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Zum 100 jährigen Geburtstag                                    
des weiland Kirchenrats

und Superintendenten Julius Nagel

17.09.1909

aus dem Kirchenblatt vom 12.09.1909

 

Der Name Julius Nagel ist in unserer lutherischen Kirche in gutem Gedächtnis. Namentlich die pommerschen Gemeinden werden nie vergessen, daß sich an den Namen dieses Mannes jene große Bewegung anknüpfte , welche vor mehr als sechzig Jahren zur Neubelebung der lutherischen Kirche in Pommern und zum Austritt einer ganzen Anzahl großer Gemeinden aus der Union führte. ( Trieglaff, Groß-Justin, Wollin, Seefeld, Treptow, Greifenberg-Rottnow u.a. ) Aber auch alle anderen Gemeinden unserer Kirche haben diesen Namen oft gelesen und den teuren Träger desselben auch in seinem Amte kennen gelernt. Hat er doch 30 Jahre lang der ganzen Kirche in dem schweren und verantwortlichen Amte eines Kirchenrats mit seiner Klarheit des Geistes, seiner ihm von Gott geschenkten besondern Gabe der Leitung gedient. Besonders aber wird die lutherische Gemeinde in Breslau dieses ihres langjährigen, reich gesegneten Pastors nicht vergessen und in Dankbarkeit einen Ehrenkranz auf sein Grab an der Kirchhofkapelle legen. 

Freilich, so oft in unserer Zeit eines 100 jährigen Geburtstags gedacht wird, da empfindet man auch, wie schnell im Pflug der Zeiten Geschlechter gehen und kommen. Die Zahl derer, welche solche Männer noch gekannt haben, ist nur noch gering. Ein neues Geschlecht ist herangewachsen. Wenn es auch noch den Namen kennt, so fehlt doch der mächtige Eindruck der Persönlichkeit, den keine so warm gehaltene Beschreibung ersetzen kann. 

Doch will es der Herausgeber des Kirchenblattes, der als letzter von Julius Nagel die Ordination empfangen hat, wenigstens versuchen, durch einige Züge aus seinem Lebensbilde die dankbare Erinnerung an ihn zu wecken. Die hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt, das edle durchgeistigte Antlitz, die wohlklingende, Ohr und Herz angenehm berührende Stimme, die überzeugende Kraft seiner Rede werden allen unvergessen bleiben, die je mit Kirchenrat Julius Nagel zusammengetroffen sind. 

Auch seine Gegner konnten sich dem Eindruck nicht entziehen, hier sei eine bedeutende, im Glauben gefestigte, zur Leitung der Kirche besonders begabte Persönlichkeit. “Einen geborenen Generalsuperintendenten“ nannte ihn sein erbittertster Gegner Wangemann. 

Doch, was wären alle Gaben, wenn sie nicht in den Dienst Gottes und seiner  Kirche gestellt gewesen wäre. Und wie durch Gottes Gnade es dazu gekommen ist, daß dieser hochbegabte Mann mit Freuden auf den “General“ verzichtete und nur ein schlichter Superintendent der zur Sekte gestempelten, von Staat unabhängigen lutherischen Kirche geworden ist, das sei im folgenden kurz berichtet, wobei wir eine Skizze benutzen, die Dr. Besser, der innigste Freund Julius Nagels vor fünfundzwanzig Jahren von dem Entschlafenen zeichnete.  

Julius Nagel wurde am 17. September 1809 in dem Pfarrhause des Dorfes Stecklin bei Greifenhagen in Pommern geboren. Auch seine Vorfahren waren dem Pfarrerstande zugehörig. Er studierte in Halle und in Berlin. Der damals in Halle herrschende Rationalismus ekelte ihn schon vermöge seiner Langweiligkeit an. In Berlin hat ihn am meisten Schleiermacher gefördert. Bis in sein Alter diesem “Meister im Lehren“ ,wie er ihn gern nannte, dankbare Pietät zu bewahren, fand er sich durch seine lutherische Orthodoxie ungehindert. 

Es war genussreich, ihn  über Schleiermacher und dessen ihm nahe befreundeten Stiefsohne, dem seligen Ober-Regierungsrat von Willich, in “alles glaubender“ Liebe reden zu hören. 

Bei seinem ersten theologischen Examen in Stettin ( 1834 ) begegnete er zum erstenmal dem Bischof Ritschl, de, er stets dankbar zugetan geblieben ist, und von dessen eigenartiger Regiergabe er seinen Freunden oft – seinen Söhnen noch auf dem letzten Krankenkenbette- erzählt hat. Bei seinem zweiten Examen (1835) mußten die Examinatoren ohne ihr Wissen und wider ihren Willen weissagen. Es fand sich nämlich, daß der Kandidat Nagel weder die Frage nach Wert und Wesen der Union beantworten konnte, noch im Kirchenrecht sonderlich bewandert war. Diese Mängel zu ergänzen, ermahnte man ihn nachdrücklich; besonders mit der wichtigen Unionssache möchte er sich ernstlich beschäftigen. Mit dem Kirchenrecht hatte nun nicht große Eile, das sollte später kommen; die Beschäftigung mit der Union aber wurde ihm bald aufgezwungen. 

Er kam ins Pfarramt in Kolzow auf der Insel Wollin an einer sehr verwahrlosten Gemeinde. Vom Evangelium hatte man auf der dortigen Kanzel seit langem keinen Laut gehört. Der emeritierte Pastor blieb noch eine Reihe von Jahren in Kolzow wohnen, und es kennzeichnet den Mann hinreichend, daß er niemals zu seinem Nachfolger in den Gottesdienst gong. Die wenigen Gemeindeglieder, welche es nach geistlicher Nahrung hungerte, hatten teils zu den zerstreuten und verfolgten Altlutheranern, teils zu Konventikeln Zuflucht genommen. 

Nun fing Nagel an zu predigen. Luther sagt wohl einmal, er befleißige sich, Mansfeldisch für die Mansfelder zu reden; so war es dem jungen Prediger in Kolzow gegeben, den Ton des “Pommerschen Zungenschlags“ mit Meisterschaft zu treffen; deutlich, wohl auch derb, zum Händegreifen die göttliche Wahrheit nahe rückend und stets aus vollem und ganzen Herzen quellend. Ja er predigte gewaltig, weil er vom Worte seiner Predigt überwältigt war; überzeugend, weil er von erlebtem Heil zeugte und dasselbe Heil in brünstiger Liebe den Seelen gönnte, welche dem Herrn Jesu zu gewinnen ihm Kleinod und Krone war.  

Bis in sein Alter hat er die Predigtweise behalten, worin edelste Popularität mit theologischer Erudition in außergewöhnlichem Maße sich paarte. Als er in seinem vorletzten Sommer eine Traubenkur in Rothenburg gebrauchte, wunderten sich unsere Lutheraner im benachbarten Grünberg nicht wenig, daß der alte Kirchenrat Nagel so lebhaftes Interesse für alle Details ihres Weinbaues zeigte; am folgenden Sonntage löste sich ihnen das Rätsel, als sie eine Predigt über Joh. 15: “Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ hörten. 

Welch eine Bewegung entstand da in den dreißiger Jahren über die ganze Insel Wollin hin ! Große Haufen hörbegierigen Volks zogen von allen Seiten nach Kolzow, wo oft durch die geöffneten Fenster der Dorfkirche die Stimme des begeisterten und begeisternden Predigers zu den draußen Stehenden und Lagernden hindrang. Die Frage nach Luthertum und Union war zunächst von Kammin her in die Kolzower Gemeinde gekommen und ließ von nun an den Pastor und Seelsorger nicht mehr los. Seine vorzüglichsten Lehrer in diesem Stück sind nach seiner eigenen, oft wiederholten Aussage pommersche Bauern und Tagelöhner gewesen, die in der Schule der Anfechtung auf das Wort merken gelernt hatten. 

Man hielt es für geraten, den hoffnungsvollen jungen Geistlichen als Militärprediger nach Stargard zu versetzen. Bischof Ritschl hatte hohe Dinge mit ihm im Sinne, deshalb mußte er aus so gefährlicher Atmosphäre entfernt werden. Aber – es war zu spät. Von Stargard aus legte der Divisionsprediger Nagel dem Stettiner Konsistorium in einem ausführlichen Schriftstück seine Stellung zur Union dar, dieselbe bereits grundsätzlich ablehnend, jedoch noch mit dem Versuche, sich auf den Rohrstab der Kabinettsordre von 1834 zu stützen. Damit hatte er sich für die nächste ihm zugedachte Stufe eines Militär-Oberpredigers unmöglich gemacht und nahm (im Jahre 1842) den Ruf nach Trieglaff mit Freuden an, weil er in Übereinstimmung mit seinem Patron, Herrn von Thadden, des guten Glaubens war, hier Pastor an einer lutherischen Gemeinde zu werden mit der Berechtigung, die Union zu bekämpfen. 

Doch bald erkannte er, daß eine lutherische Gemeinde unmöglich zugleich Glied einer auf der Union aufgebauten Kirche sein könne. Seine Rede auf der Neustadt-Eberswalder Pastoralkonferenz im Frühjahr 1846 ist für viele ein Signal der Rüstung zum Aufbruch geworden, ein Signal, dessen deutlicher, ins Gewissen dringender Ton durch die Vorgänge auf der Berliner Generalsynode desselben Jahres eine verschärfende Wirkung erhalten sollte. 

Als im folgenden Jahre eine Immediateingabe, welche Nagel nebst drei pommerschen Amtsbrüdern an des Königs Majestät richtete – ihr Inhalt deckt sich ungefähr mit den vier ersten der bekannten fünf Wittenberger Sätzen vom Jahre 1848, nur mit Wegfall des fünften, den “Austritt“ perhorreszierenden Satzes, welcher seitdem zum einzig übriggebliebenen geworden ist – und darauf abschlägig beschieden wurde, da legte er in Gemeinschaft mit zweien seiner Genossen – denen bald mehrere in anderen Provinzen nachfolgten – sein Amt in der Landeskirche nieder und wandte sich, gefolgt von dem weitaus größten Teil seiner Gemeinde, der außerhalb der Union bestehenden und von ihr “separierten“ lutherischen Kirche in Preußen zu.

“Wenn nach meinem Tode irgendjemand kommen und behaupten sollte, es hätte mich gereuet, diesen von unserem seligen Scheibel  gebahnten Weg, den sie eineSekte heißen, vertreten zu haben, dem sollt ihr offen ins Gesicht sagen: Du lügst“. So behauptete er noch kurz vor seinem Tode. In den fünf Jahren 1848 – 1852, die er oft die schönsten und glücklichsten seines Lebens genannt hat, arbeitete er mit großer Kraft und Freudigkeit in seinem lieben Pommern. Bald zum Superintendenten der lutherischen Diözese Trieglaff  berufen, bewies er beim Ordnen der eben sich sammelnden pommerschen Gemeinden seine ungewöhnliche Regiergabe aufs erfolgreichste. 

Im Herbst des Jahres 1852 folgte Nagel einem Rufe nach Breslau, als Pastor der dortigen lutherischen Gemeinde, und wurde zugleich Superintendent der Breslauer Diözese sowie Mitglied des Ober-Kirchen-Kollegiums. In seinen ersten Breslauer Jahren war er über die Maßen mit Arbeit belastet. Wir hatten damals weder einen besoldeten Kirchenrat, noch hatte der Breslauer Pastor einen Hilfsprediger. Die Gemeinde verlangte von ihrem Seelsorger viel.  

Die täglichen häufigen Gespräche und Beratungen mit Beichtkindern, denen er sich mit größter Geduld hingab, beschränkten seine Zeit und raubten ihm die Kräfte. Oft ging ihm der ganze Vormittag mit Besuchen von allerlei Leuten hin, die ihn anliefen; Früh um 8 Uhr pflegte es zu klingeln, und um Mittag hatte der Pastor noch keinen Federstrich an seinen kirchenrätlichen Arbeiten tun können. Dieser Verkehr mußte dann endlich auf bestimmte Sprechstunden beschränkt werden. Am Sonnabend kam er öfter erst gegen 6 Uhr aus der 2 Uhr an gehaltenen Beichte; denn fast jedesmal stellten sich nach der allgemeinen Beichte Privatbeichtende ein, de gründlich versehen sein wollten. Dann fing er an, die zuvor meditierte Predigt für den folgenden Sonntag zu schreiben und kam erst tief in der Nacht zu Bette. 

Was er seiner Diözese als Superintendent ( vorzüglich Visitationen ), dem Ganzen der Kirche als Kirchenrat – besonders seit dem er als einziger besoldeter Kirchenrat ihr diente, was durch die Berufung des seligen Böhringer zum zweiten Pastor der Breslauer Gemeinde ermöglicht wurde ( 1864 ) – und als hervorragendes Mitglied ihrer Generalsynoden gewesen ist, kann hier nur kurz angedeutet werden. Wie klar und fest, weise und maßvoll stand er im Streit ums Kirchenregiment.  

Selten vorkommende Vereinigung von Verstandesschärfe und Gemütstiefe gab seinem Charakter die eigentümliche Signatur. Seine Dialektik erinnerte an Schleiermacher, noch mehr aber an Chemnitz, welchen andern “Martin“ er besonders wert hielt.  Hatte er sich einer Sache innerlich bemächtigt, und war ihrer gewiß, so wußte er sie mit eminentem Scharfsinn klarzulegen und zu vertreten, und es war zum Bewundern, wie er seinem Gegenstande immer neue Seiten abgewann und dafür immer stärkere Beweismittel herbeizuschaffen verstand. Er sagte wohl, darin habe er an Ludwig v. Gerlach einen trefflichen Lehrmeister gehabt, wenn er diesen auch nicht erreichen könnte.  

Übrigens hatte er stets großen Respekt vor fremder Überzeugung, sobald sie sich auf sachliche Gründe stützte. Dagegen konnte er, wo die gegenteilige Meinung nur mit beliebigen Behauptungen  und aus Gefühlsabneigung verteidigt wurde, die Hohlheit des Widerspruchs scharf und schonungslos bloßlegen.  Mit sorgfältiger Achtsamkeit uns starkem Gedächtnis pflegte er zu lesen. “Halte an mit Lesen“ , den Spruch ( 1. Tim 4, 13 ) hatte er lieb. Schriftliche Exzerpte hat er wenige hinterlassen; es stand ihm alles Gelesene, auf die Schnur innerer Ordnung gereiht, zur gelegenen Stunde zu Gebote.  

Von seiner Predigtweise ist vorhin schon etwas gesagt, doch nicht verschwiegen sei die erste Arbeit, welche er an jede Predigt wandte. Selbst in bedrängter Zeit schrieb er sorgfältig auf und memorierte, sein Konzept mehrmals durchlesend und danach feilend.  Nicht gefielen ihm die jungen Prediger, welche schriftlicher Konzeption nicht zu bedürfen meinen. Eben durch diese gewissenhafte, sorgfältige Vorbereitung bildete er die ihm eigene Gabe klarer Darstellung zu erstaunlicher Höhe aus. Er scheute sich nicht, seine Hörer in die tiefsten Tiefen der Geheimnisse Gottes einzuführen, soweit sie durchs Wort der Offenbarung uns zugänglich sind;  aber er tat dies, sowohl was den Ausdruck in einzelnen als was den ganzen Gedankengang anlangt, in einer so einfachen, durchsichtigen, jede Lücke und jeden Sprung , auch jede nur lose Gedankenverknüpfung meidende Weise, daß auch die Einfältigen nicht nur Bruchstücke, sondern das Ganze seiner Predigten fassten und wohl auch behielten. Aus dem Gedächtnis eine Nagelsche Predigt niederzuschreiben, ist manchem Gymnasiasten unter seinen Hörern nicht übel gelungen.

Daher kam es, daß seine Predigten für “Lämmer“ und für “Elephanten“ gleich anziehend  und erbaulich waren. Die Kräuter aus den Dörfern um Breslau her und die Universitätsprofessoren hörten ihn gleich gern, und der selige Gaupp, selbst ein fleißiger Hörer dieses lutherischen Predigers, riet wohl seine Studenten, win der Katharinenkirche zu lernen, wie man predigen müsse. Auch die äußere Form zeigte den geborenen Redner, würdig in der Haltung, kraftvoll und doch gemessen im Gestus, von mächtiger modulationsfähiger Stimme.  In besonderem Maße eignete ihm die Gabe – an Heinrich Müller erinnernd – alles, ein Bild, welches er im Schaufenster sah, eine Zeitungsnotiz, besondere Zeitereignisse ec. für die Predigt zu benutzen.  

Gelegenheitspredigten im besten Sinne waren fast alle seine Predigten; deshalb war er auch bei Kasualreden vornehmlich in seinem Elemente. Die Erbaulichkeit seiner Predigtweise entsprang aber vor allen Dingen aus seiner Menschenkenntnis, nicht gerade einer außerordentlichen Geisterprüfungsgabe, sondern der vom Geiste Christi gewirkten Kenntnis des menschlichen Herzens in allen seinen Regungen und Windungen, denen er mit seelenärztlicher Diagnose auf den Grund ging und dann seinen Patienten die scharfe Lauge und den lindernden Balsam des Wortes Gottes verordnete, recht teilnehmend das Wort der Wahrheit ( 2. Tim. 2, 15 ) und allezeit das Evangelium von Christo reichlich predigend ( Kol. 1,25 ). Seine Beichtreden waren vorzüglich packend; nur diese amtlichen Reden hat er gewöhnlich nicht konzipiert, weil er den Rapport zwischen dem Beichtvater und den Beichtkindern frei auf seine Rede wirken lassen wollte. 

Beim Warten seiner Regierämter kam ihm die Gabe scharfer Auffassung und klarer Darstellung trefflich zu statten. Im Referiren war er Meister. Wohl geriet sein Referat zuweilen, besonders nachdem er alt geworden, etwas ausführlich; hatte er es aber erstattet, so waren seine Kollegen völlig orientiert, und man konnte sich darauf verlassen, das nichts wesentliches übersehen war. Beim Aufarbeiten von Erlassen der Oberbehörde, welcher er angehörte,  verstand er nicht minder meisterhaft den Ton zu treffen, durch welchen kirchenregimentliche Verfügungen sich von denen staatlicher Behörden unterscheiden sollen.  

In ruhiger, sicherer Würde, in väterlich-brüderlicher Freundlichkeit, selbst erregten Schreiben gegenüber suaviter in modo,  wußte er wie zu reden, so zu schreiben.  Keine Zeit und Mühe pflegte er zu sparen, wenn es sich darum handelte, die behördlichen Entscheidungen mit dem vollen Apparat der maßgebenden Gründe zu versehen. Von Entscheidungen, die br. m. bureaukratisch dekretieren, war er kein Freund und ebenso abhold der Art, welche nur eben andeutet und obenhin berührt und den Beschiedenen schließlich unsicher läßt. Er setzte jede Sache ordentlich auseinander, und wer ein Schreiben von seiner Hand empfing, war vielleicht noch nicht einverstanden, aber wußte genau, woran er war und konnte sich dem Eindrucke nicht entziehen, daß wichtige sachliche Gründe den Entscheid diktiert hatten, und war sicherlich nicht verletzt und gekränkt. 

Mitten in der Fülle seiner amtlichen Arbeiten fand Nagel noch Zeit zu fortgesetztem theologischem Studium. Am liebsten und eifrigsten beschäftigte er sich mit Dogmatik und Dogmengeschichte, Symbolik,  neutestamentlicher Exegese und sämtlichen praktischen Fächern. Bei sehr selbständigem Urteil legte er doch großen Wert auf den kirchlichen Konsens. Als Examinator verlangte er ziemlich viel, regte aber die Examinanden zum Weiterforschen an; manchem ist da in seinem Examen erst klar geworden, was er vorher wenig verstanden hatte. 

In Vollkraft des Mannesalters war Julius Nagel 1852 nach Breslau gekommen; doch bald traf ihn ein körperliches Leiden, welches 30 Jahre lang als schweres Kreuz auf ihm lag und den arbeitsfreudigen Mann oft ans Zimmer fesselte. Deshalb gab er 1864 den größten Teil seiner pfarramtlichen Geschäfte in die Hand des jüngeren Amtsgenossen Böhringer und widmete ich hauptsächlich der Tätigkeit im Ober-Kirchen-Kollegium. Seine seltener gehaltenen Predigten durchzog infolge seiner Krankheit vielfach der Gedanke eines nahen Abscheidens. 

Und doch sollte er den jüngeren Amtsbruder noch überleben. Der 1881 erfolgende plötzliche Heimgang Böhringers war für Julius Nagel ein tief empfundener, schwerer Schlag. Er legte nun sein Pfarramt vollends nieder und 1882 trat er dann auch von dem Kirchenratsamt in den Ruhestand. Die letzten Lebensjahre führten noch in manches Läuterungsfeuer der Trübsal, in welcher die Gnade Gottes sein einziger Trost blieb. Die Schächerbitte “ HErr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst “, bestimmte er zu seinem Leichentext. Am 17.Januar 1884 ist er im festen Glauben an seinen Heiland Jesus Christus heimgegangen.  

In seinem Hause hat es auch nicht an mancher Trübsal gefehlt. Einige Kinder mußte er früh begraben; seine erste Gattin wurde ihm frühe genommen. Doch schenkte ihm Gott auch viel Freude. Zwei seiner Söhne durfte er zum heiligen Predigtamt ordinieren, alle seine Kinder ( 3 Söhne, 2 Töchter ) am Traualtar segnen und sich an dem Heranwachsen einer zahlreichen Enkelschar noch erfreuen. 

Acht Jahre nach seinem Heimgang wurde sein ältester Sohn sein Nachfolger im Amt eines besoldeten Kirchenrats, sein jüngster in dem Amt eines Superintendenten der Breslauer Diözese. Zwei seiner Enkelsöhne stehen gleichfalls im heiligen Amt. Möge unsere Kirche und insbesondere die Breslauer Gemeinde dem Glauben dieses treuen Zeugen nachfolgen und gleich ihm bekennen: Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin, und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.    

 

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