrer. An jedem Donnerstag gab er die Deutsch Diktathefte zurück, und für jeden Fehler, der über drei war, bekam der Schreiber einen Hieb. Aber nicht mit Stock hinten drauf, das wäre zu unwirksam gewesen. Mit seiner Linken nahm Wolgast die gestreckte Hand des Jungen, so daß nur die Fingerspitzen frei blieben. In seiner Rechten hielt er einen langen, 4-kantigen Kantel und mit diesem gab es nun für jeden Fehler der zu viel war, einen scharfen Hieb auf die wehrlosen Fingerspitzen. Die Angst vor dieser Gemeinheit verließ mich die ganze Woche nicht. Ich weiß heute noch ganz genau, wie ich einen Gartenarbeiter Hilgendorf beneidetet, der nur eine Arbeit zu machen brauchte und nicht in Angst zu leben, wie wir Schuljungens.  

Meinem Schulkameraden Walther Schmidt hatte Wolgast einmal die Fingerspitzen so zerschlagen, daß das Blut herunterlief. Was sollte der tun ? Zu Hause erzählen ? Es wäre das richtige gewesen. Aber keiner aus unserer Klasse hätte es sich getraut, damit Front gegen Wolgast zu machen. Zu tief saßen wir in der Angst vor ihm. So ging Walther Schmidt einen anderen Weg: Aus dem elterlichen Garten mauste er mehrere schöne Rosen und die überreichte er seinem Peiniger zu Beginn der nächsten Stunde mit einem verlegenen Lächeln in der Hoffnung, so das bestimmt wiederkommende Unheil abzuschwächen. Die Rosen wurden gern angenommen. Wolgast war erfindungsreich. Es langweilte ihn, uns die Deutsche Grammatik einzupauken. So ließ er im Lesebuch einen Absatz aufschlagen, der fing an: der blutige Tiger. Und diesen blutdürstigen Tiger also mußte der Klassenerste durchdeklinieren, erst in der Einzahl und dann in der Mehrzahl. Und wenn er damit fertig geworden war, dann mußte der zweite aufstehen und das zweite Hauptwort mit seinem Eigenschaftswort durchdeklinieren und so fort einer nach dem anderen und zwar genau so laut und feierlich, als wenn der Herr Lehrer in der Klasse auf dem Katheder sitze. Der saß aber gar nicht da ! Er war aus der Klasse herausgegangen, die Zigarrentasche schon in der Hand. Draußen auf dem Flur steckte er sich die Zigarre an, ließ die Klassentür breit offen, so daß es durch die ganze Schule hallte, wie seine Klasse arbeitet und er stellte sich bei dem schönen Sommerwetter in die Sonne am offnen Flurfenster und sah dem Treiben auf der Chausseestraße zu, so lernte man damals in Nauen Deutsche Grammatik !

Ein großer Teil der Lehrer war unerfreulich oder merkwürdig. Einer von Ihnen war trotz allem Mensch geblieben. Er schlug auch zu, aber nicht aus System oder Behagen daran, sondern wenn ihn der Zorn übermannte über Faulheit oder Dickfelligkeit oder Frechheit. Hinterher tat es ihm leid. Wen er aber einmal als fähig und gutwillig erkannt hatte, der hatte für immer einen guten und verantwortungsbewusten Lehrer an ihm. " Maxe " hieß er nur in der Schule, Max Zöllner. Walther und ich hatten es gut bei ihm. Wir haben ihn später, einige Jahre nach unserem Fortgang aus Nauen einmal auf einer Radfahrt von Charlottenburg aus besucht. Die Freude dieses lieben, alten, freundlichen Lehrers ging mir nahe. 

Der erste Winter in der kleinen Stadt war da. Viel Schmutz auf den Straßen, denn, von allen Seiten rollten die Bauernwagen voll Zuckerrüben durch die Stadt. " Unkel, schenk mir ne Zuckerrübe " gellte es hinter jedem Wagen her und glücklich das Kind, das eine heruntergefallene oder auch mal geworfene Rübe erwischte für die Mutter zum Sirupkochen.

Die Schlachtezeit kam. In allen Häusern wurden Schweine geschlachtet. Und jeder schickte Schmeckwürstchen zu seinen Freunden und Nachbarn.So wunderbar schön die ersten schmeckten, wenn es immer wieder abends zu Pellkartoffeln diese guten, fetten, frischen Würstchen gab, mir wurden sie zu viel und schließlich mochte ich sie nicht mehr riechen. Vater hatte auch ein Schwein für uns kaufen können, das bei uns zu Haus geschlachtet werden sollte. Morgens um ½   8 Uhr sollte der Fleischer kommen, er kam nicht zur Zeit. Es wurde ¾  8 Uhr und er war noch nicht da. Wir Jungens brannten darauf, zusehen zu können, um einmal selbst solch Schlachten zu erleben, von dem alle Freunde uns schon so viel erzählt hatten. Um 8 Uhr mußten wir in der Schule sein.  Da, im letzten Augenblick kam der Fleischer und er hat uns nicht enttäuscht. Sofort machte er sich ans Werk und als wir 2 Minuten vor 8 Uhr zur Schule stürmen mußten, hatten wir das eigentliche Schlachten miterlebt. 

War solch Schlachten aber für uns neu und erregend: tagelang spielten wir Schweineschlachten. Einer kroch als Schwein auf allen Vieren herum, bis sich plötzlich die anderen als Fleischer auf ihn stürzten, ihn auf die Seite rissen und abstachen. Das Bewegen des Vorderbeins, das Rühren in dem, was beim Spielen Blutschüssel sein sollte, alles kam zu seinem Recht. Und wer einmal Schwein gewesen war, der durfte beim nächsten Mal abstechen.  

Endlich kam dann auch Weihnachten heran. Nie vorher war es für uns so schön gewesen und nie wieder ist Weihnachten später so herrlich geworden, wie in Nauen. Gewiß, mit meinen 8 – 13 Jahren war ich wohl gerade im richtigen Alter. Aber das allein war es nicht. Es war die schöne, große Weihnachtsstube, das ganze, freiere und geräumigere Leben, die geringeren Sorgen unserer Eltern, die wir auch fühlten,  es war Tante Vince, die mit ihrer ebenso vollen, überströmenden Freude an dem schönen Fest mit den Eltern und uns allen zusammen das ganze Haus schon vom Morgen des heiligen Abends an in freudigste, schwungvolle Spannung versetzte. Und es war das unfaßbare Kinderglück, wieder einmal überraschend reich beschenkt zu werden, mit den schönsten Sachen, die unsere Herzen erfreuen konnten. Wie schwer wurde mir immer die Wahl, abends beim Schlafengehen zu entscheiden, welches Geschenk ich als allerliebstes mit ans Bett nehmen wollte. Und was Mutter und Tante Vince uns erzählten, was wir aus den alten, schönen, starken Weihnachtsliedern, die wir so gern mitsangen, hörten, der liebe Heiland sei zu Weihnachten geboren und  auf unsere Welt zu uns Menschen gekommen aus der großen, helfenden Liebe Gottes, das sahen wir ja leibhaftig vor uns in der Krippe unter dem schönen Weihnachtsbaum. Und der goldene Stern oben auf der Spitzes des Baumes, der erinnerte uns doch an diesen schönen und wunderbaren Stern von Bethlehem. 

Daß wir selbst auch Geschenke machen und damit Freude bereiten konnten, das verschönte und vertiefte die Weihnachtsfreude noch. Unser Weihnachten dauerte bis Neujahr. Am Neujahrsabend wurde Abschied genommen vom geliebten Weihnachtsbaum. Zum letzten Mal brannten alle seine Lichter, erstrahlten seine von Vater und unter seiner Anleitung auch von uns gemachten goldenen und silbernen und farbigen Papierketten und Netze und Katzentreppen in ihrer Pracht und sangen wir, schon erfaßt vom nahen Abschied, die alten Weihnachtslieder, die Vater oder  Tante Vince auf dem Klavier begleiteten. Und dann gab wohl Mutter ihrem Empfinden Ausdruck: " Ja, Kinder, nun ist die schöne Weihnachtszeit wieder vorbei ! Wer weiß, wie oft wir alle sie noch so zusammen feiern werden ?"   

Es war, als wenn ich schon auf diesen Ausspruch, der so ganz meinem eignen Empfinden entsprach, gewartet hätte. Am 2.Januar früh verschwand Weihnachtsbaum und Weihnachtsstube. Mit Einpacken und Forträumen und Saubermachen fing das neue Jahr an. Noch ein paar Tage Ferien, dann brachte auch uns die Schule wieder Pflichten, deren überragenden Wert wir immer wieder aus den Worten unserer Eltern und aus ihrer eignen vorbildlichen Pflichtauffassung erfuhren.  

Im Frühjahr 1894 erhielt Vater eine Einladung für Ulrich und mich über die Osterferien von Büttners auf Lobeofsund, einer großen Domäne im havelländischen Luch, die auch noch zu seinem Dienstbereich gehörte. Lobeofsund wurde für mich der bisher bedeutendste Einschnitt in meinem Leben, meine neue zweite, und ich kann sagen, schönere Heimat. Mit Karl Büttner, in meinem Alter, verband mich bald eine feste Jungensfreundschaft und seine ein paar Jahre jüngere Schwester Mariechen hatte ich lieb, wie ein gutes Schwesterchen. Die beiden Eltern Büttner in ihrer klugen, liebevollen Art behandelten uns wie eigene Kinder. Noch nie hatte sich mir das Landleben in dieser herrlichen Weite gezeigt. Ställe und Koppeln, Teiche und Gärten, Vieh jeder Art und eine Menge Kühe und Kälber, Pferde und ganz kleine Fohlen, Ochsen und Jungvieh, Schafe, Schweine, Hühner, Puten, Gänse, Enten, Tauben, alles, alles war da ! Wir durften in den Ställen umherstrolchen, wir durften draußen mit dem Jagdhund und dem Dackel tollen, auf alten Strohmieten klettern, aus alten Bahnschwellen uns auf dem Hausteich ein Floß zum Fahren bauen. Die Welt in ihrer ganzen Pracht war uns aufgetan. Kann man sich da wundern, daß meine Gedanken während der Schulzeit immer wieder in Lobeofsund weilten, und daß, wenn die Ferien zu Ende gingen,  und Karl und ich wieder fort mußten, mir zu Mut war, als wenn ich das Paradies verlassen sollte ?

Weil ich im Alter gut zu Karl paßte, er war nur 5 Wochen älter als ich, fiel die Wahl für spätere Besuche als Spielkamerad auf mich. Ulrich, der zwei Jahre jünger war, in dem Alter noch ein bedeutender Unterschied, hatte nicht das gleiche Glück. Schon in den Herbstferien wurde ich wieder eingeladen und genoß das Landleben, das mich so erfüllte in dankbarer Freude und in der Folge konnte ich dann die meisten Ferien mit Karl zusammen in Lobeofsund verleben. Nur das schöne Weihnachtsfest sah mich immer wieder zu Hause.

Viktor Poltrock

Nachtrag:  

Vater Arthur Poltrock starb am 16.Jan.1898

 

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