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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

   Wilhelm Brachmann, Cuxhaven

 

 

Schulerinnerungen
eines ehemaligen Oberlehrers
aus der Zeit vor 50 Jahren

 

 

 

 

Zu Ostern 1908 kam ich nach Cuxhaven, damals jüngster "Oberlehrer", wie man damals sagte, heute ältester Ruheständler. Wahrhaftig ein krasser Unterschied! Aus dieser ersten Zeit meines Cuxhavener Lebens, die mit zehn Jahren noch dem kaiserlichen Deutschland angehörte, soll ich ein wenig plaudern. Nun gut! Man nehme es aber auch so hin, wie es gemeint ist: als anspruchslose Plauderei.

Wie sah es damals hier aus? Hinsichtlich des äußeren Stadtbildes wagt man kaum den Vergleich. Die drei Stadtteile Ritzebüttel, Hafen und Döse waren erst 1907 zur einheitlichen Stadt Cuxhaven zusammengewachsen;  Duhnen, Stickenbüttel und Groden gehörten noch gar nicht dazu. Zwei Häfen gab es: den Alten Hafen und den Fischereihafen, der damals nur bis dahin ging, wo heute die Fährboote fahren. Man arbeitete am Ausbau des dritten großen Hafenbeckens, des sogenannten "Amerikahafens", der dafür bestimmt war, unsere damaligen Großschiffe " Vaterland" und "Imperator" aufzunehmen. Doch dazu kam es ja nicht mehr durch den unglücklichen Kriegsausgang. Damals wurde die evangelische Garnisonkirche ( heute Petrikirche ) gebaut, an deren Einweihung 1912 ich in Frack und Zylinder teilgenommen habe. 

Höhere Staatsschule und Abendrothschule lagen noch in friedlichster Ruhe da, und es raste noch kein wahnwitziger Autoverkehr an ihnen entlang wie heute. Die heutige Abendrothstraße war eben erst als Fahrstraße ausgebaut. Vorher hatte es nur den sogenannten " Professorenstieg " gegeben, einen deichartig erhöhten Fußweg, der seinen Namen im Volksmund daher hatte, weil der ehrwürdige Prof. Dr. Rohde dort seinen täglichen Schulweg machte. Auch der heutige so verkehrsreiche Weg durch die Westerwisch war doch nur ein kümmerlicher Landweg. 

Wie viele neue Stadtviertel sind seitdem aus der Erde gewachsen, ich nenne nur den Riesenkomplex, der heute unter dem Namen " Ostblock " zusammengefaßt wird. Aber - wie schön und ruhig und friedlich war es damals. Man konnte als Fußgänger sicher seines Weges gehen und die Straße überqueren, ohne dabei wie heute in Lebensgefahr zu geraten. Man verzeihe diese ketzerische Kritik.

Und wie sah es damals vor dem ersten Weltkrieg in unserer Schule aus?  Ich möchte keinesfalls dem Historiographen der Schulgeschichte hierin vorgreifen und mich deshalb auf allerlei " Kleinigkeiten " und persönliche Erinnerungen beschränken. Wer aber überhaupt von unserer Schule in damaliger Zeit, d. h. vor 50 Jahren, redet, der kann unmöglich den Namen des Mannes übergehen, der von 1888 bis 1908 der Schule ihr bzw. sein Gepräge gegeben hat:  Prof. Dr. Diedrich Rohde. Ich erinnere mich deutlich des Augenblickes, wo ich zum ersten Male vor ihm stand. 

Als mir vor Ostern 1908 meine Versetzung nach Cuxhaven bekanntgegeben war, fuhr ich gegen Ende März hierher, um mich meinem neuen Direktor vorzustellen und mir ein Zimmer zu mieten. Letzteres gelang ohne Schwierigkeit. Ich fand zusammen mit dem lieben Kollegen August Reuter, der gleichfalls Ostern 1908 erschien gutes Quartier bei einer Frau Emma Rensch in der Kirchenpauerstraße.  Dann aber begab ich mich zur Privatwohnung des alten Direktors, Ecke Abendrothstraße und Westerwischweg, allwo jetzt der Verkehr beängstigende Formen angenommen hat. Damals herrsche dort tiefster Friede; von dem Durchbruch zur Altenwalder Chaussee war ja noch keine Rede. Er war nicht zu Hause, und ich wurde in die Schule verwiesen, wo er zu finden sei. Ich wandelte also über die " Schweinsweide ", vorbei an der eben erst erstandenen Abendrothschule, zur Höheren Staatsschule. Das Gebäude war ja erheblich kleiner als heute, es ist im Laufe der Jahrzehnte mehrfach nach Norden und Süden erweitert worden. Damals hatte es zwei Eingänge an den beiden Schmalseiten im Norden und Süden, im Norden am Delftstrom mit einer großen vorgelegten Freitreppe. Vor dem Südeingang lag der sogenannte " botanische Garten". Dort lustwandelte ein alter Mann mit wallendem weißen Bart. Sollte er es wohl sein? Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Er führte mich in sein Amtszimmer, einen kleinen Raum gleich am Südeingang. Meine Absicht war, mich nach meiner künftigen Tätigkeit zu erkundigen, was ja in fünf Minuten hätte erledigt werden können. Aber weit gefehlt! Seine erste Frage war: Wie lauten Ihre Vornamen? Welcher heutige Direktor würde wohl einen neuen Kollegen mit dieser ersten Frage überfallen? Ich nannte meine sämtlichen Vornamen. Das gab den Anlaß zu einer langen Diskussion über die Seltenheit des Namens Konrad in der hiesigen Gegend. Danach erst teilte er mir meinen Unterricht mit. Ich hatte gleich zwei Ordinariate zu übernehmen, in Quinta und Quarta, und in den beiden Klassen Latein ( acht Stunden wöchentlich! ) und Religion zu geben, dazu Griechisch in Untertertia. Ich nahm von dem alten Herrn sofort einen ganz deutlichen Eindruck mit. Er erschien mir als der würdige Patriarch, der auch seine Schule in patriarchalischer Weise leitete. Daß die Vornamenforschung eins seiner Steckenpferde war, habe ich noch oft erfahren. Ein Beispiel: Einmal zitierte er einen meiner Quintaner in der Pause zu sich ins Amtszimmer. Der Junge hatte was "ausgefressen", und erwartete nun, daß eine gewaltige Strafpredigt über ihn niedergehen werde. Aber wieder einmal weit gefehlt! " Heißt du nicht Erich? " Der Delinquent bestätigte. Es folgte eine lange Erörterung des Namens Erich, und dann das Ende: " Und nun tu das nicht wieder, was du getan hast! "

Ich konnte damals nicht ahnen, daß dieser alte liebe Herr schon ein Todgeweihter war und in seinem letzten Lebensjahr stand. Drei Vierteljahre habe ich unter seiner Leitung meine Arbeit tun dürfen. Es war eine ganz große Tragik, daß er, der doch das höhere Schulwesen in Cuxhaven neu gestaltet hatte ab 1888, jetzt eben vor Weihnachten 1908, drei Monate vor dem ersten Abitur, sterben mußte. Aber diese drei Quartale werden mir unvergeßlich bleiben. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl in dem Kollegium gefühlt. August Reuter und ich, die wir beide zu Ostern 1908 herkamen, wurden alsbald von dem lebendigen Kreis jüngerer Kollegen aufs freundschaftlichste aufgenommen. Aber auch die älteren Herren waren ganz  markante Persönlichkeiten. Ich will sie nicht alle namentlich aufführen, schon um der Gefahr zu entgehen, versehentlich einen auszulassen. Aber ein paar Namen der " Männer von 1908 " seien doch genannt. Der Senior war Prof. Dr. Matthaei, Altsprachler und Religionslehrer. Neben ihm der Mathematiker und Physiker Friedrich Schütz, dessen selbstgebaute Apparate in der physikalischen Sammlung noch heute in Gebrauch sind. Ein sehr " gefürchteter " Mann. Wehe dem Schüler, der nicht Mathematik konnte oder sonst je sein Mißfallen erregt hatte. Wenn man an Schütz denkt, denkt man auch an den originellen behenden Mann, der mit in seinem Hause am Seedeich lebte und den man sich eigentlich nur im Eilschritt vorstellen konnte: Julius Strempel. Ursprünglich technischer Lehrer, danach Universitätsstudium, später Direktor einer deutschen Schule auf einer der Großen Antillen. Da war ferner der große stattliche Wegehaupt, durch und durch ein Wissenschaftler, der an einer Plutarchausgabe arbeitete, nebenbei ein hervorragender Cellist, in dessen Streichquartett ich alsbald als Geiger und Bratschist aufgenommen wurde. Er ging 1910 nach Hamburg. Da war ferner mit ganz spezialem Profil, wie man heute so schön sagt, Dr. Juan Hämmerle, ein hervorragender Chemiker und Biologe. Mit Klaus Oellerich zusammen gab er die " Flora des Amtes Ritzebüttel " heraus, ein noch heute mustergültiges Büchlein. Wie böse war er, als für den Lateinunterricht angeordnet wurde, das c sei auch vor e und i wie k zu sprechen. " Alle meine Schüler reden plötzlich von , Kitrone ' statt , Citrone '."  Wie manches könnte ich noch von anderen Kollegen sagen. Aber, um nicht restlos der loquacitas senilis zu verfallen, lassen wir es hiermit genug sein. Nur auf zwei Dinge möchte ich noch hinweisen. 

Es war noch kaiserliche Zeit, und so feierten wir alljährlich Kaisers Geburtstag am 27. Januar und Sedanfest am 2. September. Beides in großer Aufmachung mit vollzählig versammeltem Offizierskorps der Marine, die Reserveoffiziere unter den Kollegen in Uniform mit Ordensbrust, wo man eine hatte. Es war Brauch, daß der jeweils jüngste Oberlehrer die Festrede hielt. So habe ich als Jüngster meine Jungfernrede am Sedantage 1909 gehalten. Zu Kaisers Geburtstag war nach dem Festaktus der Schule das gewaltige Festessen bei Dölle, an dem teilzunehmen als Standespflicht galt. Das war für das Portemonnaie eines jungen Oberlehrers eine ziemlich stramme Sache; denn in etwa zwölf Stunden, von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr nachts, konnte man allerlei ausgeben für das Festessen von vielen Gängen und für zwölfstündige " Spirituosen ". Den Vorsitz bei diesem Festmahl gestand man ohne weiteres dem Herrn " Amtsverwalter " als dem Vertreter des Hamburger Senats zu. Aber über die wichtige Frage, wer zur Rechten des Amtsverwalters sitzen solle und wer den Platz zur Linken einnehme, darum ging ein leidenschaftlicher Streit zwischen dem seit 1907 vorhandenen Bürgermeister der Stadt Cuxhaven und dem Direktor unserer Schule. Der Bürgermeister sagte: " Ich bin der höchste Beamte in Cuxhaven."  Der Direktor: " Ja, aber nur städtischer Beamter, ich bin der höchste staatliche Beamte!"  Diese " schlimme " Streitfrage wurde tatsächlich in vielen Schu1konferenzen behandelt. 

Auch die folgenden Jahrzehnte sind inhaltsschwer gewesen. Zwei Weltkriege, dazwischen die krisenreiche Zeit der Weimarer Republik und die verhängnisvollen ,, 12 Jahre ". Aber mein Thema beschränkt sich auf die " Zeit Vor 50 Jahren ". Ich denke mit ungetrübter Freude an die fast vier Jahrzehnte meiner Tätigkeit an unserer Schule zurück und wünsche ihr über die 150 Jahre hinaus viel Glück und Segen.

 

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