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und weitere Verwandtschaft

Arthur Poltrock

Viktor Poltrock

schreibt über seinen Vater

( Minden/Westf. 28.05.1951 )

 

 

 

Mein Vater.

Als ich zu Ostern Tante Frida, Mutters jüngste Schwester in Göttingen besuchte, fragte ich sie nach meinem Vater. Die Gedanken unseres Gespräches gebe ich kurz wieder: 

 

Tante Frida, Du hast doch unseren Vater gut gekannt. Wir kannten ihn so wenig. Walther war 15, ich 13 Jahre alt, als er damals, 16.01.1898, so unerwartet starb. Uns ist er, wie Walther treffend schreibt,  " fern gewesen ".  Nicht eigentlich fremd, aber eben fern. Wir können uns nicht besinnen, daß er sich mal mit uns abgegeben hat, mit uns gespielt oder Spaß gemacht, oder irgend wie sich bemüht, uns näher zu kommen, etwa, daß er uns aus seiner Kindheit erzählt hätte, aus seinem Leben oder über Bücher, die wir lasen, Spiele, die uns beschäftigten, mit uns gesprochen. Ich erinnere mich seiner immer als des ernsten , fast strengen Hausvaters, der uns immer und bei jeder Gelegenheit darauf hinwies und von uns verlangte, an erster Stelle und unter allen Umständen, die Pflicht! Gewissenhafte, ernst strebsame Jungens müßten wir sein, ordnungsliebend, pünktlich, zuverlässig, fleißig ! Uns durch kein Vergnügen oder Faulheit von unserer Pflicht abbringen, durch kein schlechtes Beispiel anderer verleiten lassen.  

Ich habe immer das Empfinden gehabt, daß er und Mutter, ebenso wie die anderen Erwachsenen in unserer Verwandtschaft absolut nach diesen  Grundsätzen lebten, daß sie überhaupt allgemein gültig waren. Ich war auch fest davon überzeugt, daß ich selbst unbedingt danach leben, meine unzureichende Ordentlichkeit, meine zu geringe Abscheu gegen schmutzige Hände und anderes, mein Vorbeidrücken an langweiligen Schularbeiten und vor allem ein Hang, mich durch Unwahrheit unangenehmen Folgen zu entziehen, mit großem Ernst bekämpfen müsste.  

" Junge, Junge, was soll aus Dir noch mal werden! " Dieser Ausspruch von Vater, der wohl öfter gefallen ist, steht mir noch deutlich in Erinnerung. Einmal gegen Abend in Nauen, als Vater nach Haus kam, nahm er mich beim Ohr, ging so, mich immer am Ohr führend mit mir die enge, ziemlich steile Treppe nach dem Garten herunter, durch den ganzen Garten, immer weiter, ganz nach hinten. Kein Wort fiel !  Ich hatte ein unbestimmt schlechtes Gewissen, aber was mochte ich nur verkehrt gemacht haben ?  Da im äußersten Winkel unseres Gartens stand unser Kinderspielwagen, der vierrädrige, früher mal schön rot und grün gestrichen. Nach dem Spielen hatten wir ihn da vergessen, statt ihn ins Haus zu bringen. Immer diese verflixte Vergeßlichkeit!  Daß ich auch mit der gar nicht fertig werden konnte, so sehr ich mir auch Mühe gab !  "Sieh mal, so geht Ihr mit Euren guten Spielsachen um. Wenn es nun regnet in der Nacht, dann verdirbt er ! Du bist jetzt der Älteste zu Haus, seit Walther in Joachimsthal ist. Von Dir verlange ich, daß Du den jüngeren Geschwistern ein gutes Beispiel gibst, daß Du ein ordentlich und gewissenhafter Junge wirst und Deine Fehler viel ernster bekämpfst als bisher, um Euren Eltern, die so viel für Euch tun, Freude zu machen und Kummer zu ersparen! " Mit jedem Wort hatte Vater Recht, das stand für mich ganz fest. Und wie schämte ich mich meiner Nachlässigkeit und meiner Lauheit in der Bekämpfung meiner Fehler!

Nachdem ich Tante Frida von uns und Vater erzählt hatte, sprach sie von dem, was sie über ihn wusste.  " Ach, so saht Ihr Euren Vater ? Ja, ich kannte ihn sehr gut. Als Deine Eltern in Duderstadt heirateten, war ich erst 6 Jahre alt. Aber, wie fröhlich und ausgelassen spielte er immer mit mir. Bisweilen sagte er, er wolle mir einen Kuß geben und dann ging das Greifen los, denn ich mochte keinen Kuß mit seinem großen schwarzen Vollbart. In der größten Not flüchtete ich dann unter den Eßtisch, um den alle herum saßen, aber auch da verfolgte er mich auf allen Vieren. Wir alle haben ihn sehr lieb gehabt. Besonders gut stand er sich mit unserer Mutter, die ihn sehr gern mochte. Seine Liebe und Verständnis für gute Musik, sein schönes Klavierspiel das  brachte ihn ihr nahe. Und dann hatte er eine große Zartheit, eine erwärmende Zärtlichkeit. Ach, daß er Euch, seinen Kindern so fern geblieben ist, das hatte ich gar nicht gedacht. – Weißt Du, seine Gesundheit war nicht besonders stark. Seine berufliche Arbeit nahm er, wie alles, was er tat, sehr ernst und genau. In allem war er sehr gewissenhaft, sehr ordentlich. Er brauchte Ruhe und Sammlung. Und ihr 6 Kinder im Abstand von 8 Jahren wart ja lebhaft und laut, manchmal stürmisch. So mag Euer kaum gebändigtes Wesen ihm bisweilen zu viel geworden, ihm auf die Nerven gegangen sein und daraus ein gewisser Abstand entstanden. - Euch gegenüber wird er es immer als seine ernste Aufgabe aufgefaßt haben, Euch durch sein eignes Beispiel, sein immer pflichtbewußtes, gewissenhaftes, ordentliches Verhalten zu strebsamen, tüchtigen Menschen zu erziehen. Wußte er doch aus eigner, bitterer Erfahrung, wie hart das Leben einen anfassen kann und, daß mittellose Kinder, wie Ihr sich nur auf ihren eignen Wert, ihre eigne Tüchtigkeit verlassen können. " 

In kurzen Aufzeichnungen von Vater, die leider mit viel anderem Lieben zurückblieben, als wir nach dem Russen-Einbruch Marienwerder verlassen mußten, hat Vater ab und zu von den ihn immer beengenden Geldsorgen gesprochen. Er beklagt sich da bitter, wie schäbig der Staat seine Regierungsbauführer hielt, schlechter, wie einen Bauarbeiter, der wenigstens immer bezahlte Arbeit fand. Gute Freunde und Verwandte liehen ihm in der Not, wenn er und Mutter gar nicht mehr weiter wussten. Erst als er im Frühjahr 1893 die Kreisbauinspektion in Nauen ( Kreis Osthavelland ) bekam, wurde er ja als Beamter fest angestellt und so die drückendsten Sorgen los. In den Jahren vorher, war er froh gewesen, eine, wenn auch nur gering bezahlte Beschäftigung auf der Baupolizei in Charlottenburg gefunden zu haben. Viel Freude brachte ihm diese Tätigkeit nicht. Doch hatte man ihm seiner Begabung entsprechend, die Überwachung und Beratung der damals in der Entwicklung begriffenen Kolonie Grunewald übertragen und hier fand er wirkliche Freude und  Anregung im Verkehr mit oft gebildeten Bauherren und Architekten, zumal sie meist über das nun mal zum Bauen nötige Geld verfügten. Daß er auf Veranlassung seiner vorgesetzten Behörde, der Potsdamer Regierung, die Betreuung der ihm lieb gewordenen Kolonie Grunewald, mit Einkünfte hieraus, auch noch als Kreisbauinspektor von Nauen aus behalten durfte, das freute ihn besonders. 

Doch auch nach seiner Festanstellung in Nauen war das Einkommen klein, die Familie groß. Die 6 Kinder wuchsen heran. Kleidung und Schuhe, der Lebensunterhalt, Schulkosten, alles fraß an dem kleinen Gehalt, das indessen unsere von uns allen so verehrte und geliebte Mutter so eisern zusammenhielt, als es möglich war. Ging es bei uns auch einfach zu, Vater und Mutter sorgten dafür, daß wir eine schöne, frohe Jugend erleben konnten. 

Vater verlangte von uns Gehorsam und gewissenhafte Erfüllung unserer Pflichten, darüber hinaus aber ließ er uns fast völlige Freiheit in all unseren Spielen und Beschäftigungen. Nirgendwo konnten wir und unsere Freunde, die nicht solch verstehenden Vater hatten,  so schön und ungestört spielen, als in unserem Garten. Und wie hat Vater es immer und immer wieder durchgesetzt, daß wir zu Erholung und zur Bereicherung unserer geistigen Entwicklung verreisen konnten. Nach Duderstadt zu den Großeltern Oven, Walther und ich mit Tante Vince und Seifferts nach Sorenbohm an die Ostsee, die ganze Familie nach Zingst an die Ostsee. Dann von Nauen aus Walther und ich zu Kepplers auf die Domäne Fehrbellin. Ulrich und ich zu Büttners auf die Domäne Lobeofsund. Mit den Tanten Vince und Wanda Siegert, Mutter mit uns 6 Kindern  in unseren schönsten Sommeraufenthalt nach Reval an die Ostsee ( zwischen Dievenow und Kolberg in Pommern ) im letzten Sommer vor Vaters Tode.  

Welch schöne lange Wagenfahrten machte Vater mit unserer ganzen Schar durch unser heimatliches Land ! Zu der fröhlichen, kinderreichen Familie Friese auf ihr Gut in Paaren a.d.Wuplitz.  Einmal zum Hakenberger Denkmal ( Schlacht von Fehrbellin )  nördlich von Nauen mit Besuch auf einem Gut Rhin. Namen und Besitzer weiß ich nicht mehr, aber gut ist es mir noch in Erinnerung geblieben das über Erwarten geglückte Erlebnis unseres ersten Ruderns im Boot. - Aber die schönsten Fahrten waren doch am Ende der großen Ferien durch das endlos weite havelländische Luch nach Lobeofsund zum Geburtstag der kleinen Mariechen Büttner. Dieses schönste Kinderfest im Rahmen des gastfreien, geselligen Landlebens, kam ja mit seinen Eindrücken auf uns gleich hinter Weihnachten. Zwischen Kaffee mit Bergen von schönstem Kuchen und Speise mit rotem Saft und Eis die anregendsten Spiele unter Leitung des so kinderlieben, freundlichen Onkel Büttner. Als Höhepunkte blieben mir in Erinnerung: Sacklaufen, dann das Fliegenlassen von ziemlich großen Luftballons aus Seidenpapier und abends, wenn es dunkel war, zum Schluß Bengalische Beleuchtung an den Hausteichen und Feuerwerk mit Schwärmern und Raketen. Und dann bei Sternenschein die stundenlange Rückfahrt in der warmen Sommernacht durch das schweigende, mächtige Luch. Ich glaube, die anderen Geschwister schliefen bald. Ich blieb hell wach, so bewegt war ich von all dem Erlebten und der großen Freude, wieder mal einen Tag in meinem lieben Lobeofsund und den guten Büttners gewesen zu sein. Vom Kutschbock aus genoß ich noch die letzte große Freude der sommerlichen Nachtfahrt. 

Was uns früher nicht so erkennbar war,  immer sorgte Vater, daß wir unverbogen aufwachsen, unverkümmert uns entwickeln konnten,  Anregungen erhielten durch Reisen in fremde Gegenden zu lieben Verwandten oder auch zu Fremden, die kennen zu lernen er Gelegenheit hatte. Daß er auch in der Auswahl von Büchern und Spielsachen für uns mit aller Sorgfalt auf unsere Entwicklung bedacht war, uns fördern wollte, im Verein mit Mutter, das haben wir damals natürlich nicht bemerken können, wei1 wir ja noch viel zu jung waren. Aber nach allem, was wir von ihm wissen, steht das für mich völlig fest.  

Daß wir arm waren, sparsam leben und auf manches verzichten mussten, das erlebten wir mit unseren Eltern als etwas ganz Selbstverständliches. Bedrückt  hat uns das nie und beneidet haben wir andere, reichere auch niemals ! Wir fühlten den überlegenen, geistigen Reichtum unserer Eltern und ihrer Verwandten und das erhob uns, aber verpflichtete uns auch innerlich. An sich selbst arbeiten, aufwärts streben, das lebten Vater und Mutter uns vor und das war mein, und ich glaube, unser aller Leitstern.

Vaters ganze Veranlagung ruhte, wie ich ihn jetzt sehe, auf geistigem Gebiet. In der Kunst und Musik lag wohl das Land seiner Freuden. Gute Bücher, geistiges Leben waren ihm notwendig. Aus seinen Gesprächen mit seiner vertrauten, liebsten Schwester, unserer guten Tante Vince, die wir zu Tisch  miterlebten, wenn sie allsonntäglich zu Besuch bei uns war, wissen wir, wie interessiert beide das damals noch gemächlich fließende Geschehen verfolgten. Vater und Mutter waren, wie ihre Familien im Ganzen, stark religiös - und kirchlich veranlagt. Da wir zur altlutherischen Freikirche ( Breslauer Kirche ) gehörten, fuhren die Eltern von Nauen aus ab und zu nach Berlin in die Annenkirche. Dort war ein alter, guter und befreundeter Bekannter aus Reddestow her, früher Pastor in Stolp,  Pastor Brachmann.

Beide Eltern schätzten ihn sowohl als Pastor, wie als Mensch sehr hoch. Als Mutter nach Vaters Tode mit uns nach Charlottenburg zog, wurde Walther und später auch ich durch ihn eingesegnet. In Nauen gingen die Eltern mit uns nur sehr selten in die große, alte St. Jakobi-Kirche, mir ist so, wie: zu Ostern und zu Pfingsten. Sonst hielt Vater zu Haus am Sonntag Vormittag  eine Andacht ab. Er las eine Bibelstelle mit kurzer Auslegung und begleitete dann auf dem Klavier einen Choral. Bibel,  Katechismus und Gesangbuchlieder gaben die Richtschnur für das menschliche  Leben und das war von je her so gut gewesen und blieb es auch weiter. Im Übrigen wurde nicht viel darüber gesprochen. Das Vater für wirtschaftliches Entwickeln und Schaffen oder auch für Fragen der Landwirtschaft, aus der er und alle seine Vorfahren doch stammten, wesentliches Interesse zeigte. habe ich nie bemerkt. Es lag ihm wohl weniger. –  

Vater hatte viel Sinn für Humor, war gern fröhlich mit den fröhlichen, eine durchaus gesellige Natur, dem es ein Bedürfnis war, mit gleichgerichteten Menschen zu leben und fröhlich zu sein. Er hatte immer gern Menschen um sich und ich glaube, wohl alle aufrechten Menschen hatten ihn gern. So ging er des abends, nach getaner Arbeit - vor dem Abendessen, gern noch mal in den nahen " Hamburger Hof ", das Hotel von Nauen ( etwa 8000 Einwohner) zu Tante Pau1ine ( Krentscher ), ihr Mann trat weniger in Erscheinung. Beim guten Gläschen Bier wurde der Aktenstaub des Büros und der tägliche Ärger über bürokratische Bevormundung durch seine vorgesetzte Behörde, die Potsdamer Regierung weggespült. ( Ein Rätsel, das er gern aufgab: was ist das ?  Das erste ist ein halber Ton, das zweite ist der Liebe Lohn, das ganze ist, man kennt ihn schon, ein furchtbar schäbiger Patron ! ) = der Fiskus, die staatliche Verwaltung mit ihren in der Hauptsache wohl noch auf den alten Fritz und seinen Vater zurückgehenden Vorschritten und oft rücksichtslosen Forderungen. 

Für echte Freude war Vater wohl ganz aufgeschlossen und auch die erdrückenden Jahre der Not, die er mit seiner immer verehrten und geliebten Hedwig, unserer Mutter und ihren Kindern durchleben mußte, haben ihn nicht

unterbekommen. Immer war er gesellig und fröhlich. Obwohl bei seinem Tode bei Onkel Walter Auffermann noch eine Schuld von M.3000,-- bestand, wie mein Bruder Walther erst 1912 von Otto Auffermann erfuhr. Für Vater selbst, wie für uns andere alle, ganz überraschend, nahm ihn am 16. Januar 1898 nach nur 5-tägigem Krankenlager der Tod fort, erst 50 Jahre alt. Man sprach von innerer Blutvergiftung, unerkannter Diphteritis.  

Wäre ihm auch nur entfernt einmal der Gedanke an die Möglichkeit seines frühen Todes gekommen, er hätte bei seiner gewissenhaften, gründlichen Veranlagung sicher versucht, wenigstens mit uns größeren seiner Kinder mehr geistige Fühlung zu nehmen, uns von seinem Wissen über das Wesentliche und Wichtigste des Lebens zu erzählen. Gewiß, wir waren als echte Jungens immer stark beschäftigt mit unseren kleinen Vorhaben und Freuden und das hat ihm wohl verborgen, wie aufgeschlossen wir doch für alles gewesen wären, was er uns über sich, seine Jugend und Geschwister, seine Eltern und Heimat, aber auch über seine Lebensauffassung,  sein Streben und Verzichten erzählt hätte.

Rittergut Reddestow im Kreis Lauenburg / Pommern

Er glaubte wohl, noch viele Jahre vor sich zu haben, er war ja erst 50 Jahre alt. Wenn wir älter und reifer gewesen wären, dann hätte sich dieses Mitteilen von ihm auf uns, das wir Kinder grade jetzt in unserem Alter schmerzlich entbehren, wohl von selbst ergeben. Sein frühes Sterben trat dazwischen. - Auch von Vaters Jugend, seinen Vorfahren, wissen wir nicht viel. Die Poltrocks saßen nach alten Kirchenbüchern seit Alters her in Pommern in der Charbrow ' er Gegend als " Freisassen " zuletzt auf zwei gepachteten Guts-Vorwerken: Speck und Babidol. Vaters Großvaters Poltrock kaufte dann das Rittergut " Reddestow" im Lauenburger Kreis.  

Von ihm übernahm es dann später Vaters Vater Fritz Poltrock. Unsere Großmutter Karoline Raasch, stammte aus Krampkewitzer Mühle, die ihr Vater besaß. Sie war eine geistig lebendige, sehr strebsame Frau, die immer für eine umfassende, gute Schulbildung ihrer vielen Kinder sorgte,  ihnen jede geistige Entwicklung ermöglichte. Vater wurde auf das Gymnasium  in Treptow a.d. Rega ( Pommern ) gegeben, bekam da gute Klavierstunden. 

Tante Vince, Tante Martha kamen auf das Seminar und machten da ihr Lehrerin - Examen. Tante Vince ging dann für 1 Jahr ihrer Ausbildung nach England. Alles etwas über den Rahmen eines kleinen hinterpommerschen Gutsbesitzers hinausgehend. -  Nach dem Tode des ersten kleinen Jungen, der im Dorfteich ertrunken sein soll, war unser Vater der Älteste: Arthur. Nach ihm kamen: Vincentine, Martha, Lydia, Sidonie, Berthold, Fritz, Magdalene, also 8 Geschwister.

3 Jahre alt, war ich mit meinen Eltern, Walther, Heta und Ulrich in Reddestow bei unseren Großeltern. An Großvater kann ich mich schwach erinnern. Daß eine Großmutter da war, weiß ich  gar nicht ! Walther, damals 5 Jahre alt, weiß: " sie war eine kleine Frau, die immer eine weiße Haube aufhatte  und sehr freundlich zu allen war. "-  Nach bestandenem Abiturientenexamen studierte Vater auf der damaligen Bauakademie in Berlin Architektur und trat dort in die Studentenverbindung " Motiv " ein, der er immer mit großer Liebe zugetan blieb. Bei seiner Beerdigung standen zwei " Chargierte " seines " Motiv " in vollem Wichs mit gezogenem Schläger zu beiden Seiten seiner Sarges.

Als Regierungsbauführer bekam Vater einmal die Aufgabe, am staatlichen Gymnasium zu Duderstadt im Eichsfeld, in der Nähe des Harz, Bauarbeiten zu leiten. Dort lernte er unsere Mutter Hedwig von Oven, die älteste Tochter des Landrats kennen. Die große Freude an guter Musik, Vater war leidenschaftlicher Klavierspieler und Mutter hatte eine natürliche, schöne, gut ausgebildete Stimme, führte sie bald zusammen. Von Tante Frida, Mutters jüngster  Schwester, bekam ich, als ich sie jetzt in Göttingen besuchte, ein kleines, gut gebundenes Buch, mit Goldschnitt, auf dem verzierten Deckel in Goldprägung das Wort " Poesie "  weiß moire Vorsatzpapier, also sehr schön ! Auf der ersten Seite in gewollt schöner, geschwungener Handschrift :

 

      
Polterabend – Scherze

aufgeführt am 26.10.1880 zur Doppelhochzeit von :
Arthur Poltrock  - Hedwig von Oven
und Eduard Twele - Anna von Oven
zu Duderstadt.

 

Vater war geboren am. 28.08.1847, Mutter am 14.09.1852, Tante Anna am 24.02.1860.

Programm und Prolog ( gesprochen von Adolf von Oven ) wenn ich mich nicht irre von Onkel Adolf - geschrieben, Mutters einzigem, sehr lieben Bruder, damals 25 Jahr alt,  junger Offizier in Altenburg, alles andere von ihrer jüngeren Schwester, damals 17 Jahre alt. ( Godela ) 

Ich war erstaunt, daß es diese freundlichen  Aufzeichnungen, diese anspruchslos fröhlichen und liebevollen Verse zum Polterabend meiner Eltern überhaupt gab und  kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Tante Frida bin, daß sie mir das kleine Buch zeigte und mitgab. Wie eigenartig mutet es doch uns jetzt schon alte Kinder an, in den Versen Vater und Mutter als damals junge, verliebte Brautleute zu sehen und von ihnen zu hören. Wenn da am goldenen Hochzeitsmorgen erzählt wird,  vom Gymnasiumsbau in Duderstadt, wie die Eltern oft Partieen machten und soviel beim Kroquet lachten. Bei der Frau von Deperode war Mutter einmal in Gedanken an Vater so zerstreut, daß sie Bier statt  Essig an den Salat rührte. Vom Manöverball auf der Schanze:  " Weißt Du wie wir uns verstanden, stets im vis-á-vis uns fanden ?  Doch es durfte niemand wissen ! Hatten uns so viel zu sagen. Doch wir durftens noch nicht wagen –mußten immer wieder tanzen." - " Und davor beim  Sedan - Balle , als wir gingen da nach Haus, Vater ging mit Klingeltant allein, doch beim hellen Mondenscheine sah man unsere Schatten weit ! Und als wir zu Hause waren, sprach Papa:  Kind, nimm Dich mehr in Acht ! Doch in meinem Herzen war längst die Lieb erwacht ! " 

Schön, daß die Eltern damals solch frohe Zeiten voller Liebe und Hoffnung erlebten und wir übrig gebliebenen von uns Kindern nun auch noch davon erfahren. Ich kann mir Vater in seiner Freude und Hoffnung in dieser schönen  Zeit so gut vorstellen. Dazu seine Freude an jedem geselligen Zusammensein, noch mehr in der fröhlichen, großen Ovenfamilie. Mutters von ihm so verehrten Eltern, all ihre frischen, frohen Geschwister, der gehaltvolle Ton in der ganzen Familie und das für Vater so beglückende, das Verständnis und die Liebe zu seiner für ihn zum Leben notwendig gehörenden Musik. 

Daß wir von Vaters Kinder- und Jünglingszeit fast gar nichts wissen, ist mir Leid. Ein rechtes Landkind, das mit seinem Landleben fast verwachsen ist, und von Herzen daran hängt, war er wohl nicht. In ihm kam wohl mehr die aufs geistige Leben gerichtete Art seiner Mutter zur Geltung, als die biedere, tüchtige, feste Landmannsart der Poltrocks. Und dann kam er ja schon als kleiner Sextaner aufs Gymnasium nach Treptow a.d. Rega ( Pommern ) zu fremden Leuten in Pension. – Von einem Schulfreund wissen wir, der Walthers Pate wurde, Onkel Euen. Sein Bild zog mich immer an. So männlich fest und kühn, treu und zuverlässig sah er aus. Die schlichte Forst-Uniform stand ihm so gut. Oberförster war er. Ob ich ihn einmal selbst gesehen habe ? Wo blieb er ? Sein Bild steht mir noch deutlich vor Augen.  Was ist aus ihm geworden ? Ich besinne mich nicht mehr. 

Dann in seiner Studentenzeit ein zweiter Freund, ein Motiver: Adolf Brandt. Später Wasser-Baurat. Er wurde mein Patenonkel. So ein gütiger, prächtig fröhlicher, liebevoller Mensch und seine gute Frau war grad so. Beide waren Süddeutsche, man hörte es noch an ihrer Sprache.  - Zwei solche wertvollen Männer zu Freunden zu haben, ist das nicht wie ein Spiegelbild von Vater ?  

Im Januar 1928 waren Grete und ich nach 2 Wochen in Parpan/Schweiz noch 2 Wochen in Schloß Elmau/Johannes Müller. Eines Mittags sprach mich ein älterer Berliner Herr, der mit seiner erheblich jüngeren Frau an unseren Tisch gekommen war, an : " Auf ihrer Tischkarte las ich Ihren Namen: Poltrock ! Sind Sie vielleicht verwandt mit einem Arthur Poltrock, mit dem ich vor langen Jahren in Berlin zusammen in der Verbindung: " Motiv " war? ". Als ich ihm  sagte, das sei mein Vater gewesen, wurde er ganz froh und warm in der Erinnerung, die so weit zurückging.  " Was war er für ein fröhlicher, lieber Kamerad ! Und wie schön war doch unsere Studentenzeit ! Er war älter als ich. Er spielte sehr schön Klavier. Seine schönen Studentenlieder und Volkslieder, ’ Spieluhr ’   sind mir unvergeßlich ! Fast jedes Mal, wenn wir zusammen waren,  so in vorgerückter Stunde, dann stimmte plötzlich einer an und sofort fiel die ganze Korona ein nach einer Melodie aus dem netten Stück : " Lieber Poltrock, lieber Poltrock, spiel uns doch die Spieluhr vor, Lieber Poltrock, lieber Poltrock spiel uns doch die Spieluhr .u.s.w.  – bis er am Klavier saß - und dann perlten die Töne so klar und schön unter seinen Händen hervor – alles saß still, immer wieder erfreut und wie gefangen von dieser liebenswürdigen, bescheidenen und uns alle so ansprechenden Melodienfolge ! " 

In Westend, es mag so um 1891 gewesen sein, zog Vater eines Sonntags früh mit Walther und mir zu Fuß los in den gleich am Haus in der Ahornstrasse anfangenden Grunewald. An eine sehr feine,  flache,  gut in schönes Leder eingenähte Feldflasche mit aufgeschraubtem Becher besinne ich mich noch, die er an einem schmalen, langen Riemen über der Schulter trug. An jeder Seite war je ein von Leder freier senkrechter Schlitz, so zu sagen  "Wasserstandsanzeiger". Wunderschöner Himbeersaft war drin. Nach für mich langer Wanderung kehrte er mit uns in einer Försterei oder Krug ein und da gab es für mich zum ersten Mal " Dicke Milch " mit Krümelbrot und Streuzucker. Überraschend schön !

Ein andermal zeigte er uns beiden Jungens ein Pferderennen auf der Rennbahn in Westend. Von der Baupolizei aus hatte er da die Überwachung der Tribünen und so Freikarten. – Unvergeßlich, wie die prächtigen, schnellen Pferde vorbeijagten, über Hürden und Gräben sprangen. Ebenso schön die Reiter, die Jockeis in ihren leuchtend farbigen Seidenblusen und Mützen. Aber noch viel anziehender waren für mich bei den Offiziersrennen die roten und blauen Husaren, Ulanen und Dragoner. Der eine dieser blauen Reiteroffiziere war ein Vetter von Mutter, ich glaube ein Westarp. 

Als in den Sommerferien 1896 unser Vetter Hermann Wagner aus Altona bei uns in Nauen zu Besuch war, fuhr Vater eines Tages mit ihm und mir zur großen Gewerbeausstellung nach Berlin. Welch starke Eindrücke für uns aufnahmefähige Jungens ! 

Im Sommer 1897 schickte er Mutter mit uns 6 Kindern in den großen Ferien nach Reval an die Ostsee ( zwischen Kolberg und Diewenow ). Die Tanten Vince und Wanda Siegert fuhren mit. Welche Freude und Anregung hat es uns allen bereitet. – Er selbst konnte erst später Urlaub nehmen und fuhr dann mit Mutter nach Langeoog an die Nordsee. Das war für beide eine wunderschöne, wohltuende und wirklich ruhevolle, erholsame Zeit, an die sie gern zurückdachten und von der Mutter uns später nach Vaters Tode viel erzählt hat. 

Vater war ein großer Pflanzenfreund. Namentlich liebte er Blumen. Mit großer  Sorgfalt und Liebe pflegte er sie und  sie dankten es ihm durch schönes Gedeihen und Blühen. Gut erinnere ich mich noch an größere Oleander und Myrtchenbäumchen, an 2 Fuchsienbäumchen, von denen die weißblühende, wie er uns sagte, Walther gehörte, die blaue mir. Für den Winter zog er immer wunderschöne Hyazinthen, welche die Fensterbretter in seiner und Mutters Stube schmückten. In schmalen Tüten auf seinem Aktenschrank in seinem Zimmer, bis sie dann vor der Blüte ans Licht durften. Hyazinthengläser, in denen sie im Wasser stehen, lehnte er ab. Er wollte sie in richtiger Erde haben. – In seinem letzten Herbst 1897 durfte ich ihm helfen, die Töpfe mit den Zwiebeln zuerst in die Erde im Garten einzusenken. Mit großem Eifer und Freude war ich dabei und freute mich hinterher, als Mutter anerkennend fragte, ob ich auch einmal solch guter Gärtner werden wollte, wie Vater.  

Wie sie in Reddestow in Vaters Kindheit ihren Weihnachtsbaum geschmückt hatten, mit möglichst vielen ganz verschiedenen Ketten aus leuchtend buntem  Glanzpapier kunstvoll geklebt, so machte er es für uns auch.  

Ich glaube, es machte ihm Freude, zu sehen, wie wir dabei waren, wenn er zeigte, wie die Katzentreppen und Ringketten und Papiernetze und wie sie alle hießen, hergestellt wurden, und welche Freude wir an diesen glänzend bunten Farben hatten. Ihm war es ein liebes Erinnern an sein " zu Hause " an die vergangene selige Kinderzeit mit den noch rüstigen Eltern und den Geschwistern und mir war es, als übernähme ich damit eine unter Vater und Großvater bewährte Tradition. Als es später hieß, nur mit Weiß und Silber sähe der Weihnachtsbaum schöner aus als in solch überladener Buntheit, ließ ich es geschehen, aber nicht ohne ein leises Bedauern, daß wir von der Vätersitte abwichen. 

Ungetrübt und froh verlebten wir alle das schöne Weihnachtsfest 1897. Bald danach an einem Sonntag Abend legte sich Vater zu Bett mit dem Gefühl, eine Influenza zu haben. Der Arzt, Dr. Aust, konnte nichts Bestimmtes feststellen, es wurde ernster, am Mittwoch setzte bisweilen das Bewußtsein aus. Wir sahen Mutters große Sorge. Als wir schlafen gingen betete sie mit uns, daß der liebe Gott uns den guten Vater erhalten möge. Als wir am anderen Morgen aufwachten, am 16.01.1898, war Vater schon von uns gegangen, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Das war Mutters Trost in ihrem Leid und Verlassenheit, daß er sich keine Sorgen um sie und uns 6 Kinder mehr hatte zu machen brauchen. Da er noch nicht 10 Jahre Beamter war, bestand kein Anspruch auf Pension.

Beerdigt wurde Vater auf dem evangelischen Luisen-Friedhof in Berlin/Westend Fürstenbrunner-Weg. In seinem Grabhügel hat Ulrich für uns alle nach Mutterchens Tode – 09.07.1942 – in Neubrandenburg – die Urne mit ihrer Asche eingelassen. 

Victor Poltrock

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