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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

 

 

Julius Nagel ( 1809 – 1884 )
 

Erinnerungen seiner Enkeltochter
Helene Schröter, geb. Nagel (1873-1945)
 

Mein Großvater

Nur wenige Menschen haben das Glück, noch ihre Großeltern so gekannt zu haben, daß sie lebenslang noch eine lebendige Erinnerung an sie haben. Diejenigen aber, deren Kindertage noch von Großeltern Liebe umgeben waren, sind „Glückskinder“. Zu solchen Glückskindern gehörte auch ich. Ich habe noch meine beiderseitigen Großeltern kennen und lieben gelernt.

Von all den Großvätern, die ich in meinem nun bald 70-jährigen Leben kennen lernte, überragte doch mein lieber Großvater Julius Nagel (väterlicherseits) alle Großväter, mit denen ich jemals in Berührung kam. Er war ein vielbeschäftigter Geistlicher in Breslau an der St. Katharinen–Kirche. Da meine lieben Eltern in Strehlen bei Breslau wohnten, durfte ich als seine älteste Enkelin des öfteren zu den lieben Großeltern zu Besuch zu kommen. Das waren immer große Freudentage für mich. Eine unverheiratete Tochter ( Marie, später verheiratete Frau Lehmann ) führte den lieben Großeltern den Haushalt. Ich wurde von allen rührend versorgt, aber am meisten hingezogen fühlte ich mich zu dem geliebten weißhaarigen Großvater. Er verstand es wundervoll mit Kindern und wußte und fühlte genau, womit er ein Kinderherz erfreuen konnte; für ihn war man niemals zu klein; man konnte ihn auch alles fragen, er wurde nie müde zu antworten, wie das doch sonst oft die Kinder so enttäuscht. - War es ein schöner Tag, so ging er wohl ein Stückchen spazieren, aber nicht so weit, da er auch schon recht müde war; dann rief er in die Stube herein: „Nun, wie ist’s, kommt mein Vitzli Putzli mit?“ O, wie war das fein, wenn ich mit ihm wandern durfte; dann war er ganz für mich da. Er gab mir dann Rätsel auf, und ich mußte mich dann mühen, ihm auch eins aufzugeben. Das spornte mich dann natürlich sehr zum Nachdenken an, was ich wohl am nächsten Tag dem lieben Großvater für ein Rätsel aufgeben könnte. – Die Vorliebe für Rätsel ist mir treu geblieben, auch mein lieber Vater gab uns Kindern nach Tisch des öfteren Rätsel auf.

Auf einen Spaziergang besinne ich mich noch deutlich, blieb der Großvater plötzlich hinter mir, dem fröhlich vorausspringenden Kinde, weit zurück, trat in ein Haus und wartete nun, wie ich mich verhalten würde, wenn ich ihn plötzlich nicht mehr sah; als ich mich allein sah, ging ich klopfenden Herzens bis zur nächsten Straßenecke, wartete dort geduldig, die vorbeieilenden Menschen immer fragend, ob sie nicht meinen weißen Großvater gesehen hätten. Großvater ließ mich ordentlich warten, mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Plötzlich tauchte er auf, kam auf mich zu und sagte: „Das ist aber brav von dir, daß du nicht gleich losgeheult hast; ich freue mich, daß ich eine solch tapfere Enkeltochter habe.“ Dies schlichte Lob des lieben Großvater hat mich damals unendlich beglückt.

Zu Haus angekommen, ging Großvater wieder an den Schreibtisch, und ich durfte mir im Wohnzimmer Bilderbücher ansehen oder mit der herrlich großen Puppe meiner Tante spielen. Bis Mittag war dann der liebe Großvater für mich unsichtbar, es sei denn, daß sein Barbier, Herr Sommer, kam, um den lieben Großvater zu rasieren; bei dieser Prozedur durfte ich, auf dem kleinen Schaukelstühlchen zu seine Füßen sitzend, zuschauen. Herr Sommer war auch ein großer Kinderfreund, konnte Märchen erzählen, verstand es aber auch, in recht törichter Weise, einem Kind vor der bevorstehenden Schulzeit bange zu machen. Die meisten Lehrer hätten schlimme Krabatschen [ ], mit denen man auf die Fingerrücken arge Schläge bekäme, wenn man schlecht schreiben und lesen könnte. Der gute Großvater beruhigte mich sofort, daß mir das nicht passieren würde, da ich schon sehr schön „i und u“ bei meinem lieben Vater schreiben gelernt hätte. -

Nach Tisch rauchte er eine Zigarre, und so lange durfte ich noch bei ihm sein; dann zeigte er mir die Bilderbibel, oder er ließ mich suchen, welches Bild ich schon kannte, fragte mich auch wohl, welches Bild ich am liebsten hätte; oft sang er auch mit mir. Bei ihm lernte ich „Ich bin ein kleines Kindelein und meine Kraft ist schwach; ich möchte gerne selig sein und weiß nicht, wie ich’s mach.“ Er wußte stets, ein Kind zu beschäftigen so, daß es ihm auch gleichzeitig eine Freude war. Als ich dann schon zur Schule ging, ließ er mich rechnen, um zu sehen, wie weit ich war; dann mußte ich ihn rechnen lassen; er rechnete dann mitunter falsch, ich paßte spitzbübisch auf und freute mich, wenn ich ihm sagen konnte, daß seine Zahl nicht stimmte. Dann sagte er zur Großmutter: „Sie läßt sich nichts vormachen.“

Mitunter durfte ich die ganzen Schulferien bei den Großeltern sein; dann mußte ich natürlich meine Schulbücher mitnehmen, um meine Ferienaufgaben, die es früher immer zu machen gab, nicht zu vergessen. – Als ich in den Herbstferien kurz vor meinem Geburtstag auch einmal bei ihm in Breslau war, sagte er zu mir: „Nun freust du dich gewiß schon sehr auf deinen Geburtstag; nun will ich dir aber einmal erzählen, wie das mit meinen Geburtstagen war. Als ich ein kleiner Junge war, da hat niemand bis zum 10.Geburtstag mir etwas geschenkt. In meinem Elternhause wurden nur zwei Geburtstage im Jahr gefeiert, der von meinem lieben Vater und des Christkinds Geburtstag. Als ich aber meinen 10.Geburtstag hatte, fand ich in meiner Jackentasche ein Sechsgroschenstück, das war so viel als 50 Pfennige. Als ich meinem lieben Vater von dem Fund in meiner Tasche sagte, antwortete er mir: >Das habe ich dir hineingesteckt, weil du heut 10 Jahr wirst; da wirst du anfangen zu sparen, und wenn du brav bleibst, will ich später mal wieder etwas dazu tun.< Meine Freude war ungeheuer groß. Du siehst daraus, mein Kind, wie gut du es doch hast; bei dir steht immer ein Geburtstagstischchen mit einem Kuchen und brennenden Lichtern so viel, als du Jahre alt bist; und was liegt noch alles Schönes auf dem Tisch an Gaben von Menschen, die dich lieb haben, auch von deinem alten weißen Großvater. Nun mußt du dich aber auch befleißigen, uns alle stets zu erfreuen und deine Dankbarkeit für all diese Liebe zu zeigen, sonderlich der lieben Mutter bei den kleineren Geschwistern helfen, so gut du es eben kannst. Denk immer an deinen Großvater, der die Kleinen gar zu gern hat.“ Ich weiß, daß mir diese Erzählung großen Eindruck machte und ich mit guten Vorsätzen heimkehrte. Alles, was ich erlebte und erfuhr, förderte mich, recht dankbar für alle Liebe zu sein.

In der Dämmerstunde kam er gewöhnlich auch etwas zu mir herüber. Wir saßen dann im Wohnzimmer zusammen. Da fragte er mich einmal, ob ich ihm schon ein Gebot aufsagen könnte, und als ich ihm drei aufsagte, bekam ich etwas für meine Sparbüchse. Wie ich das meinen Brüdern zu Haus erzählte, bedauerten sie, daß sie nicht dabei gewesen waren. Er sang mit mir das Lied „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“ und sagte dann, als ich es fehlerfrei singen konnte: „So, nun kannst du es den Geschwistern vorsingen und ihnen lehren.“

Aber auch Märchen konnte er so herrlich und spannend erzählen, daß man gar nicht genug hören konnte, vom Kalif Storch, welches Wort man sagen müsse, um sich in einen Vogel zu verwandeln, um als solcher zu seinem Großvater fliegen zu können, dürfe aber unter keinen Umständen das Wort vergessen, durch welches ich mich dann wieder in ein kleines Mädchen verwandeln könne. – Ein ander Mal, als ich schon größer war, entsinne ich mich, wie er sich Mühe gab, mir Schnellsprechübungen beizubringen, wie z.B. „Die Katze tritt die Treppe krumm“ oder „Sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken“ u.s.w.

In den Weihnachtsferien gab es doch Knackmandeln [ ]; da waren doch mitunter zwei darin; was gab es Schöneres, als mit dem geliebten Großvater Vielliebchen essen. Meist gewann ich die Wette; das war auch kein Kunststück: Wenn ich gefrühstückt hatte, durfte ich ihm immer in der Studierstube guten Morgen sagen. Großvater hörte doch schwer; dann schlich ich mich auf den Zehenspitzen heran, schlang meine Arme um seinen Hals und rief: „Guten Morgen, Vielliebchen!“ Dann stellte er sich ganz traurig und sagte: „Daß ich aber auch immer verlieren muß!“ Einmal bekam ich eine ganz kleine Blumenvase für die gewonnene Wette, die mich bei meiner großen Liebe für alle Blumen sehr erfreute. Auch nach dem Abendbrot blieb er meist noch ein Weilchen im Wohnzimmer. Dann spielte er noch Domino oder Bilderlotto mit mir und Tante Marie. Sehr erfreut war ich immer, wenn Großvater sogar Tivoli, ein Kugelstoßspiel, mit mir spielte; das dauerte wesentlich länger; dann durfte ich länger aufbleiben. Großmutter saß dann strickend bei uns, sie spielte nie mit. Obgleich sie doch auch stets freundlich und gütig zu mir war, besinne ich mich nicht, daß sie jemals einen Spaß mit mir gemacht hätte. Sie hatte eben nicht die Gabe, sich in eine Kinderseele zu versetzen; man war ihr noch zu klein. Großvater aber konnte niemand zu klein sein; das machte ihn uns auch unvergeßlich, bis wir jetzt selbst schon beinah 70 Jahre sind.

Einmal habe ich aber doch beim lieben Großvater bittre Tränen geweint: Es war in den Osterferien. Als wir mittags alle zu Tisch saßen, sagte Großvater zu mir: „Geh doch mal in die Küche und laß dir von der Köchin (der guten alten Emilie) das kleine Töpfchen Mückenfett geben und bring es mir herein.“ Ich, nichts ahnend oder überlegend, richtete prompt Großvaters Wunsch in der Küche aus. Emilie schlug mit der Hand auf den Tisch und wollte sich vor Lachen ausschütten: „Mückenfett, Mückenfett, da haben sie dich wohl zum Besten gehabt, das hab ich nicht!“ Ich ging ganz verschüchtert wieder herein und sagte zum Großvater: „Emilie sagt, sie habe keins.“ Darauf sagte der Großvater: „Sag ihr nur: das himmelblaue.“ Auch das richtete ich wieder aus. Da sagte Emilie: „Ach, heut ist ja der 1.April; da hat dich der Großvater zum April geschickt.“ Nun weinte ich bitterlich los und rief immer wieder: „Was ist denn das Zum-1.April-Schicken?“ – Noch nie hatte ich zu Haus etwas davon gehört und war eben doch gewohnt, alles auszurichten, was mir der liebe Großvater sagte. – Das war auch das einzige Mal, wo ich den lieben Großvater nicht verstand. Ich weiß noch, daß ich den ganzen Tag etwas scheu war und plötzlich nach Tisch zu schlafen verlangte; mein kleines Herz konnte gar nicht so recht fröhlich sein, ich mußte wohl mit meiner Enttäuschung erst mal allein sein. Als der liebe Großvater in der Schummerstunde zu mir herüberkam und mich auf sein Knie nahm und mit mir sang, war alles wieder wie vor der Episode mit dem „himmelblauen Mückenfett“. Dann strich er mir übers Haar und sagte: „Zum Aprilschicken warst du eben doch noch zu klein; das hat der gute Großvater vergessen. Nun bist du aber auch wieder ganz fröhlich, ich schicke dich auch nicht wieder zum April, und wir sind nun wieder gute Freunde wie immer.“ Nun war ich gänzlich beruhigt.

Als ich dann schon richtig schreiben konnte, schrieb ich ihm immer wieder mal kleine Briefchen, und der gute liebe Großvater, der doch so viel zu tun hatte, nahm sich Zeit, mir, seiner kleinen Enkeltochter, auf solch kleine Brieflein zu antworten. Wie freute ich mich, wenn mein lieber Vater mir Großvaters Brief vorlas. Mein lieber Vater hat mir alle gesammelt und mir später übergeben; sie gehören heute noch zu meinem kostbarsten Besitztum. Welch zärtliche Liebe, welch innige Fürbitte spricht aus ihnen; wie kindlich konnte er einem Kind schreiben!

Je gebrechlicher er im Alter wurde, um so seltener kam er zu uns nach Strehlen. Unvergeßlich wird uns allen Großvaters 70.Geburtstag sein, der auch in Strehlen gefeiert wurde. Es war am 17.September 1879. Wir Kinder freuten uns schon sehr auf den Tag, wußten wir doch, daß viel Besuch kommen würde und man sich schon viele Überraschungen für den lieben Großvater ausgedacht hatte. Am Morgen wurde Großvater mit dem Choral „Nun danket alle Gott“ empfangen. Wir sangen alle drei Verse, und unser Vetter Gerhard, der älteste Enkelsohn des Großvaters, begleitete den Choral auf unserm Flügel; wir staunten ihn ob dieser Fertigkeit sehr an. An der Mittagstafel durften wir vier großen Enkelkinder mitessen, nachdem uns eingeschärft worden war, daß wir musterhaft artig sein müßten, sonst würden wir hinaus besorgt. – Wir müssen das wohl leidlich geschafft haben, denn ich entsinne mich deutlich, daß wir nach dem „Hoch“ auf den lieben Großvater gehen durften, um mit ihm anzustoßen; das war herrlich! Wir hatten Kirschsaft. – Wir durften nun aber auch nicht eher aufstehen, als bis das Lied gesungen war „Nun laßt uns Gott, dem Herren“ und der Vater das Tischgebet gesprochen hatte.
Nach dem Mittagessen sollten sich die lieben Großeltern nun bis zu Vesper ausruhen, und wir mußten uns möglichst still verhalten. Gerhard sollte uns noch unsre kleinen Gedichte überhören, mit denen wir dann den lieben Großvater erfreuen sollten; doch er machte so viel Unsinn, so daß daraus nichts Rechtes wurde. Da kam dann Tante Marie und nahm uns noch einmal vor. Hans und ich kamen als Hänsel und Gretel, ich dann noch als kleine Gärtnerin, weil Großvater die Blumen doch auch so liebte; ich durfte ihm Nelken schenken.

Mein Bruder Gottfried kam als kleiner Conditorlehrling mit weißer Conditormütze und -schürze, darauf kann ich mich auch noch sehr gut besinnen. Alle Gedichte dazu hatte meine liebe Mutter für uns gemacht. Wir haben wohl unsre Sache ordentlich gemacht, denn Großvater freute sich sehr an allem; eine Nelke bekam ich von dem schönen Blumentopf für meine kleine Vase, die er mir doch damals als „Vielliebchen“ geschenkt hatte. – Vor dem Abendbrot kam dann noch der Gesangverein, und ich glaube auch der Posaunenchor; doch letzteres weiß ich nicht mehr ganz sicher. Es kamen sehr viele Gratulanten, und der Geburtstagstisch wurde immer voller. Abendbrot mußten wir im Kinderzimmer mit den Kleinen essen, aber dann durften wir noch aufbleiben, weil abends unser Pfarrgarten illuminiert werden sollte; das hatten wir alle doch noch nie gesehen. Es war ein herrlicher Abend: bald leuchtete rotes bengalisches Licht auf, oder eine Baumgruppe wurde grün beleuchtet. Auch Raketen stiegen auf, und Leuchtkugeln stiegen blau, rot und grün in die Höhe. In einer lauschigen Laube stand ein Transparent „Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz“ und ein zweites „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. Das Feuerwerk hat uns mächtigen Eindruck gemacht; so etwas hatten wir noch nie geschaut. Unvergessen ist uns Kindern dieser 70.Geburtstag unsers weißen Großvaters Nagel, der in unserm Elternhaus, dem Pfarrhaus zu Strehlen, gefeiert wurde, geblieben. In den nächsten Jahren kam der liebe Großvater immer seltener nach Strehlen; er wurde immer kränklicher.

Doch hin und wieder, wenn auch seltener und kürzer, durfte ich doch noch mal für ein paar Tage nach Breslau. Ich war wohl acht Jahre, da durfte ich wieder mal zu den Osterferien hin. Dies Mal fand ich auf meinem Platz ein Buch: „Heinrich von Eichenfels“. Großvater sagte dazu: „Das darfst du dir als dein Eigen mit nach Hause nehmen; ich werde dir alle Tage etwas daraus vorlesen; aber du mußt mir auch, so gut du kannst, etwas lesen.“ Ich mußte mich mühen, daß es jeden Tag etwas besser ging. Wenn Großvater nicht bei mir war, sagte er zu mir: „Du mußt dich gewöhnen, auch für dich, solange du noch so klein bist, alles laut zu lesen; du behältst dann das Gelesene viel besser.“ Großvater wünschte immer, daß man alles gründlich machte. Viel Freude hatte ich an dem Buch. Später bekam ich von meiner lieben Mutter „Rosa von Tannenberg“. Zu Hause las ich dann den Geschwistern daraus vor. In denselben Ostertagen machte ich früh mit dem lieben Großvater einen Morgenspaziergang. Er machte mich darauf aufmerksam, mich gut überall umzusehen; es käme nämlich vor, daß man auch hier draußen Osterhasen oder Ostereier fände. Auf dem Rückweg fand ich auch wirklich einen Chokoladen-Osterhasen und ein ziemlich großes dunkelrosafarbenes Zuckerei. Ich konnte mit beiden Herrlichkeiten gar nicht schnell genug nach Hause kommen, um sie der lieben Großmutter und Tante Marie zu zeigen. Die Großmutter aber erklärte, das rosa Ei sei stark gefärbt und könnte schädlich, wenn nicht gar giftig sein. Das war eine große Enttäuschung; so zog ich denn vor, den Chokoladen-Hasen gleich zu essen.

Auch zur Winterzeit war ich mal zu den Ferien bei den Großeltern. Da gab es zu Mittag ein Gericht, das ich von Hause nicht kannte; es roch köstlich nach Speck; meine Nase sog begierig den Duft. Ich fragte den Großvater, was das für ein Gericht sei. Der Großvater sagte: „Das kennst du nicht, du kleines Vitzli Putzli? Das wird dir schon schmecken; das ist ja Mäusebraten.“ In Wirklichkeit waren es Scheiben vom Räucherschinken, die in geriebener Semmel gewälzt wurden und dann überbraten. Es schmeckte mir vortrefflich, und ich fragte die liebe Mutter daheim, ob wir nicht auch mal Mäusebraten machen könnten.

Als ich wieder mal in Breslau war, nur über den Sonntag, sagte der Großvater zu mir: „Ich möchte mir eigentlich mal etwas bei dir bestellen.“ Ich horchte auf, was der gute Großvater sich wohl bei mir bestellen konnte. „Ich brauche einen Waschlappen, und wozu habe ich denn eine Enkeltochter, die schon zu stricken anfängt. Tante Marie wird dir einen Knaul [= Knäuel] Baumwolle und Nadeln besorgen; da kannst du fleißig für mich stricken. Du darfst aber keine Maschen fallen lassen, sonst wird ein Loch, und dann sieht der Großvater alle Tage beim Waschen, daß seine kleine Lene noch nicht ordentlich stricken kann.“ Am nächsten Abend beim Gute-Nacht-Sagen schenkte mir der Großvater den großen Knaul und sagte mir: „Das ist ein Wunderknaul; wenn man davon fleißig strickt, wundert man sich immer, was aus dem Knaul wieder herausfällt.“ Wer beschreibt mein Entzücken, was da allmählich alles herauspurzelte. Außer einer Reihe Süßigkeiten kam ein kleiner Fingerhut, ein kleines Ringlein mit einem grünen Stein und eine kleine rote korallenartige Kette für meine große Puppe zum Vorschein. – Was hatte ich dann immer alles zu erzählen, wenn ich aus Breslau zurückkam! Der Waschlappen wurde aber erst daheim fertig. Tante Berger, unsre liebe Lehrerin, zeigte mir, wie ich ihn noch rot umhäkeln konnte, und wie glücklich und stolz war ich, daß er auch wirklich kein Loch hatte und er dem lieben Großvater gefiel!

Nach dieser ersten Handarbeit durfte ich dem lieben Großvater später noch ein paar graue Pulswärmer stricken, die meine liebe Mutter seitlich zusammen nähte, damit ich nicht mit vier Nadeln zu stricken brauchte. Die Pulswärmer durfte ich Großvater selbst nach Breslau bringen; da hatte mich der liebe Vater mitgenommen. Als ich sie ihm an seinem Schreibtisch übergab, da fuhr er mir freundlich streichelnd übers Haar und sagte: „So wirst du ja richtig schon ein nützliches kleines Persönchen.“

Am 24.September 1883 war wohl der liebe Großvater das letzte Mal bei uns in Strehlen. Es war unsers lieben Vaters Geburtstag und zugleich unsers lieben Bruder Martins Tauftag. Herr Staatsanwalt von Rheinbaben, der spätere Direktor des Oberkirchenkollegiums, war auch Pate und hatte seinen Sohn Werner mitgebracht, dessen Besuch noch heute ein schreckliches Erlebnis wachruft. Wir Kinder sollten nach Tisch oben in der Giebelstube nach dem Garten heraus mit ihm spielen; er gehorchte aber nicht, spielte nicht mit uns, war schrecklich wild und kroch, ehe wir es uns versahen, auf das grüne Blumenbrett, welches außerhalb des Fensters angebracht war. Wir schrieen vor Angst und versuchten, ihn hereinzuziehen. Da kam zum Glück jemand, der nach uns Kindern sah und holte den strampelnden ungezogenen Bengel von seinem lebensgefährlichen Sitzplatz wieder herein. Er bekam dann noch ob dieser grenzenlosen Ungezogenheit einen gehörigen Denkzettel von seinem Vater. Wir Kinder aber standen wie versteinert über diese unglaubliche Ungezogenheit und Wildheit, und es kam dann auch kein richtiges Spiel mit dem Jungen auf. Was hätte passieren können, wenn das leichte Brett nicht gehalten hätte und der Junge aus dem 2.Stock auf unsern gepflasterten Hof gefallen wäre. Es überläuft mich heut noch kalt, wenn ich an diese Situation denke. Ja, wenn die Kleinen ihre Schutzengel nicht hätten!
Es war ein herrlich klarer Herbsttag, doch kühl. Ich sah den lieben Großvater noch nach Tisch mit all den Taufgästen einen Gang durch unsern Garten machen; er trug ein grau-schwarz kariertes Plaid.

Je mehr es dem Winter zuging, nahmen seine Kräfte mächtig ab. Er kränkelte immer mehr und wurde von Monat zu Monat gebrechlicher. Die Ärzte stellten dann Wassersucht bei ihm fest, ein sehr schweres Leiden, das er aber, weil sein Heiland es ihm schickte, mit unendlicher, vorbildlicher Geduld getragen hat. Er mußte sehr lange warten, bis sein Heiland kam und ihn erlöste. Immer wieder sagte er sich zum Trost und zur Glaubensstärkung Sprüche und Liedverse auf. Als er dann immer schwächer wurde, bat er seine Tochter, ihm doch dieses oder jenes Lied vorzulesen; er nannte ihr die betreffende Nummer, so sehr war er in einem Gesangbuch zu Hause.

Als man deutlich sah, daß es nun bald zu Ende gehen würde, nahm der liebe Vater uns vier Ältesten noch einmal mit an des geliebten Großvaters Krankenlager. Vater hatte uns Kindern allen Blumen gekauft, die wir ihm schenken durften. Als ich ihm meinen schönen roten Tulpentopf reichte, konnte er ihn nicht mehr allein halten, seine Hände zitterten so sehr. Tante Marie nahm sie ihm sofort ab. Dann bat unser lieber Vater den lieben Großvater, daß er uns Kinder doch noch segnen möchte. Wir knieten an seinem Bett nieder, und er richtetet sich mühsam mit Tante Maries Hilfe auf, legte seine abgezehrten Hände uns auf und segnete uns. Sein Segenswunsch, daß die beiden Brüder doch treue Prediger werden möchten, ist auch in Erfüllung gegangen, und auch mich hat der treue Gott mein ganzes Leben reich gesegnet. Gott der Herr hat uns Geschwistern allen unsre lieben Eltern bis ins Alter erhalten; das war auch ein großer Segen und große Gnade, die nur wenigen Kindern zu Teil wird.

Als die Pflege des lieben Kranken immer schwerer wurde, löste unser lieber Vater immer wieder mal die Tante Marie ab. Der liebe Großvater sehnte sich nun schon sehr heimzugehen, und immer wieder betete er und seine Kinder mit ihm: „Mach End, o Herr, mach Ende!“ Einmal sagte er zu den Umstehenden: „Ach, Kinder, wie ist doch das Sterben so schwer; so schwer habe ich es mir nicht gedacht.“ Weihnachten hoffte er, schon im Himmel zu sein; doch mußte er warten. Am 17.Januar 1884 holte der liebe Gott seinen müden Pilger heim. Nun darf er dort sein, wo ihn kein Leid mehr anrührt und er seinen Heiland schauen darf, dem er hier auf Erden mit seiner ganzen Kraft und Liebe gedient hat. Auch unsre Kinderherzen waren voll tiefer Trauer, daß wir ihn verloren hatten und nun nicht mehr zu ihm konnten. Zur Beerdigung hatte der Vater uns vier Ältesten mitgenommen; es war Montag, 21.Januar. Am Abend vorher war die Leiche aus dem Hause nach der Katharinen-Kirche überführt worden; etliche der Träger hielten die Wache über Nacht. In der Kirche hielt bei dem vor dem Altar stehenden Sarg Herr Kirchenrat Dr. Besser die Gedächtnisrede, nach mehreren Gesängen dann Onkel Johannes die Leichenrede. Darauf sprach Herr Kirchenrat Rocholl noch ein Abschiedswort. Dann wurde noch „Wohlauf, wohlan zum letzten Gang“ und „Ach Herr, laß dein lieb’ Engelein“ gesungen. Am Grabe auf dem Kirchhof hielt dann unser lieber Vater noch ein Gebet. Dann nahmen wir Abschied für immer von unserm lieben weißen Großvater, der uns und den wir so zärtlich geliebt haben.

Gebe der liebe Gott, daß auch wir alle einmal dort anlangen, wo er nun schon auf uns wartet.
 

 

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