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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

Wilhelm Brachmann ( * 1881 + 1964 )
Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend bis zum Eintritt ins Berufsleben ( 1881-1906  )
 

Gymnasiallehrer und Oberstudienrat
für alte Sprachen

am Gymnasium für Jungen in Cuxhaven  

 

Als ich im Juni und Juli 1945 vier Wochen im Krankenhaus Cuxhaven lag, habe ich diese Erinnerungen, meist im Bett, niedergeschrieben, und jetzt, wo ich sie abschreibe, lasse ich sie unberührt, verzichte ganz auf Einhaltung chronologischer Reihenfolge und scharfe Disposition erst recht auf feine Stilisierung. Es soll ja kein literarisches Opus sein, sondern ganz schlichte Erinnerungen, so, wie mein Gedächtnis sie mir in diesen Wochen geschenkt hat. Eine zeitliche Reihenfolge und eine natürliche Gruppierung nach gewissen Gesichtspunkten ergab sich dabei von selbst. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen sich Gedanken zu machen über Kindheit und Jugend, wo man die Mitte der sechziger Jahre bald erreicht hat. Ein Kind wird sich niemals Gedanken über seine Kindheit machen und nimmt alles, was es innerhalb und außerhalb des Elternhauses erlebt, als etwas Selbstverständliches hin, und auch ein junger Mensch von etwa 20 Jahren steht noch viel zu sehr mitten in seiner Werdung drin, um über seine Kindheit und sein Jungsein ein Urteil fällen zu können. Man muß erst gehörigen Abstand haben. Vielleicht ist es gut, wenn man erst andere Kindheiten, die seiner eigenen Kinder und Enkelkinder überschauen kann. Kurz und gut: Ich mache den Versuch. Wenn sich irgendwann irgendwer daran freut, ist’s gut.

Schwache Erinnerungen gehen zurück an die Stätte meiner Geburt. Sonninterrasse 4 in Altona. ( Vorher hatten die Eltern kurze Zeit in der Marktstraße gewohnt ) Das äußere Aussehen des Hauses ist mir wohlbekannt, weil ich es ja auch in späteren Zeiten pietätshalber mir ab und zu mal ansah. An seine innere Einrichtung habe ich nicht die leiseste Erinnerung, auch kaum an meine kleineren Geschwister Frieda ( geb.1883 gest.1884 ) und Walther ( geb.1884). Ob Irmgard ( geb.1886 ) noch eben in der Sonninterasse, oder schon in der Schillerstraße geboren wurde, weiß ich nicht mehr zu sagen. Aber eine Erinnerung ist mir aus dieser ersten Zeit ganz deutlich: Meines Vaters Kutscher Peter Gustafsohn. Dieser war ein Unikum, trank wohl auch manchmal etwas reichlich. Er hatte seinen Stall in der Turnstraße, wenige Schritte von unserem Hause. Dorthin zog ich jeden Morgen gegen 9 Uhr und sah zu, wie er Wagen und Pferd putzte. Um 10 Uhr durfte ich dann die kurze Strecke bis zu unserem Hause mitfahren. Denn zu dieser Zeit holte er Papa ab, um die Praxisfahrten durchzuführen, die oft sehr lange dauerten. In späteren Jahren glaubte Papa sich diesen "Luxus" nicht mehr erlauben zu dürfen und machte dann alles zu Fuß ab, bis in sein 75.Lebensjahr!

Dann zogen wir ( etwa 1886 ) nach Schillerstr.Nr. ..in das große Haus eines Juden, ich glaube, er hieß Coh, nicht Cohn, der z.Z. im Gefängnis saß. Auch an diese Wohnung sind die Erinnerungen rein äußerlich: Es war ein großer Garten dabei, und, was mich am meisten interessierte, eine sehr geräumige " Remise ". Sie war mein beliebtester Spielplatz : Sie war mit kleinen Steinen gepflastert, und es war mein Sport, diese herauszunehmen und dann von neuem zu pflastern!  Eine historische Erinnerung knüpft sich für mich deutlich an dies Haus :  Dort verlebte ich den 9.3.1888, den Tod des Kaisers Wilhelm I.

Ich weiß noch gewiß, daß es ein Tag mit viel Schnee war! Kurz danach folgte mein erster Schultag im April 1888. Sehr viel deutlicher steht die Wohnung Schillerstr.42 ( Ecke Allee ) vor mir. Sie war charakteristisch dadurch, daß wir Erdgeschoß und 1.Stock bewohnten, die eigens für uns durch eine Innentreppe verbunden wurden. Die unvergeßlichen Erinnerungen aus diesem Hause sind meine mit Bruder Walther gemeinsam verbrachte Scharlachzeit - 6 Wochen lang, Ostern 1891, als ich in die Sexta des Gymnasiums kam – und 2. die schreckliche Cholera-Epidemie des Sommers 1892. Trotz des Berufes meines Vaters blieben wir gnädig verschont. Die Schulen waren geschlossen, und ich mußte täglich zu Onkel Friedel Brachmann, der in der Holstenstraße wohnte, gehen, um mit ihm Latein zu lernen.

Onkel Friedel, der jüngste Bruder von Papa war Oberlehrer in Hamburg, wohnte aber in Altona, und zwar anfangs in der Mathildenstraße, dicht bei der Schillerstraße, und wurde von mir gern besucht, weil es stets irgend etwas Schönes zu essen gab. Ihn und seine Frau, Tante Marie, geb. Voltolini, nannten wir Kinder damals und lange Jahre hindurch nur "Onkel Titus" und "Tante Tita".  In diese Zeit der Schillerstraße fällt schon der Beginn meiner ausgesprochenen Eisenbahnbegeisterung. Stundenlang konnte ich täglich ganz solo am  " Lobuschtunnel " bei der Marktstraße stehen, um die in den alten Altonaer Hauptbahnhof an der Palmaille einfahrenden Züge – bzw. ausfahrenden - begeistert zu betrachten und all die vielen Rangierfahrten. Ich glaube, ich kannte bald jede Lokomotive. Ein zweiter Anziehungspunkt war in dieser Hinsicht die Drehscheibe an der Palmaillenseite des Bahnhofs. Sowie ein Zug eingelaufen war, wurde die Maschine auf die Drehscheibe gefahren und dort gewendet zur Rückfahrt.

In den 80er Jahren, vermutlich etwa im Alter von 7 - 8 Jahren, machte meine Mutter mit mir eine längere Reise in ihre Heimat Schlesien, die mir noch gut in Erinnerung ist. Wir waren zuerst längere Zeit in Lerchenberg bei Glogau, wo damals die verwitwete Großmutter Ida Nagel geb. von Meerscheidt - Hülleßem, bei ihrer Tochter Marie Lehmann wohnte; Onkel Otto Lehmann, ein sehr jovialer Herr, hatte dort eine Korbfabrik. Während der Onkel stets sehr lustig war, habe ich die Großmutter Ida sehr streng und ernst in Erinnerung, als wenn sie mich dauernd nur mahnen und belehren wollte. Danach fuhren wir nach Breslau, wo ich die Stätten der beiderseitigen Großeltern kennen lernte. Und dann ging’s nach Strehlen in das kinderreiche, aber höchst strenge Pfarrhaus von Mamas Bruder, Onkel Ernst Nagel. Von damals erinnere ich mich bestens der ganzen Geschwister-Schar: Lehnchen, Hans, Gottfried, Willi, Martin, Walther, Martha, Liesel.

Erst 1940 als alter Mann bin ich mal wieder dorthin zurückgekehrt und erkannte alles wieder. Jetzt war Hans der strenge, engherzige Pfarrherr geworden, selber längst Großvater wie ich. Auch in Altona war übrigens die Familie v.Hülleßem vertreten. In der Wohlersallee wohnte hochvornehm Onkel ( GroßOnkel ) : Emil v. Hülleßem, geb.1840, gest. 1923 als General der Infanterie a. D., ein erheblich jüngerer Halbbruder meiner mütterlichen Großmutter. Diese besuchten wir gelegentlich, es war aber stets höchst feierlich. Ich erinnere mich zweier Söhne dieses Hauses, Tassilo und Fritz, der eine war junger Offizier, der andere Kadett. In die Zeit der Schillerstraße fallen noch 2 schöne Ferienreisen der Jahre 1891 und 1892, beide ins damals eben erst entdeckte Ostseebad Graal bei Müritz. Graal bestand damals aus 1 Gasthaus unmittelbar am Waldrand, in dem wir wohnten, und einigen kümmerlichen Quartieren in einfachsten Bauernhäusern. An Graal erinnere ich mich sehr deutlich: An den herrlichen Wald mit anschließenden Waldwiesen, über denen abends "der Fuchs braute", d.h. Nebel sich erhob - merkwürdig, daß ich bei den Worten von M. Claudius " und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar " stets an Graal denke -, an das wunderbare Seebad am weißen Sandstrand, wo Walther und ich an einem Sturmtage beinahe abgetrieben wurden, an häufige schwere Gewitter, die uns alle sehr ängstigten, an einzelne Spielkameraden wie z.B. Winfried Ebers, der später auch Wingolfit wurde usw. Im Jahre 1899 sind wir noch einmal in Sommer dort gewesen, Graal war inzwischen ein vornehmer Badeort mit zahllosen Hotels und Pensionen geworden.

Es war wohl Herbst 1893, als wir ins eigene Haus Goethestr.16 zogen. Dies Haus wurde nun für uns Kinder das Elternhaus für die nächsten 25 Jahre, wir kennen es genau, und all die vielen Menschen, die zu uns kamen, erinnern sich eben dieses Hauses. Ich versuche zunächst, von dem Hause selbst einen Begriff zu geben.  Durch einen Windfang gelangte man ins Treppenhaus. Einige weiße Marmorstufen führten ins Erdgeschoß. Die 4 Zimmer hatten diese Bestimmung: Die 2 Vorderzimmer waren die ärztlichen und dienten als Sprech- und Wartezimmer. Letztere war sehr einfach eingerichtet: Ein Mahagoni - Spiegelschrank, Rohrstühle, Tisch mit allerlei Zeitschriften. Das Sprechzimmer war für uns Kinder absolut verbotenes Gebiet. Das war uns etwas so Selbstverständliches, daß wir es auch als größere Kinder kaum jemals betraten. Es war durchaus Papas privates Heiligtum. In ihm stand ein allgewaltiger, altmodischer Schreibtisch mit einem kolossalen Aufbau, das Ganze weit über mannshoch. Vielleicht war es damals nicht altmodisch. Wo mag er geblieben sein? Im Sprechzimmer hing immer die große ovale schwarze Wanduhr, die jetzt in einem eigenen Arbeitzimmer hängt und nunmehr seit etwa 100 Jahren aufs beste ihren Dienst verrichtet, man kann wohl sagen: ohne 1 Tag Pause!  Diese Uhr bekam Großvater Nagel um 1850 von Frau v. Löbbecke, Mamas Patin.

Ferner waren im Erdgeschoß nach hinten das lang gestreckte Eßzimmer mit anschließender Veranda, die in den Garten führte, und schließlich noch die gute " Stube ", gewöhnlich feierlich " der Saal " genannt. Dies Zimmer wurde nur bei feierlicher Gelegenheit benutzt als Gesellschafts,- und vor allem als Musikzimmer. In ihm stand der Flügel, der jetzt bei mir ist und seit 50 Jahren seinen Dienst tut, und hingen bzw. standen auf Staffeleien die großen Familienbilder, wie z.B. die gewaltigen Ölbilder der Großeltern Nagel, von Hülleßemscher Hand gemalt, und das feine Bild unserer verstorbenen Schwester Frieda. Alle 3 Bilder hängen jetzt in meinem Zimmer.  Dieser " Saal " wurde im Alltag nie benutzt.  Im 1.Stock waren ebenfalls 4 Zimmer, vor allem nach vorne das große eigentliche " Wohnzimmer " für den Alltag, wo aber durchaus auch unsere Freunde empfangenen wurden. Das kleinere Zimmer nach vorn, das über dem Wartezimmer lag, wurde, meine ich, meist von irgendeinem der Kinder bewohnt. Wohnte nicht Schwester Irmgard dort? 

An die Zimmer nach hinten habe ich merkwürdiger Weise gar keine Erinnerung. Das eine war sicher das große Schlafzimmer der Eltern, in dem wir eben gar nichts zu suchen hatten. Es wäre doch für unsere gute Mutter eine gar nicht auszudenkende Sache gewesen, wenn sie sich etwa uns Kindern gegenüber halb angezogen oder gar im Nachthemd gezeigt hätte. Papa war darin ebenso. Ist es heute ins andere Extrem umgeschlagen? - Das vierte Zimmer muß ja wohl das Kinderspielzimmer gewesen sein. Daß ich mich darauf nicht im geringsten besinne, ist höchst merkwürdig. Ich komme später darauf zurück. Die Zimmer im 2.Stock dienten uns Jungen, den Hausgehilfen zur Behausung, ferner war dort das fensterlose Badezimmer. Daneben der Bodenraum. Das Telephon lag auf der halben Treppe zwischen Erdgeschoß und 1.Stock. Vom Tage, als das Telephon neu angebracht wurde, ist mir folgendes neckisches Erlebnis unvergessen: Es klingelt zum 1.Mal !  Alles stürzt an den Wunderapparat, wir Kinder laut und aufgeregt. Papa nimmt zaghaft den Hörer ab, schreit dann aber erst mal Walther oder mich an: Halts Maul! Der Erfolg: Der andere bricht beleidigt das Gespräch ab!

Bevor ich das wichtigste darstelle, nämlich unser Leben in diesem Hause, will ich, um gewissermaßen den Hintergrund dafür zu schaffen, unseren engsten Freundeskreis, d.h. den der Eltern, erwähnen. Denn in ihn wuchsen wir Kinder allmählich hinein und fanden unsere Freunde. Die ärztlichen Kollegen, die unseren Vater in den 80er und 90er Jahren besonders nahestanden, waren : Dr. Wallochs, Dr. Weiland, Dr. Kühl, Dr. Litzmann. Da ich häufig bei ihnen was zu bestellen hatte, lernte auch ich sie gut kennen. Nun aber der persönliche Freundeskreis! Da waren zunächst die beiden Schäferfamilien:

1) Dr. Friedrich Schäfer, Direktor der höheren Mädchenschule in der Behnstraße, allgemein
" Pate Schäfer " genannt, weil der Walthers Pate war.
Seine Frau, von uns bis in ihr höchstes Alter " Tante Toni " genannt, seine Tochter Hedwig  ( Hedi ),  sein Sohn Hans Reinhard, mein Schulkamerad. Pate Schäfer starb früh, wohl 1893, als ich 11 Jahr alt war. Ich werde es nicht vergessen, denn ich wurde an seinen offenen Sarg geführt, er war der erste Tote, den ich sah. Tante Toni hat ihren Mann an die 50 Jahre überlebt. Sie zog von Altona fort, lebte in Ahrensburg bei Hamburg, war lange Zeit Hausdame in Ülzen bei einer Familie Uphoff, wohnte dann lange bei ihrem Sohne Hans, dem Rechtsanwalt in Kiel und ging in Ihrem hohen Alter in ein Stift in Neumünster, wo sie hochbetagt starb. Stets bewahrte sie unsern Eltern und auch uns Kindern ihre alte Freundschaft. Die Ehen der beiden Kinder waren nicht zum Glück: Hedi heiratete einen Hamburger jungen Kaufmann Friedrich Rost. Er wurde schwerreich, und dies wurde sein und seiner Ehe Unglück. Die Ehe wurde geschieden. Hans heiratete ein Frau, die seiner Bildung nicht entsprach.

2) Und dann der Bruder von "Pate Schäfer". Er war der Diakonissenhaus-Pastor D. Theodor Schäfer. Unser Vater war anfangs lange Jahre Arzt des Diakonissenhauses. Ich erinnere mich freilich kaum, diese Familie oft in unserem Hause gesehen zu haben. Ich selbst aber war um so öfter im Diakonissenhause, vielleicht um Papa abzuholen, und kam dabei oft ins Schäfersche Haus. Am bekanntesten wurde ich dabei mit dem Sohn des Hauses, Rudolf Schäfer, dem späteren berühmten Kirchenmaler, biblischen Maler und Zeichner. Er war zwar einige Jahre älter als ich. Seine älteren Brüder Ernst ( Theologe, Kirchen- und Kunstgeschichtler, lange in Spanien ) und Gerhard ( Mediziner, bekannter Psychiater in Hamburg ) traten nur als Studenten gelegentlich in Erscheinung. Rudolf lehrte mich deren wingolfitische "Zirkel" malen. Im übrigen war Rudolf damals ein sehr lustiger Geselle. Nach unserer Jugendzeit aber habe ich jede Berührung mit ihm verloren. Ich versuchte ihn mal in Rotenburg aufzusuchen, verfehlte ihn aber.

Die Kernfamilie unseres engsten Freundeskreises ist unbedingt die des Stadtschulrats Georg Wagner, D. theol. gewesen. Eine 6-köpfige Familie: Die Eltern "Onkel Georg" ," Tante Anna ", Bernhard, Karl ,Gertrud Reinhard, Bernhard und der mir gleichaltrige Karl waren meine besten Freunde. Bernhard wurde wie ich Oberlehrer, fiel aber schon kurz nach seiner Verheiratung im 1. Weltkrieg. Karl wurde Jurist und verheiratete sich mit meiner Base aus Bergedorf, Hildegard Brachmann. Er war einige Jahre Amtsrichter in Westerland ( Sylt ), dann bis heute Amtsgerichtsrat in Kiel, auch er längst Großvater.

Gertrud war die besondere Freundin meiner Schwester Irmgard, Gertrud ist Studienrätin geworden. Reinhard wurde Elektriker, war im 1.Weltkrieg Flieger, hatte nachher ein Elektro- Geschäft in Kiel und wurde im 2.Weltkrieg ( oder schon vorher? ) als Offizier  reaktiviert bei der Kriegsmarine. Da er lange seinen Dienstsitz in Cuxhaven hatte, hatten wir ihn oft als Gast in unserem Hause und verstanden uns sehr gut und erzählten uns viel aus früheren Zeiten. Von dieser Familie wird noch viel die Rede sein. Ab 1894 trat dann in den engeren Freundeskreis ein die Familie Martin Wagner, Nachfolger von Pate Schäfer im Direktoramte. Zunächst waren es aber nur die Eltern. Mit den Kindern dieser Familie sind wir erst nach 1900 in engere Verbindung gekommen, z. Zt. in sehr enge!  Familie Georg Wagner wohnte anfangs in der entsetzlich häßlichen Oelkersallee, danach in der neu angelegten Lessingstraße, bis sie sich in Othmarschen, Noerstraße, ein eigenes Heim baute.

Familie Martin Wagner wohnte mit der großen Kinderschar jahrzehntelang immer nur in Altona - Ottensen, Moltkestr.10, IV. Unter denen, die für längere  Zeit unsere Hausgäste waren, nennt mein Gedächtnis besonders folgende: Aus der Strehlener Nagel-Familie Lehnchen, Hans und Gottfried, letzterer sogar 1 volles Semester ( oder waren es sogar 2 ? ) , um bei Bignell Violinunterricht zu nehmen. Auf diese Weise war er bei meiner Konfirmation anwesend. Auch Gregor (Gory) Brutzer aus Riga war einmal länger unser Gast. Zwar wurde uns Kindern der Grund nicht gesagt. Ich glaube, er war in einem Duell schwer am Arm verletzt worden und kam zu seiner Heilung in unser Arzthaus. Auch Hedi Schäfer war 1 Jahr bei uns, um nach dem Tode ihres Vaters  noch den Abschluß ihrer Schulzeit zu erreichen. Es mögen aber auch noch manche andere gewesen sein. Dies alles war also der Hintergrund und äußere Rahmen für das, was eben nun unser Familienleben bildete.

Ich will nun versuchen,  davon ein  Bild zu geben: Von Vater und Mutter, von unserer Erziehung, vom äußeren und inneren Entwicklungsgang  unserer Kindheit. Ich weiß, das ist nicht leicht und will mit zartem Empfinden behandelt werden. Wer es liest, der denke daran, daß es kein systematisch aufgebauter pädagogischer Aufsatz sein soll, sondern schlichte,  rückblickende Gedanken über unser Kindsein. Da unser Vater eine gute Praxis hatte und ein tüchtiger Arzt war, der nicht nur den Körper seiner Patienten behandelte, sondern auch seelisch dem Kranken ein Freund und Helfer war - was ihm innerhalb seiner Familie nicht gegeben war -, litten wir niemals Not und wuchsen äußerlich sorglos auf, wenn auch nicht in einem reichen, so doch einigermaßen wohlhabenden Haus. Unsere Verpflegung war reichlich, aber keineswegs üppig. Ebenso die Kleidung, ohne daß irgendwie Verschwendung getrieben wurde. Wenn man Vater und sogar längst Großvater geworden. Ist  und auf die eigene Kinderzeit zurückschaut,  dann sieht sie ganz  anders aus als damals, wo wir Kinder waren. Wir haben sicherlich eine sorgenlose, wohlbehütete Kindheit gehabt. Und doch will es mir rückblickend so scheinen, als seien wir nie rechte Kinder und wirklich jung gewesen. Wie war unser Verhältnis zu den Eltern ?  Es ist nicht  leicht, es zu definieren oder zu analysieren oder es in wenige Worte zu fassen.

Unser Vater hat es sicher herzlich gut mit uns gemeint, aber dies zu zeigen, war ihm nicht gegeben. Sein harter Beruf füllte ihn derart aus, daß wir ihn kaum sahen. Die Mahlzeiten geschahen meist ohne ihn, der völlig unregelmäßig kam und wenn wir mal gemeinsam aßen, so sprach er meist kaum ein Wort, teils aus Erschöpfung, teils aus angeborener Wortkargheit. Wir Kinder aber hatten ebenfalls  zu schweigen, um ihn nicht zu stören. Die Unterhaltung lag ihm fern, oft auch wenn Gäste da waren. Nur selten  wurde er im engsten Freundeskreis lebendiger, nur ganz selten wirklich fröhlich. Mir  kommt es so vor, als habe er im Umgang mit seinen Patienten nicht nur sein Können und Wissen,  sondern zutiefst auch seine Seele hergegeben und sei dann als Reaktion darauf körperlich und geistig und seelisch erschöpft zu Hause angekommen und habe sich dann schweigend wieder erholt und neue Kraft gesammelt für den neuen Tag. Wir wußten noch eine andere Gelegenheit, bei der dieser Mann sich völlig löste. Wenn Papa mal auf Reisen ging, was er sich in zunehmenden Alter immer seltener gönnte, z.T. aus übergroßer Rücksicht auf die Kollegen, die darin skrupelloser waren, -ja wenn Papa erst mal im Schnellzug saß, der ihn nach Süden entführte, und wenn er dann in München ankam und gegenüber dem Bahnhof einem Zigarrenladen zustrebte - er rauchte sehr viel -, dann war er plötzlich ein ganz  anderer Mensch. Dann lebte er auf, und konnte seine Reise nach Herzenslust und tiefer Freude an der herrlichen Natur genießen.

Eine solche Alpenreise durfte ich allein mit ihm machen, allerdings erst als junger Student.  Partenkirchen, Zell a/See, Berchtesgaden usw. An diese Reise habe ich stets mit großer Freude und Dankbarkeit zurückgedacht. Aber- ich kehre zurück: Als Kinder hatten wir vor dem Vater nur eine große Scheu. Wenn er zu Hause war, durfte von uns kein Fußtritt auf der Treppe kein Wörtchen zu hören sein. Darauf achtete Mama strengstens. Ich kann mich kaum dessen erinnern, daß Papa mit  uns gespielt oder gescherzt hätte oder etwa aus seiner Kindheit erzählt hätte. Er sprach nie von seinem Elternhause und seinen Geschwistern. Was wir davon wissen, erfuhren wir ausschließlich durch unsere Mutter, die oft und gern von Verwandtschaftlichem sprach. Die Scheu war nicht etwa durch Strenge begründet.

Ich erinnere mich nicht, etwa oft gescholten worden zu sein, und ich kann mich keineswegs darauf besinnen, geschlagen worden zu sein. Papa nahm auch an meinem Schulunterricht kaum irgendeinen Anteil. Er fragte nach nichts. Er hätte wohl nicht einmal nach meinen Zeugnissen gefragt. Aber Mama verlangte doch, daß wir sie ihm vorlegten, sei es auch nur zur Unterschrift. Mochte ich sie ihm nun selbst bringen oder, was ich gern vorzog, sie ihm wortlos auf den Schreibtisch legen: Meist geschah nichts. Weder wurde Gutes gelobt, noch Schlechtes getadelt, nicht mal im Betragen. Selbst mein Abgang vom Christianeum im Sommer 1898, der doch in ziemlichem Unfrieden erfolgte, und der darauf folgende Übergang nach Ratzeburg wurde, wie ich mich erinnere, mit ganz wenigen Sätzen erledigt. Mama wurde beauftragt, mir dort ein Quartier zu besorgen, nach wenigen Wochen fuhr ich ab, und die Sache war erledigt. Auch mein im Betragen nicht ganz makelloses Reifezeugnis hat nicht die leiseste Miene des Mißfallens bewirkt. Ich glaube, es wurde nicht mal bemerkt! In allem Erzieherischen  hatte Mama freie Hand, die ganze Last und Verantwortung lag auf ihr. Freie Hand? Jedenfalls, soweit wir es merkten. Papa hat daher auch uns Jungen gegenüber nicht ein einziges Wort über sexuelle Dinge verloren und uns dadurch völlig der Aufklärung durch weise Schulkameraden überlassen. Wie das  noch heute leider Sitte der  meisten Väter ist. Nicht einmal, als ich 1898 das Elternhaus verließ.

Während der Schüler- und Soldatenzeit ( letztere in dieser Hinsicht ganz gewiß nicht gefahrlos! )  war es wohl mehr eine instinktive Abscheu, die mich bewahrte. Als Student habe ich der Gemeinschaft des Wingolfs zu danken. Wie habe ich als Vater gehandelt?  Auch ich habe eine Scheu gehabt, mit meinem Sohn über diese Dinge zu sprechen, aber ich habe ihm ein gutes Buch darüber in die Hand gegeben und glaube,  daß dies das richtigere war. Papa schrieb auch fast nie Briefe. Jeglicher Familienbriefwechsel wurde durch Mama in reichlicher und vorbildlicher Weise erledigt.

Höchstens zum Geburtstag schrieb er auswärtigen Kindern einige wenige Zeilen.  Auch das Studium wurde nicht vieler Worte gewürdigt. Ich bestimmte, was ich studieren wollte, ich bestimmte, welche Universität es sein solle, ich bestimmte wie viele und welche Vorlesungen zu belegen seien. Papa begnügte sich damit, uns pünktlich zum 1. des Monats den nicht üppigen, aber durchaus ausreichenden Monatswechsel zuzusenden.

Übrigens bekam ich etwa vom 12. Lebensjahre an ein Taschengeld, das ich mir am Sonntag von Papa zu erbitten hatte. Ich besinne, daß es 30 Pf waren wöchentlich. Das erschien mir als solcher Reichtum, daß ich mir gleich für 10 Pf ein Kontobuch kaufte, um meine Einnahmen und Ausgaben genau anzuschreiben, und der 1.Einkauf bestand in einem Fläschchen roter Tinte für 20 Pf. Zeigte sich der zukünftige Schulmeister?  Damit waren  die ersten 30 Pf verpulvert. So war denn mein Verhältnis zum Vater während der Kindheit kein schlechtes, aber eben auch kein natürliches und entbehrte jedes kindlichen Vertrauens. Vermutlich haben meine Geschwister später ebenso darüber gedacht. Erst als wir längst erwachsen und verheiratet waren, wurde es natürlicher und zwangloser, soweit das bei Papas stets wortkargem und verschlossenem Wesen möglich war.

Ich möchte annehmen, daß selbst die heranwachsenden Enkelkinder dieselbe Scheu empfunden haben. Ich betone nun aber ausdrücklich, daß ich dies als Kind nicht empfunden habe. Wir nahmen eben, wie alles, so auch den Vater in seiner Eigenart als eine selbstverständliche Tatsache hin, über die man weiter nicht nachdachte und erst recht nicht debattierte.

Ich trage heute an einem anderen Schreibetage noch manches nach, was dazu dienen könnte, Papas Bild abzurunden und sein kompliziertes Wesen einigermaßen richtig in Erscheinung treten zu lassen. Papas Leben in den besten Mannesjahren war ein außerordentlich  gehetztes, was dem ganzen Familienleben recht spürbar wurde. Seine Tagesarbeit begann normalerweise morgens um 8 Uhr mit der Sprechstunde. Papa war sehr pünktlich darin und wollte niemand warten lassen. Gern rauchte er vorher noch eine kleine Zigarre. Die Tagesarbeit ging dann häufig ohne Unterbrechung bis in den späten Abend! Die Morgensprechstunde zog sich oft bis 10 Uhr hin, denn Papa war sehr gewissenhaft in der Untersuchung, und eine Anordnungen wiederholte er meist 3-4 Mal, damit auch ja keine Mißverständnisse einträten, was natürlich als unnötige Pedanterie manchmal unangenehm vermerkt wurde.

Übrigens pflegte er es im Familienleben genau ebenso zu machen. Dann folgten ab 10 Uhr die zahllosen Hausbesuche, die anfangs, wie schon gesagt, mit Wagen erledigt wurden, später aber stets zu Fuß oder höchstens mal mit Straßenbahn. Davon kehrte Papa völlig unregelmäßig zurück, was - jahrzehntelang - mit dem Mittagessen eine große Kalamität ergab. Erstrebt wurde natürlich - schon der Küche wegen -ein gemeinsames Essen, und so kam es, daß wir zumindest stets sehr spät aßen. Aber sehr oft gelang das nicht und Mama aß dann mit uns Kindern allein voran.

Und dann begann eben das tägliche " Warmstellen " des Essens für Papa, ein tägliches Leiden für Mama und das Hausmädchen. Das war auch aufregend. Denn wenn dann Papa endlich gänzlich erschöpft ankam, war er recht ungehalten, wenn das Essen nicht sofort da war. Am aufregendsten war es, wenn er wenige Minuten vor 5 Uhr erschien oder etwa schon nach 5 Uhr, und er dann trotz inständigsten Flehens von Mama nicht zu bewegen war, wenige Minuten für sein Mittagessen zu opfern. Es sei rücksichtslos die Patienten warten zu lassen, sagte er dann, und begab sich schnurstracks ins Sprechzimmer und ließ den 1. Patienten ein aus dem Wartezimmer, das gedrängt voll saß. Mama war dann einfach verzweifelt. Das ging dann bis gegen 7 Uhr, und dann erst nahm er sein viele Stunden lang aufgewärmtes Mahl ein, erschöpft und kein Wort redend. Dann folgten die Abendbesuche, von denen er oft erst gegen 10 oder noch später zurückkehrte. Sehr häufig wurde er auch nachts herausgeholt. Daß  solchem Leben auf die Dauer die beste Gesundheit nicht trotzen konnte, ist klar. Trotzdem hat der gute Vater, wenn die Praxis sich auch bei zunehmendem Alter verringerte, dies bis ins 75.Lebensjahr fortgesetzt, bis er schließlich auf den Treppenstufen eines großen Etagenhauses buchstäblich zusammenbrach und liegenblieb. Das war 1930. Es gab eine schwere Krankheit, und die Lebensarbeit, die er über alles liebte und der er alles opferte, mußte abgebrochen werden.

Der ganze Hausstand wurde aufgelöst, und die Eltern zogen zu ihrer Tochter Irmgard nach Kl.-Flottbek und fanden dort ihr Heim für die wenigen Jahre, die beiden noch beschert waren. Papa fügte sich diesem Geschick, während Mama die Aufgabe ihrer gewohnten Selbständigkeit nicht verwand. So kamen die Eltern nicht dazu -leider -diese letzten Jahre noch wirklich still zu genießen. Sie waren wunderlich geworden und machten sich gegenseitig und ihrer Tochter das Leben schwer, ohne daß man jemandem eine sonderliche Schuld geben könnte.

Ich bin weit abgeschweift aus der Kindheit und habe doch diese "Abschweifung“ nicht nachträglich gestrichen. Es werden noch mehr Abschweifungen, d.h. Ausblicke über 1906 hinaus folgen. Sie seien entschuldigt aus dem Wunsche heraus, das Bild der Eltern möglichst vielseitig zu gestalten.

 Wenn Papa aber abends frei war, dann saß er ruhig und schweigsam in seinem Lehnstuhl, rauchte viel, trank wohl auch ein Glas Wein oder Bier und hatte es dann -zeitenweise gern, wenn etwas vorgelesen wurde.

Die Vorleserin war stets Mama. Gelesen wurde vielerlei: Romane und Erzählungen  z.B. Ganghofer, Maclaren, aber auch geschichtliche Werke. Trotz seiner Schweigsamkeit hatte Papa aber auch starken Sinn für guten Humor. Er liebte Wilhelm Busch und sein Oberländer-Album  und ließ sich abends auch gern Humoristisches vorlesen. Dabei hatte er  2 besondere Lieblinge, die er auch seinen Gästen gern zu lesen gab und die er auch immer von neuem selbst mit Hochgenuß anhörte: Die " Gloriahose " von Wolzogen und " Leberecht Hühnchen " von Heinrich Seidel.

Beiläufig sei hier eingeschoben, daß auch bei den Zusammenkünften im engeren Freundeskreise d.h. mit der Familie Stadtschulrat Wagner, oft vorgelesen wurde. Ernstes und heiteres. " Onkel Georg " war ein vorzüglicher Vorleser und las besonders gut das Plattdeutsche. So erinnere ich mich deutlich, daß er uns Fritz Reuters " Stromtied " vorlas. Wir Kinder, die wir so allmählich, als wir größer wurden und nicht so früh ins Bett mußten, daran teilnehmen durften, haben diese Abende sehr genossen. Dabei konnte auch unser Vater wirklich auftauen und wirklich fröhlich sein.  Im Anschluß an die erwähnten Nachtbesuche will ich einen feinen Zug Papas ja nicht vergessen. Wenn er in den frühen Morgenstunden ( gegen, 5-6 Uhr ) gerufen wurde, ging er häufig auf dem Heimweg bei einem Bäckermeister vor und kam dann mit einer großen Tüte voll "Hörnchen " und "Schnecken" heim, die dann auf dem Frühstückstisch unser großes Entzücken hervorriefen. Ob wir wirklich dafür dankbar waren und es  würdigten als einen Versuch des Vaters, uns etwas Liebes zu erzeigen? Ich glaube es kaum. Das ist nicht Kinderart. Das habe ich später am eigenen Leibe erfahren. Indem ich dies schreibe denke ich an das wunderbar feine Gedicht des Freiherrn Börries .v. Münchhausen:

Der  g o 1 d e n e  Ball 

Was auch an Liebe mir vom Vater ward,  
ich habe ihm nicht vergolten, denn ich habe  
als Kind noch nicht gekannt den Wert der Gabe  
und ward als Mann dem Manne gleich und hart.  
Nun wächst ein Sohn mir auf, so heiß geliebt  
wie keiner, dran ein Vaterherz gehangen,  
und ich vergelte, was ich einst empfangen  
an dem, der mirs nicht gab - noch wiedergibt.
Denn wenn er Mann ist und wie Männer denkt
wird er wie ich die eignen Wege gehen,  
sehnsüchtig werde ich doch neidlos sehen  
wenn er, was mir gebührt, dem Enkel schenkt.  
Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick
Dem Spiel des Lebens zu, gefaßt und heiter:  
Den goldnen Ball wirft jeder lächelnd weiter  
und keiner gab den goldnen Ball zurück !

Papa hat über Religion und Christentum nie ein Wort zu uns gesprochen. Darin hatte er eine unüberwindliche Scheu, obwohl er selbst tief innerlich fromm war, wie er es aus dem Elternhause mitbrachte. Da er vormittags verhindert war, besuchte er oft mit uns die Nachmittagsgottesdienste von Pastor Paulsen in der Johanniskirche, ging auch regelmäßig mit uns zum Abendmahl.  Das, was er glaubte und hoffte, verschloß er fest und schweigsam in keuschem Herzen. Wir kannten diese Eigenart unseres Vaters, achteten sie und nahmen sie mit kindlicher Selbstverständlichkeit hin, ohne uns weiter Gedanken darüber zu machen. Mit um so größerer Pein denken wir überlebenden Kinder daran, daß diese stille, verborgene und geborgene Frömmigkeit im allerletzten Lebensjahre ins Gegenteil umschlug, religiösen Wahnideen Platz machte und eine selbstquälerische Verworfenheitsvorstellung hervorrief bis zu einer unerträglichen Steigerung, zumal nach Mamas Tode.

Wir Kinder, soweit wir anwesend waren - und ich war damals längere Zeit da - gingen selbst fast seelisch daran zu Grunde, so grauenerregend war es. Eine nähere Schilderung dieses Zustandes, die ich niedergeschrieben hatte, streiche ich jetzt. Das aber will ich erwähnen, daß in den letzten Jahren, also auch als Mama noch lebte, öfters Pastor Glage aus Hamburg kam, um den Eltern die Beichte abzunehmen und ihnen das Abendmahl zu reichen. Dabei wurde für Papa offenbar immer mehr zur wesentlichen Hauptsache das vom Pastor gesprochene Wort der Absolution. An dies kraft des Amtes gesprochene Wort des Pastors klammerte er sich mit allen Fasern des Herzens und hatte dann das Gefühl oder die Sicherheit: Jetzt bin ich sündlos. Aber dann kam oft am selben Tage - krankhafterweise - der Zweifel: Hat der Pastor es auch wirklich ausgesprochen? Oder bilde ich mir das nur ein? Und tatsächlich wurde dann der Pastor gebeten noch mal wieder zukommen oder wenigstens schriftlich zu bestätigen, daß er es wirklich gesagt habe. Eine fürchterliche Ratlosigkeit einer gequälten Seele, die uns Kindern nur die Bitte auf die Lippen legen kann, Gott möge uns ein friedevolleres Ende bescheren. Durch diese erneute Abschweifung bin ich bei  religiösen Dingen angelangt und damit auch an einem Punkte, an dem ich am besten auf  die liebe Mutter übergehe.

Über beide gemeinsam aber habe ich noch die Verschiedenheit in einer kirchlichen Frage zu betonen, die zwar keine akute Bedeutung hatte, da wir innerhalb einer ev. luth. Landeskirche lebten, die es aber doch verdient erwähnt zu werden. Während  Mama als echte Nagel-Tochter aus vollster Überzeugung an der ev. Luth. Kirche in ihrer freikirchlichen Form festhielt und daher auch dauernd engsten Briefwechsel mit unserem Vetter Gottfried Nagel, dem Breslauer Leiter dieser Kirche pflegte, hatte Papa eine ausgesprochene Antipathie gegen diese "Engherzigkeit". Dann machte er wohl einer ihm sehr bitteren Kindheitserfahrung Luft. Er werde nie in seinem Leben vergessen, welchen demütigenden Eindruck es in seinem Kindergemüt hinterlassen habe, wenn er als Sohn einer ausgesprochen kirchlichen Familie während der damals doch sehr häufigen Religionsstunden wie ein räudiges Schaf habe vor der Tür stehen müssen, da doch seine Eltern ihm die Teilnahme nicht gestatteten.

Und nun zu meiner Mutter!  Ich sagte schon, daß unser Erziehung so gut wie ganz in ihren Händen lag ,und ich will beginnen mit dem, was in diesem Zusammenhang am nächsten liegt und was ihr das wichtigste war und uns das kostbarste Erbteil, das sie uns geben konnte, mit unserer religiösen Erziehung.  
Es war Mamas ernstestes und heiligstes Anliegen. Ich habe zwar auch in der Schule keinen schlechten Religionsunterricht gehabt, aber er hat keinen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, immerhin haben wir allerlei gelernt. Der Konfirmandenunterricht bei Pastor Paulsen dagegen hat mir viel gegeben. Ich habe jede einzelne Stunde ihrem Inhalt nach in Reinschrift niedergeschrieben, auch sonntäglich die Predigtdispositionen. Die Konfirmandenzeit wurde mir so ernst, weil meine Mutter sie mir so ernst nahm, wie z.B. auch jeden folgenden Abendmahlsgang.
 

Aus dem Konfirmandenunterricht ist mir Paulsens Erklärung zum Beschluß des Vaterunsers in Erinnerung:

So bitten wir Dich,  
denn
" dein ist das Reich " du bist der König  
und mußt uns erhören,  
denn
" dein ist die Kraft " du kannst uns erhören  
denn 
" dein ist die Herrlichkeit " du wirst uns erhören

Den Unterricht stellte er unter  1. Joh. 5,4 : Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Über denselben Text sprach er bei der Einsegnung.

Mein Konfirmationsspruch Off.3. 11.  

Mama lehrte uns schon als kleinste Kinder fleißig beten. Ich besinne mich besonders der zwei Liederstrophen, die unsere Kindergebete lange Zeit bildeten: 

" Breit aus die Flügel beide usw.  und 
" Christi Blut und Gerechtigkeit ".
 Die Zeit, die für Mama und so auch für uns den Höhepunkt des Jahres bildete, war unbestritten die Adventszeit. Darin lebte Mama mit hellster Freude. Hinzu kam, daß in der 1. Adventswoche 3 unserer Geburtstage lagen. Hand in Hand einen Kreis bildend, zogen wir singend um den schönen  Adventsbaum mit seinen 1- 4 Kerzen. Eine große Zahl von Bibelsprüchen und Liedern wurde täglich gelernt und gesungen. Darf ein Scherz eingeschoben werden?  Mama erzählte es selbst später gern.  In der Strophe  "Breit aus die Flügel beide" soll ich die letzte Zeile "dies Kind soll unverletzet sein"  lange Zeit verdreht haben in "dies Kind soll unser letztes sein" Und ich soll anfangs vielleicht mit Bezug auf besagte 3 Geburtstage gesungen haben: " O du fröhliche, O du selige,  kinderbringende Weihnachtszeit !  Meine eigene Bibelkenntnis wurde stark vermehrt dadurch, daß ich auf Wunsch von Mama an jedem Sonntag das Evangelium und die Epistel auswendig lernen und sie mittags dem Vater aufsagen mußte. Ich habe das gern getan und es nicht als Last empfunden. Und als Mann bin ich dankbar gewesen dafür. Dagegen wurde nie Wert daraufgelegt, daß ich irgendwelchen religiösen oder kirchlichen Vereinen angehörte. Merkwürdigerweise haben wir auch niemals an Kindergottesdiensten teilgenommen. Oder gab es die damals noch nicht? Dagegen habe ich frühzeitig mit Mama an den Hauptgottesdiensten teilgenommen. Zuerst längere Zeit bei Pastor Schäfer im Diakonissenhaus.

Das war ein kleiner kapellenähnlicher Kirchenraum, der wohl für mich nicht so verwirrend war als eine große Kirche  Ich besinne mich deutlich darauf, auch auf die singenden Schwesternchöre. Welche waren die Pastoren meiner Kindheit? An der Spitze steht mein Konfirmationspastor Paulsen an St. Johannis, später Kirchenpropst. Er war äußerlich ein wunderliche, höchst komisch wirkendes Männchen, alles andere als eine Schönheit, in allem weltlichen ausgesprochen ungeschickt, auch in der Unterhaltung, so daß wir ihn später als lose Buben oft nachäfften. Das hinderte aber doch keineswegs den Respekt, den wir vor ihm als Prediger hatten. Er war gewiß nicht das, was man wohl grob als "große Kanone" bezeichnet, aber er war ein überzeugter lebendiger Verkünder des Wortes und wir hörten ihn gern. Wir kamen auch öfter privatim in sein Haus. Das Ehepaar wirkte komisch: Er klein und dicklich, sie unmenschlich lang und hager. Durch Paulsens kam auch unsre langjährige Hausfreundin Frl. Emma Burdorff in unser Haus, die im Schröderstift in Hamburg am Schlump wohnte und dort auch im hohen Alter von 93 Jahren starb. Sie war unserer ganzen Familie, alt und jung, insbesondere aber unserer Mutter, ihrer heißgeliebten "Frau Geheimrat" in zärtlichster Liebe und Aufopferung zugetan.

An der Person von Propst Paulsen kleben 2 heitere Geschichtlein, die er selbst gern zum besten gab und die ich nie vergessen habe. Die eine betraf sein Abitur. Er war ein ganz unmöglicher Mathematiker und sah von vornherein, daß er keine der math. Aufgaben in der schriftlichen Prüfung lösen könnte, wußte aber um so besser in der Bibel Bescheid. Er schrieb also den Text der 4 Aufgaben fein säuberlich in Reinschrift und schrieb darunter nur: Psalm 139, Vers 6. Der verwunderte Mathematikprofessor nahm zu Hause seine Bibel und las: "Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen" .Und man habe ihn durchkommen lassen. Das zweite bezog sich auf seine Teilnahme am Feldzug 1870/71. Er sei einmal dem Verhungern nahe gewesen und habe einen anderen Kameraden angebettelt: Kamerad, gib mir ein Stück Brot, ich will dir auch dein 1.Kind später umsonst taufen. Er habe das Brot bekommen und tatsächlich sei nach etlichen Jahren ein Mann zu ihm gekommen und habe ihm sein Kind zur Taufe gebracht unter Berufung auf dies Versprechen.

Später, Ende der 90er Jahre, trat dann Pastor Weinreich an der Ottensener Christianskirche, später Kreuzkirche, stark für uns in den Vordergrund. Ich weiß, daß ich meine Mutter auf ihn und seine Predigt aufmerksam gemacht habe. Dieser war wiederum mit Familie Martin Wagner besonders befreundet. Er hat Jula und mich später getraut. Bruder Walther hat oft als Organist bei Weinreich an der Kreuzkirche gewirkt. Eine Zeitlang wurde auch Pastor v. Ruckteschell in Hamburg - Eilbeck eifrig gehört, später noch Pastor Glage an St. Anschar.

Ich kehre zu unserer Mutter und unserer Erziehung durch sie zurück. Unser Verhältnis zu ihr, die wir -leider -stets " Mama "  nannten, weil beide Eltern es so gewohnt waren aus ihren Elternhäusern, war ganz anders. Auf sie allein waren wir mit Freud und Leid und allen kindlichen Anliegen angewiesen. Unsere Erziehung lag bei ihr allein!  Sie kannte nichts Schöneres als ihren Kindern und später ihren Enkelkindern alle Liebe zu erweisen, die sie nur wußte. Als sie dies in den allerletzten Jahren nicht mehr konnte, da war dies ihr aller größter Schmerz. Die schenkende Liebe ging über die Kinder hinaus auf viele, viele Menschen über, die es ihr mit den Kindern über das Grab danken. Aber auch sie konnte nur lieben in dem ihr gesteckten Rahmen. In ihrem Wesen blieb stets ihre Herkunft deutlich: ihr überstrenges, freikirchliches Elternhaus Nagel und ihr adeliges, freiherrliches Großelternhaus v.Hülleßem. Aus dem ersteren brachte sie ein tief innerliches, ernstes Christentum strengsten Luthertums mit und die Verpflichtung, dies ihren Kindern unverfälscht zu übermitteln. Daneben aber auch aus derselben Quelle eine unnötig strenge Lösung von natürlichen, harmlosen Freuden des Lebens, überhaupt vom Leben der Natur. Auch dies habe ich natürlich als Kind nie empfunden, sondern erst später. Aus dem Haus Hülleßem dagegen stammte sicher - trotz aller Liebe - ein herrschaftliches Bewußtsein und man würde heute sagen: Mangel an sozialem Empfinden.

Der Unterschied zwischen Herrschaft und Dienerschaft war bei ihr stark ausgeprägt, wenn auch die Hausangestellten stets gut behandelt  und z.B. überreichlich beschenkt wurden. Aber sie legte doch Wert darauf, " Frau Geheimrat " zu sein und von den Dienstboten in der 3. Person angeredet zu werden. Das war damals anders zu beurteilen als heute! Eine gewisse, damals schon überholte, altmodische Ehrbarkeit verband sich damit. War Mama streng? Ja und nein. Nein, nicht etwa im Sinne von Härte und vielen Scheltworten oder Schlägen. Und doch wieder ja im oben angedeuteten Sinne, indem uns Kindern manche harmlose Freude verwehrt wurde, die andere Kinder fröhlich machte, oder indem unser " Spiel " zu sehr - wie sage ichs? - " reglementiert " und überwacht wurde, indem vor allem uns der Zugang zur Natur eigentlich verschlossen blieb. Von dem Köstlichsten war schon die Rede. Jetzt von dem gewöhnlichen Leben im Hause zur Bestätigung dessen, was der vorige Absatz andeutete. Mama war für uns aufgeschlossen, erzählte viel, sang schöne Lieder mit uns, spielte mit uns und opferte uns viel Zeit. Genügend Dienstpersonal war ja vorhanden und Mama war damals noch gesund, während sie später oft recht krank war und dauernd bestimmte Leiden zu bekämpfen hatte, über die mit uns Kindern wenig oder gar nicht gesprochen wurde. Wir hatten sicher viel schönes Spielzeug, obwohl ich gerade daran mich kaum erinnere. Oder war es vielleicht zu wenig natürlich und zu " gemacht "?   Wir kamen, glaube ich, nie auf den Gedanken, mit anderen Kindern " dumme Streiche " zu machen. Andere Kinder ?  Wann sahen wir sie außer in der Schule? Andere Kinder wurden gelegentlich zu mehr oder weniger feierlichen " Kindergesellschaften " eingeladen mit vorher festgelegtem Programm.

Sie fanden merkwürdigerweise bei uns - vormittags - statt, also wohl in den Ferien oder Sonntags etwa von 10 – 12  1/2 Uhr, weil ja unbedingt Papa nicht zu Hause sein durfte. Es wurde dann gut gegessen und getrunken ( Schokolade oder Kakao) und ein bestimmtes Programm von "Gesellschaftsspielen" absolviert. Danach gabs eine süße Speise, die das Signal dafür war, daß nun Schluß sei. Pünktlich wurden dann die Kinder wieder entlassen. Dementsprechend wurden wir natürlich wieder eingeladen. Was ich nachträglich als einen großen Mangel empfinde, ist, daß wir der Natur eigentlich ganz fremd blieben. In der Goethestr.16  hat der Garten eine ganz geringfügige Rolle gespielt. Ich besinne mich nicht, daß er etwa für mich als Spielplatz eine wesentliche Rolle gespielt hätte. Ausflüge waren, glaube ich, selten. Wenn solche gemacht wurden, ging es meist in den Jenisch Park mit nachfolgendem Besuch beim Bäcker in Teufelsbrück, wo es dann Kaffee und Kuchen gab. Gewiß war der Park sehr schön, aber uns Jungen war es wohl ein bißchen langweilig, wie schön hätte ich es gefunden, wenn das mal zu Schiff vor sich gegangen wäre.

Selten ging es dann mal in den Zoologischen Garten am Dammtor. Ich weiß, das hat mir viel Spaß gemacht, und es gab stets viel Interessantes zu sehen, sogar Völkerschauen mit zur Schau gestellten richtigen Negern usw. Gewiß, dort sah ich inländische und ausländische Tiere. Aber unsere Tiere, unsere Vögel in der Natur lernte ich nie recht kennen. Diesen großen Mangel habe ich erst als Erwachsener stark empfunden. Niemand lehrte mich, auf eine Vogelstimme hören und sie erkennen, oder den Vogelflug beobachten oder die Bäume des Waldes unterscheiden und seine Tiere belauschen, desgl. die Früchte des Feldes in ihrem Wachstum. Das Leben des Bauern, Pflügen, Aussaat, Heuernte, Getreideernte ist mir auch auf Ausflügen ganz fremd geblieben und ist erst sehr viel später mir zum Bewußtsein gekommen. Aber woher sollte es denn kommen? Das alles lag Mama nicht, weil sie es selbst nicht mitgebracht hatte.

Um die Schule hat sich auch Mama bei mir fast gar nicht gekümmert. Nie um meine Schularbeiten. Da ich i.A. ein guter, begabter Schüler war und keinerlei Hilfe nötig hatte, war es ja auch gut so, und ich habe es bei den eigenen Kindern ebenso gehalten. Wenn ich faul gewesen war, mußte ich eben reinfallen. Nachträglich will mir freilich scheinen, als sei es doch eine allzu weitgehende Nichtbeachtung  gewesen. Es wurde auch nicht danach gefragt, welcher Art unsere Kameraden waren und ob ihr Einfluß auf uns gut war oder nicht. Im allgemeinen war der Einfluß kein schlechter. 

Besonderer Freunde entsinne ich mich kaum. Schwach erinnere ich mich der beiden Kollegensöhne Jürgen und Walter Kühl, aber sie spielten doch keine wesentliche Rolle. Die eigentlichen Freunde waren eben Karl und Bernhard Wagner. Aus der Zeit von Schillerstr.42 besinne ich mich undeutlich auf einen in der Nähe wohnenden Offizierssohn Werner v. Seydlitz. Öfter kamen wir als kleinere Kinder schon mit unseren Eltern zu den Bahrenfelder Familien Mannhardt und v.d.  Smissen,  die an der Chaussee ein wundervolles Haus und einen noch schöneren  Garten besaßen.  Wilhelm v.d. Smissen war insbesondere Walthers Freund bis in die Hallenser Studentenjahre hinein. Sein älterer Bruder Heinrich, desgl. sein jüngerer Bruder Gilbert schweben mir schwächer vor. Anna und Mieze waren die beiden Schwestern. Letztere spielte zeitenweise eine bedeutende Rolle für mich, und es wäre wohl zu einer Verlobung gekommen, wenn Papa nicht dringend gesundheitlich gewarnt hätte vor einem angeblich vererblichen Hüftleiden. Später gehörten zum Freundeskreis aus der Schulzeit noch Ernst Bülck, Walter Wallroth, und ganz besonders für einige Jahre Martin Clasen in Bahrenfeld, in dessen Hause ich etwa 97-98 sehr häufig verkehrte.

Ein typisches Beispiel für die altmodische ehrpusselige Seite meiner bzw. unserer Erziehung ist folgendes: Ich durfte nicht zu normaler Zeit an einer normalen Tanzstunde teilnehmen, da das Tanzen im Grunde doch als etwas gar zu Weltliches verpönt war. Aber man staune wirklich: Als ich längst dem normalen Tanzstundenalter entwachsen war, da wurde für mich und den 3 Jahre jüngeren Bruder Walther und einige andere auserlesene Jünglinge ein ganz privater Tanzzirkel eingerichtet: ohne Mädchen !  Erfolg: Es war höchst langweilig; Mama reiste mit uns höchstpersönlich jedesmal mit nach Hamburg, und ich habe zu meinem größten Kummer und Nachteil nie tanzen gelernt. Zu einer bestimmtem Feier nahm ich als längst Erwachsener noch mal ein paar Privatstunden, um wenigstens einen Walzer und eine Polka einigermaßen darstellen zu können. Aber dabei ists geblieben.  Ich glaube aber, nachher haben es die Eltern doch eingesehen und Schwester Irmgard hat wohl normalen Tanzunterricht bekommen.

Nebenbei war es unnatürlich und gefährlich, uns auf diese Weise streng fernzuhalten auch von der harmlosesten Berührung mit dem weiblichen Geschlecht. Was andere Jungen darin zuviel hatten, hatten wir entschieden zu wenig. Anmerkung: Ich habe auch nie das Kartenspiel z.B. Skat erlernt, denn auch Papa nahm nie eine Spielkarte in die Hand. Als Soldat und Student habe ich das oft bedauert. Aber dieser Mangel ließ sich wahrhaftig leicht verschmerzen.

Von der Elbe wurden wir auch ziemlich ferngehalten, da das Baden in ihrem schmutzigen Wasser für gesundheitsschädlich galt. Und das Rudern wurde wohl für zu gefährlich gehalten. Letzteres habe ich als ältere Junge aber doch öfter mal getan, aber wohl stets heimlich und mit etwas schlechtem Gewissen. Wenn ich es tat, dann fast immer ganz allein. Eine Zeit lang war es ein gewisser Sport für mich, mir in Neumühlen ein kleines Boot zu nehmen und quer über den Strom zu dem dort liegenden Wrack eines großen Dampfers, der " Athabaska ",  zu rudern. Dort pflegte ich an den Strand zu gehen, habe wohl auch mal drüben gebadet. Mit dem kleinen Boot den von vielen großen und kleinen Dampfern belebten Strom zu kreuzen, war in der Tat nicht ganz ungefährlich, man mußte höllisch aufpassen. Stattdessen durfte ich in der häßlichen Badeanstalt in der noch häßlicheren Bürgerstraße baden, wo ich auch Schwimmunterricht hatte.

Da ich ja keine Vergleichspunkte hatte, machte mir das großen Spaß und war jahrelang, wenigstens im Sommer, mein tägliches Vergnügen. Von frühester Kindheit an interessierte mich aufs Lebhafteste alles, was mit Eisenbahn und sonstigem Verkehrswesen zusammenhing. Vom Lobuschtunnel und Drehscheibe wurde schon erzählt. Wenn mal gereist wurde, schrieb ich ganze Fahrpläne ab und wußte alle Stationen auswendig. Die Signale waren mir alle bekannt. Dies Interesse einschl. Reiselust ist mir bis ins Alter geblieben. Infolgedessen waren mir die Hamburg - Altonaer Verkehrsverhältnisse  bis ins einzelne vertraut, und jede Möglichkeit, sie zu benutzen, war ein großes Erlebnis, stets von neuem. Da waren die beiden, auf Schienen laufenden Pferdebahnen, die große gelbe Pferdebahn, die durch Berg- und Königstraße nach Hamburg - St. Georg fuhr, und die kleine, niedliche " Ringbahn "  durch die Allee, die rings um die Stadt Altona fuhr und Hamburger Gebiet nicht berührte. 

Am aller interessantesten war mir das Ausweichen zweier sich begegnender Bahnen, denn die Strecken waren natürlich eingeleisig. Dann mußte der hoch oben  thronende Kutscher das interessante " 5. Rad ", das klein und schmal in der Schiene lief rechts vorne, mit einem Hebel hochziehen und auf diese Weise es dem Wagen ermöglichen, die Geleise zu verlassen und nach rechts auszubiegen. Das war dann ein böses Gerumpel auf dem schlechten Pflaster. Ich wußte auch damals genau, welcher der beiden Wagen denn die Pflicht hatte, dies interessante Manöver auszuführen; das habe ich aber vergessen. Höchst anziehend war mir auch die kleine, amüsante Dampfbahn, die vom Rathausmarkt in Hamburg nach Wandsbek fuhr, mit der komischen, flachen Lokomotive. Und dann vor allem die " Verbindungsbahn ", wie man damals sagte, die von Blankenese  über Altona nach Hamburg Klostertor fuhr, mit etwa derselben Strecke wie heute, aber nicht wie heute auf erhöhtem Damm, sondern zu ebener Erde über das Straßenniveau, so daß diese stets mit Schlagbäumen geschlossen werden mußten. Besonders anziehend war mir in dieser  Beziehung der " Stern " bei der Johanniskirche.

Und dann gar das  Manöver der " Fernzüge ", die über den Klostertorbahnhof hinausfuhren. Diese wurden mitten im Straßenverkehr unter Vorantritt eines Mannes mit großer Klingel in langsamster Fahrt zum " Berliner Bahnhof " oder - eine erhebliche Strecke - bis zum sog. " Venloer Bahnhof "  geleitet. Letzterer steht als Güterbahnhof noch heute da. Er diente den Zügen in Richtung Harburg. Nördlich reichte mein Wissen eigentlich nur bis Pinneberg, wohin jährlich zum Sedantage ( 2. 9.) von Seiten der Schule feierlichste Ausflüge gemacht wurden. Jede Klasse hatte ihre Fahne, und Fahnenträger zu sein oder einer der beiden, die mit blumengeschmückten Marschallstäben die Fahne geleiteten, galt als hohe Ehre. Ich war oft Stabträger, was sehr viel bequemer war als Fahnenträger. In Pinneberg gabs Festreden, Kaffee und Kuchen,  Turnwettkämpfe und Sportspiele mit Kampfpreisen und zum Schluß sogar Tanz mit vielen kleinen Mädchen, für mich ein Ärgernis, weil ich ja dabei nichts zu suchen hatte.  

Die Tierwelt kannte ich eigentlich nur aus dem Hause: Wir hatten zeitweise Hunde, einmal einen fetten Mops, später ein kleines, niedliches Hündchen, mit dem wir zärtlich spielten. Welcher von beiden hieß " Bobby "?  Vor allem aber war " Lora ",  ein grüner Papagei , unser beliebter Spielgefährte durch viele Jahre. Er war zahm und war begeistert, wenn man seinen Käfig öffnete und ihn auf die Hand nahm. Auf Kommando pflegte er seine großen schönen Schwanzfedern weit zu spreizen und dabei die in allen Farben schillernden Augen komisch zu verdrehen. Er sang das Lied " Mit dem Pfeil, dem Bogen " ,d.h. mit tiefem Verständnis nur die Worte des Refrain: " La, la, la ". Das alles war täglich von neuem großes Vergnügen. Bei irgendeiner späteren Festgelegenheit bin ich als Lora aufgetreten, wozu  mir Fräulein Sengerob einen künstlichen Loraschwanz aus langen Pappstreifen fabrizierte, die mit grünem Stoff überzogen wurden, vor allem aber mit einer Zugvorrichtung, die ein wundervolles Spreizen dieses Gebildes ermöglichte. ( Silberhochzeit der Eltern : 1905 ) Daneben hatten wir zeitweise Kanarienvögel, Schildkröten, Frösche usw. Ob auch Katzen ?  

Dieser " Reichtum " wog aber doch den Mangel nicht auf, daß mir die Tierwelt in der Natur fast fremd blieb. Einmal besuchte ich auf Einladung von Onkel Fritz Westberg ein großes Pferderennen in Hamburg - Horn.  Gewiß, die nackte Tatsache des um die Wette - Reitens interessierte mich wohl, aber mir fehlte ja jegliches Verständnis für schöne Pferde und ihre Aufzucht und ihre Leistungen. Ich habe auch nie im Leben wieder ein Rennen besucht.

Ich schiebe sporadisch ein paar Kleinigkeiten ein, wie sie gerade in meinem Gedächtnis sich einstellen. Oft mußte ich zu einer Frau Sieveking in der Mathildenstraße wandern,  um ein Päckchen Tee zu holen. Als ich größer wurde und größere Lasten tragen konnte, hatte ich nicht selten in der Kl. Gärtnerstraße bei Frau Zawadski eine Gans abzuholen. Sie, d.h. Frau Zawadski war immer sehr liebenswürdig zu mir, aber sie, d.h. die Gans wog doch an die 10 Pfund und war recht schwer zu tragen.

Mein Augenarzt war Dr. Beselin in der Blücherstraße, später am Alsterdamm in Harnburg. Unser langjähriger, tüchtiger und menschlich feiner Zahnarzt war der Däne Thorwald Roloff in der Bahnhofstraße, der schrecklich vornehm eingerichtet war. Was war sein Wartezimmer doch für ein Salon mit schönsten Ölgemälden usw. gegenüber unserem einfachen Wartezimmer.  Er hatte mich ja wohl ins Herz geschlossen und schenkte mir einmal eine ganze Reihe alter Liliput-Buchdrucke, z.B. Homer, Herodot usw. , die ich noch besitze. Unser prächtiger Geigenbauer war Georg Winterling in der ABC-Straße nahe Gänsemarkt, später am Stephansplatz. Dort kauften wir auch unsere Instrumentensaiten. Von ihm kaufte ich später vom ersten selbst verdienten Geld meine gute alte Bratsche, die etwa 900 M kostete, der Juchten - Kasten dazu allein 100 M.  Musiknoten kaufte man bei Herkules Hinz in Altona oder Böhme in Hamburg, Alterwall. Der besonders von Mama sehr geschätzte Uhrmacher und Juwelier war Herpich in der Königstraße.  

Die Buchhandlung unserer Kinderzeit war die " Harder’sche Buchhandlung ". Heinrich Funke leitete sie, mit dem wir besonders gut standen. Diese Kleinigkeiten so ganz nebenbei, nur um sie der Vergessenheit  zu entreißen.  

Wenn ich jetzt endlich mal meine Geschwister in die Erzählung einflechte, so kann das wieder von neuem dazu dienen, meiner Kindheit  weitere Aspekte abzuluchsen und unser Familienleben so wieder von anderer Seite zu beleuchten. So möchte vielleicht aus dem wirren Mosaik von Einzelbildern ein einigermaßen brauchbares Bild des Elternhauses entstehen. Nur auf diese Weise nämlich scheint dies mir erreichbar zu sein, nicht durch eine noch so fein durchdachte, systematische Darstellung.  

Meine Geschwister und unser Verhältnis zu einander!  

Ich muß  eigentlich lächeln, wenn ich dies so als Thema hinstelle! Oder ich könnte auch darüber erschrecken. Denn ich komme dabei, wie mir jetzt unter diesem Zwang klar wird, in große Bedrängnis. So sehr ich nämlich mein armes Gedächtnis zermartere, ich komme zu dem Ergebnis: plus / minus 0 , ich weiß geradezu nichts zu sagen, weder Gutes noch Böses , Erfreuliches oder Unerfreuliches! Ich kann daraus nur den traurigen Schluß ziehen, daß wir für einander eine höchst geringe oder gar keine Rolle gespielt haben. Oder sollte mich mein Gedächtnis so sehr trügen ? Es mag ja sein, daß ich als ältester Bruder die Sache ganz anders ansehe als meine Schwester als jüngste von ihrem Standpunkt. Und zwar bezieht sich meine Feststellung nicht etwa nur auf meine 5 Jahre jüngere Schwester, mit der ich vielleicht als kleiner und auch als etwas größerer Junge nicht viel anfangen konnte, sondern ebenso sehr auf meinen nur 3 Jahre jüngeren Bruder. Es ist wirklich  erstaunlich, aber durchaus wahr: Während ich mich, wie diese Zeilen zeigen, mit größter Genauigkeit an viele Erlebnisse meiner Kindheit erinnere, will trotz heftigsten Bemühens in meinem Gedächtnis nicht das leiseste Bild irgendeines Kinderspielzimmers entstehen, aus  keinem der verschiedenen Wohnungen, auch nicht aus Goethestr. 16, wo für uns doch das Elternhaus war. Ich sehe weder ein solches Zimmer, im Geist vor mir noch mich und meine Geschwister darin spielend. Ich suche krampfhaft nach irgendeiner Gemeinsamkeit, sei es im Guten, sei es im Schlechten. Ich erinnere mich keines gemeinsamen Spieles, ich erinnere mich ebenso wenig irgendeiner Streitszene oder Prügelei. Und doch wird wohl beides geschehen sein. Beides hat aber eine so unbedeutende Rolle gespielt, daß nichts mehr davon übriggeblieben ist. Gewiß, ich besinne mich darauf, daß Mama öfter mal mit uns allen zusammen ein gemeinsames Spiel veranstaltete, wie Domino, oder ein Würfelspiel usw.

Aber das war eben etwas von außen an uns Herangetragenes und entsprang nicht unserem eigenen Trieb zu gemeinsamem Spiel. War es wirklich so? Vielleicht entsprang es aus dem, was ich oben schon allgemein über unsere Erziehung sagte. Ich glaube, wir haben niemals, stromerhaft angezogen auf der Straße mit Nachbarskindern gespielt und getollt, wie es unsere Kinder getan haben und unsere Enkelkinder jetzt tun, so daß dreckige Gesichter, blutige Knie und zerrissene Kleider die Folge waren. Die einzige Figur, die sich völlig schattenhaft aus der damaligen Nachbarschart, mir darstellt, ist ein gewisser Gustav Löhmann, von dem mir aber kaum der Name gegenwärtig ist. Von den sog." Kindergesellschaften" war schon die Rede. Erst als ich größer wurde, um die Konfirmationszeit herum, ließ es sich nicht mehr vermeiden, daß ich auch mit anderen  Schulkameraden zwanglos verkehrte,  ohne daß die Eltern es kontrollierten oder es kontrollieren konnten. Wem galt  denn mein Spiel und Interesse ? Denn von

" unserem" Spiel kann ich ja nicht reden. Auch da sind meine Erinnerungen recht gering. Sonst würde ich mir ja auch ein Kinderzimmer vorstellen können. Als kleinster Junge besaß ich ein großes, sehr stabiles Schaukelpferd, das ich sehr liebte. Dann spielte ich nach meiner Erinnerung viel mit Holz, später mit Steinbaukasten.

Und dann kam wohl die Zeit des Malens ( Tuschens ), leider nicht des Zeichnens. Mit farbigem Ton wurde wohl geknetet. Daß ich außerhalb des Hauses für jegliches Verkehrswesen mich begeisterte, ist schon gesagt. Das übertrug sich  aufs Haus, als ich später eine kleine Dampfeisenbahn (  mit Spiritusflamme! ) bekam, die mich lange Zeit sehr beschäftigte. Ich hatte dafür wohl auch einige Metallschienen. Diese genügten aber meinem Verkehrsdrange keineswegs. Darum zimmerte ich mir aus dem Holz von Zigarrenkisten, die ja stets sehr reichlich vorhanden waren, kunstvoll ganz große Bahnhofs- und Gleisanlagen. Weichen und Signalmasten waren meine Spezialität !  Dann kam die Zeit, wo die Elektrizität in meinen Gesichtskreis trat. Da wurde wieder viel gebastelt. Z.B ruhte ich nicht eher, als bis unsere schöne Weihnachtskrippe ( noch jetzt in meinem Besitz, wenn auch in kümmerlichstem Zustand hinsichtlich ihres Personal- und Tierbestandes ) von mir kunstvolle elektrische Beleuchtung bekommen hatte. Der Anachronismus dabei machte mir keine Beschwerde. Daneben bekam ich viele gute Bücher und las gern. Mit Begeisterung verschlang ich Robinson und Lederstrumpf, daneben auch Reiseerlebnisse wie " Robert der Schiffsjunge ", sogar technische Dinge, wie sie in den Jahrbüchern, z.B. "Allg. Universum" enthalten waren. An Jugendzeitschriften las ich unseren lieben " Kinderfreund " und später den "Guten Kameraden". Daneben trat dann die intensive Beschäftigung mit der Musik. Das ist aber ein Kapitel für sich.

Was weiß ich über meine Schulzeit zu sagen? Von Ostern 1888 an besuchte ich die Vorschule der Realschule an der Königstraße 3 Jahre lang. Erster Schultag, Klassenräume und meine Lehrer sind mir in einigermaßen deutlicher Erinnerung. Die 2 ersten Jahre war Herr Edert mein Lehrer, den ich sehr liebte, im 3. Jahre Herr Iden, den ich weniger liebte. Zu Ostern 1891 trat ich ins Christianeum ( Gymnasium ) über. Im allgemeinen muß ich sagen, daß ich die Schule normal durchlief, ohne Schwierigkeiten, ohne sonderliche Begeisterung, aber auch ohne sonderliche Abneigung. Ich hatte zum Glück keinerlei Schwierigkeiten und war ohne besonderes Verdienst stets einer der besten.

Das Lehrerkollegium enthielt eine Reihe recht verbitterter Lehrer, charakteristisch für die 90ger Jahre, wo die Anstellungs- und Aufstiegsbedingungen denkbar schlecht waren. Zudem muß das damals herrschende Klassensystem ja entsetzlich abstumpfend gewirkt haben. Es war undenkbar, daß ein junger Lehrer in den oberen Klassen unterrichtete. Jeder mußte unten anfangen und führte dann seine Sexta oder Quinta so lange - manchmal jahrzehntelang ! - bis eben oben jemand starb oder abging. Dann rückten alle Klassenlehrer eine Stufe höher, und das Spiel begann von neuem. So saßen in den oberen Klassen nur die ältesten Herren. Ich erinnere mich daran, daß während meiner Schulzeit in den Ordinariaten kein Wechsel eintrat. D.h. jeder kaute sein Pensum, das er in- und auswendig wußte, jedes Jahr stumpfsinnig herunter. Das war zum Glück später anders. Ich begann 1906 als Kandidat mein Lehrertum  und war doch schon 1913 Ordinarius einer Oberprima und brachte diese 1914 ins Abitur ! 

Was weiß ich aus den einzelnen Klassen ? Herr Göring, gen. " Gügü ", war mein Klassenlehrer in der Sexta. Er war unbedeutend, aber nett. Bei ihm lernte ich die Anfangsgründe des Latein. In unangenehmer Erinnerung aber ist mir der Rechenlehrer, Herr Kummer. Wir deklamierten: " Gott wird dich aus der Höhle, wo dich Herr Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit, usw. " Er warf schreckliche  Schimpfwörter um sich: " Ich schmeiß dich an die Wand,  daß du kläben bleibst  und die Leichenfrauen dich mit Löffeln  wieder abkratzen müssen !"  In der Rechenstunde lächelte ich mal über den Ausdruck : " Basis ". Auf seine wütende Frage, was ich zu lachen habe, antwortete ich schüchtern:  Das klingt  ja so ähnlich wie Base. Aber er : "  Ja, und  Nachsitzen klingt so ähnlich wie Arrest ". Die Quinta führte ein junger Lehrer, Herr Holst, den ich gut leiden mochte. Nur eins machte mir Kummer:  Wir mußten ein Herbarium führen, wofür ich vermöge meiner Naturfremdheit nicht das geringste Interesse hatte. Ich bekam im  Zeugnis: Botanik gut, Herbarium mangelhaft ! Die Quarta leitete Dr. Puls, ein mir sehr unsympathischer Herr. Er prügelte mit Inbrunst. Hopke Romfeld war mein Mathematiklehrer. Mein " Ehrenamt " bestand darin, daß ich ihm stets die Hefte nach Hause zu tragen und von dort wieder abzuholen hatte. Denn er war als alter Junggeselle viel zu bequem, sie selbst zu tragen. Ich aber tat das schrecklich gern, besonders das Abholen, weil ich meinen Mitschülern dann immer im voraus verraten konnte, was für eine Nummer sie hatten. Untertertia Klassenlehrer war Fide Behrens , die dicke Biertonne,  ebenfalls Junggeselle und Zechkumpan von Hopke Homfeld. Er las jahraus jahrein seinen Bellum Gallicum von Caesar, ohne sich darüber aufzuregen. Immerhin konnte er gefährlich grob werden. 

Die Obertertia führte Dr. Wachholtz, der Typus des verbitterten, griesgrämigen Schulmeisters, dozierte mit Ingrimm Latein, Griechisch  und Geschichte .Seine Geschichtsstunden waren ein für alle Mal ausgearbeitet und wurden jedes Jahr von neuern wörtlich hergesagt, so  wörtlich , daß bestimmte berühmt gewordene Sätze schon vorher in den Klassen zitiert wurden,  wie z.B.:" Selten hat ein Mann,  niemals eine Frau ..so Gewaltiges geleistet wie Maria Theresia ".  Er ließ fast täglich irgendwelche Jungen zur Strafe morgens 1'2 Stunde vor Beginn in seinerWohnung,Moltkestr.10  IV antreten. " 80 Stufen ! "  ,wie er vorher höhnte. Aber griechische Grammatik haben wir bei ihm gründlich gelernt, allerdings mit Grausamkeit. Untersekunda: Prof. Begemann. Unendlich langweilig! Der Mann mit den altmodischen, platten aus 2 überzogenen Pappstücken bestehenden Krawatten. Obersekunda: Prof. Dr. Vellbrecht. Ein großer Gelehrter, der bekannte Xenophonherausgeber, aber sonst  grimmig und verbittert, humorlos oder – unfreiwillig  humorvoll: " Passen Sie auf! Wir beide sehen uns noch mal im Zuchthaus wieder !  

Und dann die Unterprima, die mir zum Verhängnis wurde. Sie wurde geführt von einem wunderlichen Manne, namens Prof. Reuter. Unendlich lang und hager, mit einem Asketengesicht, überspannt. Er lebte sich so sehr in den Homer hinein, daß er zu unserem Entsetzen oder Erheiterung ? begann, den Homer in tiefstem Ernst aufzuführen. Er fiel, als Athene kniefällig vor dem Klassenpult nieder, erhob ringend die Hände und flehte mit weinerlicher Stimme auf griechisch zu Vater Zeus! Vielleicht habe ich bei dieser oder ähnlicher Gelegenheit mich zu unvorsichtig benommen. Kurz und gut: Reuter konnte nicht mit mir und ich nicht mit ihm. Das Verhältnis spitzte sich, vermutlich nicht ohne meine Schuld, immer mehr zu, und vor den Sommerferien gabs einen solchen Krach, daß  nur durch meinen Abgang die Lage sich regulieren ließ. Da ich sonst ein guter Schüler war, der mit allen anderen Lehrern in bestem Einvernehmen lebte, erregte mein Abgang, der absolut freiwillig war, ziem1iches Aufsehen. Aber ich wollte eben nicht mehr mit diesem mir unheimlichen Manne, über dessen Wunderlichkeit sich alle einig waren. Ich hatte damals unter meinen Lehrern sogar einen besonderen Freund, das war Prof. Eichler, Mathematiker und Physiker. Ich durfte ihn oft nachmittags besuchen, wir machten dann an Beethoven - Sonaten oder - Symphonien Studien über musikalische Rhythmik,  Einteilung der Sätze  ( bewußt oder unbewußt ? ) nach bestimmten Proportionen usw. Ich gehörte der literarischen Schülervereinigung " Aula " an. 

Die scharfe, vornehmere Konkurrentin war die historische " Klio ". Wir kamen Sonnabends nachmittags zusammen, lasen mit verteilten Rollen Dramen und debattierten über sie. Auch mußte jeder mal einen sog. " freien Vortrag " nach 15 Min. Bedenkzeit halten über etwas, was dem gerade Gelesenen entnommen war. Wagners waren auch dabei. Sonst erinnere ich mich nur eines Ohlsen. Es gab dann Abendbrot in Gestalt von  belegten Butterbroten, dazu ein kl. Tönnchen Bier, meist 10 Liter ! Ich kam also an die Lauenburgische Gelehrtenschule in Ratzeburg. Eine Unterkunft fand ich bei Fräulein Emma Keine, anfangs in der Hospitalstraße dicht beim Markt, später wundervoll am Domhof. Meine Pensionsgenossen war ein Gerling und ein v. Bülow. Dort bin ich sehr gern gewesen. Erst 40 Jahre später habe ich diese Stätten meiner Jugend wiedergesehen. Direktor der Schule war der jugendliche Dr. Julius Waßner ( Deutsch und Griechisch). Ich mochte ihn gern leiden und genoß auch sein Wohlwollen. Er hatte sonntags " offene Abende " in seinem Hause, wo gelesen wurde. Latein und Geschichte war durch Prof. Dr. Bertheau vertreten, eine komische Nudel, vor dem wir wenig Respekt hatten, genannt nur " der Dicke ". Langweilig und verknöchert. In der Geschichte hatte er eine bestimmte Zahl Themen, die er auswendig wußte und die wir auswendig hersagen mußten, sowohl im Unterricht wie im Abitur. Und im Latein z.B. Horaz, gabs eben eine approbierte Übersetzung. Wenn die kam, war alles gut; wenn nicht, so war eben alles andere verkehrt. Z.B.: Horaz carm. II, 3,11 f " Quid obliquo laborat usw. mußte eben heißen: Was bemüht sich das flüchtige Naß, im schrägen Rinnsal zu enteilen? " oder Hor. sat .I, 9 ,4 " Quid agis, dulcissime rerum? " durfte ja nicht anders übersetzt werden als: " Wie geht es dir mein allerwertester? " Infolgedessen trieben wir manchen Schabernack mit ihm, und er machte eigentlich stets ein verbiestertes, hilfloses Gesicht.

Mathematik verzapfte Bornitz, der Schwiegersohn von Sup. Soltau. Religion und Hebräisch: Gebler, den ich sehr schätzte. Die hebräische Stunde, die ich allein hatte, wurde meist einfachstatt in der Schule nachmittags in seiner Wohnung im Domgebäude abgemacht. Französisch: Jörß. Ich war wohl auch hier unter den besten, tat aber zu wenig im Auswendiglernen der Geschichtsthemen. Deshalb kam ich mit Geschichte ins Mündliche, rettete mich aber glänzend mit dem jetzt natürlich tadellos auswendig gelernten. Am Ende der Unterprima fiel ich mal mit einer kleinen Mogelei in der Mathematik herein. Die Sache war zwar mit einer Wiederholung der Arbeit in 2 Nachmittagsstunden ausgestanden. Ich hätte aber doch nicht gedacht, daß man 1 volles Jahr später mir im Reifezeugnis das Betragens - Prädikat herabsetzen würde.

Aus meiner fast 4ojährigen Lehrerpraxis kann ich mich nicht entsinnen, daß wir aus solchem Anlaß, zumal wenn er 1 Jahr zurück lag, das " Gut " im Betragen beanstandet hätten. Aber damals drückte es mich nicht weiter, und Papa hat es vermutlich gar nicht bemerkt. Es ja auch für mich später nicht die geringsten Folgen gehabt. Nur der sehr gestrenge Direktor Schulteß vom Johanneum  fragte mich, als ich Kandidat war, mal unter 4 Augen, was ich denn eigentlich verbrochen hätte. Als ich ihm wahrheitsgemäß antwortete, war er beruhigt.  Einmal veranstalteten wir in Ratzeburg einen Theaterabend und spielten: Heyses " Hans Lange ". Ich weiß noch, daß ich begeistert - und ernstlich verliebt in meine Partnerin -  den Großknecht spielte. Zu meinem Ruhm will ich erwähnen, daß in dem mir vorliegenden Jahresbericht der Schule zu lesen ist : " Brachmann bekam. 1 Exemplar des von Sr. Majestät gestifteten Werkes Wislicenus, Deutschlands Seemacht  ". Ich besitze es noch. Vorn steht eine feierliche Widmung: " Für Fleiß und Wohlverhalten ". Man war also doch mit mir zufrieden. Im Dez.1898 fuhr unsere ganze Prima nach Wandsbek, um teilzunehmen an einer Aufführung von Sophocles Oedipus durch das Wandsbeker Gymnasium und im März 1899 nahmen wir teil an der Überführung der sterblichen Überreste Bismarcks in das Mausoleum in Friedrichsruh.

Dabei fällt mir ein großes Erlebnis der Sexta ein, das ich nachtrage: Gügü machte mit uns eine Klassenausflug nach Friedrichsruh im Jahre 1891und an dem berühmten Bahnübergang vor dem Schloßportal warteten wir so lange, bis Bismarck in dem großen Schlapphut und mit seinem Hunde heraustrat. Gügü sagte ein paar Worte, und Bismarck begrüßte jeden einzelnen Jungen mit Handschlag.

In Ratzeburg, wo ja größtenteils nur auswärtige Schüler waren, die dort in Pension wohnten oder im großen Alumnat, hatten wir am Sonnabend abend unseren erlaubten Kneipabend, bei dem es allerdings reichlich alkoholisch zuging unter blödester, schülermäßiger, aber studentisch sein sollender Kommentreiterei. Meine besonderen Freunde in Ratzeburg waren : Adolf Titze, Wilhelm Röhr, Wilhelm Delfs ( gen. Little ), alle 3 aus Neumünster und im Alumnat wohnend. Daneben der begabte, aber leider später gänzlich verbummelte Röhricht. Während der Schulpausen war es uns Primanern erlaubt, den Schulhof zu verlassen und auf der davor liegenden breiten Alleestraße, der sog." Demolierung " zu promenieren. Klar, daß wir dies mißbrauchten. Wir verschwanden während der großen Pause meist in der gegenüberliegenden Konditorei, wo es neben Kuchen auch gute Liköre gab. Engsten Familienanschluß fand ich im Hause des Superintendenten Soltau, wofür ich noch heute herzlich dankbar bin. Ein tragisches Geschick hat über der damals so fröhlichen Familie gelegen. Der Superintendent freilich war ein zwar grundgelehrter Herr, aber starr und engherzig bis zu grausamster Härte gegen die Seinen, unnahbar, doktrinär. Er war gleich meinem Vater der große Schweiger und hielt sich stets stark im Hintergrund. Seine Frau, die mir ihre ganze Fürsorge schenkte, war die Seele des Hauses und meisterte fröhlich den riesigen Haushalt und die ebenso riesige Kinderschar. Später dagegen, als sie ein schweres Leid nach dem anderen traf, wurde sie bitter und schwermütig.

Frau Soltau und mich verband zunächst die Musik. Mindestens 1 mal in der Woche spielten wir Beethoven- und Mozartsonaten miteinander und hatten beide eine unbändige Freude daran. Sonntags nahm ich an ihren meist im Ruderboot auf dem herrlichen Razeburger See ausgeführten und meist zur "Kalkhütte", einer kleinen Kaffeewirtschaft führenden Ausflügen teil. Die älteste ( einzige ) Tochter war mit dem Oberlehrer Bornitz verheiratet. Sonst waren nur Söhne vorhanden, aber in großer Zahl. Nur 1 war älter als ich und damals stud. jur. Alle anderen waren jünger als ich. Indem ich sie nenne, berühre ich gleichzeitig die Fülle des Leides Ernst, der Jurist und geistig wohl der bedeutendste, fiel im 1.Weltkrieg. Karl, der in Köthen das Technikum besuchte nach der Schulzeit  ,nahm sich selbst das Leben. Sein strenger Vater verweigerte ihm die Beerdigung. Harr wurde ein toller, lebenslustiger, allzu lebenslustige Offizier, geriet dabei auf Abwege, leistete aber heldenhaftes im Kriege ( Kampf um Verdun  )und fand dabei den Tod, Franz wurde Auslandskaufmann, lebte Jahrzehnte in Spanien und nahm eine Spanierin zur Frau. Vielleicht ist er der einzige, der noch am Leben ist? Und  Friedrich, der jüngste, wurde Pastor und erlag früh einem Lungenleiden. Der Vater war längst gestorben. Die Mutter überlebte sie alle, lebte schließlich verlassen und verbittert in einem Damenstift in Ratzeburg und ist dort gestorben. Mit ihr stand ich in lebhaftem, zuletzt allerdings abflauendem  Briefwechsel. Diese schöne und am Erlebnissen reiche Zeit - in Altona wäre sie vermutlich viel nüchterner verlaufen - schloß mit meinem Abitur im März des Jahres 19oo. Zu erwähnen wäre höchstens noch, daß ich nie ein großer Turner wurde. Mit dem Turnen war ja damals auch nicht viel Staat zu machen. Turnkleidung gab es nicht. Wir turnten so, wie wir in allen anderen Stunden waren, mit voller Kleidung und dicken Stiefeln. Höchstens, daß wir im Sommer mal die Jacke auszogen. Baden und schwimmen aber war mir große Freude. An sonstigem Sport wäre nur ein in Ratzeburg ziemlich häufig betriebenes, aber recht plumpes

Fußballspiel zu nennen. Ebenso kümmerlich war mein Zeichenunterricht, der sich fast nur auf das rein ornamentale Zeichnen mit Lineal und Zirkel beschränkte. Zeichnen nach der Natur ist mir leider immer fremd geblieben.

Die Musik in unserem Elternhaus

Die Musik ist wohl das köstlichste  Erbe, das wir aus dem Elternhause mitgenommen haben. Dafür können wir nicht dankbar genug sein. Wie viele Türen hat mir die Musik geöffnet, wie reich mein Leben gemacht im  Studentenleben und im Mannesalter. Wie viele liebe Menschen mir zugeführt. Unser Haus war der Musik geweiht, und in diesem Punkt wird auch Papa als der Vertreter der Musiktradition stark mitinteressiert gewesen  sein an unserer Ausbildung. Auch das Leben von Großvater Brachmann, dessen Tragik ja darin bestand, daß Großvater nie einen festen Beruf  hatte, war ja der Musik geweiht gewesen. Sein großer goldener Siegelring, der in meinem Besitz ist, zeigt eine Lyra und trägt die Unterschrift: Uni vita mea   (  Einem mein Leben ).Wir alle drei bekamen einen sehr guten Unterricht, so daß wir später überall mitmusizieren konnten. Uns und anderen zur Freude. Mein Unterricht begann bei Herrn Kleinpaul in der Behnstr./ Ecke Turnstraße. Er erteilte mir als Grundlage 3 Jahre lang Klavierunterricht. Das war 1888-1891.Ich habe dieser Grundlage zeitlebens nicht bereut. Als ich 10 Jahre alt wurde ( Nov 1891 ),kam ich als Geigenschüler in die strenge Lehre von Robert Bignell, der nun für die nächsten 10 Jahre bestimmend für mich wurde.

Damit  trat nun etwas ganz Neues in mein Leben, das mich schon durch tagtägliche Üben stark in Anspruch nahm, oft weit mehr, als mir lieb war. Robert Bignell war ein merkwürdiger Mann, damals noch sehr jung, recht international, Freimaurer, Belgier von Geburt, in Paris ausgebildet bei Leonard. Damals am Laube-Orchester am Millerntor, später Konzertmeister im philharmonischen Orchester in Hamburg. Leidenschaftlicher, durch und durch, ein strenger, aber auch erfolgreicher Lehrer, der auch unserer Familie ein Freund wurde, freilich in ganz anderer Weise als unser sonstiger Freundeskreis und von diesem auch immer streng geschieden. Zu ihm gehörten seine Frau Therese ,die gut sang, und deren 2 Schwestern Amalie ( von uns nur " Frl. Stiel "genannt ) , die Lehrerin war, und die mehr den gemeinsamen Haushalt besorgte, da Frau Bignell ebenfalls mit Gesangsstunden stark besetzt war.

Carl Lodders war wohl Bignells erster Schüler, ich der zweite. Bignell wohnte damals in der Neueburg , einer entfernten, häßlichen Straße an der Hamburger Grenze, später in der Goethestraße dicht neben uns. Seine Strenge machte mir kleinem anfangs viel Kummer. Um mir eine richtige Geigenhaltung beizubringen, band er mir, den linken Arm fest an den Leib, was sehr qualvoll war. Mit seiner jungen Frau sprach er oft Französisch ,was ich nicht verstand. Einmal sagte ich hinterher zu meiner Mutter: "Er sagt immer zu seiner Frau: Il pleure ! Was heißt das eigentlich?" Aber ich lernte was bei Bignell. Dazwischen war er wieder sehr lustig, tat mir allerhand zu Liebe und ging z.B. mit mir auf den " Hamburger Dom ". Manchmal, besonders wenn ich nicht genug geübt hatte, kriegte ich vor Angst Bauchschmerzen, so daß abgesagt wurde .Denn er konnte fürchterlich böse werden, wenns nicht klappte.

Aber eisern: Jede Stunde 1 Tonart: Tonleitern rauf und runter in mindestens 1. Stricharten, dann Etüden, z.B. die schweren Kreutzer-Etüden. Und zum Schluß der Stunde irgendein  Solostück, Sonate oder Konzert: Viotti, Spohr usw. bis hin zu Bach, Händel, Mozart und Beethoven. Manchmal wars so arg, daß ich keine Lust mehr hatte .Aber zum Glück hielt ich dann doch wieder durch. Einmal jährlich veranstaltete er in seiner Wohnung ein "Schülerkonzert", wo denn alle ihre Künste produzieren mußten. Für mich einer höchst unbeliebte Sache, obwohl ich wohl mit am besten abschnitt .Ich besinne mich, daß ich bei solcher Gelegenheit die Cavatine von Raff und die Romanze von Svendson spielen mußte. Ab 1894 etwa begannen die Quartettabende in unserem Hause, die nun Höhepunkte wurden. Zunächst waren es immer Streichquartette. Bignell; spielte 1.Violine, ich 2.Violine, ein  Collatz Bratsche und Papa Cello .Gespielt wurde meist, wenn kein Klavier benötigt wurde, in der Veranda an den schönen schwarzen, eigens gearbeiteten Notenpulten, die anfangs durch seitwärts angebrachte Kerzen erleuchtet wurden, später durch oben aufgeschraubte Petroleumlampen.

Das G-dur Quartett von Mozarts , No.21 war das erste, das ich gespielt habe, mit der schweren Fuge im letzten Satz, wo jeder unverdeckt sein Solo zu sagen hatte. Daneben erschienen fast gleichzeitig die "Kaiservariationen" von Haydn. Wie unzählige Male habe ich beide Quartette seitdem gespielt. Später, als auch Walther mitmachte und ich Bratsche zu spielen gelernt hatte, wurde Herr Collatz überflüssig. Und schließlich kam auch Irmgard schon als Klavierspielerin hinzu. Bis dahin saß ein Frl. Magda Sengerob am Klavier, die mitsamt ihrem unverheirateten Bruder Wilhelm Sengerob durch Bignell in unseren musikalischen Verkehrskreis rückte. Sie wohnten in der Königstraße gegenüber der Hoheschulstraße. Er war Hamburger Kaufmann , sie führte ihm den Haushalt, dichtete, malte und musizierte. Wir sind oft und gern auch in ihrem Hause gewesen. Schließlich gab es mal einen Krach zwischen Bignells und Sengerobs. Ob wir mitbetroffen wurden? Ich glaube nein . Aber diese musikalische Konstellation war eben dahin. Ich erinnere mich aber, auch solo mit ihr musiziert zu haben ( Sonaten ) .Bei diesen Quartettabenden lernten wir im Laufe der Jahre fast alle Quartette Mozarts, Haydns, Beethovens, Schuberts kennen. Daher stammt auch der große Reichtum an Quartett-Noten den ich heute besitze.

Übrigens wurde auch in den allerfrühesten Zeiten schon Hausmusik bei uns getrieben, als Bignell noch gar nicht in Erscheinung getreten war und wir Kinder noch viel zu klein waren, um daran teilzunehmen. Es wurden Klavier-Trios gespielt, vermutlich von Onkel Friedel (Geige), Papa ( Cello ) und, ..( Klavier ) , daher stammen die vielen Trio-Noten. Denn später haben wir selten Trios gespielt. Unsere musikalische Tätigkeit wuchs " ins Große ", als Bignell seinen " Altonaer Streichorchester-Verein " gründete, der großes leistete und Walther und mir unvergeßliche Erlebnisse brachte, außerdem uns viele Symphonien kennen lehrte. Walther spielt1.Geige, ich Bratsche. Wir Vereinsmitglieder waren nur Dilettanten und nur Streicher. Bei allen Übungsabenden wurden die fehlenden Bläser durch Klavierauszug ersetzt, der vierhändig von Frau Bignell und Frau Jacoby gespielt wurde. Für alle Konzerte aber traten die Bläser usw. der Philharmonie als Berufsmusiker ein. Jedes Mal brachte Bignell irgendeinen berühmten Solisten, den wir so aus nächster Nähe kennen lernten als Musiker, nach dem Konzert stets auch als Menschen. 

Da kamen unter anderen: Henri Marteau ( öfter ! ), Max Reger, Busoni. Ihre Konzerte durften wir begleiten, und sie waren mit uns zufrieden. Das waren musikalisch reiche Jahre. Durch Bignell kamen wir in den musikalischen Gesellschaftskreis der reichen Frau Elisabeth Jacoby, Bignells edler Mäzenatin. Sie lud uns oft zu einer Soiree oder Matinee ein, wo entweder Bignell mit anderen Hamburger Künstlern musizierte und Frau Bignell sang,  oder auch Kanonen wie Reger und Marteau privatim auftraten. So haben wir denn nicht nur schönste Musik genossen, sondern auch mit Marteau und Reger am selben Tisch gesessen, gegessen und getrunken, nebenbei auch gesehen, wie unheimlich viel Reger zu trinken pflegte und : Wie ungeniert er es tat. Das waren reiche, interessante Abende. Frau Jacoby, die Gastgeberin, eine Jüdin, war sehr reich und konnte sich solch edlen Luxus leisten. Sie wohnte in der Klopstockstraße gegenüber der Christianskirche.

Als Student und Kandidat habe ich nur noch gelegentlich bei Bignell Unterricht genommen. Und dann kam bald sein tragisches Ende. Aber auch innerhalb der eigenen Familie hatten wir ja stets ein Klavierquartett beisammen, ein Reichtum, den selten eine Familie aufzuweisen hat. Freilich war Papa nicht ganz leicht dazu zu bewegen, wenn der Bignell'sche Antrieb fehlte, und je älter er wurde, um. so. schwerer war es .Und eines Tages in der schlimmen Inflationszeit  verkaufte er sein Cell0 , ich glaube nach Dänemark, um wertbeständige  Valuta in die Hände zu bekommen. Damit war dieser Zauber hin ! Wie schön wäre es auch für die Enkelkinder gewesen, wenn einem von ihnen dies schöne Erbstück zuteil geworden wäre! Gewiß : Papa hatte  tragischerweise seinen unter Aufbietung aller Kräfte sauer erarbeiteten soliden Wohlstand verloren durch die Ereignisse 14 / 18 und die Folgejahre. 

Leider hatte er auch seinen wertbeständigen Besitz, sein Haus, verkauft, den Erlös als Kriegsanleihe gezeichnet und “so“ verloren. So fühlte er, der alte Mann, sich ratlos wieder an den Anfang zurückversetzt und gelangte zu solchen Verzweiflungsschritten wie Cello-Verkauf u.ä.  Die Angst war übertrieben. Freilich hat der liebe Papa noch 1 volles Jahrzehnt in seinem Alter weiter arbeiten müssen, wobei noch sehr die Frage ist, ob er wirklich bei sorgloser Lage früher aufgehört hätte. Not gelitten haben die Eltern nie. Sie hatten ja auch die große Gnade erlebt, daß der Krieg 14 / 18 ihnen  niemanden der Ihren entrissen hatte. Diese erneute Abschweifung bewirkte der Cello-Verkauf.  Noch ein paar musikalische Anmerkungen: Walther besaß eine sehr wertvolle Geige, während mein Prunkstück meine herrliche, alte Bratsche war  Eine andere musikalische Erinnerung, die nicht vergessen sein soll, Papa besaß einen alten prächtigen Studienfreund Medizinalrat Dr. Axel Wilhelmi, Physikus in Schwerin ( Bruder des Hamburger Hauptpastors an St. Jakobi }. Dieser spielte glänzend Cello.2 mal waren Walther und ich seine Gäste in Schwerin. Seine heitere, liebenswerte Tochter kam als Nr.4 hinzu. Da ging dann Erstaunliches vor sich: Vom frühen Morgen bis zum späten Abend wurde ziemlich ohne Unterbrechung musiziert, ca.2o Quartette pro Tag ! Die Menschen blieben auf der Straße stehen und lauschten oder meinten, wir seien verrückt geworden.

Weihnachten und Silvester.

Der "Weihnachtsmann" ist, soweit ich mich erinnere, nur 1mal bei uns ,- erschienen:  Der Weihnachtsabend ging traditionsgemäß folgendermaßen vor sich:  Der "Saal" war als Weihnachtszimmer eingerichtet, manchmal allerdings auch das Eßzimmer, wobei dann der Baum und die Krippe in der anschließenden Veranda ihren Platz fanden. Wir hatten stets große Bäume, die auf dem Fußboden standen und fast bis an die Decke reichten. Geschmückt wurde immer am 23. Dez. abends,  in unserer eigentlichen ,Kinderzeit selbstverständlich ohne uns, später durften wir mithelfen! Als wir Kinder waren, hing allerlei Süßes am Baum, und es kostete große Überwindung, nicht davon zu naschen. Es galt doch als Ehrensache, den beliebten Tag des "Plünderns" abzuwarten. Vielfach stellten wir, auch aus rosa Seidenpapier schöne Rosen und aus weißem Pergamentpapier Lilien her, die zum Baumschmuck dienten .Reichlich Kerzen, "Schnee" und Lametta.  

Für zu bunten Zierat wie Kugeln usw. waren wir nicht. lm Laufe der langen Jahre haben die Arten des Schmucks natürlich gewechselt, aber es wurde stets darauf gehalten, daß es schlicht und nicht überladen war. Zum Weihnachtsbaum unserer Kinderzeit gehörte  unbedingt der Engelreigen an der Spitze, der uns immer große Freude machte, wenn er sich lustig drehte. Auf einem Tisch neben dem Baumstand gewöhnlich unsre liebe Krippe mit reichlichem Personal: Heilige Familie, Hirten, Ochs Esel, Schafe, dazu die " hl.3 Könige " mit Pferd, Kamel usw. Leider waren die Figuren nicht stabil, sondern aus sehr zerbrechlichem Stoff, so daß sie im Laufe der Zeit sich immer mehr verringerten. Am Dach des Stalles hingen kleine Engelchen aus Wachs mit roten "Badehöschen". Letztere deutete ich als winziger Bub verkehrt, wurde von tiefem Mitleid gepackt und meinte, die Engelchen müßten doch schleunigst gepudert werden, da sie so wund seien. Wir versammelten uns feierlich im Nebenzimmer.

Zunächst sangen wir  meist 3 Strophen von " Vom Himmel hoch "  dann las Mama das Weihnachtsevangelium. Danach verschwand Papa - das Amt versah er doch stets , ich glaube sogar gern - und steckte nebenan die Kerzen an. Wenn alles  bereit war, setzte er sich ans Klavier und intonierte von neuem .Das war das von uns Kindern sehnlichst erwartete Signal, und unter dem Gesang " Des laßt uns alle fröhlich sein und mit den Hirten gehen hinein " gingen auch wir nun " hinein " in die Stube mit all den von Kinderherzen ersehnten Herrlichkeiten. Ein bestimmtes Weihnachtsessen kannten wir nicht. Weihnachtskarpfen  erschienen nur ganz selten, waren auch bei uns nicht sonderlich  beliebt. Dagegen erschien wohl meist ein feiner, selbstbereiteter Heringssalat. Süßigkeiten und Kuchen gab es reichlich, jeder hatte auf seinem Weihnachtstisch einen Teller davon stehen, der bald leer war, aber erfreulicherweise sich immer wieder füllte. Zur Tradition des folgenden 1.Weihnachtstages gehörte es, daß wir Kinder, gewöhnlich schon im Anschluß an den Weihnachtsgottesdienst, zu Wagners gingen und diese wiederum zu uns kamen " zur gegenseitigen Besichtigung " der Weihnachtsstube. Das geschah mit größter Selbstverständlichkeit , ja einer gewissen Feierlichkeit. Auch dabei gabs natürlich allerlei Süßes. Die Weihnachtsabende pflegte man in den verschiedenen Freundeshäusern gemeinsam zu verleben. 

Auch der Silvesterabend wurde regelmäßig gemeinsam begangen und bildet für mich eine der deutlichsten und schönsten Erinnerungen. Auch er hatte seine Tradition, ernste wie heitere. Der größte Teil des Abends galt der heiteren Seite. Es wurde Gutes an Essen und Trinken geboten: Es gab entweder die bekannten " Berliner Pfannkuchen gefüllt " oder besonders bei Mama die feinen baltischen " Piroggen ". Getrunken wurde Bowle oder Wein Es wurden lustige Spiele gemacht, manchmal sogar Blei gegossen, aber ohne jeden Aberglauben, wie ich es wohl bei anderen Leuten erlebte, heitere Geschichten gelesen, Knallbonbons verknallt , " Vielliebchen " gegessen ( Mandeln mit doppeltem Kern, die 2 gemeinsam aßen unter irgendeiner Wette ) , auch viel schöne Volks- und Studentenlieder gesungen. Dabei war dann auch Papa völlig gelöst und fröhlich.

In solchen seltenen frohen Stunden war es ihm selbstverständlich, sich ans Klavier zu setzen und ein Lied nach dem anderen zu spielen und unseren Gesang zu begleiten. Darin lag seine ganz besondere Begabung, dies aus dem Stegreif zu können, nie nach Noten. Ich habe dies wohl von ihm geerbt .Als junger Mann hatte   er sogar einige Liedchen komponiert , wie sein eigener musikbegeisterter Vater. Wenn es dann aber 5 Minuten vor 12 war, dann wurde alles ganz still. Jeder schwieg und erwartete mit äußerer und  innerer Spannung die 12 Schläge von den Kirchtürmen und das danach beginnende feierliche Glockengeläut. Dann saß Papa von neuem am Klavier und intonierte nach alter Gewohnheit : " Ach bleib mit deiner Gnade " .Wir sangen alle Strophen. Danach begrüßte jeder jeden und  sagte ihm seine Wünsche fürs neue Jahr. Das geschah ernst und feierlich. Gewöhnlich ging man dann bald nach Hause, manchmal aber blieb man noch  1 Stündchen beisammen.

Wir hatten. das große Glück unsere liebe väterliche Großmutter Marie geb. Brutzer, bis in ihr 93.Jahr bei uns zu haben, d.h. in nächster Nähe in Bergedorf. Daher habe auch ich die allerdeutlichste Erinnerung an sie bewahrt und will niederschreiben, was mir über Sie und die ihr zugehörigen Brutzer noch gegenwärtig ist. Sie war 1823 in Livland geboren und starb 1915 in Bergedorf. Großvater Brachmann, der nach langen Irrfahrten schließlich' in Heldrungen bei seinem Sohne Konrad, der dort Pfarrer war, wohnte, starb wie dieser dort im Jahre 1892. An ihn erinnere ich mich ganz schwach. Ich meine, er habe uns in Altona besucht und ich habe auf seinen Knien geritten. Großmutter zog nach Großvaters Tode zu ihren Brutzer - Geschwistern nach Lübeck. Der blinde Onkel Ernst Brutzer ( geb.  1836 ) war mit seinen ebenso invaliden Geschwistern Tante Sophie und Tante Gustchen und seinen 3 Neffen Gustaf, Friedrich und Alexander von Riga nach Lübeck ausgewandert und gab diesen letzteren auf dem Lübecker Katharineum ihre gute deutsche Schulausbildung.

Es ist ein wundervolles Opfer, das er, der blinde, alte, selbst hilflose Junggeselle für seine elternlosen Neffen brachte. Sie wohnten in der Gartenstr.20,  wo ich oft gewesen bin. Ich war mit Alexander gleichaltrig, der übrigens eigentlich mein Onkel war, Gustav und Friedrich waren wenige Jahre älter. Unsere Großmutter zog also nach Lübeck und hatte bei sich die Kinder ihres ebenfalls eben verstorbenen Sohnes Konrad: Gertrud, Lisbeth und Konrad, letzterer ebenfalls in meinem Alter. Sie wohnte nicht bei Brutzers, sondern nicht weit entfernt in der selben Vorstadt : Charlottenstraße. Später zog sie zu Onkel Friedel, ihrem jüngsten Sohn, bei dem sie bis an ihr Lebensende geblieben ist, zuerst in Hamburg, dann lange Zeit in Bergedorf. Dort haben wir sie sehr oft besucht, auch unsere 2 ältesten Kinder haben sie noch kennengelernt. Dort haben wir still und froh und dankbar mit ihr noch den 90. Geburtstag gefeiert und sie durch Musik erfreut. Sie hatte etwas ausgesprochen Liebevolles und Gütiges in ihrem Wesen, daneben etwas stark Aristokratisches im besten Sinne. Ihre schlichte, tiefe Frömmigkeit ergriff uns alle. Man begegnete ihr wohl in großer Ehrfurcht - ich weiß, sie war die einzige, die wir mit Handkuß zu begrüßen pflegten - aber doch ohne die geringste Scheu. Musik liebte sie über alles. Sie war auch sehr gesprächig und erzählte gern aus der Vergangenheit. Bei ihrem Tode hinterließ Großmutter 40 Enkel und Urenkel. Hätten wir doch mehr gefragt. Aber damals war mein Sinn für Familiengeschichte noch völlig unterentwickelt.

Ich durfte oft in den Ferien zu Brutzers nach Lübeck fahren und war dort sehr gern. Ich besinne mich nicht nur bestens auf meine 3 fast gleichaltrigen Vettern ( eigentlich : Onkel ) , sondern auch auf das rührende alte Invalidentrio. Besonders den alten, blinden Onkel Ernst verehrte und liebte ich, und er war stets sehr gütig zu mir, und behandelte mich eigentlich als viel zu erwachsen, der ich doch noch ein richtiger Junge war. Seine echt baltische Ritterlichkeit und sein mir sehr sympathischer baltischer Dialekt sind mir in lieber Erinnerung. Noch höre ich den Alten ganz ernsthaft und scharf dialektisch zu mir dummen Bengel sagen: " Darf ich dir eine Tee-Abend-Zigarette offerieren? " Er besaß eine Schreibmaschine, damals eine Seltenheit, auf der ich meine ersten begeisterten Versuche machte und stolze Briefe schrieb. Viele Bücher besaß er in Blindenschrift, die er mit feinstem Tastgefühl las .Ich mußte den blinden Onkel sonntags oft in die wundervolle Marienkirche begleiten. Das hatte aber eine Begleiterscheinung, die mir höchst peinlich war: Beim Gemeindegesang mußte ich ihm nach jeder Zeile während der jedesmaligen Fermate - die folgende Zeile laut vorlesen, so daß alle in der Nähe sitzenden es deutlich vernahmen.

Die Höhe der Lübecker Erinnerungen: Der herrliche Ferienaufenthalt  in Israelsdorf b. Lübeck, wo unsere liebe Großmutter ein ganzes Haus gemietet hatte und mit mindestens 10-12 Enkeln, Neffen und Nichten einige Wochen zubrachte. Dort lernte ich auch die älteren  Brutzer - Kinder kennen: Karl ,Willy Arthur ,Ernst. Der letztere, damals  cand. theol., später Missionar in Ostafrika, zuletzt Pastor in Braunschweig, hielt morgens und abends eine Andacht. Morgens für uns alle, abends nur für die Erwachsenen, während für uns 3 jüngsten, Alexander, Konrad und mich Großmutter selbst eine eigene Andacht vorweg hielt, so gegen 8 Uhr. Dabei passierte folgendes Erlebnis, das ich nie vergessen werde: Großmutter las zu Anfang: Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es ruht die ganze Welt .Da unterbrach sie sich, schaute aus dem Fenster, merkte,  daß dies ja eigentlich nicht stimme, und sagte: jetzt noch nicht, aber bald. Das war so komisch, daß wir 3 Enkels alle schrecklich lachten, worauf Großmutter sofort die Andacht abbrach, uns so ins Bett schickte und tagelang sehr böse war.

Wir 3 stromerten meist allein herum. Unser Lieblingsaufenthalt war eine kleine Anlegebrücke an der Trave. Wir führten ein richtiges Register der dort ein- und auslaufenden Schiffe und spielten daneben in einem dort liegenden kleinen Kahn, bis eines Tages dieser umkippte und ich kopfüber ins Wasser purzelte. Zwar wurde ich schnell wieder herausgezogen, aber nun war guter Rat teuer. Denn es sollte ja zu Hause niemand merken. Ich wurde also in den dicksten Wald geschleppt, entkleidet und meine Kleider mit  Gras ausgestopft zum Trocknen in der Sonne ausgelegt. Nach einiger Zeit wagten wir den Heimweg, und tatsächlich es hat niemand gemerkt. Base Sonny verherrlichte dies Erlebnis später auf meinem Polterabend, durch wunderbare Bilder und Verse.

Ich suche noch nach äußeren Ereignissen der 90er Jahre. Viele sind sicher meinem Gedächtnis entschwunden, viele werden mir sicher gelegentlich wieder einfallen. Im Augenblick wollen wir nur noch 2 einfallen: Irgendein reicher Gönner verschaffte mir bei dem Kaisermanöver einen wundervollen Tribünenplatz für die große Kaiserparade in Bahrenfeld. Das war ein glänzendes Bild, das da vor meinen Augen abrollte. Mit am meisten imponierten mir die kunstvollen Armbewegung der Tambourmajore zu Fuß und vor allem zu Pferde. Das zweite ist eine herrliche Reise, die wir mit ganzer Familie an Rhein und Mosel machten. Wir wohnten wochenlang in Brodenbach an der Mosel, nicht weit von Koblenz entfernt. Von dort aus machten wir viele schöne Ausflüge moselaufwärts. Besonders denke ich an die mitten im tiefsten Wald versteckte alte Burg Eltz. Auch den Rhein sah ich bei dieser Gelegenheit zum 1. Mal, und der aller erste Eindruck war eine große Enttäuschung über das schmutziggelbe Wasser des Stromes. Als wir dann aber die Fahrt zu Schiff machten, von Bingen abwärts bis ungefähr nach Köln, da war ich natürlich restlos begeistert über die Schönheit gerade dieser Strecke mit den vielen Burgen usw. In welchem Jahre diese Reise stattfand, weiß ich nicht genau zu sagen. Bevor ich nun endgültig die Zeit verlasse, in der ich dauernd im Elternhause meine Kindheit verlebte, und mich der Militär- und Studentenzeit zuwende, richte ich noch mal einen Blick zurück auf diese Zeit, auf dies Haus und auf die Eltern.

Ich habe versucht, von Elternhaus, von den Eltern und unserem Verhältnis zu ihnen ein mosaikartiges Bild zu geben, so wie ich es alles jetzt als alter Mann beim Rückblick auf meine Kindheit im Geiste sehe. Ob es sich zu einem Gesamtbild zusammenschließt?  und ob dies Bild richtig ist?  Ob meine Geschwister mir zustimmen? Meinen Bruder kann ich nicht mehr befragen. Was wird meine Schwester dazu sagen? Sieht sie vieles ganz anders? Das alles sind Fragen, die ich nicht beantworten kann. Darf ich zum Schluß die Frage stellen nach dem Verhältnis der Eltern zu einander? Ich will versuchen, es als Sohn in kindlich schlichter Form zusammenzufassen in 1 Satz: Sie haben einander unendlich lieb gehabt und haben sich trotzdem, ohne es zu wollen, das Leben bitter schwer gemacht. Sie waren Menschen wie wir. Aber das weiß ich, daß ich ihnen beiden vieles abzubitten habe und daß ich ihrer in tiefer Dankbarkeit gedenke, wenn ich an dem stillen Grab in Nienstedten stehe, in dem nun auch meine eigene Tochter ruht.

Meine Militärzeit 1900 / 1.

An dies Jahr denke ich ungern zurück. In ihm habe ich nicht das geleistet, was von mir erwartet wurde. Oder war es in Bezug auf den kommenden Krieg 14 / 18 ein gütiges Geschick, daß ich es nicht leistete?  Das ganze Jahr war inhaltlich unschön und im Grunde mir ganz wesensfremd, insbesondere auch hinsichtlich meines pseudo-studentischen Daseins. Nachträglich habe ich mich oft gefragt: Wie konnte ich mir nur gerade das 3.Batl. des InfReg. 85 in Kiel aussuchen? Ich habe ja gar nicht gesucht, sondern mich einfach schleppen lassen. Eine Universitätsstadt sollte es ja sein, damit ich formell immatrikuliert sein konnte. Mein Freund Delfs keilte mich für Kiel, einfach weil er mit mir durchaus der Burschenschaft  Teutonia beitreten wollte, der sein älterer Bruder angehörte. Er selbst wurde aber keineswegs Soldat. Ein anderer Schulfreund, Adolf Titze,  zog in derselben Richtung, nämlich Kiel, nur daß er mit mir in Kiel Soldat werden wollte, keineswegs aber Teutone werden wollte. So wurde ich von 2 Seiten. aber aus 2 verschiedenen Gründen nach Kiel gezogen. Ich ließ mich bereitwillig überreden, ihnen zu folgen, da es allerdings meinem Wunsch entsprach, gleich nach dem Abitur meiner Dienstpflicht zu genügen. Mitte März 1900 fuhr ich als mulus einen Tag nach Kiel, um mich dort militärisch zu stellen und untersuchen zu lassen. Ich wurde für tauglich befunden und zum 1.4. 00  angenommen. Aber siehe da ! Zufällig war natürlich an dem Abend gerade eine Keilkneipe der Teutonia.

Ich wurde gehörig eingeseift und als ich am nächsten Morgen aus meinem Rausch erwachte, - man hatte mich " ohne mein zutun " für die Nacht auf einem der Zimmer abgeladen- trug ich das Couleurband der Teutonen. Ich hatte ja wohl in mehr oder weniger unzurechnungsfähigem Zustand ja gesagt. Offen gesagt: Ich bereute es aber nicht, denn im Grunde war ich trotz wingolfitischer Tradition dazu entschlossen gewesen. Als ich nach Altona zurückkehrte und von meinem Eintritt in die Burschenschaft erzählte, natürlich ohne die Begleitumstände, da nahmen meine Eltern davon einfach Notiz, ohne etwas dagegen zu sagen. Das  hätte auch ganz dem Wesen meines Vaters widersprochen. Der 1.4.00 kam, und ich wurde Soldat. Recht verkatert trat ich an, denn am 31.3. war wieder mal zufällig eine saftige Ferienkneipe. Ich wurde eingekleidet und der 9.Kompanie überwiesen,  in der ich als großer Kerl so ziemlich rechter Flügelmann wurde. Ich hatte ein privates Zimmer in der Stadt, aber die ersten 10 Tage mußten wir alle in der Kaserne kampieren, da wir uns noch nicht auf der Straße benehmen konnten. Nur zu den Mahlzeiten durften wir in ein gegenüberliegendes, ziemlich minderwertiges Lokal gehen, da wir als Einjährige ja nicht verpflegt wurden.

Wir hatten, das war die passive Seite des Einjährigenjahres -Unterkunft, Verpflegung, Uniformen usw. selbst zu bezahlen. Es herrschte ein rauher Ton und es kam mir doch merkwürdig vor, wenn wir morgens gegen 5 vom U.v.D. aus den Betten geworfen wurden mit den liebenswürdigen Worten: Seid ihr noch nicht raus ihr Schweine? Aber auch daran gewöhnte man sich, und diese 10 Tage gingen ja auch vorüber. Unter den Stubenkameraden fand ich mich schnell zurecht. Sie kamen mir freundlich entgegen. Einer wurde mein " Putzer ".Das war so üblich und wurde auch von den Kameraden für 10 M monatlich gern übernommen. Dieser Putzer hatte dafür zu sorgen, daß meine Plünnen zum Dienst stets sauber und in Ordnung waren und die langschäftigen blank und vor allem die größte Anfechtung der damaligen Soldaten: Die blanken goldenen Knöpfe, mit denen man am leichtesten auffiel!  Sonst blühte sofort Strafexerzieren. 6 Wochen wurden die Einjährigen gesondert unter einem Leutnant ausgebildet. Wir wurden tüchtig geschliffen. Erst 1 Stunde Instruktion, dann 3 St. Exerzieren ,unterbrochen durch eine Viertelstunde Pause, die stets inbrünstig herbeigesehnt wurde mit Blicken auf die Kasernenhofuhr. Dann gings eiligst in die Kantine, wo man zu einem Stück Brot eine " Weiße mit Nasbluten " trank. Nach dem Exerzieren gings zum Mittagessen. Nachmittags war wieder 2 - 3 St. Exerzieren oder Turnen, danach Gewehrreinigen und Putzen. Sobald die Karenzzeit der 10 Tage vorüber war, brauchten wir nur zum Dienst zu erscheinen, konnten aber nach Beendigung des Dienstes sofort verschwinden und waren dann unsere eigenen Herrn bis zum nächsten Morgen. Mittag -und Abendessen nahmen wir in den verschiedensten Lokalen ein, gewöhnlich ja mit Kameraden zusammen. Als wir in Freizeit gesetzt wurden, waren uns zunächst die zahllosen Uniformen in Kiel sinnverwirrend und angsterregend .

Wir hatten unbändige Ehrfurcht vor jedem " Vorgesetzten ". Ich weiß noch, wie ich in den ersten Tagen strammstand vor einem Post- oder Gerichtsbeamten,  Es gab wirklich reichlich viele militärische Uniformen in Kiel. Vor allem die Uniformen der Marine mit all ihren Einzelzweigen, dann das urfeudale Seebataillon und dann wir mißachteten 85er. Ja, wir waren wirklich die mißachteten, denen z.B. der gesamte Wach- und Postendienst aufgebürdet wurde. Vor dem kgl. Schloß ( Prinz Heinrich ! ), auf den Werften und im gesamten Hafengebiet ( besonders die nicht ungefährlichen Wachtposten daselbst mit geladenem Gewehr ),  im Arrestlokal usw. Das verlangte so viele Mannschaften, daß täglich fast 1 ganze Kompanie auf Wache war. Die wenigen Übrigbleibenden mußten Arbeitsdienst  machen. Da wir keinen Arbeitsdienst mitmachten, schickte man uns natürlich möglichst viel auf Wache. Ich glaube, ich hatte etwa 3 mal das Vergnügen. Aber mir war das nicht unangenehm. Man zog entweder von 1 Uhr bis 1 Uhr 24 Stunden auf Wache oder nur als Nachtposten von 7 bis 7 Uhr.  Das letztere war für die Einjährigen bequemer, da wir dann ja die übrige Zeit frei waren. Das Essen in den feinen Lokalen war ja ganz nett, ging aber keineswegs ungestört vonstatten, denn es war absolutes Erfordernis, daß man jeden Vorgesetzten durch Aufstehen begrüßen mußte, auch mitten während des Essens mit vollem Munde. Sehr bald besaß jeder seine teure Extra-Uniform, fabelhaften grauen Offiziersmantel, die meisten auch Helm, Koppel und Seitengewehr ( ich nicht ).

Daß wir stets mit weißen Lederhandschuhen zu gehen hatten, war selbstverständlich. Die berühmte " Kieler Woche" im Sommer war für uns höchst unbequem und anstrengend. Es wimmelte ja von Majestäten und Fürstlichkeiten aus In-und Ausland. Wir hatten dann dauernd Helm zu tragen, und die damalige strenge Sitte des " Frontmachens "war höchst lästig, und wehe, wenn man nicht aufpaßte. Und auch sonst- das fast unausgesetzte Grüßen auf den belebten Hauptstraßen ! Dabei hatte ich besonders Pech. Ich trug im Dienst eine Brille, außerhalb des Dienstes einen Kneifer, wie das damals für einen jungen Menschen Brauch war -Brille galt als spießig. Kneifer war aber nur außer Dienst gestattet und das auch nur mit der schrulligen Einschränkung, daß der Kneifer bei jedem Gruß schleunigst abgenommen wurde. Wie viele Gläser habe ich bei der Gelegenheit entzwei geworfen. Dann wurde man mal wieder dickfellig und nahm den Kneifer nicht ab und ließ es " drauf ankommen " . Aber dann gings los: " Einjähriger ! Kommen Sie mal her. Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, mit Kneifer zu grüßen? "  "Zu Befehl, Herr Oberleutnant " "Wollen Sie sich gefälligst danach richten?" "Zu Befehl, Herr Oberleutnant ! "

Das Manöver kam, recht anstrengend. Für mich wurde es eine große  Blamage. Ich lief mir leider gründlich die Füße durch, und nach ein paar Tagen machte ich bei einem " Sturmangriff " nach einem langen Marsch schlapp. Sehr peinlich. Man brachte mich auf einen Hof, traktierte mich mit Cognacs usw. und schaffte mich leider schleunigst  mit anderen Kranken nach Kiel zurück. Von da an hatte ich eigentlich ausgespielt, jedenfalls sank mein Ansehen. Bis dahin hatte ich am Offiziersunterricht teilgenommen für die angehenden Reserve-Offiziere. Abgesehen von dem peinlichen Manöver hatte ich wohl in diesem Unterricht meine schriftlichen Hausaufgaben nachlässig gemacht, außerdem gehörte ich wegen meiner schlechten Augen zur 2.Schießklasse. Kurz und gut: Eines Tages wurde ich ausgeschifft. Das ging mir anfangs doch sehr gegen die Ehre, und ich versuchte es noch abzuwenden. Aber es blieb doch dabei. Der äußere Erfolg war, daß ich nicht zu Weihnachten Gefreiter und beim Abgang Unteroffizier wurde, sondern beim Abgang erst Gefreiter. Ein anderer Erfolg war, daß man mir auch Aufgaben gab, von denen Einjährige sonst frei waren: Einen ganzen Monat hindurch war ich Befehlsordonnanz , d.h. ich hatte am Vormittag von einer mil. Dienststelle zur anderen zu laufen, Befehle zu bringen und zu holen. Merkwürdigerweise war mir dies inzwischen aber völlig gleichgültig geworden.

Ich empfand das Ordonnanzsein sogar als angenehmen "Druckpunkt ", nutzte es redlich aus, indem ich weite Umwege machte, auf dem Teutonenhaus erst mal einen kleinen Frühschoppen machte usw. Es ging immer gut. Ich liebte die Militärmusik und lernte auch ihren faszinierenden Einfluß kennen: Mochte man halbtot von einem anstrengenden  Marsch zurückkehren mit schweren Gepäck bei blödester Hitze, es war stets die gleiche Erfahrung: Wenn am Stadtrand die Blasmusik wartete und sich mit klingendem Spiel an die Spitze setzte, dann war alle Müdigkeit vergessen und man machte sogar am Schluß auf dem harten Straßen- pflaster vor dem Kommandeur einen mehr oder weniger strammen Vorbeimarsch. Einige Einzelerlebnisse fallen mir ein. Häufig stand ich Posten vor dem kgl. Schloß. Vor dem eigentlichen Schloßgebäude stand bei Tage ein Doppelposten. Da gabs aufzupassen. Sobald nur der Kinderwagen erschien mit dem kleinen Prinzenbaby ,mußte der Doppelposten präsentieren. Das kam nicht selten vor. Nachts dagegen war der Schloßpark geschlossen und draußen vor dem äußeren Portal stand 1 Wachtposten an der offenen Straße. Wie oft habe ich da nachts von  1 -  3 oder von  3 – 5  Uhr einen verzweifelten Kampf gegen die Müdigkeit gekämpft. Aber es standen ja die schwersten Strafen auf Einschlafen. Und man mußte ja höllisch aufpassen, denn fast jede Nacht erschien zu irgendeiner Zeit der Ronde-Offizier. Dann mußte durch Klingelzeichen die ganze Wache herausgerufen werden, so rechtzeitig, daß sie beim Erscheinen der Ronde unter Gewehr stand.

Man mußte also den Rondeoffizier in der Dunkelheit rechtzeitig erkennen, daran, daß er Helm trug und umgeschnallt hatte. Oder man wußte ,Prinz Heinrich ist "aus " und kehrt heute nacht mit Wagen zurück. Also aufgepaßt in den 3 einmündenden Straßen. Und wenn nun ein Hofwagen kam,  sitzt nun der Prinz drin oder nicht ?  Es wäre doch unerhört, wenn ich die Wache herausriefe und sie stände mit präsentiertem Gewehr und es führe dann ein leerer Wagen ein !  Alles hat seine Weisheit .Wenn der Kutscher die breite silberne Tresse mit schwarzem Adlern trug, dann war eine Kgl. Hoheit drin. Aber das erkenne man in stockfinstrer Nacht. Oder lieben Bundesbrüder wußten, daß man Posten stand und erschienen ,recht ~;f:~: angeheitert ,etwa zwischen 1-3 Uhr, um einen zu belämmern und anzuöden. Das geht nicht leise ab, und wie leicht merkt es der Wachhabende drin, wenn er nicht schläft. Oder es  käme etwa in diesem Augenblick gerade die Ronde ! Aber es ging immer gut.

Noch eine niedliche Geschichte, bezeichnend für damaligen Brauch. Eine marschierende Truppe, die von einem Nichtoffizier geführt wurde erwies zwar innerhalb der Stadt jedem Offizier Ehrenbezeugung durch “  Augenrechts  “ , außerhalb der Stadt aber geschah nichts anderes als daß der Abteilungsführer dem Vorgesetzten Meldung machte. Ich führte also eines Tages eine Abteilung Soldaten zum Schießstand, da sichtete ich einen Hofwagen und siehe da ! der Kutscher mit breiter Adlertresse. Also saß eine Kgl. Hoheit drin. Ich trat an den Wagen heran, der langsam fuhr. Drin saß der 2jährige Prinz mit seiner Gouver nante. Ich stammelte pflichtschuldigst : " 20 Mann 9.Komp.InfRegt 85 " auf dem Wege zum Schießstand ! "Die Gouvernante lächelte huldvoll ! und nickte dankend, und unter dem Grienen meiner Männer setzten wir beiderseits unseren weg fort. Wehe aber, wenn ich die Meldung nicht gemacht hätte. Dann hätte die Gouvernante sie vermutlich gemacht.  

Oft ging ich abends aufs Teutonenhaus, obwohl ich zu nichts verpflichtet war. Und ich muß gestehen: Fast immer ohne Urlaub ! Ich war darin eben gleichgültig und ließ es darauf ankommen. Manchmal ging mein Leichtsinn so weit, daß ich einfach einen Zivilmantel über die Uniform zog, ohne Rücksicht zu nehmen auf die unten sichtbare Hose mit roter Biese. Meist ging ich wohl ganz in Zivil oder ich riskierte es, in voller Uniform zu gehen. Auf dem Teutonenhaus traf ich zwar oft Offiziere, aber ich verließ mich auf' deren Höflichkeit und hoffte, sie würden mich dort nicht gerade nach meinem Urlaub fragen. Sie habens auch nie getan, und so gings immer gut .Einmal allerdings wäre es beinahe schief gegangen. Am späten Abend war ein Unteroffizier in meiner Wohnung erschienen, um zu kontrollieren, ob ich da sei. Und ich war nicht da !  Es gab einen Mordskrach. Ich weiß nicht mehr, wie ich den Mann dazu bewog, von einer Meldung abzusehen. Jedefal1s blieb ich vor 3 Tagen Kasten bewahrt.

Im Laufe des Winters war ich doch bei ernster Überlegung - soviel Selbstkritik hatte ich bewahrt - immer mehr zur Überzeugung gekommen, daß ich traditionsgemäß und gesinnungsgemäß nicht in die Burschenschaft passe. Ich war ja auch nur durch den starken Druck von Wilhelm Delfs dahinein gestolpert. Den Duellstandpunkt konnte ich ehrlicherweise nicht teilen. Ferner wurde sehr stark getrunken, und mit sittlicher Sauberkeit war es bei vielen schlecht bestellt. Deswegen machte ich nach dem Semester, als ich nach Altona zurückgekehrt war, Schluß und erbat meinen Austritt, der mir auch gewährt wurde. Es erregte natürlich heftigen Unwillen, und meine bisherigen Freunde zogen den Trennungsstrich. Einige Wochen danach  trat ich in Bonn dem Wingolf bei. Denn dahin gehörte ich. Mit einem moralischen Kater kehrte ich am 1.4.1901 ins Elternhaus zurück aus diesem recht verfehlten Jahre.

Studentenjahre 1901- 05

An sie denke ich mit um so größerer Freude und Dankbarkeit zurück, besonders wegen der vielen lieben Menschen, die sie mir im Laufe der Jahre zuführte, mit denen ich z.T. noch heute in meinem Alter brieflich verkehre. Ich zog ins schöne Bonn und gelangte so mitten in den Frühling. Da ein gebranntes Kind das Feuer scheut, war ich fest entschlossen,  keiner Studentenverbindung wieder beizutreten. Aber das Alleinsein wurde mir doch bald über. Dazu kam, daß Karl Wagner ( ich glaube auch Bernhard ) auch dort war und dem Wingolf angehörte. Es mag kurz vor Pfingsten gewesen sein, als ich mich aktiv meldete. Denn zu Pfingsten wanderten wir schon in den schönen Thüringer Wald zum Wartburgfest.

Da ich schon als 3.Semester galt, wurde meine Fuchsenzeit auf, die Hälfte verkürzt. Schon nach 1 Semester wurde ich Bursch, und nicht nur das: ich wurde sogar fürs Wintersemester zum 3. Chargierten-Kneipwart gewählt. Der Bonner Sommer war natürlich über alle Maßen schön.

An wen erinnere ich mich aus dieser Zeit? Da war Paul Herkenrath, in ewig lustiger Bruder, voll von Witzen und “Knödeln“, ein glänzender Karikaturenzeichner, dem ich auch oft zum Opfer fiel, und Schachspieler. Ferner der kleine stud. math. Schauß, genannt Scheußlich, mit dem ich besonders befreundet war. Der Professorensohn Sachse ( jur ), ferner Ludwig Fuchs, ein Mathematiker, Paul Bever, Schmalenbach, Paul Wisseler, dem ich ebenfalls besonders verbunden war usw. Meine Leibburschenwahl war unglücklich:  ich wählte Paul Rüttgers, einen Philologen,  der aber aus irgendeinem Grunde bald darauf aus dem Wingolf austrat. Er war übrigens Heidelberger Wingolfit und diese galten als besonders feudal und üppig. Mein  "Conleib" hieß Theodor Meyer. Mein Album zeigt mir noch manche Gesichter, derer ich mich gut erinnere.

Gleich im Sommer starb einer meiner Confüxe. Ich besinne mich deutlich auf den üblichen allgemeinen studentischen Umzug bei der Überführung zum Bahnhof mit nachfolgendem "Trauersalamander" .aller Korporationen und auf meine Fahrt zur Beerdigung nach Düsseldorf, wo ich zum 1.Mal in Wichs auftrat.

Wir verkehrten sehr viel  bei den vielen " Philistern " am Godesberger Pädagogium

2 Brüder Kühne waren die Leiter, ein anderer hieß Endemann ), die wiederum oft auf unseren Kneipen erschienen. Siebengebirge mit Königswinter war für Sonntagsbummel sehr beliebt .Unser Verbindungshaus lag  Bonnertalweg 53, wo ich im Winter sogar eine Bude zum Wohnen bekam, was mir als Chargiertem sehr zustatten kam. Wöchentlich stiegen 2 Kneipen, die sehr fidel waren, ohne daß des Guten zu viel getan wurde. Meist wurden dabei " Knödel " vorgetragen oder "Aufführungen" gemacht, Herkenrath war der geschaffene Knödelwart. An den anderen Tagen waren " Inoffizielle ", die eben freiwillig waren ebenso wie der Frühschoppen der in einem Lokal nahe der Uni stattfand, wo auch viele andere Korporationen tagten. Lebhaft ist  mir in Erinnerung, daß man der besseren Bekömmlich wegen zum Bier auch etwas aß ,und zwar entweder ein dickes Stück  Leberwurst Brot und Butter oder - Soleier, die ich erst dort kennen lernte in ihrer schikanösen Zubereitung mit Essig, Öl, Pfeffer Salz, Senf. Dies alles trug dazu bei, daß ich sehr wohlbeleibt wurde, so  beleibt, daß ich die mir viel zu engen Wichshosen nicht allein anziehen konnte. ( Herkenraths Karikatur ).

Einmal wöchentlich, gewöhnlich Sonnabends, wurde in dem nahen Dorf Kessenich gekegelt. Einmal machte ich mit " Scheußlich " und 'seinem älteren Bruder eine Sonntags- Radfahrt, nämlich von Bonn bis Bad Ems an der Lahn und wieder zurück, die im Grunde wegen der großen Entfernung weit über unsere Kräfte ging. Auf' dem Atlas sehe ich zu meinem Schrecken, daß dies rund 150 km waren. Gegen Mitternacht kamen wir völlig erschöpft wieder in Bonn an. Aber wir hatten uns das in den Kopf gesetzt ,ohne uns vorher um die Strecke zu kümmern. Höhepunkt des Sommers war sicher das Wartburgfest, für mich die beste Gelegenheit, mich schnell in den Wingolf einzuleben. Doch das Semester war ja nebenbei auch zum Studieren da. Ich muß zugeben, daß ich dies 1.Semester "sachte angehen ließ". Auch über die Studienfächer war ich mir damals noch nicht ganz klar. Fest stand nur die klassische Philologie, daneben hörte ich in Bonn noch germanistische Vorlesungen. Mit besonderem Vergnügen denke ich noch an die feinen archäologischen Vorlesungen und Übungen von Professor Löschke im Archäologischen Museum, das mitten in einem wundervollen Park lag. Mein Studiengenosse war der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm, der damals Bonner Borusse war. Wir hörten eine germanistische Vorlesung gemeinsam. Er erschien mit seinem weißen Borussenstürmer und bekam zu meinem Ärger immer seine besondere Anrede: " Kaiserliche und königliche Hoheit ! Meine Herren  ", so begann der Professor stets.  Nach dem Kolleg pflegten am Ausgang Haufen von kleinen Mädchen zu stehen mit Blumen. Sie baten um ein Autogramm. Mir wurde solche Aufmerksamkeit nicht geschenkt.

In einer Nachmittagsvorlesung - da pflegte man manchmal etwas müde zu sein - bei dem Philosophen Prof. Erdmann passierte folgendes:  Plötzlich unterbrach er sich, stieg von seinem Katheder herab, ging mitten ins große Auditorium, pflanzte sich vor einen Studiker auf  und sagte: " Mein Herr! Ich glaube, Sie sind sehr müde. Wollen Sie nicht lieber hinausgehen? " " O nein, Herr Professor  " stammelte dieser verlegen. Ich aber kriegte einen fürchterlichen Schrecken und freute mich, daß ich nicht gemeint war, denn ich war auch gerade am Nicken.

Es kam das Wintersemester 1901/1902. Ich kam fröhlich angereist am Tage  der terminmäßig genau feststehenden Antrittskneipe und erfuhr dann gleich zu meinem Schrecken, daß der x = 1. Chargierte erkrankt sei und ich also statt seiner die feierliche Antrittskneipe zu leiten hätte. Das hieß im übrigen: Schnellstens eine Pauke = Rede  präparieren, die nun von mir erwartet wurde, der ich doch erst 1 Semester zugehörte. Aber es ging alles !  In feierlichem Wichs trat ich kühn auf und erledigte meine Aufgabe einschl. Pauke, glaube ich, zur allgemeinen Zufriedenheit. Da die Erkrankung des x sich länger hinzog, legte dieser sein Amt nieder, und ich wurde zum 1.Chargierten gewählt, wodurch nun ein großes Maß Arbeit und Verantwortung auf meine Schultern gelegt wurde. Aber ich hatte viel Freude daran, konnte auch das leisten, was von mir erwartet wurde, hatte gute Helfer, und so wurde denn die Semesterarbeit mit den vielen Konventen und vorbereitenden AHC- Althäuserkollegium geschafft. In diesem Winter brachen die schweren Prinzip-Streitigkeiten im Wingolf aus, die ihn mehrere Semester in großer Aufregung hielten und manchmal beinahe zu einer Spaltung zu führen drohten. Die streng orthodoxe und die liberale Deutung der einheitlich gemeinten, aber verschieden formulierten Windgolfsprinzipien standen in hartem Kampf.

Bonn war mit Marburg, Heidelberg,  Gießen, Berlin Vertreter, besser Verfechter der liberalen Deutung. Auf der anderen Seite standen führend Halle, Leipzig, Erlangen. Beide Seiten kämpften natürlich optima fide und nahmen es bitter ernst. " Liebe Bundesbrüder ! Herzlichen Gruß zuvor. Zum Bundesantrag Halle vom stellen wir hiermit folgenden Gegenantrag : " So fingen unsere unzähligen Briefe an. Man versteht also wohl, welches Lächeln ( nicht Unwille ) es hervorrief, als ich zu Ostern 02 der Fakultät wegen ausgerechnet nach Halle zog.  Auch in Halle wurde der allmählich bekannt gewordene Bonner x oft liebenswürdig mit solcher Wandlung angeödet. Einmal z.B. erschien auf einer " Exkneipe " eine sog. " Lokustür " .d. h. eine Tür wurde ausgehängt, wozu eben besagte oft genommen wurde, mit mehr oder weniger rätselhaften oder kunstvollen Kreidezeichnungen bedeckt, zu denen dann der Knödelwart oder sonstwer seine anzüglichen Verslein  vortrug oder nach Moritatenmanier sang.  Da war zu sehen etwa folgende einfache Figur: Ernsteste Frage: Was ist das? Antwort : Das ist die Spitze des Berges, zu dem Brachmanns Haare stehen, wenn er an seine Bonner Studentenzeit zurückdenkt ! 

Von Ostern 1902 bis Herbst 1905 war ich in Halle, und das waren wohl die sorglosesten und reichsten Jahre meines Lebens, an die ich mit großer Freude zurückdenke. Halle wurde mir zur neuen Heimat. Wertvoll fürs Studium, noch wertvoller durch den Wechselverkehr mit einergroßen Zahl trefflicher Kameraden und Freunde, die alle in voller Lebendigkeit noch vor meinem Geiste stehen.

Mein Studium :

Der Übergang  nach dem theologisch so bedeutenden Halle bewirkte wohl, daß ich die Germanistik, die sowieso nur eben angetippt war, fahren ließ und statt dessen neben philologischen und archäologischen Vorlesungen viele theologische hörte, um die Religionsfakultas zu erwerben. So hörte ich im Laufe der Jahre all die bedeutenden Größen beider Fakultäten In der Philologie waren es Blass, D. Dr., der ehrwürdige fromme Mann, Vertreter der biblischen Gräzität,  der rhythmischen Metrik, der feine Ausleger Platos. Er hatte in seinem Hause " offene Abende "  an denen ich zusammen mit Johannes Bertheau oft teilnahm.  Da war Wissowa, der große Gelehrte, Herausgeber des mächtigen  enzyklopädischen  Wörterbuches, ferner  Dittenberger ( Demosthenes ), ein bißchen langweilig, und vor allem Carl Robert, die dicke, liebenswürdige Tonne, der geistvolle Archäologe in seinem feinen Museum, wo er sehr feinsinnige Übungen an griechischen  Vasenbildern abhielt , zudem glänzender Euripides - und Aristophanes Interpret. Er sah urkomisch aus, so daß wir uns oft über ihn lustig machten, satyrmäßig, infolge seiner Dickigkeit etwas kurzatmig, dazu hatte er eine merkwürdige Sprach-Eigenart, die wir ( Bertheau, Witte, ich ) ewig nachzuahmen pflegten. Er brachte in der Aussprache des Deutschen ( nicht etwa des Griechischen ) immer eine Art Metathesis, d.h. Umstellung von Buchstaben. z.B. nicht lächeln, sondern lächlen, nicht Gabeln, sondern Gablen usw. Oft zitierten wir lachend : Die Hühner gackleten auf den Eiren. Dann der maßlos langweilige Geheimrat Fries,  Leiter der Franckeschen Stiftungen, bei dem man Pädagogik hören mußte. Wir traktierten in Übungen Salzmanns " Ameisenbüchlein " das mir noch heute mit vor Langeweile gemachten Illustrationen von Bertheau vorliegt.

Wilckens war der bekannte Historiker, der über alte Geschichte ( Alexander )las. Dazu die Philosophen Alois Riehl und Vaihinger.

Die große theologische Fakultät :

An der Spitze unbedingt der Neutestamentler und Systematiker Martin Kähler, von uns nur der "Alte Herr " genannt . Es waren große Ereignisse, wenn er mal auf dem Windgolfshaus erschien, um zu Anfang oder Schluß des Semesters eine "ernste Stunde zu halten. Eine ehrwürdige Erscheinung, die hohe Stirn, herabwallendes, weißes Haar, über dem er meist ein kleines, rundes, schwarzes Käppchen trug. Niemand konnte sich der durchdringenden Wucht seiner Worte entziehen. Man konnte ihm nur in tiefster Ehrfurcht begegnen. Seine systematischen Kollegs waren sehr schwer, sein eigenes Lehrbuch nur, konzentriertester Extrakt. An 2.Stelle stand für uns sicher Wilhelm Lütgert,  wegen seines "wenig arischen" Aussehens stets nur

“ Schmul " genannt . Neutestamentler, später Kählers Nachfolger als Systematiker. Schmul war sehr umgängig,  kam oft auf unsere Kneipen und gab sich zwanglos, wenn wir ihn auch nicht "Philister" und “Du“ nannten, sondern " Herr Professor " und “Sie“. Sehr bedeutend war der Kirchen- und  Dogmengeschichtler Prof. Loofs, zugleich gern gehört als Universitätsprediger, ferner der bekannte Alttestamentler Kautzsch, der mich im Examen prüfte, wobei ich nur " genügend " abschnitt. Dann Prof. Haupt, der nicht ganz voll galt, und der junge Privatdozent Steuernagel ( A.T. ), der Mann des Hebraikums, mit dem er den Betroffenen ihr 1.Semester völlig verdarb. Den praktischen Theologen Hering habe ich natürlich nie gehört, d.h. mit einer berühmten Ausnahme. In einer Stunde hatte er nämlich ein von Theologen und sonstigen Fakultäten überfülltes Auditorium, während er sonst als langweilig galt und gern geschwänzt wurde. Denn einmal im Jahr sprach er " über die christliche Pfarrfrau". Das sprach sich herum, wurde direkt angesagt, und alles strömte zu ihm hin. Was mag er sich dabei gedacht haben?  Der Wingolf erschien traditionsgemäß in corpore.

So habe ich in Sachen Studium jahrelang einen vollbesetzten Tisch gehabt. Natürlich hätten wir bzw. ich fleißiger sein können und die nicht wiederkehrende Zeit besser ausnutzen. Wir haben manche Stunde auch in Halle vertrödelt. Aber welcher Student tut das nicht?  Besser tat das nicht?  Selbst das Vertrödeln geschah z.T., man möchte sagen, traditionsmäßig. Nach dem gemeinsamen Mittagwimmel - so sagte man -, ging man, wenn nicht Konvent oder Besprechung war, nicht nach Hause, sondern von irgendwem eingeladen, zum " Budenkaffong " d.h. irgendein guter Mensch lud viele Leute zu viel Kaffee und noch mehr Kuchen ein. Die Kuchen bestanden regelmäßig in den sog. " Hundepäpsten "  =  Berliner Pfannkuchen, die der nahewohnende Bäcker Hund mit viel Geschick täglich für uns in rauhen Mengen buk. Ich möchte meinen, er müßte täglich Hunderte davon an den Wingolf losgeworden sein. Denn wir zählten an die 70 Aktive, und - wir futterten nicht zu knapp. Am nächsten Tage war man dann selbst der Gastgeber. Das waren sehr nette Stunden. Da sie sich leider oft reichlich lange ausdehnten, wurden sie oft zu vertrödelten Stunden. Denn man war oft recht müde zum Nachmittagkolleg oder man schwänzte es vielleicht ganz !  

Ebenso war es Brauch, seinen Abendwimmel nicht solo einzunehmen, sondern mit anderen zusammen, wenn es auch nur ein Zipfel Wurst war. Die Gemeinsamkeit reizte ,und das war ja erfreulich. Umstand wurde gar nicht gemacht. Der " Wimmel " war meist höchst primitiv und wurde  sogar in primitivster Form dargeboten. Wenn man sich was besseres leisten wollte, aß man auf dem Hause. Da gabs Bratkartoffeln mit Spiegeleiern usw. Freilich war dann die Versuchung groß, den ganzen Abend dort zuzubringen, statt fleißig zu arbeiten. Oft gabs übrigens leckere Kartoffelpuffer mit Kaffee, während dieselben Leckerbissen in Bonn mit Pflaumenmus gegessen wurden.

Das Verbindungsleben war reich. Die ersten Semester waren noch vom Prinzipstreit angefüllt, der - was man als reifer Mann kaum versteht - recht schwere Formen annahm , und erst allmählich durch viele Konventionen  und " Religionsgespräche " aus der Welt geschafft wurde. Hallenser Führer im Streit waren hierbei u. a. : Gottfried Sövesandt, später Hindenburgs Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin, danach Missionsdirektor in Bremen, zur hochkirchlichen Bewegung neigend,  Gebr. Bertheau, Strathmann ( später Prof. D. theol. in Erlangen ) , Friedrich Büchsel ( Prof. D.theo1.in Rostock), sein Bruder Konrad Büchsel ( später Konsistorialrat in Breslau ) Heinzelmann (Prof. D. theol. in Halle)

Das äußere Leben verlief in den gewohnten Formen. Gemeinsames Mittag- essen,  wobei" die  Mediziner alles mit Ausdrücken aus der Anatomie zu belegen pflegten. Abends 2mal offizielle Kneipe, sonst inoffizielle. Man konnte aber auf dem Hause auch viel Zeitungen lesen, Schach oder sonstige Brettspiele spielen, und daß es stets allerlei Skatbrüder gab, ist selbstverständlich. Beim Zeitunglesen möchte ich erwähnen, daß die Politik bei uns gar keine Rolle spiele, selbst zur Zeit von Reichstagswahlen. Was heute zuviel ist ,war damals entschieden zu wenig. Ein Buch war freilich sehr bekannt und wurde stark gelesen, verschenkt usw.: Naumann, Demokratie und Kaisertum. Wir begannen schwach, uns an Hand von Stöcker " Christlich-sozial " mit sozialen Gedanken abzugeben. Sonst kümmerte uns - leider - als Studenten das öffentliche Leben gar nicht, wir waren kaum auf den Gedanken  gekommen, uns irgendwo helfend zu betätigen. Wir waren eben reinste civitas academica, über die wir wenig hinausschauten. Das war zweifellos ein Mangel unserer damaligen studentischen Gesinnung.

Ab und zu gab es  " Exkneipen ", meist auf der Saaleinsel Peißnitz , gelegentlich an schönen Sommerabenden auch Bootspartien mit Lampions auf der Saale. Der Himmelfahrtsbummel zur Rudelsburg mit Schulpforta war ebenfalls wohl feste Tradition. In der Nacht zum 1.Mai wurde hoch oben auf dem Liebichenstein Punkt 12 Uhr der " Mai angesungen ". Öfter zogen wir einzeln oder in größeren Scharen zu dem gütigen Philister Müller, Pfarrer in Neuendorf bei Halle. Wir fanden dort stets ein gastliches Haus. ln dem Gründungsort Trotha, nahe bei Halle, fanden gelegentlich Exkneipen, beim Stiftungsfest oder bei Semesteranfang oder -Schluß auch gern " ernste Feiern " statt. Außer dem jährlichen Stiftungsfest im Juli wurden noch die Receptionskneipen besonders feierlich gestaltet  ( Überreichung des Bandes : Trags lange, trags in Ehren ! ) Der Rektoratswechsel wurde jährlich feierlich durch einen Festakt in der Universitätsaula begangen. Jede Verbindung war durch 3 Chargierte in Vollwichs vertreten. Das habe ich auch 2 mal mitgemacht. In langen Wagenreigen machten dann die Chargierten die Runde beim alten Rektor, neben Rektor und Prokurator ( ? ) .An allen 3 Stellen gabs 1 Glas Sekt und Gebäck. Das war äußerlich gar nicht einfach. Man saß ja nicht dabei an Tischen, sondern man stand und mußte dabei Degen und Sektglas und Teller mit Gebäck in der linken Hand balancieren, da man die Rechte frei haben mußte, um Glas und Gebäck zum Mund zu führen ! Nebenbei: Das waren für mich so ziemlich die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich im Leben mal Sekt getrunken habe.

Auf der feierlichen Schlußkneipe sangen diejenigen, die endgü1tig aus dem akademischen Leben ausschieden vor ihrem Examen, wehmütig den "Bemoosten", wonach sie ihr Glas zerschmetterten. Dabei wurde in Halle auch meist das feine Lied " Die Segel sind aufgezogen " gesungen, das ich besonders liebte. Im übrigen bekam jeder von der Verbindung zum Andenken ein Neues Testament, deutsch oder griechisch - in das die besten Freunde ihre Namen eintrugen.  

Es wurde in Halle viel gute Musik gemacht. Ernst Gründler war der hochbegabte Klavierspieler, dem, wenn er improvisierte, alle mäuschenstill lauschten, Walther spielte oft dazu die Geige, Hans Josten erfreute mit anderen, die besonders aus Bethel stammten durch sein Waldhorn. Es bestand ein ganzes Hornquartett .Auch ganze musikalische Abende fanden statt, zu denen wir unsere " Verkehrsfamilien " einluden. Dabei wurde gelegentlich getanzt  -  ohne mich !  

Conventionen fanden statt mit der Leipziger Bruderverbindung jährlich in Schkeuditz, mit Berlin zum " Februarkommers ", dazu ab und zu gemeinsame Kneipen mit der Hallenser Schwarzburg -Verbindung Tuisconia. Am 18. Januar fand der alle;. studentische " Reichskommers " statt.

Als Höhe studentischer Feierlichkeit galt uns allen unbedingt die Feier des " Landesvaters " am Schluß der feierlichen Kommerse. Das in ihm liegende nationale Symbol wurde wohl noch überwogen durch das Symbol der Freundschaft. Man stach nie mit einem x-beliebigen den Landesvater, sondern das wurde reiflich lange vorher überlegt und verabredet. Man fühlte sich wirklich dem engstens verbunden, mit dem  man den Landesvater stach ( Die Mützen wurden dabei durchbohrt ). Mir hat es immer als besondere Ehre gegolten, bei solcher Feier zu chargieren, obwohl es keine Kleinigkeit war und sehr anstrengend, bei großen Kommersen eine lange Reihe hindurch dauernd auf den Stühlen stehend die Degen zu kreuzen.

Im Sommersemester 1903 war ich Hallenser Fuchsmajor mit einer großen Schar Füchse, mit denen ich dann zum Wartburgfest 03 zog. Unter ihnen war Bruder Walther, der aber im Verbindungsleben sich sehr zurückhielt. Äußerer Betrieb lag ihm wenig.

Daß die Zahl der Aktiven in vielen Semestern so hoch anstieg ( bis zu 75 !), war nicht gut. Man konnte sich nicht allen widmen. So bestand die Gefahr der Cliquen-Bildung, die durchaus akut wurde. Wenn man sich am Schluß Rechenschaft gab, so mußte man manchmal feststellen: Mit ... habe ich wohl im ganzen Semester kaum 1 Wort gesprochen, und zwar ohne bösen Willen. Es bildeten sich natürlich kleinere Freundeskreise, und solange diese nicht in Gegensatz zu einander traten, war ja dagegen nichts einzuwenden. Manche Kreise oder die meisten waren wirklich sehr harmlos, einige galten - mit  Recht oder Unrecht - als sehr " exclusiv ", d.h. für die feinen Leute bestimmt. Der Kreis Stövesandt - Gottlieb Funke galt als solcher. - Den Sonntag - Abend pflegte man in den sog. " Familien " zu verbringen, die sich eben zu diesem Zweck zusammentaten und sich die abenteuerlichsten Namen beilegten. Ich gehörte der Familie " Hoffmannstropfen" an und war ihr Familienpapst. Daneben gab es viele andere  z.B. " Nibelungen ",  " Zwar - aber " , " Klosterdorf "  usw.  Es wurde viel gelesen, heiteres und ernstes ,geraucht , wenig getrunken, gesungen. Zu den " Hoffmannstropfen " gehörten außer meiner " Leibfamilie ", die schon 7 Mann mit mir umfaßte. Schapper, Vietor, Deggau, Gengnagel, Ostermann, Siemens, zeitweise auch Strathmann und Friedrich Büchsel. Aber diese waren ja nicht alle gleichzeitig beisammen. Am Sohluß lasen wir regelmäßig mit großem Pathos ( Strathmann konnte es besonders pathetisch ) aus Nietzsche Also sprach ' Zarathustra " den Abschitt 2 aus " unter Töchtern der Wüste " Ha, feierlich ! In der Tat feierlich !  Ein würdiger Anfang !  Afrikanisch feierlich ! Eines Löwen würdig oder eines moralischen Brüllaffen usw.

Wir haben wohl Nietzsche sehr unrecht damit getan, aber wir waren ja übermütige Jugend.

Meine 6 Leibfüxe waren: Fritz Rust gen. Rusticus Africanus, Wilhelm Röhricht,  Julius Voget,  Karl Mau, Gotthard Schreier, und  Hans Nürnberger.  Wegen dieser

" Fruchtbarkeit " wurde mir einst als Weihnachtsgabe eine schwarz - weiß - goldene geflochtene Schnur überreicht , an der 6 kleine Püppchen hingen. Über die Leibfüxe will ich versuchen noch ein weniges zu sagen.

Rusticus Africanus, als Sohn eines Missionars in SW Afrika geboren, ( in Gochas , mit Schnalzlaut auszusprechen ) wohin er ebenfalls als Missionar zurückgekehrt ist.

Er war in Gütersloh auf dem dortigen evang. Gymnasium erzogen worden. Er war und blieb ein wahres Naturkind mit fast kupferbrauner Hautfarbe, puritanisch in Kleidung, ertrug, vermutlich aus Sparsamkeit, eine bis oben geschlossene Joppe ohne Weste und Schlips. Ein armer Schlucker, der mit sehr wenig Geld auskommen mußte. Rührend fleißig und, für sich anspruchslos, suchte er doch stets anderen eine Freude zu machen, eine anima candida im besten Sinne. Einmal spielten wir, dem guten Rusticus einen Streich. Er lud uns zu seinem Geburtstage ein, und obwohl er selbst nicht rauchte, wollte er uns doch Zigarren vorsetzen. Wir bösen Menschen kauften in einem Geschäft für " Scherzartikel " eine sog. " Knallzigarre " und bewogen den Zigarrenhändler, diese unter die anderen, von Rust zu kaufenden Zigarren zu mischen. Als der ahnungslose Mann uns nun die Zigarren anbot und wir sie ansteckten, da gabs nach 2 Minuten einen Knall, und ein großer Funkenregen sprühte aus einer der Zigarren. Wir beschimpften ihn anfangs ,wie er uns sowas vorsetzen könne Er merkte noch nichts und beteuerte immer von neuem seine Unschuld bis wir dann dem grausamen Spiel ein Ende machten. Seit Jahrzehnten habe ich ihn nun nicht gesehen. Seine greise Mutter reiste ihm im Alter von 80 Jahren nach Afrika nach, aus Sehnsucht nach ihrer alten afrikanischen Heimat und ist dann dort heimgegangen. Er lebte erst in Keetmanshoop, danach in Lüderitzbucht.

Während des letzten Krieges kam 2 mal ein kurzer Gruß von ihm durch das Rote Kreuz. Sein Sohn Friedhelm ist mein Patenkind . Wilhelm Röhricht, theol., als Student wegen seiner nicht festen Gesundheit oft schwierig, mißmutig! Aber ein trefflicher Charakter, selten recht fröhlich in größerem Kreise, wohl aber in seinem Elternhause, der Superintendentur in Wusterhausen ( Dosse ). Erwurde Pfarrer in Kulmer Land und blieb auch nach 1918 seiner Gemeinde treu. Körperliche und seelische Belastung der folgenden schweren Jahre ließen sein krankes Herz völlig zusammenbrechen. Schließlich mußte er sich emeritieren lassen und kaufte sich in Hangelsberg ( Spree ) ein kleines Gutshäuschen Wulkow, wo er noch einen friedlichen Lebensabend erhoffte. Aber er kam schon als todkranker Mann dorthin und ist nicht lange danach in der Charite in Berlin gestorben. Ich besuchte kurz danach sein Grab und seine Frau. Für ihn selbst war es zu spät. Seine 3 prächtigen Söhne sind alle im Kriege gefallen. 2 Töchter sind noch am Leben ( hoffentlich ). Seine Tochter Rosemarie ist mein Patenkind. Karl Mau, theol., wegen seiner Kleinheit " Mauchen " genannt, war Sohn des Altonaer Pastors Mau an der Hauptkirche. Er war ein sehr lustiges Kerlchen und darauf bedacht, seine Studentenzeit recht und schlecht zu genießen. Ich habe ihn leider völlig aus den Augen verloren. Soviel ich weiß, war er lange im Holsteinischen Pastor und landete vermutlich in seinem Elternhause an der Hauptkirche in Altona. Ob es diese nun noch gibt ?

Julius Voget , genannt " Juli " aus sehr kinderreicher ostfriesischer Pastorenfamilie. In Halle waren gleichzeitig 3 Brüder Theologen und ein angehender Zahnarzt, der "Jumbo" genannt wurde. Er konnte wohl übermütig lustig sein, war im Grunde aber ein sehr ernster Mann, strenger Kalvinist, der er bis heute geblieben ist. Lange Zeit stand ich mit ihm in regelmäßigem Briefwechsel, wir hatten sogar einen Rundbrief. Er ist eingeschlafen. Vermutlich, weil - leider sich politische und kirchliche Gegensatze sich trennend geltend machten. Er hat ebenfalls viele Kinder gehabt. Ein Sohn ist gefallen. Zuletzt war er in Wuppertal und erlitt dort großen Schaden. Wo mag er sein?

Eine ganz eigenartige Figur war Gotthard Schreier. Ein so wunderlicher Mann in seinem Benehmen, Sprechen und Denken, daß wir ihn zeitweise wirklich für etwas geistesgestört hielten. Er wurde tatsächlich einmal einige Zeit einer Anstalt zur Beobachtung überwiesen. Er bekam den Rat, die Aktivität aufzugehen und dafür " Kneipgast " zu werden, also ohne Couleur. Er hat mir jetzt 4 Jahrzehnte die Treue gehalten und jedes Jahr mir geschrieben. Er ist derselbe wunderliche Mann geblieben, wie ich 1040 feststellen konnte, als ich ihn in seiner kleinen Pfarre in Wieschütz besuchte. Aber seine Gemeinde liebte ihn. Ich hatte mich bei ihm angemeldet und wurde von ihm willkommen geheißen. Trotzdem mußte er am 2.von den 3 Tagen, die ich bei ihm zubringen wollte, unbedingt nach Breslau reisen, um eine Hose anzuprobieren. Also ebenso wunderlich wie damals. Er war in Halle manchmal " durchgedreht ", lief auf der Straße plötzlich um jeden Laternenpfahl herum, stellte sich, als er Prof. Lütgert begegnete, in den Rinnstein und gaffte ihn groß an, entschuldigte sich am folgenden Tage mit den Worten:  " Entschuldigen Sie, Herr Professor, daß ich Sie gestern nicht grüßte, ich war so vernarrt in den Anblick Ihrer Gattin." Selbiger mußte wie alle cand. theol. mal vom theol. Seminar aus in der Moritzburg predigen, wo man im verborgenen zuhören konnte. Er predigte also: Mit dem Menschen ist es wie mit einer Luftpumpe. Wenn man miteiner Luftpumpe aus einem Glasgefäß alle Luft sorgfältig herauspumpt, dann wird doch allmählich durch die feinsten Poren Luft wieder eindringen: So auch dringt die Sünde immer wieder in den Menschen ein !  

Hans Nürmberger, theol. war nicht mein " leiblicher " Leibfux, sondern mein " pneumatischer ", d.h. er hatte sich nach dem Weggang seines eigentlichen Leibburschen an mich angeschlossen. Wir sind zeitlebens sehr befreundet gewesen. Sein Vater war Pastor in Berlin-Nord ! Er war ein liebenswerter, geistig hochstehender, begabter Mann, der seine Prüfungen mit 1 machte. Fröhlich und feinsinnig .Längere Zeit war er Hauptpastor in Küstrin, wo ich ihn besuchte. Diesen prächtigen Mann, der Frau und 3 gesunde Kinder hatte, packte plötzlich eine rätselhafte Krankheit, die ihn zu einem völlig geistlosen Vegetieren verurteilte. Er lag dauernd im Bett, war nicht zu bewegen aufzustehen und war restlos glücklich, wenn er Schokolade und Bonbons lutschte. Er merkte nichts von seinem Elend, für die Seinen aber war es schrecklich. Ich habe ihn in diesem Zustand besucht, und er erkannte mich wohl und lebte etwas auf ,um bald darauf in dieselbe Stumpfheit zu verfallen. 1944 erlöste ihn der Tod aus diesem Dasein.

Und die vielen anderen Hallenser Freunde ? Ich kann sie hier nur bei Namen nennen. Denn dies Opus würde kein Ende finden, wollte ich von jedem ausführlich berichten, wie von meinen Leibfüxen. Die Gebrüder Martin und Johannes Berthau, letzterer wohl mein bester Freund, schon im 1.Weltkrieg gefallen. Anton van Senden, phil., als Student fast noch mädchenhaft, im Kriege als Held bewährt und gefallen.  

Gebrüder Ernst und Johannes Gründler, ersterer der großr Musikus, Hermann Schafft, ein Mann mit springlebendigem, revolutionärem Geist, Erich Meyer, der Marburger, der' mir besonders lieb wurde. Hans Schapper, der friedliche, etwas tantenhafte, mir bis heute vertraut. Hans Josten, theol., auch einer der Intimsten, der große Hornbläser. Hermann Witte, phil., der Sohn von Leopold Witte ( s.u.). Wilhelm v.d. Smissen aus Altona, der 1.Abstinent, der sich als solcher tapfer durchsetzte. Robert Steinmetz jetzt Grodener Pastor. Gebr. Konrad und Friedrich Büchsel, Hermann Strathmann, Gerhard Heinzelmann, Theophil Gußmann, Paul Ohlig, Hans Vietor, Wilhelm Pliester, gen. Stips. Hermann Möller, der Hamburger usw. Es ist mir leid, von diesen Leuten, die mir so viel bedeuteten, nur den Namen zu nennen und wenn ich mein altes Foto - Album durchblättere, dann sehe ich über die hier genannten hinaus noch viele, viele liebe Gesichter, sie bedeuten es eben nur für mich und nicht für die, die diese Zeilen mal vielleicht lesen. Deswegen möge es so gut sein.  

Ich kam auch in Familien hinein. 2 sind mir in besonderer Erinnerung. Einmal das Haus des ehrwürdigen Prof. D. Leopold Witte, Vater meines Freundes Hermann Witte. Er war Theologe, feinster Kunstkenner, Italienfreund,, Danteforscher, wie sein Vater, führend im " Evang. Bund ", Religionslehrer und langjähriger geistlicher Inspektor in Schulpforta. Das waren höchst anregende Stunden, die ich in seinem Haus verbrachte. Daneben Frau Käthe Wilke, in deren musikalischen Kreis ich durch Hans Schapper hineinkam, der bei ihr als Inaktiver wohnte und sogar mich darin nach sich zog. Schließlich, als man " älter " wurde und das Examen nahte ,mußte man sich schon mal aus dem Betrieb des " heiligen Viertels" zurückziehen und aus dem Bann der Hundepäpste usw. Sie hatte nebenbei einen schönen Garten, den wir mitbenutzen durften. Ich weiß nicht mehr: Irgend etwas hatte dieser mit Tholuck, dem großen Theologen zu tun.

Soll ich noch etwas beichten von unseren übermütigen Streichen ? Recht beliebt waren die sog. " Budenkasper " d h. man stellte auf der Bude irgendeines lieben Mannes das tollste Zeug in dessen Abwesenheit auf. Daß man ein volles Glas Wasser mit der Öffnung nach unten auf den Waschtisch stellte, so daß der betreffende notwendigerweise das Wasser verschütten mußte, war ja schon ein ganz alter Witz.  Oder man hakte die Bettgestelle soweit aus, daß sie beim Besteigen des Bettes mit lautem Gepolter zusammenbrechen mußte. Oder man räumte die ganze Bude vollständig um, drehte alle Schranke um, mit der Tür zur Wand. Oder man hißte die Unterhosen des Armen an der Flaggenstange. Oder man trug einen schon ins Bett gegangenen mit samt seinem Bette mitten auf die Fahrstraße und ließ ihn dort stehen, usw. Es gab auch Dinge, die sich nicht eignen, hier wiedergegeben zu werden ,und doch höchst belustigend waren. Ein besonders toller, rauher Betrieb herrschte bei den Budenbewohnern des Wingolfshauses. Da hausten s.Z. Erich Lohmann, der übernervöse Philologe, zeitweise sogar 1.Chargierter, Robert Steinmetz, ein gewisser Kapesser, und noch einer. Wenn dann Kappesser als der jüngste ein großes Tablett mit Tee, Tassen, Tellern, Bratkartoffeln usw. nach oben trug, dann kam der to1le Lohmann an und stieß mit dem Fuß von unten gegen das Tablett, so daß die ganze Geschichte in hohem Bogen umherflog. Doch genug von diesen dummen Streichen, die – vielleicht - gelesen gar zu blöde wirken in Wirklichkeit aber im eigenen' Erleben und im jugendlichen  Alter doch viel Spaß gemacht haben.

Die Hallenser Pastoren, die uns predigten:

Wir pflegten 3 Kirchen bzw. Predigtstätten zu bevorzugen. In der Marktkirche wurde gewöhnlich der Universitätsgottesdienst abgehalten, nicht jeden Sonntag ,bei dem meist Prof. Loofs  predigte, geistvoll und speziell aufs akademische Leben zugeschnitten. Wir hörten ihn oft und gern. Oder man ging in die kleine, feine Laurentiuskirche, wo unser Philister Pastor Meinhof, später Superintendent, seinen Gottesdienst hielt. Später kam dann in unmittelbarster Nähe des Verbindungshauses die Pauluskirche hinzu, die erst zu meiner Zeit  gebaut wurde, so daß von uns nächtlicherweile an der Baustelle allerhand Unfug getrieben wurde, mit den Loren herumkutschiert wurde, was vermutlich nicht ganz ohne ruhestörenden Lärm vor sich ging. Als die Kirche dann eingeweiht war, predigte dort ein junger, feiner Pastor, dessen  Name mir entfallen ist. Er galt als sehr modern und liberal im Gegensatz zu den anderen Pastoren und zur Gesamtrichtung der Fakultät. Aber, das störte uns nicht, vielleicht reizte ja sogar der Gegensatz.

2 mal ging ich auch zaghaft zum Gottesdienst der Alt-Lutheraner, der in einem Saal abgehalten wurde. Wohl mehr aus einer gewissen Neugierde heraus. Oder war es ein Stück Pietät gegen meine Mutter ? Diese hatte mich aber keineswegs dazu gedrängt. Angezogen hat mich der Gottesdienst nicht, ich habe auch vorsichtigerweise meinen Namen, der in der alt - luth. Kirche ja nicht unbekannt war, nicht genannt.

Oft fuhren wir am Sonnabend - Mittag nach Leipzig hinüber, das ja in 1/2 Stunde zu erreichen war. Zweierlei zog uns an. Um 1.30 Uhr sang in der Thomaskirche ( Bachorgel ) der weltberühmte Thomanerchor. Diese glockenreinen, leuchtenden Knabenstimmen - mit Mädchenchören gar nicht vergleichbar - kann ich nie vergessen. Das allein lohnte schon reichlich die Fahrt nach Leipzig. Danach gingen wir gern in das " Antiquariat " Lorenz, wo man sowohl wissenschaftliche Werke wie belletristische wohlfeil einkaufte, nämlich absolut neue Exemplare zu antiquarischen Preisen. Dort kaufte ich, was ich zum Studium brauchte an Lehrbüchern und Texten, dort aber auch C. F. Meyer. Möricke, Keller, Storm u. a.

2 mal bin ich auch von Halle aus nach Böhmen gefahren bis nach Prag, und zwar in den Pfingstferien, wenn kein Wartburgfest stattfand. Dabei berührte ich dann jedesmal die schöne Stadt Dresden mit, dem lieben Verwandtenhaus an der Elbe und die " Sächsische Schweiz ".

Das Dresdener Brachmann Haus,

das nun nach dem Tode der Tante Marie endgültig seine Tore geschlossen hat und verkauft worden ist, lag wundervoll am hohen Elbufer in der Dresdener Neustadt. Von der großen, durchgehenden Landstraße, jetzt Bautzenerstraße, fiel ein großer schöner Garten steil zum Elbufer ab. Inmitten lag das zwar etwas altmodische, aber kulturerfüllte Wohnhaus. Onkel Walther, der jüngere Bruder meines Vaters und  Tante Marie waren seine charakteristischen Einwohner. Sie waren sehr verschieden. Onkel Walther der feinsinnige, immer freundliche Gelehrte, gymnasialer Observanz, aber keineswegs verknöchert, vor allem auch lebendigster Zeuge und Bewahrer Brachmannscher Familientradition. Er schrieb uns seine sehr wertvollen Erinnerungen über sein ( und unseres Vaters ) Elternhaus. Tante Marie, eine nicht ganz leicht zu nehmende, etwas wunderbare oder wunderliche und, wie wir immer fanden, reichlich Madonnenhafte ( hinsichtlich Gesichtsausdruck und Frisur ) " Tante ", aber eine unendlich liebreiche und fürsorgliche Tante für alle wie ich durchreisenden Neffen oder hungrigen Studenten. Geist und Kultur des Hauses war besonders angenehm und anheimelnd.

Manche Sorge und manches Leid ist auch in diesem Hause eingekehrt mit seinen 5 Kindern. 1902 war ich zum ersten Male dort, 194o zum letzten Mal. Eine scherzhafte Erinnerung an dies Haus ist unauslöschlich hängen geblieben in mir. Sie bezieht sich auf das " Örtchen " des altmodischen Hauses, das wie man wissen muß, noch keine Kanalisation hatte zu der Zeit, als ich als Student dort einkehrte. Dortselbst  prankte ein großes Plakat folgenden Inhalts: " Zuerst ein Quartblatt einlegen, hinterher den Kloben heben, zuletzt das Fenster öffnen ! " Das mußte erst praktisch geübt werden, aber man kapierte es bald.  

Das Wartburgfest, das alle 2 Jahre stattfand, habe ich 3 Mal mit gemacht, 1901 als Bonner Fux, 19o3 als Hallenser Fuchsmajor, 19o5 als alter Inaktiver, der nur für 2 - 3 Tage sich loseiste und mit Freund Deggau fast privatim zum Fest fuhr. Ich besinne mich auf den wundervollen Abend auf dem Kickelhahn mit ihm zusammen. In meine Hallenser Zeit fällt auch die schon erwähnte herrliche Alpenreise mit Papa zusammen.

In meine Studentenzeit fällt folgendes Erlebnis, das mir unvergeßlich ist :  Ich besuchte in Bochum meinen Freund Hans Schmidt und hatte Gelegenheit, die gewaltigen Anlagen des " Bochumer Vereins " zu besichtigen. Das ist eins der größten Hüttenwerke. Ein Ingenieur führte uns. Wir kamen in eine riesengroße Halle, in der viele Schmelzöfen standen. Darunter auch Platinschmelzöfen. die einen ungeheuren Hitzegrad erzeugen. Vor ihm stand zu seiner Bedienung ein junger Mann, angetan mit einem Asbestanzug, der dauernd mit Wasser berieselt wurde. Der Ingenieur sagte zu uns: " Sehen Sie sich diesen jungen Mann an! Er ist wohl der bestbezahlte Arbeiter, aber er wird kaum älter als 30 Jahre werden.  

Eine oft geübte nächtliche. Beschäftigung wäre der Vollständigkeit halber noch zu erwähnen. Vom Bäcker Hund war schon die Rede. Er wohnt an dem Hauptkreuzungspunkt innerhalb des heiligen Viertels, an der Ecke Hohenzollern und Göbenstraße. Außer Broten und Semmeln fabrizierte er die schönsten Torten und Leckerbissen. Oft drangen wir nach der Kneipe in spätester Nachtstunde - es muß schon sicher nach 1 Uhr gewesen sein - in seine Backstube ein, wo er mit seinen Lehrlingen schon das neue Tagewerk begann. Nebenbei : Nie kam uns dabei der Gedanke, wie verwerflich doch solche Nachtarbeit für etwa 14 – 15 jährige Jungen war. Da wurden dann alle Überreste an Torten und Kuchen vom vorigen Tage aber restlos aufgefuttert, für den Bäckermeister sicher ein angenehmes Geschäft .Unsere Mägen müssen  damals doch sehr solide gewesen sein. Von solcher " Sitzung " habe ich noch ein Foto, das wohl mit Blitzlicht aufgenommen wurde.  

Dann war auch für mich der Tag gekommen, an dem ich den " Bemoosten " sang. Ich  kehrte endgültig nach Altona zurück, nachdem ich mir die Examensarbeiten hatte geben lassen. Nun begann der Winter 05/06, der zur Examensarbeit diente. Damals bewohnte ich das Zimmer im 2. Stock nach vorn. Der Tag war genauestens nach Stunden eingeteilt. Er begann mit einem 1stündigen Morgenspaziergang, meist  wohl noch im 'Dunkeln oder in der Dämmerung. Dabei hatte ich einen Begleiter in cand. theol. Thiele (? ), über den ich allerdings nichts weiter zu sagen weiß. Mir ist auch so, als wenn Hugo Kohbrok zeitweise mein Begleiter gewesen war.

In dieser Zeit trat Jula Wagner entscheidend in meinen Gesichtskreis. Februar 06 fand mein Examen in Halle statt mit nachfolgender Reise Nürmberger nach Berlin. Am 6.3.06 trat ich als Kandidat am Johanneum ( Hamburg, Speersort ) ein und wurde von dem strengen Direktor Prof. Dr. Friedrich Schulteß feierlich eingeführt als Brachmann II. 
Denn Onkel Friedel war Brachmann I .

Damit begann meine Berufsarbeit an deren Ende ich jetzt nach fast 40 Jahren stehe.  

 

 

 

 

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