Andrews    Benöhr    Beier    Bove   Brachmann    Brutzer   Download   Familiengeschichten    Görg   Jeschan    Klose   meine Kirche   Nagel   Poltrock  v. Oertzen   Mintzlaff   Schachschneider   Wagner   Wappen   
Impressum-  Kontakt -Datenschutzerklärung 


Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

Ernstes und Heiteres aus einer Landgemeinde :
Hof Arnhausen der Familie Benöhr
ein Elbmarschenhof ca. 1880 - 1890
Erinnerungen von Emma Benöhr, verh. Lohmeyer  ( * 1875 + 1950 )

Nordseite des Hofes mit Haupteingang


 

Inhaltsverzeichnis
 
Komm mit zum Rundgang durch Haus und Hof  
Im Garten der Duft von Goldlack und Reseda  
Sich geborgen fühlen in der Großfamilie  
Viel Spaß mit Onkel Otto und Tante Tine  
Von der Frühjahrsbestellung bis Weizenhahn  
Das Backhaus und seine Freuden  
Jubel um Ostern, Pfingsten, Weihnachten  
Sommerliche Ausfahrten in die Umgebung  
Das Wichtigste, Kinder, ist die Schule !  
abschließendes Wort  
Erläuterung einiger Ausdrücke 52  


ARNHAUSEN

Der Hof " Im Felde " im Mittelteil Groden zwischen Groden und Ritzebüttel gelegen, war um 1700 im Besitze eines gewissen Joachim Stange; dessen Tochter und Erbin Anna Gissel Stange heiratete am 12. August 1721 Johann Wilhelm Littmann und so wurde dieser Besitzer. Aber schon 1725 am 06. Dezember verkaufte Littmann den Hof an Peter Martens, der später ( 1756 ) Schultheiss zu Groden wurde. Schultheiss Martens war Sohn des Peter Martens, Bürgers in Ritzebüttel, und seiner Frau Rebecca, geb. Wilms, einer Nachkommin des Johann Wilms in Döse, der 1697 " zu Gottes Ehren und der Kirchen Döse zur Zierde " ein großes Epitaphium gestiftet hatte, gemalt von dem Maler Nicolaus Bernütz, das jetzt in der Altenwalder Kirche hängt. Schultheiss Martens war verheiratet mit Catharina, geb. Neuhaus, Tochter des Peter Neuhaus, Hausmanns in Oxstede, deren Mutter Margarete wieder eine geborene Martens war. Des Schultheissen Martens älteste Tochter Rebecca, geb. am 30. März 1738, heiratete den Apotheker zu Ritzebüttel Jacob Friedrich Voss.

Schultheiss Peter Martens, ein im Lande sehr angesehener Mann, trat vom Schultheissenamte im Juni 1760 zurück und bezog bis zu seinem Tode um 1790 eine Wohnung bei der Kirche in Groden, nachdem er den Hof seinem Sohne Claus Martens übergeben hatte. Dieser war eine Zeitlang Landeseinnehmer gewesen. Er verkaufte später den Hof " Im Felde " an Georg Wilhelm Ayecke. Von dessen Sohn Johann Hinrich Ayecke kaufte ihn 1826 Jacob Hinrich Benöhr.

Dieser war bis zum Jahre 1827 hamburgischer Lotsenkapitän gewesen. Er war verheiratet mit Anna Margaretha Wichmann, einer Tochter des Christian Wichmann, der von 1783 bis 1805 hamburgischer Blüsenmeister auf Neuwerk war. Nach Jacob Hinrich Benöhrs Tode wurde sein Sohn Christian Benöhr der Besitzer des Hofes, dem unter dem 12. Januar 1843 amtsseitig der Name " ARNHAUSEN " erteilt wurde. Hans Christian Benöhr war seit Dezember 1827 verheiratet mit Catharina Rebecca Krohn. Der Ahnherr der Familie Krohn ist der Magister Johann Krohn, geb. in Hamburg 1630, seit 1659 Diakonus, von 1679 bis 1711 Pastor in Groden. Aus seiner Ehe mit Maria von Spreckelsen, Tochter des Hamburger Ratsherrn und Ritzebütteler Amtmanns ( 1677-1680 ) Hartwig von Spreckelsen J.U.Lt., blieb nur der jüngste Sohn Hartwig Heinrich Krohn am Leben, der Landmann wurde und sich mit der Witwe Maria Elisabeth Ruge geb. Ragen aus Krummendeich verheiratete. Auf ihn gehen die noch heute blühenden Familien Krohn zurück.

Auf Hans Christian Benöhr folgte als Besitzer von Arnhausen sein Sohn Schultheiss Otto Andreas Benöhr, verheiratet mit Antonie geb. Reye, dessen Bildnis von Maler Saffer die Vorhalle zum Sitzungssaale des Cuxhavener Rathauses schmückt. Von 1918 bis 1937 war Hans Christian Benöhr der Hofbesitzer von Arnhausen, ihm folgte sein Sohn Otto Andreas der 1943 fiel.

Der Bauernhof von dem hier berichtet werden soll, trug nicht von Anfang an den stolzen Namen "Arnhausen". Anderthalb Jahrhunderte lang hieß er schlicht " Im Felde ", belegen zwischen Groden und Ritzebüttel. Er hatte mehrfach den Besitzer gewechselt, bevor er im Jahre 1826 an Jacob Hinrich Benöhr kam. Dieser war hamburgischer Lotsenkapitän in Cuxhaven gewesen und wünschte sich nun einen Ruhesitz mit Blick auf die Elbmündung und ihren Schiffsverkehr. Ehefrau Anna Margareta teilte diesen Wunsch. Sie war auf Neuwerk aufgewachsen, wo ihr Vater als hamburgischer Blüsenmeister für das Richtfeuer auf der Insel verantwortlich war, bevor es dort einen Leuchtturm gab.

Jacob Hinrich war der Urgroßvater des Mädchens Emma, deren Erinnerungen diesem Buch zugrunde liegen. Zur Zeit als sie Kind war, lebten die Benöhrs in vierter Generation auf dem Hof. Von Großvater Hans Christian hatte es noch geheißen, er habe für seine Kinder einen Hauslehrer gehalten und sei nur in Begleitung seines Reitknechts nach Ritzebüttel geritten.

Jetzt gehörte der Hof Emmas Eltern : Otto Andreas und Antonie Benöhr. Hofbesitzer Otto Andreas war nicht nur Landwirt, sondern versah daneben zahlreiche Ehrenämter, war später Schultheiss und gehörte ab 1895 als Abgeordneter für Ritzebüttel der Hamburger Bürgerschaft an. Seine Frau Antonie, heiß geliebt wie der Vater, war eine Tochter des angesehenen Ritzebütteler Kaufmanns Georg Wilhelm Reye. Die beiden Familien, die Benöhrs und die Reyes, hielten eng zusammen, so daß sie in den Erinnerungen Emmas fast zu einer Einheit verschmolzen sind.
Wie aber kam der Hof zu dem Namen " Arnhausen "? - Damit hatte es folgende Bewandtnis : Großvater Hans Christian Benöhr, zum Zeitpunkt des Hamburger Brandes von 1842 Chef des 10. Bataillons Bürgermilitär im Amt Ritzebüttel, war nach Bekanntwerden des furchtbaren Geschehens sogleich mit einer Abteilung seiner Männer nach Hamburg geeilt. Dort halfen sie zwei Wochen lang bei Bewachungs- und Aufräumungsarbeiten.

Nach der Rückkehr erhielt Benöhr die Genehmigung, seinem Hof einen eigenen Namen zu geben. In einer gewichtigen Urkunde " Prot. Decretorum Ritzebüttelensis " , datiert " Jovis 12ten Januar 1843 " und unterzeichnet vom Amtmann Dr. F. Sieveking, wurde der Name Arnhausen amtlich bestätigt. - Die kleine Emma pflegte die Urkunde später voll Ehrfurcht zu betrachten. Aber noch eindringlicher wurde sie an den Großvater erinnert, wenn sie auf den Dachboden stieg, wo in einer Kammer dessen Tschako und der schrecklich große Säbel hingen.

Emma Benöhr wuchs auf Arnhausen zusammen mit sechs Geschwistern auf, vier Brüdern und zwei Schwestern. Sie schildert die Zeit von 1880 bis etwa 1891, als sie mit 16 Jahren aus der Schule kam.

Hof Arnhausen mit seinen von hohen Eschen, Linden und Kastanien umgebenen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und dem Benöhr'schen Wappenspruch " Veritas sine timore " ( Wahrheit ohne Furcht ) am Türbalken, war vielleicht nicht in allem ein typischer Bauernhof; zum Beispiel kaum was den Bildungsweg der Eltern anbelangt oder das spätere Studium der Brüder. Aber typisch war alles andere. So wie auf Arnhausen gestaltete sich der Tagesablauf auch auf den anderen größeren Höfen der Gegend. Und der Wechsel der Jahreszeiten prägte hier wie dort das Tun.

Kindheit auf Arnhausen - ein Zauber geht von diesem Rückblick aus. Dabei ist alles mit schlichten Worten gesagt, wie man es den eigenen Kindern und Enkeln erzählt. Fürwahr, so kann sich nur jemand erinnern, so bis ins kleinste Detail, der mit ganzer Seele daran hing.
Doch genug der Einleitung. Das Wort hat Emma Lohmeyer-Benöhr. Ihr fließen die Bilder und Erinnerungen in sprudelnder Fülle zu.

Komm mit zum Rundgang durch Haus und Hof!

 

 


Arnhausen, Backhaus und Schweinescheune

Auf Arnhausen stand die Haustür meistens offen. Man trat gleich in die Gartenstube mit Mutters Kleider- und Leinenschrank. Von dort führte eine Tür in Vaters Kontor, wo der große Mahagonischreibtisch aus dem Hause seines Großvaters Pastor Weiss stand. Hier rechnete Vater Sonntagmorgens mit den Tagelöhnern ab; hier hatte er seine Sühnetermine als Schiedsrichter; hier waren seine Bücher. An der Wand hing eine Karte des Hofes mit allen zugehörigen Feldstücken. Es war darauf auch noch das " Neufeld" aufgezeichnet, eine ziemlich große Fläche, die einst der Elbe abgerungen, dann aber in einer Sturmnacht mit allem anderen Land und vielen Höfen vom Erdboden verschwunden war - ein Raub des wütenden Meeres.

Über Vaters Schreibtisch hingen die farbigen Bilder seiner Ahnen. Unter der Decke der große Schiffskompaß, eine Bussole die noch an Urgroßvater Hinrich Benöhr und dessen Fahrten als Kapitän erinnerte. - Vom Kontor ging man in die elterliche Schlafstube. Dort standen stets drei oder vier Kinderbetten. Wenn wieder ein Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt kam, lag unsere Mutter nebenan im Kontor.

Eine zweite Tür führte von der Gartenstube ins Wohnzimmer. Auf dem mit Roßhaarbezug bespannten Sofa hatten Vater und Onkel Otto ihre festen Plätze, dazwischen ein Kind. Mutter, Tante Tine und wir anderen Kinder reihten uns um den Tisch herum; das Stubenmädchen aß mit am Tisch.

Über dem Wassertisch im Wohnzimmer hing ein Bücherbord mit Bibel, Gesangbuch und etlichen Schriften. Der große weiße Kachelofen strömte im Winter behagliche Wärme aus. Er wurde nur mit Holz und Torf beheizt; erst später kam die Steinkohle auf. Manchmal nahm Mutter gegen Abend die Glut aus dem Ofen und buk darin in einem Kasten ein Weißbrot. In der Ofenkasse stand ständig ein Teekessel; wenn er morgens zu kochen anfing und der Dampf sich im Zimmer verbreitete, tauten an Wintertagen die Fenster auf.

Der ovale eichene Ausziehtisch war wunderbar zum Spielen. Hier haben wir gesungen, gespielt und getollt. Vaters und Mutters niedrige Lehnstühle standen vor den Fenstern, während gegenüber die Eckschränke mit den täglichen Tassen ihren Platz hatten. An den Wänden Familienbilder von Großvater Benöhr, unserer früh verstorbenen Schwester Clara und den Großeltern Georg Wilhelm und Amalie Reye.

Von der Gartenstube ging man geradeaus in die Küche, vorbei am Geschirrschrank und der großen Wassertonne, in der das Regenwasser gesammelt wurde. Der Sprickentisch und der Torftisch enthielten das tägliche Heizmaterial für die Küche; angemacht wurde mit Heide. Der sehr große Herd, an den sich zwei Kupferkessel anschlossen, nahm mit diesen eine ganze Seite der Küche ein. In den offenen Rauchfang mit der seitlich darüber befindlichen Rauchkammer strömte der Rauch, ehe er in den Schornstein mündete. Seitlich davon: der große Tisch, die Spülbalje, und die immer verschlossene Speisekammer.
 


Die Laube am 'Berg' hinter dem Garten
Der 'Berg' wurde von Emmas Großvater angelegt


Der unterkellerte und durch 5-6 Stufen aufgehöhte Nordflügel des Wohnhauses wurde von der großen und der kleinen Kellerstube eingenommen. Mit ihren Gipsornamenten an der Decke und den Seitenwänden sowie der kunstvoll gestalteten Ofenecke war die Große Kellerstube ein Festsaal in kleinerem Maßstab. Im Schrank waren die vielen Bücher unserer Eltern aufgestellt : die Gesammelten Werke von Schiller, Goethe, Lessing, Herder, Fritz Reuter, dazu viele schöngeistige Schriften.

An den Wänden hingen zwei große Kupferstiche in schwarzen Rahmen. Der eine stellte dar, wie Hermann von weitem den Flüchtlingszug mit dem Wagen von Dorothea sieht; das andere Bild zeigte Friederike beim Brotschneiden für die kleinen Geschwister, die sie umgeben.

Mutters sehr hübsche Mahagonimöbel - der ovale Ausziehtisch, das Sofa, zwölf Stühle, vier kleinere feine Tischchen, der Spiegelschrank und der hohe Tassenschrank - vervollständigten den Eindruck echter Gediegenheit und schlichten Wohlstandes. Auf dem Büchertisch lag unsere große Schnorr'sche Bilderbibel, ferner ein Prachtwerk mit Bildern zu Schillers " Glocke " und manch anderes Buch das zum Betrachten anregte. Vom Eckschrank her glänzten die dreiarmigen silbernen Leuchter; dazwischen hing das hübsche Spruchband " In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott. "

Doppelte Gardinen, ein großer Teppich und die Hängelampe paßten zum Übrigen. Auf einer Konsole an der Wand breitete der segnende Christus seine Arme aus.
Im Sommer stand auch unser Klavier in der Großen Kellerstube, auf dem wir fleißig übten. Sonst kamen wir Kinder selten hierher; aber alle Familienfeste, Geburtstage, Taufen, Weihnachtsfeiern vereinigten die Familie in der Großen Kellerstube.

Die schwere Dielentür schloß unsere Wohnung ab gegen die Scheune, die mit der Wohnung unter dem selben Strohdach lag. Hier war rechts der Schrank für das Pferdegeschirr sowie die Schrotkammer. Der Kälberstall bildete den Übergang zum Kuhstall, während rechts von der Diele der Pferdestall war. Über der Schrotkammer befand sich die ' Hilgen', d.h. der Schlafraum für die Knechte. Hier standen drei sehr breite Betten mit Strohsäcken und mächtigen Federbetten.

Über dem Kuh- und Pferdestall lag Stroh, worin die Hühner öfter Eier legten. Das Ganze war vom großen Heuboden überdeckt. Auf dem vorderen Teil standen die Schrotkisten; auch war hier Lagerraum für alte Maschinen- und Eisenteile. Der Mehlboden mit seinen verschiedenen Sieben für feines und grobes Weizenmehl stellte die Verbindung zum Heuboden her. Eine kleine Treppe führte zum Hohen Boden hinauf. Auf dieser Treppe saß man beim Rupfen des geschlachteten Geflügels und der Krammetsvögel, die Onkel Otto im Dohnenstieg fing. Neben der Rauchkammer standen ein Schrank und eine hübsch geschnitzte große Truhe, in der allerlei Vorräte aufbewahrt wurden. Hier waren auch die kleineren Tonnen mit getrockneten Äpfeln und Birnen untergebracht. Frisch gepflückte Äpfel wurden auf dem Niederen Boden auf Stroh gelagert.
 


Westseite des Hauses
Links die Fenster der höherliegenden Kellerstuben

Vom Boden nun schnell hinab in den Keller ! Er befand sich unter der Großen Kellerstube und war dreiteilig. Im ersten Keller waren die Borde für die vielen Milchsatten und der Apfelschrank; der mittlere Keller enthielt den Fliegenschrank, das große Pökelfaß, das Eierbord und ein großes Bord für Speisen; im hinteren Keller lagerten die Kartoffeln, Wurzeln, Sellerie und anderes Gemüse.

An der Ostseite der Scheune gewahrte man die Misten, auf die alle Ställe mündeten. Die Tür zur Scheune war flankiert von zwei großen Steinen, die den Eingang schützten beim Einfahren des Heues. Auf diesen Steinen saßen mittags oft die Knechte, bis der Ruf " Rinkumen ! " erscholl.

Auf der Diele lag manchmal hoch aufgeschichtet Stroh. Wir Kinder krochen gern hinein und machten uns eine Höhle. Eines Tages war ich besonders tief in dieses Stroh hineingekrochen, und die Bunde fielen hinter mir herab. Ich war von dem Stroh, das bis unter die Decke reichte, wie eingemauert. Rufen hätte niemand hören können, selbst wenn zufällig jemand auf der Diele gewesen wäre. Ich glaube, es war das erste wirkliche Schreien zu Gott in der Not, und er half mir, mit aller Kraft nach rückwärts einen Weg zu bahnen, bis die Füße wieder draußen waren.
An den Pferdeställen sahen wir gern zu, wenn die Tiere beim Füttern ihre Köpfe über die Krippe herausstreckten. Im Rinderstall, zur Linken, stand vornean der große Bulle, dann kamen die Kühe die gerade keine Milch gaben, dann die Queenen und das Jungvieh, die Besten, und im Kälberstall die größeren Kälber. Ich meine, wir hatten etwa 60 Stück Rindvieh.
Im Knie zur Kornscheune war der Göpel, idealer Spielplatz für uns Kinder. Wie herrlich fuhr man im Göpel, vier Kinder in den aufgehängten Sielen, vier Kinder auf den Stangen. Abwechselnd schoben die größeren Kinder, und so sausten wir herum. - Die eigentliche Aufgabe des Göpels war für mich nur insofern von Belang, als ich manchmal nachhüten mußte. Zum Antrieb der großen Dreschmaschine wurden vier Pferde in den Göpel gespannt, die nach einigen Stunden mit vier anderen Pferden wechselten. Die Häckselmaschine über dem Göpel ließ sich mit zwei Pferden am Göpel betreiben, und die großen Mahlsteine mit drei. Die Aufgabe des Nachhüters bestand darin, daß man in umgekehrter Richtung wie die Pferde ging und diese durch ständiges " Hü-hott !" in Gang hielt. Nur den faulen Rühen mußte man mit der Peitsche schlagen; er legte sich manchmal im Geschirr hin, wenn die Pferde umgespannt wurden. Ich habe nie verraten, wieviel Angst ich beim Nachhüten hatte, denn ich schämte mich deswegen.
Vater konnte vom Häckselboden aus durch ein Sprachrohr "Hü-hott!" rufen, womit das Nachhüten durch uns Kinder dann unnötig war. Ich erinnere mich, daß Vater stets ein freundliches Wort für den kleinen Antreiber hatte, wenn er am Göpel vorbeikam.
Hinter dem Göpel lag der Schafstall. Es wurden auf Arnhausen 8 - 10 Schafe gehalten, die die Weiden kahlfressen mußten, so daß keine Grasbüschel stehen blieben. Im Frühling hatte der Schafstall seine besondere Anziehungskraft, wenn die kleinen Lämmer dort bei den Schafmüttern waren. Am 1. April gehörte es zu den regelmäßigen Aprilscherzen, daß gesagt wurde, ein Schaf habe gelammt. Der leichtgläubige kleine Bruder lief dann spornstreichs hin, um das Lämmchen zu besehen.

Unter der Treppe zu den Hilgen - dies war ein beliebtes Versteck beim Spielen - befand sich die große Pumpe. Von hier aus wurde der draußen stehende Örnblock für die Pferde vollgepumpt. Ein Rohr leitete das Wasser in den Rinder- und Schafstall, in deren Krippen das Wasser zweimal täglich entlangfloß, was wir gern beobachteten.

Neben der " Abweise ", wo Pflüge, Eggen und sonstiges Ackergerät abgestellt wurden, war die Wagenremise. Sie barg den schönen braunen Schlitten, mit dem Benöhr'schen Wappen verziert, in dem man, in Stroh und tiefem Fußsack verpackt, mollig aufgehoben war. Bei Ausfahrten rannten zwei gute Pferde, mit dem Glockengeschirr bespannt, auf der Schneebahn dahin, die uns ja leider nicht jedes Jahr beschert wurde. Eine große Chaise für besonders festliche Gelegenheiten und ein Landauer mit grünem Plüschbezug, vier Sitzen vorn und zwei Sitzen beim Kutscher, standen für Fahrten bereit.
Unten war in der Wagenremise der Hundestall eingebaut, in dem unsere Juno ihren Platz hatte, ein großer schwarzer Hofhund, der uns mit seinen treuen Augen so freundlich ansah und mit dem zottigen Schwanz wedelte, wenn er gefüttert wurde. Er lag an einer Kette, die an einem Draht entlanglief, welcher um die Ecke der Scheune führte. So konnte er jede Person sehen, die vom Norder- und Südertriftstück über den Hof kam.
Auf dem Remiseboden befand sich ein Taubenschlag, mit dem Ausflug zum Hof. Girrend saßen dort die Tauben auf ihren langen Stangen. Wir hatten große Freude, wenn Mutter sie fütterte und die Tauben um sie herumschwirrten. Nachdem einmal vergessen worden war, den Taubenschlag abends zu schließen, war in der Nacht ein Iltis eingedrungen und hatte neun Tauben zerrissen. Die anderen hatten sich fluchtartig davongemacht. Danach hat Mutter keine Tauben mehr halten mögen. Der Geruch des Wildtieres war durch nichts zu vertreiben.
An einer Planke entlang führte von der großen Dielentür ein Steinweg zur Schweinescheune, in der vornean der Hühnerstall war. In einem geräumigen Brutstall saßen dort die Glucken, von einem Drahtgitter zugedeckt, das jeden Mittag eine Stunde heruntergenommen wurde, damit die Glucken fressen konnten. Dahinter lag der eigentliche Hühnerstall mit den schräg übereinander geschichteten Stangen und, an der Wand, den vielen Nestern zum Legen. Ich erinnere, daß wir in der Hochsaison etwa 40 Eier täglich bekamen. Die kleinen Kücken beobachteten wir zu gern beim Ausschlüpfen aus den Eiern. Eines Morgens lagen an die vierzig größere Kücken tot im Hühnerstall. In der folgenden Nacht wachten Vater und ein Tagelöhner abwechselnd im Brutstall. Als der Tagelöhner ein leises Geräusch vernahm, sah er gerade noch den Schwanz eines Marders in einem ausgehöhlten Balken verschwinden. Das Tier hatte sein Nest auf dem darüberliegenden Heideboden und wurde in der Nacht darauf gefangen.

In der Schweinescheune führte ein Gang an den drei Koben entlang. Hatte eine Sau Ferkel bekommen, so übte die Schweinescheune eine besonders starke Anziehungskraft auf uns aus. Zwölf oder vierzehn solch niedlicher sauberer Tierchen lagen dann rosig und friedlich bei ihrer Mutter oder liefen umher. Beim Ferkeln mußte von einem Tagelöhner oder Knecht nachts gewacht werden, damit die Sau nicht ihre eigenen Kinder auffraß.

Jetzt nur noch kurz ein Blick in den Entenstall. Er war unter der Treppe zum Heideboden. Der Schweinejunge mußte jeden Morgen die Enten tasten und diejenigen im Stall zurücklassen, die im Laufe des Tages ein Ei legen würden. Alle andern begrüßten mit lautem " Quak-quak ", daß sie endlich nach draußen durften.

Im Garten der Duft von Goldlack und Reseda

Unser Garten auf Arnhausen, wie war er so schön ! Durch die Pforte in der Dornenhecke kam man in seinen Schatten und Blütenduft. Gleich rechts stand die kleine weiße Laube, mit dem Sandplatz zum Spielen für uns Kinder. Vom Rasen her leuchtete ein großes, meist mit Stiefmütterchen bepflanztes Beet dem Besucher entgegen. Es war eingefaßt von einem dicken Kranz doppelter Marienblümchen. Zu beiden Seiten davon die länglichen Beete mit Maiglöckchen und Portulak. Hier wurden ein Reck und ein Barren fleißig zum Turnen benutzt. Den Abschluß bildeten vier herrliche Linden, die wie ein Dom sich gen Himmel reckten. Ein langer Tisch mit weißen Bänken und zwei Lehnstühlen lud zum Kaffeetrinken ein.

Nach rechts hinüber erblickte man eine Anzahl Johannisbeersträucher, und links - ebenfalls mit Buchsbaum eingefaßt - eine große Rabatte mit den verschiedensten Ziersträuchern: blühende gelbe Johannisbeere, Jasmin, einfache und gefüllte Deutzien, Schneeball, Syringen, Mandelbäumchen und viele andere.

Eines notwendigen kleinen Häuschens muß ich noch Erwähnung tun, das versteckt hinter den Tannen stand: das " Lusthäuschen " mit drei Sitzen für Erwachsene und einem kleinen, mit einer Stufe aufgetreppt, für Kinder. Manche Sitzung ist hier abgehalten und bei großem Familienbesuch manche Debatte der Vettern geschlagen worden.
Blumen gab es an vielen Stellen im Garten. Da war das Frühlingsbeet mit den Schneeglöckchen, Zilla, blauen und roten Leberblümchen. Nach Süden zu schloß sich das Beet mit den herrlichen weißen Lilien an. Abgeschirmt hinter den Ziersträuchern stand die Figur des Götterboten Merkur, und etwas weiter längs das weiße Standbild der Venus. Das Ganze umrandet und eingefaßt von einem breiten Streifen Immergrün.
Im hinteren Garten, neben der Blutbuche und den Rhododendren wuchsen Rosen. In der Mitte des hier angelegten Beetes hatte Mutter ihre Agrapant und Kallas, umgeben von einem Kreis von Tabakpflanzen. Nahebei blühende Geranien und Fuchsien, gelbe Pyreterum und blaue Lobelien.

Kiesbestreute Wege führten zur Laube am " Berg ". Ihre Weinranken waren meistens so beschnitten, daß heller Sonnenschein in die Laube fluten konnte. Hier gewahrte man ein Beet hochstämmiger Rosen, deren Duft sich mit dem der darunter gesäten Reseden mischte. - Der " Berg " war von meinem Großvater Hans Christian Benöhr angelegt, mit der Erde die bei der Schaffung von Entwässerungsgräben gewonnen worden war. Dieser Arnhausener Privatberg mit seiner krönenden weißen Bank, überschattet von einer Hängeweide, war im Frühling über und über mit stark duftenden Veilchen bedeckt. Welch herrlichen Ausblick hatte man von hier aus über unsere Felder nach Cuxhaven und Ritzebüttel bis zum Meer !

Der sogenannte Mittelgarten bildete den Übergang vom Zier - zum Obstgarten. Neben den Apfelbäumen liebte ich hier besonders die gelben Pflaumen und die beiden Zwetschenbäume. Zwei Blumenbeete mit Rosen und Phlox lagen an dem Weg, der zur Jelängerjelieber-Laube am Leestrom führte.

Den großen Hofgraben überquerend, gelangte man in den alten Obstgarten, in dem die Bäume mit den hellroten Glaskirschen und schwarzen Herzkirschen die ersten Früchte des Jahres boten. Den Astrachan-Apfelbaum und die doppelte Bergamottbirne schätzten wir nicht weniger. Morgens liefen wir gleich vor der Schule in den Obstgarten, um Obst für die Schulfreunde zu sammeln. Mehrere Gravensteinerbäume, Rotfrange, Pigeon und graue Renette boten eine Fülle von Früchten.

Der Obstgarten erstreckte sich bis zum Leestrom und wurde gesäumt von einer doppelten Reihe Erlen und anderen Schutzbäumen, die den Wind abhalten sollten. An die oft von uns heimgesuchten Stachelbeerbüsche und die Zierrabatten schloß sich der Gemüsegarten an. Er lieferte nicht nur Gemüse aller Art, sondern daneben auch Spaß für uns Kinder. Ich sehe noch die Brüder über die Flucht von Erbsenbeeten springen, zu Onkel Ottos Entsetzen. " Kerls, daß ihr mir nicht auf die Beete tretet ! Wollt ihr wohl raus ! "

Johannisbeer- und Himbeerplantage, Rhabarber, Sauerampfer, die Mistbeete mit Kohl- und Blumenpflanzen, die sämtlich selbst gezogen wurden, Kohl aller Arten, Möhren, Schwarzwurzeln, Petersilie und etliche Beete mit Stangenbohnen - dies alles enthielt der Gemüsegarten. Die drei Spargelbeete wurden jeden Morgen und Abend von Mutter abgeerntet. Wir Kinder liefen vor ihr her und entdeckten die Spargel, die manchmal kaum aus der Erde guckten.

Der Gemüsegarten erforderte viel Arbeit. Es wurde auch manches verkauft, das Mutter für die Handelsfrau zurechtmachen mußte. Damals ging das Gemüse nicht nach Gewicht, sondern wurde im Spint abgemessen, was bei Erbsen und kleinem Gemüse ja ging, sich aber bei den großen Schwertbohnen, Schmalzbohnen und Türkischen Bohnen schlecht machen ließ, so daß Mutter das Spint immer hoch aufhäufte .

Und wieviel Arbeit machte das Einmachen für den Winter ! Nicht allein das viele Geleekochen von Johannisbeeren, Himbeeren und Falläpfeln - es mußten auch die großen braunen Kruken gefüllt werden mit eingesalzenen Brechbohnen und Schneidebohnen. Der Herbst brachte die Verarbeitung des Fallobstes im Großen. Ganze Kiepen voll wurden mit einer Maschine geschält, mit dem Messer sorgfältig nachgeputzt, ausgestochen, und vom Gehäuse und den Wurmstellen befreit. Das Aufsetzen auf die Bretter besorgten wir Kinder. Jedesmal wenn gebacken wurde, wurden drei Bretter mit Fallobst vollgesetzt und als letztes zum Trocknen in den Backofen geschoben.

Da vom Gemüse die Rede war, muß ich an Lina Petersen denken. Ihr Mann, der schmächtige kleine Hermann Petersen, der auf Arnhausen als Vorschnitter die Felder unter die anderen Tagelöhner aufteilte, hatte von Vater ein Stück Land auf der Hohen Worth erhalten, wo er später mit Geschick und Fleiß Gemüse anbaute. Seine Frau, die derbe, vierschrötige Lina, brachte dieses zum Verkauf nach Ritzebüttel . In ihren beiden sehr großen Handelskörben, die sie mittels einer hölzernen Tracht auf der Schulter trug, nahm sie auch unser Gemüse mit. Der Spinat wurde nach Gabsch ( 2 Hände voll ) bemessen und in Tücher geknotet. Vier Gabsch kosteten zwei Groschen. Im Sommer bekam man für 50 Pfennig 13 Eier; im Winter gab es für den gleichen Betrag 8 Eier. Lina zog mit ihrer Last nach Ritzebüttel und rief dort in alle Haustüren hinein : " Eier, Spinot, Arfen, Bohnen, Blaumenkoal." Von dem Erlös unseres Gemüses bekam sie stets den vierten Teil als Lohn.
Der Arnhauser Gemüsegarten war durch eine Dornenhecke gegen die Bleiche abgegrenzt, die ganz bestückt war mit Pfählen für die Wäscheleinen. Unsere Bleiche zog sich am Leestrom entlang, aus dem man bequem Wasser schöpfen konnte, um die Wäsche zu besprengen.

Wenn es im Mai endlich wärmer zu werden begann, ging Mutter mit uns Kindern auf die Bleiche. Das jeweils Kleinste wurde auf eine dicke wollene Decke gesetzt; wir anderen spielten herum und brachten Mutter Wiesenschaumkraut, aus dem sie für jedes Kind ein Kränzchen flocht.

Der Weg an den Linden vorbei führt uns wieder zum Wirtschaftshof. An einer dieser Linden hing ein mächtig dickes Tau, an dem die Jugend klettern lernen sollte. Bruder Hans kam nur bis zur Hälfte hinauf. Als erster war einer unserer Dienstjungen, Heinrich Hadler, der Seemann werden wollte, oben im Baum. Dafür erhielt er den versprochenen Groschen. - Zwischen den Tannen hindurch kam man zur Schaukel. Sie war im Sommer, wenn viel Besuch bei uns war, fast immer besetzt. -
Wie viele glückliche Zusammenkünfte hat unser Garten gesehen ! Unter den Linden haben am grüngeschmückten Traualtar die Trauungen meiner Geschwister Anna, Hans und Franz stattgefunden. Ich erinnere, wie einmal der Hamburger Senator Hugo Brand, ein Schwager von Onkel Wilhelm Reye, auf dem Berg zu Vater sagte: " Ein wunderbar schöner Besitz !" Dabei ließen die Gäste den Blick rückwärts schweifen in den Garten und nach vorn über die Kälberweide, Martens Kamp und die Chaussee, bis hinüber zur weiten Elbmündung mit ihrem Schiffsverkehr.


Sich geborgen fühlen in der Großfamilie


Eine Base sagte mir einmal : "Ich habe in meinem ganzen bewegten Leben kein so harmonisches Ehepaar kennengelernt wie deine Eltern, und keine so friedliche Gemeinschaft wie eure." Das war es wohl vor allem, was uns auf Arnhausen so glücklich sein ließ. Dort war alles von schlichter Echtheit bestimmt. Wir wußten stets, woran wir waren. Ein " Nein " war bei unseren Eltern ein festes, ruhiges Nein, ein " Ja " stets ein freudiges, frohmachendes Ja.
Wenn ich etwas zerbrochen hatte, was öfter vorkam, und die Scherben sofort zu Mutter brachte, sagte sie nur : " Kind, nimm dich doch etwas in acht ! Sei doch nicht immer so flüchtig; nun bring die Scherben gleich auf den Scherbenhaufen hinters Backhaus." Aber wehe wenn ich die Unwahrheit sagte. Als ich einmal eine kostbare Vase zerbrochen hatte und auf Mutters Frage : " Hast Du es getan ?" log : " Nein ", da hat sie mich ganz unbarmherzig geschlagen. Sie selbst weinte dabei und sagte schließlich : " Kind, Kind, wenn Du etwas Böses getan hast und lügst noch dazu, so ist es dreimal so schlimm. Merk Dir das !"

Solcher Kummer war selten; das Helle überwog. Eine Freude war es jedesmal, wenn Vater uns Älteren mitteilte, wir hätten wieder einen kleinen Bruder oder eine Schwester bekommen. Mutter lag dann hinter dem großen Wandschirm im Kontor, der extra für solche Fälle dazusein schien. Wir durften einzeln hineingehen und das Kindlein sehen und bewundern. So kleine Fingerchen und Bäckchen, und richtige Haare hatte es auch schon ! Zu seinen Füßen im Wagen aber war für uns Große jedesmal eine Zuckertüte, die es uns mitgebracht hatte. Wie artig und ruhig waren wir dann in den nächsten Wochen !, und welche Freude erfüllte uns, wenn, von Vater sorgsam geleitet, unsere Mutter zum erstenmal wieder im Wohnzimmer erschien.
Als dann gar zwei Schwesterchen auf einmal kamen, wußten wir nicht, was wir sagen sollten. Unsere älteste Schwester, Clara, war sehr früh von uns gegangen. Das Kindermädchen hatte mit ihr gespielt, als sie vier Jahre alt war. Clara hatte sie hinten am Kleid angefaßt; so liefen die beiden spielend um einen Baum herum, als die Kleine stolperte, gegen den Baum fiel und sich eine Gehirnerschütterung zuzog. An der ist sie gestorben. - Auch unser Otto starb früh, erst 4 Jahre alt, an Scharlach. Vater und Mutter weinten, was ich vorher noch nie gesehen hatte.
Zu den Taufen kamen unsere Onkel und Tanten mit ihren Kindern. Sie waren alle fein angezogen, und feierlich und still. Der Pastor wurde mit einem Wagen abgeholt, und wenn er sich seinen schwarzen Talar und die weiße Halskrause angezogen hatte, ging er dem Täufling voraus in die Große Kellerstube, wo alle versammelt waren. Wir Kinder standen jedes bei einer Tante, damit wir uns ruhig verhielten während der Pastor eine lange Rede hielt. Als er Max auf der Stirn etwas naß machte, konnte ich von ganz nah zuschauen.
Bei der Taufe von Franz passierte etwas Merkwürdiges. Unsere Zwillinge Mariechen und Tonchen waren sehr zart. Darum bekamen sie jeden Vormittag etwas stärkenden Wein. Weil nun Mutter sehr viel zu tun hatte mit dem Herrichten der ganzen Tauffeier und der Bewirtung all der Gäste am Nachmittag, sagte sie zu Mariechen : " Mariechen, du bist ja schon vernünftig; nimm dir etwas Wein und gib auch Tonchen etwas. Du weißt ja, wo die Flasche steht." Mariechen tat das auch. Sie wurde nachher aber sehr lustig, fing immer wieder an zu singen, und benahm sich sehr merkwürdig. Dann weinte sie wieder, und schließlich brachte Mutter sie zu Bett, ehe alle Gäste kamen. Nach der Taufe ging dann eine Tante nach der anderen leise in die Schlafstube, um sich das kleine vierjährige Mädelchen anzusehen, das dort seinen Rausch ausschlief.

Allmählich wuchsen wir alle heran, und wenn man mittags den Tisch deckte, so zählte man die tiefen und flachen Teller, die im Tellerbord in der Küche steckten, in folgender Weise ab: "Vater, Mutter, Onkel Otto, Tante Tine, Anna, Hans, Emma, Max, Ernst, Mariechen, Tonchen, Franz." Statt " Franz " sagte ich meistens " Schwanz ", weil er der Jüngste war.

Am ungestörtesten konnte sich das Familienleben natürlich am Sonntag entfalten. Der begann genaugenommen am Sonnabendmittag, und das kam so : Auf allen Höfen wurde noch mit dem Flegel gedroschen. Das vierfache Klapp-klapp-klapp ertönte durch die ganze Gegend. Auf unserer großen Scheunendiele droschen während des Winters die vier Tagelöhner unter Vorantritt von Hinrich Dreier, dem Vorschnitter. Soundsoviele Schock Garben mußten in jeder Woche fertig gedroschen werden. Seit urdenklichen Zeiten waren die Leute damit am Sonnabendnachmittag fertig. So kam es, daß dieser schon als arbeitsfreier Tag galt, an dem jene die einhüten mußten, nur die notwendigsten Stall- und Vieharbeiten verrichteten.

Die Köksch hatte schon vormittags die Küchentische gescheuert, den Sprickentisch bis obenhin mit Holz und Spricken gepackt, den Torftisch mit Torf gefüllt, die Norderlucht und Döns sauber gefegt, und den steinernen Fußboden mit sauberem Sand bestreut. Jetzt konnte der Sonnabend beginnen.

Vater und Mutter saßen in ihren Lehnstühlen am Fenster. Mutter las gern ein gutes Buch, während die Finger strickten. Vater ließ die Kleinen auf seinen Knien reiten; auch hielt er ihnen gern seine große Taschenuhr, die in einer Hornkapsel steckte, ans Ohr. Manchmal ging Vater auf mein Betteln mit mir in die Scheune und " setzte mich über die Elbe ". Er legte sich dazu lang ins Stroh, hatte neben dem Kopf die Hände liegen, in die ich mit meinen Füßen trat und mich an seinen hochgezogenen Knien festhielt. Dann warf Vater mich mit einem großen Schwung ins Stroh. Einmal hat er mich 18 Mal über die Elbe gesetzt ! - Mutter spielte Lotto, Poch oder andere Gesellschaftsspiele mit uns, und in der Dämmerung wurden Schattenbilder gemacht. Manchmal wurden auch, als etwas ganz Besonderes, Bilder mit der Laterna magica gezeigt.

Eigentlich war der Sonnabendnachmittag noch schöner als der Sonntag, weil man da ja noch den ganzen freien Tag vor sich hatte. Sonntags standen wir später auf, wurden feiertäglich gekleidet und tranken in Ruhe Kaffee. Vater und Mutter gingen anschließend zur Kirche nach Groden. War dies aus irgendeinem Grunde einmal nicht möglich, so las Vater im Kontor eine Predigt vor. Nach dem Gottesdienst gingen die Eltern auf den Friedhof, der rund um die Kirche herum lag. Sie traten an die Gräber ihrer kleinen Kinder Clara, Paul und Otto, und an das Erbbegräbnis der Familie Benöhr, das wie ein großes Gemäuer dastand. Hier waren die Särge von Vaters Eltern und Großeltern aufgestellt. Sonntagmorgens rechnete Vater im Kontor mit den Tagelöhnern ab. Dabei und auch sonst wurde mit den Leuten plattdeutsch gesprochen.

Auch in der Familie und untereinander sprachen wir viel Platt, nur nicht in der Wohnstube. - Nachdem Vater abgerechnet hatte, zog er die beiden großen Standuhren auf. Ich verpaßte es nie, zuzusehen und zuzuhören, denn Vater ließ dabei manchmal das Glockenspiel der wundervollen alten Standuhr in der Gartenlaube immer von neuem ertönen, indem er den kleinen Zeiger zwölfmal um eine Stunde vorschob.

An jedem 16. Juli vereinte Mutters Geburtstag die ganze weite Verwandtschaft zu einem Gartenfest auf Arnhausen. Schon lange vorher hatte ich unter Tante Tines Anleitung ein Geburtstagsgeschenk hergestellt: ein mit bunten Farben auf feinem Stramin gesticktes Nadelbuch, einen Schulterkragen aus brauner Zephirwolle gehäkelt, oder ein Kopftuch aus schwarzem Mohairgarn, auch mal Hüllen für Mutters Blumentöpfe, aus versilberter Pappe, mit verschiedenen Garnen bestickt.

Mutter hatte am Vormittag alle Geburtstagsvorbereitungen getroffen. Da standen für den Nachmittag die vielen hübsch geschwungenen Kuchenteller mit kleinem Gebäck, Schichttorte und Blitzkuchen. Und zum abendlichen Butterbrot lag Aufschnitt in Gestalt verschiedener Würste, in Streifen geschnittenem Schinken, durchgeschnittenen Eiern und Rahmkäse bereit. Vater sah von Zeit zu Zeit mit dem großen Fernrohr aus dem Kellerstubenfenster, um zu erkunden, welche Gäste zuerst von der Chaussee auf das Triftstück bogen, zu Fuß oder per Wagen.

Dann wurden draußen die gestickten Decken auf die Gartentische und die Kissen auf die Bänke gelegt. Die ersten Gäste trugen Kuchen und Tassen mit hinaus. In der sonnendurchfluteten Weinlaube saß die ältere Generation; die Vettern und Cousinen und meine älteren Geschwister umgaben den großen weißen Tisch unter den vier Linden, und wir Kleineren saßen an dem langen Kindertisch davor. Nach dem Kaffeetrinken wurden Spiele gemacht. Es sah hübsch aus, wenn die größeren Vettern und Cousinen sich gewandt die weißen Rohrreifen zuwarfen. " Letztes Paar heraus " und " Dritten abschlagen " durften wir Kleinen mitspielen. Gewöhnlich wurde auch irgendetwas gemeinsam gemacht. So holte Vater einmal die Dezimalwaage vom Kornboden, und alle Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen, und wir Kinder wurden gewogen. Danach stellten wir uns unserem Gewicht entsprechend in einer langen Reihe auf, was allgemeine Heiterkeit erregte. Wenn auch das Abendessen vorüber war, wurde der geliebte Rundgesang gesungen. Mit riesigen Blumensträußen aus unserem in voller Blüte prangenden Garten gingen oder fuhren die Gäste wieder heim.

Waren die Hamburger bei uns zu Besuch, so wußten wir gleich, was es geben würde. Sie rannten mit einem Glas in der Hand auf die Kuhweide, um frische Milch von den Kühen zu trinken. Ich ging gemächlich hinterher, und schon – pardauz ! - war einer von ihnen im Kuhdreck ausgerutscht und bespritzt; ein Zweiter folgte seinem Beispiel. Die Großstädter wußten sich eben nicht zu benehmen. - Einmal wurde ich beim Zusehen hinten an meinem dicken blonden Zopf gezupft. Ich dachte, es wäre einer meiner Vettern. Als ich dann aber etwas Warmes, Feuchtes am Kopf fühlte, bemerkte ich mit Schrecken, daß eine Kuh meinen Zopf für Stroh gehalten hatte und gemächlich darauf herumkaute. Ich schrie aus Leibeskräften, und die Köksch, die gerade die Kühe molk, mußte mich befreien. Das hatte ich davon, daß ich mit Neugier und halber Schadenfreude meinen Großstadt-Vettern gefolgt war!
Zu Zeiten wenn kein Besuch da war, gab es für uns Kinder genug zu tun. Beim Rübenschneiden, eine Stunde vor der Schule, waren wir zu Dritt. Einer warf ein, einer drehte die Maschine, und einer schaufelte in die Kiepen, die der Knecht dann wegtrug. - Wenn die Johannisbeeren reif waren, mußte jedes von uns Kindern täglich eine Dose voll Johannisbeeren pflücken. Sechs Pfund gingen in eine solche Dose, die wir uns vor den Leib gebunden hatten. Beim Pflücken wurde unentwegt gesungen. Mutter legte Wert darauf, daß wir jeden Busch ganz rein abpflückten, während wir vor allem darauf aus waren, möglichst schnell die Dose zu füllen - denn auf dem Tisch in der Veranda lag schon ein Haufen Erbsen und Bohnen, die ausgepult sein wollten.

Wenn wir mit diesen Arbeiten fertig waren, konnten wir spielen. Meistens spielten wir "Akree"; an der grünen Backhaustür wurde angeschlagen. Wir versteckten uns hinter den Gebäuden, Bäumen und Gebüschen, und schlichen uns immer näher ans Backhaus heran. Dabei konnte es passieren, daß uns ein gehöriger Schreck durchfuhr, wenn wir auf einen Handwerksburschen stießen, der sich hinter einer Scheune oder hinter dem Strohdümpel ausgestreckt hatte. Die Bettelkinder aus Groden, die mit Beuteln oder kleinen Säcken öfter alle Höfe entlanggingen und um einen " Schleef Mehl " baten, gingen ja von selbst wieder weg, aber bei den Handwerksburschen, die wir auch " Monarchen " oder " Butjes " nannten, wußte man das nie. Nicht umsonst wurde abends nachgesehen, ob sämtliche Schlüssel vorhanden waren und ordnungsgemäß am Türpfosten der Wohnstube hingen.

Viel Spaß mit Onkel Otto und Tante Tine

Onkel Otto war einer von Mutters Brüdern, Tante Tine eine von Vaters Schwestern. Beide lebten mit uns auf dem Hof und gehörten ganz zur Familie. Ohne sie kann ich mir Arnhausen gar nicht denken. Früher war Onkel Otto Hamburger Kaufmann gewesen, zusammen mit seinem Bruder Arnold Inhaber der Firma Gebr. Reye. Er kam ziemlich krank, nervös und abgearbeitet zu uns und wurde von Vater und Mutter herzlich aufgenommen. Anfangs soll er so schwach gewesen sein, daß er nicht zu Fuß nach Ritzebüttel gehen konnte, sondern im Einspänner fahren mußte. Mit der Zeit kräftigte er sich jedoch immer mehr, so daß er später regelmäßig jeden Morgen zur Alten Liebe wanderte. Das geschah so pünktlich, daß die ihm begegnenden Schulkinder genau die Zeit danach bestimmten. Schließlich begann er sich im Garten zu betätigen und einen schwunghaften Handel mit Gemüse zu betreiben.
Im Winter machte Onkel Otto große Wanderungen, kreuz und quer durch die deutschen Lande. Sein Gepäck bestand dabei aus zwei Paar Socken, drei Taschentüchern, einer Zahnbürste und dem Stock. Waren seine Stiefel zerrissen, so saß er solange irgendwo in einer Schusterwerkstatt, bis sie repariert waren. Vater schickte ihm postlagernd Geld an die vorher bestimmten Orte. So ist er bis nach Konstantinopel, Rom und Süditalien gewandert. Mit dem Schiff fuhr er über das Mittelmeer. In Nordafrika war er einmal vielen Muselmännern folgend, in ein großes Tor eingetreten. Er wurde deshalb gefangengesetzt und sollte geköpft werden, wie er uns später erzählte, weil er dieses Heiligtum entweiht hatte. Mit Hilfe des deutschen Konsuls ist er dann aber mit heiler Haut davongekommen. - Längere Zeit war Onkel Otto auch in Spanien. Ein Verwandter wollte dort ein abgesoffenes römisches Silberbergwerk wieder in Betrieb nehmen.

Unser Onkel lebte für sich sehr einfach und anspruchslos. Jedes Jahr kaufte er sich einen neuen schwarzen Anzug. Die vierte Garnitur, die er im Garten trug, hätte jedem Landstreicher Ehre gemacht, Der Hut war ohne Boden, damit der Kopf besser auslüften könnte. Die Wurmdose vor den Leib gebunden, den großen Jätekorb mit den Maulwurfsfallen, der Pflanzleine und anderem kleinen Gerät in der rechten Hand, Hacke und Spaten in der linken, so zog er in den Garten. Eine halbe Stunde vor dem Mittagessen wurde laut in die Gegend hineingerufen: " Onkel Otto !", und aus irgendeiner Richtung erscholl seine Antwort. Am Mittagstisch erschien er dann in tadellos gutem Anzug.

Auf Onkel Otto's Tisch lag eine große lederne Schreibmappe mit vielen Zetteln. Jeden Mittag führte er Buch über die von ihm gefangenen Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Aale und sonstigen Fische, auch über seine Tätigkeit im Garten, z.B. die Zahl der gepflanzten Kohlsorten, die Fuhren Dünger oder Tonnen Jauche, die das Pferd Mira ihm in den Garten gezogen hatte. Diese Fuhren wurden mit den schönsten Namen bezeichnet : " Das goldene Naß " usw.
Im Herbst fing Onkel Otto manche Krammetsvögel. Er hatte seinen Dohnenstieg in der Erlenhecke, die den Obstgarten nach Westen schützte, und hinter dem Berg. Im Winter machte er aus dünnen Weidenzweigen und Pferdehaar die Schlingen, in die als Lockspeise Vogelbeeren gehängt wurden. Die Krammetsvögel waren eine große Delikatesse, kosteten Mutter jedoch durch das Rupfen und Zurechtmachen viel Zeit.

Beim Kohlpflanzen, wenn ich die Pflanzleine in die von Onkel Otto mit dem Spaten gemachte Erdspalte stecken mußte, eine Reihe nach der anderen, wurde kräftig gesungen : "Viola, Baß und Geigen, die müssen alle schweigen...", " Laurentia, liebe Laurentia mein, wann wollen wir wieder beisammen sein ?", und viele andere Lieder.
Onkel Otto war der Familienonkel für alle seine Geschwisterkinder. Er schenkte gern. Zum Geburtstag bekam jeder einen Taler, und jede seiner Schwestern und Schwägerinnen einen großen Zuckerhut. Den Familientag im Dobrock, der möglichst alle zwei Jahre die Angehörigen zusammenführen sollte - 60 Teilnehmer und mehr -, bezahlte Onkel Otto ganz allein, einschließlich Fahrgeld von Hamburg und Cuxhaven.

Am lebhaftesten sind mir die Abende dieser Familientage in Erinnerung. Dann setzte sich eine der musikalischen Tanten ans Klavier, und es wurde im großen Saal der Gastwirtschaft getanzt. Meistens fing es mit einer Quadrille an, die einer der Onkel kommandierte. Dann gab es altmodische Tänze, wobei das " Es geht nichts über die Gemütlichkeit" besonders beliebt war. Den Abschluß bildete eine große Polonaise, ebenfalls von einem der Onkel dirigiert: en arrière, en avant, chaine, carré, usw. Auf dem Bahnhof Höftgrube trennte sich die ganze Familie. Wir Cuxhavener und Ritzebütteler mußten Onkel Otto zum Dank auf dem Bahnhof in Cuxhaven vor allem Publikum einen Kuß geben, was unter lautem Lachen geschah.

Einmal lud Onkel Otto den in Cuxhaven anwesenden Teil der Reye-Familie zum Theater ein. Es war nämlich eine Schauspielertruppe gekommen, die im Landeshaus 14 Tage lang Vorstellungen gab. Unsere fünf Vettern hatten sich Theaterzettel besorgt, einzelne Buchstaben herausgeschnitten, und ein schönes Plakat zusammengeklebt. Als wir nun an dem betreffenden Abend die drei vordersten Reihen im Saal eingenommen hatten - es hatten sich, wie üblich bei solchen Gelegenheiten, etliche Leute mit zur Reye-Familie gerechnet - konnte die Vorstellung beginnen. Von dem Stück weiß ich nur noch, daß am Schluß drei Brautpaare auf der Bühne waren und daß eine Sängerin zu wiederholten Malen sang : " Denn so ein Bummelzug ist doch voll Poesie, wenn gegenüber sitzt ein schönes Visavis. " Meine Vettern hoben dann jedesmal ihr Plakat an einer Stange in die Höhe und brachten damit die Schauspielerin fast aus dem Text. Auf dem Plakat stand nämlich mit großen roten Buchstaben : " Ich liebe Dich !"

Als Onkel Otto einmal nach schwerer Krankheit genesen war, mußte ich - damals vielleicht 10 Jahre alt - zwölf armen Familien je 20 Mark von ihm bringen. Ich genierte mich zuerst sehr; als dann aber Mutter Rank in Groden über diese große unerwartete Spende in Tränen ausbrach, war ich gern bereit zu weiteren Botengängen dieser Art. Onkel Otto lebte von seinen Zinsen. Nach einigen Jahren sah er sich veranlaßt, jedem seiner 43 Neffen und Nichten ein Geschenk von 500 Mark zu machen, " damit mein Vermögen nicht weiter wachse ". Später hat er dann sein ganzes Geld unter Neffen und Nichten verteilt, behielt sich aber den Zinsgenuß davon vor, solange er lebte. - Als unser Vater sich an der Nordwestecke seines Hofes, an der Grodener Chaussee, ein schönes Altenhaus baute, blieb Onkel Otto auf Arnhausen. Zwar war im neuen Haus ein Zimmer für ihn vorgesehen, mit Blick auf die Elbmündung und den Schiffsverkehr, aber sich vom Hof trennen - das konnte er nicht.

Doch nun zu Tante Tine. Sie hieß eigentlich Albertine und war ein kleines, etwas verwachsenes Persönchen. Sie lebte in ihrem Zimmer, wo ich gern auf der großen Fensterbank saß, kam zu den Mahlzeiten herunter, und blieb auch abends nach dem Essen gemütlich bei uns. Mutter kam fast nie herauf; oben schaltete Tante Tine. Sie sorgte dafür, daß wir sonnabends reine Wäsche anzogen, kämmte mich, solange ich das noch nicht selbst konnte, paßte auf die Reinigung der Zimmer, die das Stubenmädchen machen mußte, und half unten, wenn es nötig war. Mich lehrte sie stricken, häkeln und sticken. An jedem Sonnabend setzte sie alle Blumenschalen und Vasen neu ein und putzte die vielen Messinggriffe und Schlösser im Haus. An der schönen Stehuhr, den Haustürklinken, den Klavierleuchtern und Schränken wurde alles blank durch den mit Branntwein angefeuchteten Rotstein.

Tante Tine stickte sehr viel, und die Lochstickereien auf unseren Hosen verdankten wir ihren fleißigen Händen. Als die Ritzebütteler Kirche einen Turm erhalten sollte, wurde eine Verlosung veranstaltet, für die Tante Tine eine sehr große Decke aus grobem Stramin bestickte. Diese galt als Hauptgewinn. - Gern kramte ich in ihrem inhaltsreichen Wandschrank herum, in dem ihre Nachtjacken hingen, die mit so hübschen getüllten Spitzen und Rüschen geschmückt waren.

Die Polsterstühle, der Mahagonischrank mit der Marmorplatte, der " Stumme Diener ", auf dem das zierliche Messingkomfort und zwei Kieken standen, sowie ein runder Sofatisch bildeten das Mobiliar in Tante Tines Zimmer. ( Die hübsch durchbrochenen messingnen Kieken wurden früher mit glühenden Torfkohlen geheizt und dienten in der Kirche zur Erwärmung der Füße. ) Ein kostbarer, 1 Meter langer und etwa 15 cm breiter Klingelzug, der ganz mit Perlstickerei versehen war, erinnerte an vergangene Zeiten.

Am schönsten war es auf Tante Tines Boden, der fast ganz durch einen riesigen Schrank und eine große Truhe ausgefüllt war. In einem altmodischen Sekretär befanden sich Zauberbücher und andere Raritäten. Wenn wir an einem Sonntagnachmittag die drei Schubladen ausräumen und uns mit all den darin liegenden Herrlichkeiten ankleiden durften, so waren wir selig. Wir erschienen dann unten in großgeblümten seidenen Krinolinröckchen oder in dem wasserfarbenen, vielfach abgesteppten wattierten Kleid - angetan mit unglaublich feinen Mulltüchern, auf welche mit Handstickerei phantastische Ornamente gearbeitet waren.

Kaum weniger herrlich war es, sich mit Tante Tines Vollgarnen zu befassen, von hellrot, mittelrot, dunkelrot und rosa bis zu hell- und dunkelblau. Wir verglichen die Farben mit Mutters wundervollem chinesischen Seidenzopf, den ihre jüngste Schwester, die lange Jahre mit ihrem Mann in Shanghai gelebt hatte, aus China mitgebracht hatte. Auch im Kontor gab es Chinesisches; dort stand unter dem Bücherbord mit Meyers Konversationslexikon der achteckige chinesische Kasten mit den vielen Fächern und den Knöpfen aus Elfenbein.

Tante Tine war immer sehr besorgt um uns. Öfters stand sie bei Eis und Schnee in der Nordertür, um uns noch schnell ein Tuch für den Schulweg umzubinden. Solch eine Verweichlichung war mir greulich, und ich erinnere mich, daß ich die Tücher gleich wieder abnahm und an die weiße Gartenpforte am Triftstück hängte. - Splitter ausziehen und etwas verbinden - da war Tante Tine in ihrem Element.
Die Geburtstage von Onkel Otto und Tante Tine unterschieden sich sehr von einander. Tante Tine mochte es gern ruhig, während es an Onkel Ottos Geburtstag stets eine große Familienfeier gab, bei der wir 30-35 Personen waren. Die Tischordnung wurde äußerst sorgfältig gemacht. Jeder Herr bekam einen Zettel auf dem stand, wen er zu Tisch zu führen hatte. Für uns Kinder kam der Höhepunkt, wenn abgeräumt wurde, denn dann ging es lustig zu.

Von der Frühjahrsbestellung bis Weizenhahn


Der Schnee war geschmolzen und die Erde etwas aufgetaut; so begann die Feldbestellung mit der Busch-Egge, die auf den Weiden die Maulwurfshaufen auseinander schleifen mußte. Manchmal stand noch Anfang April viel Wasser in den Furchen der Winterbrache. Wenn aber endlich gepflügt werden konnte, so ging unser Vater hinter dem Doppelpflug, eine gerade Furche neben der anderen ziehend, während der Pflugtreiber die vier Pferde lenkte. Ein Schwarm weißer Möwen folgte dem Pflug, immer wieder auffliegend und sich kreischend von neuem auf die Furchen werfend, um die Engerlinge zu picken. War das Feld dann durch pflügen und eggen genügend vorbereitet, so ging Vater als Säemann mit langen Schritten über das Feld und streute mit weit ausholendem Wurf die Samenkörner in die Erde. Manches Getreide säte er auch mit der Drillmaschine, die von vier Pferden gezogen wurde. Als später der Wert des Hackens erkannt war und wir eigene Hacker aus dem Osten dafür bekamen, die in Akkord die Flächen überhackten, hörte das Säen mit der Hand völlig auf.

So nahte der Frühling allmählich. Einen nicht endenden Jubel gab es, wenn die Störche wiederkamen. " Der Storch ist da !, Der Storch ist da !" Und dann gab es meistens eine aufregende Storchenschlacht, denn die jungen Störche vom Vorjahr machten ihren Eltern das Nest streitig. Mit den Schnäbeln hieben sie auf einander ein, und mit vorgestreckten Beinen und scharfen Krallen suchten die vier oder fünf Störche sich gegenseitig aus dem Nest zu vertreiben. Währenddes standen wir unten beisammen und sangen: "Habt ihr es noch nicht vernommen? - auf dem Dache sitzt er schon !"

Wenn der erste Kuckucksruf erscholl, war auch das ein freudiges Ereignis und wir sangen unser " Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald ". - Die Schwalben kehrten zurück und bauten ihre Nester unter den Balken in der Süderlucht, der Diele, der Scheunendiele und unter den Dächern außerhalb der Gebäude. Wenn sie später ihre Jungen fütterten und vier oder fünf Schnäbelchen sich aus den Nestern herausreckten, so konnten wir den Fleiß der Eltern nicht genug bewundern. Im Laufe des Frühlings bekamen unsere vier Stuten ihre Fohlen. Vater und der Oberstknecht wachten vorher bei dem betreffenden Muttertier. Unsere erste Frage war stets: " Ist es ein Stutfohlen oder ein Hengstfohlen ?" Wir liefen in die Scheune, um zu sehen, ob es weiße Füße, einen Stern oder eine Blesse hatte - Auch in Schweine- und im Kälberstall gab es Nachwuchs, und die Schafe bekamen ihre niedlichen Lämmer. Derweil legten unsere Hühner fleißig Eier. Mutter setzte 7 - 8 Glucken.

Wenn das Gras hoch genug war, wurde alles Vieh hinausgetrieben. Das Jungvieh wurde zum Böl gebracht, ein Teil sogar nach Arensch, um dort den Sommer über am Außendeich zu weiden. Die Kälber, die in ihrem Leben noch nie draußen gewesen waren, mußten einzeln am Strick von der Scheune bis auf die Weide gezogen werden, wobei sie possierliche Sprünge machten und den Knecht der sie zog hin -und her rissen. Sie fielen aus Unverstand und Unkenntnis auf der Weide oft in einen Graben und mußten wieder herausgezogen werden.

Das Aufregendste war es für uns Kinder, wenn Vater ein dreijähriges junges Pferd an die Longe nahm. Dann durften wir nicht auf die Süder-Hofstelle, sondern nur vom Fenster aus zusehen. Vater stand in der Mitte und hatte an einem sehr sehr langen Tau das junge Pferd, das er mit seiner langen Peitsche antrieb. Es mußte immer im Kreis herumlaufen und riß Vater dabei manchmal hin und her. So ging es 1-2 Stunden lang, bis das junge unbändige Tier erschöpft war, nicht mehr um sich schlug, und sich Geschirr anlegen ließ. Es wurde dann mit einem alten ruhigen Ackerpferd vor die Egge gespannt, wobei es sich an die Stränge gewöhnen mußte und so lernte, auf dem Acker zu gehen und zu ziehen.

Im Sommer fuhr Vater unentwegt Tag für Tag das Getreide in die Scheune. Unsere vier Tagelöhner, Heinrich Dreier als Vorschnitter, hatten die Felder gemäht; die drei Bindejungens hatten die Garben gebunden, wobei der Schweinejunge einen Mäher und die Dienstjungens 1 ½ Mäher binden mußten.

Abends packte Mutter für die Mäher den großen Korb mit dem Brotbeutel, der Butterdose, den Bierlecheln und dem Tischtuch. Der Vorschnitter trug am anderen Morgen um 3 Uhr den Korb, der zweite Schnitter den über einen Stock gesteckten Tisch, und die Jungens die Sitzböcke. Dann begann die Arbeit auf dem Felde. Um 7 Uhr brachte die Köksch die Hauptmahlzeit, bestehend aus frisch gekochten Klößen, Rauchfleisch und vielem Fett. Mittags um 12 Uhr bekamen die Mäher auf dem Feld dann wieder eine Schale voll Pfannkuchen, gesüßtes Bier, Weichkäse und Erntebrot. Abends um 6 kamen sie ins Haus, um der großen Pfanne voll gebratener Klöße, Brot und Kaffee wacker zuzusprechen. Es war Sitte, daß die Mäher sich auf die Diele in der Scheune setzten. Ihre Familien durften auf den Feldern nachsammeln, worüber, der Vorschnitter wachte.

Das Einfahren war für uns Kinder ein großes Ereignis. Wir fuhren mit dem leeren Wagen aufs Feld. Vom vierten Lebensjahr an konnten und mußten wir Hocken treiben, d.h. von einem Hocken zum anderen weiterfahren, während Vater ein Oberknecht die vollen Garben auf die Wagen reichten. Ich erinnere mich, wie einmal, als es nachts nicht getaut hatte, Vater um 4 Uhr morgens meinen kleinen vierjährigen Bruder Ernst aus dem Bett holte, damit er Hocken triebe. Der Junge saß unentwegt bis abends auf dem Pferd, schließlich so müde, daß es manchmal hieß: " Junge, paß auf, du fährst zu dicht an die Hocken heran ! " Als dann um 7 Uhr abends das letzte Fuder des Tages auf den Hof kam, sagte Mutter : " Mein kleiner Ernst, mein kleiner Junge - er muß ja essen und ins Bett !" Aber seine bloßen Ärmchen waren in der Sonnenglut derart aufgequollen und verbrannt, daß Mutter die kurzen Ärmel seines Kittels und seines Hemdes aufschneiden mußte. Unser Hausbesuch tummelte sich unterdessen auf den Feldern, saß auf dem Bindelbaum und schaukelte sich dort, pflückte Muthen und gelbe Storchblumen, und beobachtete, wie die Störche sich die Frösche aus den Gräben holten.

Beim Einfahren wurde immer mit drei Wagen gefahren, so daß ein Wagen auf dem Felde aufgeladen wurde, ein volles Fuder oder ein leerer Wagen unterwegs waren, und ein Wagen in der Scheune abgeladen wurde. Wenn Vater dann mit einem vollen Fuder an der Veranda, in der Mutter an der Nähmaschine saß, vorbeifuhr und fröhlich die Peitsche schwang, so war das schon ein Erntedank. Oft hatte Vater eins der kleinen Geschwister vor sich auf dem Pferd, und so lernten wir, ob Junge oder Mädchen, reiten. Dadurch konnten wir mit 4 Jahren als Hockentreiber helfen. Eines von uns älteren Kindern mußte auf dem Felde nachharken; die anderen sorgten dafür, daß die Harkels stramm unter das Dach getreten wurden. Wie stolz waren wir, wenn wir nach Kräften mit Vater zusammenarbeiteten!

Allmählich war alles Getreide herein, und Weizenhahn stand bevor. Wir Kinder schmückten die Leutestube mit vielen Sträußen und Kränzen. Das Laub der Spargel mit den vielen kleinen roten Beeren, das Grün der Koniferen, eine Fülle von Astern, Georginen und weißen und roten Phlox-Blüten ergaben eine leuchtend bunte Fülle. An jedem Schapp, wo hinter der dreifach aufgenagelten Aalhaut sonst die Messer, Gabeln und Löffel der Knechte steckten, waren jetzt große Sträuße angebracht. Mutter buk den ganzen Nachmittag in zwei Pfannen mit Schweineschmalz die vielen Bratenklöße für uns und die Leute, während im Waschkessel nebenan die Hühnersuppe für alle kochte. Auf je vier Personen wurde ein fettes Suppenhuhn oder ein Hahn gerechnet, und abends schmeckte die Suppe mit Reis, abgekochten Rosinen und vielen kleinen Fleischklößen allen herrlich. Festlich angezogen und mit einem Geldgeschenk von Vater bedacht, saßen die Tagelöhner und Knechte in der Bons. Jeder hatte sein Weinglas vor sich, und lange Pfeifen und Tabak machten es gemütlich. Vater und Mutter gingen während des Essens in die Leutestube, um mit allen anzustoßen.

Nach dem Essen und Danksagung für die gesegnete Ernte wurde im Garten ein kleines Feuerwerk gemacht, dem die Leute und wir begeistert zusahen. Die Tagelöhner nahmen ihre Kränze mit nach Hause, und am nächsten Morgen erschienen ihre Frauen mit großen Henkeltöpfen oder Eimern und Beuteln, um sich Hühnersuppe und Bratenklöße zu holen. Um dieselbe Zeit wie Weizenhahn wurde in der Kirche das Erntedankfest gefeiert. Viel mehr als die Predigt dort machte es mir jedesmal Eindruck, wenn Vater ein Stück Schwarzbrot in die Hand nahm und dabei sagte : " Meine Toni, Kinder - dieses ist das erste Brot von der neuen Ernte. Seht mal, wie schön es ist ! Wir haben jetzt wieder für ein ganzes Jahr zu essen. Dem Herrgott sei Dank dafür !"

So schön konnte es zwischen Aussaat und Ernte sein. Es gab aber auch Jahre, in denen eine völlige Mißernte war. Es muß etwa 1887 gewesen sein, als ein derartiger Regen tage-, wochen-, ja monatelang fiel, daß alles auf den Feldern verdarb. Das Heu war völlig unter Wasser. Auf den Weiden standen unsere Kühe im Regen und gaben sehr viel weniger Milch. Hatte Vater sonst 320-340 Liter täglich an die Molkerei geliefert, so sank die Menge von Woche zu Woche, bis er schließlich nur noch 180 Liter liefern konnte.

Es regnete... Die Hühner standen geduckt und klaterig unter dem Holunderbusch. An den Erdbeeren verfaulten die Früchte, ehe sie rot werden konnten. Von den Kirschbäumen fielen die verfaulten Kirschen, ohne daß selbst die Spatzen sich an ihnen hätten laben können.

Es regnete... Ich warf das Gras auseinander, wendete es, brachte es in Walzen, brachte es in Haufen, machte es wieder auseinander, schleppte alles in die Nähe des Leestroms, weil dort vielleicht einmal ein Sonnenstrahl sein würde. Es nützte alles nichts. Es regnete immer wieder von neuem, und schließlich mußte ein Knecht mein ganzes Pflegegras mit einer Karre in die Misten fahren. Es regnete so sehr, daß die Gräben überliefen und sogar das Korn teilweise im Nassen stand. Weder durch den Leestrom, noch durch die Wetter und den Priel konnte Wasser abfließen. Das Land verseuchte.

Vater hat in diesem Jahr nicht einen Wispel Korn verkauft. Das Korn war derart minderwertig, daß kein Müller, Bäcker oder Kornhändler es nehmen wollte. Überdies brauchten wir die geringe Ernte ja selbst, um uns und das Vieh durch den Winter zu bringen. Nur mit Mühe gelang es, die Tiere mit dem wenigen Haferstroh, den Runkelrüben und dem schlechten Getreide durchzubringen. Aber niemals habe ich Vater klagen, murren oder schelten gehört, wenn er sorgenvoll hin und her ging.

Die Tagelöhner saßen in ihren Häusern und konnten nichts machen. Es regnete, regnete, regnete. Allmählich weichten die Strohdächer auf, und überall tropfte Wasser hindurch. Mutter hatte viele Schüsseln, Eimer, Töpfe und Teller auf den Boden, den Hohen Boden und den Mehlboden gestellt, und mehrmals täglich mußte ich hinauf, um diese zu entleeren. Eines Morgens stürzte in der Großen Kellerstube der Gipsbaldachin herunter, und nur ein großer gelber Fleck von durchgetropftem Wasser blieb an der Zimmerdecke zurück.

Ein schlimmes Jahr. Ich erinnere mich an ein anderes, in dem wir unter großer Dürre litten. Monatelang brannte die Sonne auf die Felder; das Korn wurde notreif; die Weiden konnten nicht nachwachsen, sie sahen schließlich rot und verbrannt aus, und das Vieh hatte kein Futter. Als wir im Herbst zu irgendeiner Familienfeier nach Nordleda fuhren, sahen wir überall das Vieh auf ausgebrannten Weiden stehen. Die Gräben waren völlig ausgetrocknet, und in großen Kübeln und Wannen war Wasser herangetragen worden, damit die Tiere nicht verdursteten. Die Maul- und Klauenseuche hatte um sich gegriffen. Mit vereiterten Hufen und entzündeten Mäulern stand das zu Skeletten abgemagerte Vieh und lief auf den Weiden durcheinander, weil kein trennender Wassergraben mehr die Grenze bildete.

Es war trostlos, und mancher Hof hat damals den Besitzer gewechselt, weil die Familie die vielleicht seit Generationen dort gewohnt, gearbeitet und geschafft, ihren Besitz nicht halten konnte.

Eine andere Gefahr, neben der häufigen Auswinterung des Roggens und Weizens, bildeten die Mäuse. Hatten wir einen milden Winter gehabt, so hatten sich die Feldmäuse derart vermehrt, daß sie große Flächen des Wintergetreides leerfraßen und verwüsteten. Wir mußten dann alle mit Giftweizen, den es für teures Geld in der Apotheke gab, über die Felder gehen und mit einem Löffel in jedes der vielen vielen Mäuselöcher Giftweizen streuen. Gustav Frenssen schreibt in seinem " Jörn Uhl ", wie durch die Mäuseplage ein Besitzer im Schleswig-Holsteinischen seinen Hof verlor. Gut daß solche Katastrophenjahre die Ausnahme bildeten ! Die meisten Sommer behielten wir Kinder in schönster Erinnerung.

Das Backhaus und seine Freuden

Das einzige nicht mit Stroh, sondern mit Ziegeln bedeckte Gebäude unseres Hofes war das Backhaus. Es war daher auch mit Dachrinnen versehen, in denen das Regenwasser aufgefangen wurde, das dann durch mehrere dicke Filterschichten in den Wasserkeller lief. Von dort wurde es mit einer Pumpe heraufgezogen, zur Verwendung für unsere Waschtische, zum Bierbrauen, manchmal auch für die große Wäsche. Trat man in das Backhaus, so fiel der Blick sogleich auf den Backofen. In ihm wurde altes Holz von Stackwerken usw. verfeuert. Vater hatte oft Mühe, die nötige Hitze zu erzielen. Ich sah gern zu, wenn er mit einer langen Eisenstange die Glut gleichmäßig verteilte. ( Einige Jahre war neben dem Backofen ein kleiner Räucherofen für Aale, die Onkel Otto in Reusen fing. )

Es wurde immer dann gebacken, wenn das Schwarzbrot zu Ende ging. Alle 14 Tage im Sommer, alle 3 Wochen im Winter herrschte Hochbetrieb. Nachdem der Schwarzbrotteig in dem großen Trog gesäuert und mit dicken Kissen zugedeckt war, wurden die Brote am Backtag nach gehörigem Kneten ausgerollt. Das war keine kleine Arbeit für die Köksch.

In der Mangelstube, wo die große Wäschemangel stand, wurde das feinere Gebäck gemacht. Mutter bereitete schon in aller Morgenfrühe den Teig für Zwiebäcke, Weißbrot, groben Stuten und Feinbrot, und stellte ihn warm. Die Zwiebäcke wurden dann morgens ausgerollt und zum Aufgehen in das Gestell über dem kleinen Ofen geschichtet. Dann formte Mutter die vielen groben und feinen Stuten, die beide aus Weizenmehl bestanden, während das Feinbrot aus ganz fein durchgesiebtem Roggenmehl gebacken wurde.

Jedesmal wurden außerdem viele Kuchen gebacken, für festliche Gelegenheiten auch immer mehrere Schichttorten. Das Rezept dazu lautete: 1 Pfund Mehl, 1 Pfund Zucker, ½ Pfund Butter, 9 Eier. Blitzkuchen wurden in einer Kuchenform gebacken. Das Losschneiden der Kuchen lockte uns nicht nur wegen des feinen Duftes, sondern auch weil wir von jeder Sorte einen probieren durften.

Zu Fastnacht gab es abends nichts weiter als durchgeschnittene Zwiebackstuten, die mit geschmolzener Butter übergossen und dick mit Zucker und Zimt bestreut wurden. Die Butter stand geschmolzen auf einem der hübschen messingnen Komforts.

Weihnachten war immer mit einer besonders großen Back verknüpft. Schon drei Wochen vorher hatte Mutter den fettreichen Teig mit entsprechenden Gewürzen, Hirschhornsalz und Pottasche angesetzt, damit er von allen Gewürzen gut durchzogen war. Am Tage vor dem Backen wurden dann die vielen vielen Braunen Kuchen mit kleinen Formen ausgestochen. Wir Kinder standen jedes in einem reinen weißen Nachthemd, das über das Winterzeug gezogen war, um den großen Tisch herum, und jeder durfte mit seinem Teig Formen nach Belieben machen. Die Wursternüsse schnitt Mutter selbst; jede wurde in Hagelzucker gedrückt. In den weißen Kuchen kamen viele kleingehackte Mandeln, die wir am Tage vorher ausgekernt hatten. Die kleinen grauen Nüsse, heiß mit viel Sirup angemacht, wurden in einer Fülle von Mehl gewälzt. - Mir schmeckten die angebrannten Kuchen am besten, teils des pikanten Geschmackes wegen, teils weil ich davon mehr probieren durfte als von den gut geratenen Kuchen, die zunächst in verschiedenen Gefäßen verschwanden.

Im Backhaus gab es für uns Kinder mancherlei Interessantes. Eine Treppe führte zum Boden hinauf. Auf halber Höhe war die Darre, auf der die Gerste zum Bierbrauen gedarrt wurde. Die Darre war ein riesiges kupfernes Sieb. Auf dieses wurde sackweise die Gerste geschüttet und mit einer Gießkanne immer wieder angefeuchtet. Darunter brannte ein mäßiges Feuer, so daß stets ein feiner Duft über der Darre schwebte. Im großen Braukessel wurden Hopfen und Malz bis zum Kochen gebracht, dann in einen Kübel gefüllt, bei einer bestimmten Temperatur mit Hefe angesetzt, und später in die schräg liegenden Tonnen im Keller gefüllt. - Im Winter brauten wir etwa alle 3-4 Wochen, im Sommer, wenn viel Bier auf den Feldern getrunken wurde, etwa alle 8 Tage.

Auf dem Kornboden des Backhauses diente die größte Fläche der Getreidelagerung. In einer Ecke standen hier noch die Geräte für die Flachsbearbeitung : Spindel, Spuler, Hechel, Rechen, Spinnräder usw., die Mutter uns erklärte. Im ersten Jahr ihrer Ehe hatte sie, um den ganzen landwirtschaftlichen Betrieb von Grund auf kennenzulernen, noch einmal Flachs anbauen lassen.

Die Verzauberung, die zur Weihnachtszeit mit dem Backhaus vor sich ging, wenn der Kuchenduft durch die Türspalten drang, wurde in Ausnahmejahren noch dadurch erhöht, daß auch draußen alles wie verzaubert war. Dann hatte der Winter mit starkem Schneefall eingesetzt, und alles lag wie in weicher Watte da. Konnte es herrlicher sein? Ein Schneemann wurde gemacht. Mutter half uns dabei, so daß er einen richtigen Hut aus einem alten Korb und Augen aus schwarzen Steinkohlen bekam. Natürlich mußte er auch einen Besen im Arm halten, gerade so, wie es in Speckter's Fabeln stand.— Am anderen Morgen trieb es uns gleich wieder hinaus, um von unserem Hausberg hinunterzurodeln. Hei, wie flog unsere Krecke ! Wenn wir nach solchem Vergnügen erschöpft, aber mit leuchtenden Augen ins Haus kamen, taten wir feinen weißen Schnee in unsere Becher, und Mutter goß uns Himbeersaft darüber.

Jubel um Ostern, Pfingsten, Weihnachten


Nach Sturm und Hagel kam endlich das liebe Osterfest heran. Mutter hatte genug Eier gesammelt, so daß sie für jeden unserer Leute abends 10 Stück kochen konnte. Mancher von den Dienstjungens aß sie gleich an einem Abend auf, wogegen andere sie sich lange aufbewahrten. Wir selbst aßen meistens drei bis vier Eier am Osterabend und setzten diese Tätigkeit am nächsten Morgen fort. Schon lange vorher hatten wir Nester aus Moos gemacht, in denen Vater und Mutter kleine und größere Zuckereier und buntgefärbte Hühnereier versteckten. Das gab dann nachmittags ein lustiges, eifriges Suchen in den Gebüschen, hinter den Bäumen, im Buchsbaum, und wo sich sonst ein Versteck bot. Abends ging Mutter mit uns auf das Süder-Triftstück, von wo aus wir die vielen Osterfeuer beobachten konnten, die in der Nachbarschaft und auf den Altenwalder Höhen angezündet waren. Wir sangen dann mit Mutter all die schönen Lieder vom Mond und von den Sternen. Ehe es zu Bett ging, bekamen wir als etwas ganz Besonderes ein Gläschen Apfelsinensaft zu trinken.

Die Zeit von Ostern bis Pfingsten verging immer schnell. Dafür sorgte schon der Fleckenmarkt, der 8 Tage vor dem Fest im Flecken Ritzebüttel abgehalten wurde. Dieses Volksfest dauerte drei Tage. Wir Schulkinder hatten in der Woche vorher schon beobachtet, wie auf unserem Spielplatz zwischen der Schule, der Kirche, dem Spritzenhaus und Beckmann's Hof, von dem meine Großmutter stammte, die Karussells und Schaubuden aufgebaut wurden. Nun war es soweit!

Mit etwas Geld von Vater, Mutter, Onkel Otto und Tante Tine durften wir um 2 Uhr hingehen. Zuerst besahen wir die großen blutigroten Bilder der Mordgeschichten, die an einer zur Apotheke führenden Planke angenagelt waren. Dazu sangen ein Mann und zwei Frauen schauerliche Lieder, und das Publikum stimmte mit ein. - Dann ging es die Südersteinstraße entlang, die eigentlich immer nur die " Reyenstraße " genannt wurde, weil hier das große Kaufhaus von Mutters Eltern lag. Auf dieser Straße gab es unglaublich schöne Spielzeug- und Kuchenbuden; in der Bude für Schmalzgebackenes kauften wir uns einen warmen Stern.

Endlich gelangten wir zu Onkel Ferdinands und Tante Mathildes Wohnung. Bei dieser älteren Schwester unseres Vaters waren wir stets am ersten Markttag eingeladen, zum Kaffeetrinken und um unsere Sachen dort abzulegen. Die extra mitgebrachten Pfennige waren wir schon längst bei den vielen Drehorgelmännern losgeworden, die an jeder Ecke saßen, ihre Krücken neben sich, und ihren zerschlissenen Hut zum Empfang des Geldes auf den Drehorgelkasten gelegt hatten. Onkel Julius hatte aber einmal beobachtet, wie ein Drehorgelmann seine hölzernen Beine abschnallte und auf zwei ganz gesunden Beinen nach Hause ging.

Auf dem Fleckenmarkt kauften wir immer etwas, das wir unserer Mutter mitbringen wollten. Die Beratung über diesen Gegenstand hatte uns Kinder schon Wochen vorher lebhaft beschäftigt. Einmal kauften wir einen schönen Hut; ich glaube, sie hat ihn am nächsten Tag wieder umgetauscht. Nach dem Kauf des Geschenks für Mutter zog ich allein wieder los, ging zu den Karussells, sah nach, wer den Ring ausstach und dafür ohne Bezahlung fahren durfte, und hörte mir das Geklingel und Gedudel an. Ich konnte nicht selbst Karussell fahren, weil mir schwindelig wurde. Um so mehr Zeit hatte ich, vor den Schaubuden zu stehen. Aber um 4 Uhr mußte ich unbedingt vor dem Pulcinella-Kasten des Kasperle stehen. Eine Menge Kinder und Erwachsene waren dort schon versammelt, aber Kasperle war noch nicht zu sehen. Er rief nur von innen aus seinem Kasten heraus : " Sünd ji all dor ?" Antwort : " Jo, fang man an !" Nach einiger Zeit wieder : " Sünd ji wirklich alltosammen dor? " - " Jo, bring den Düwel mit und sin Großmutter !" brüllte der ganze Jungenchor. Schließlich ließ sich der Kasper sehen. Dann kam der Teufel und erhielt sofort tüchtig Prügel, so daß die Troddel an Kaspers langer bunter Zipfelmütze nur so hin und her flog. Auch die Großmutter mit einer riesigen Nachthaube stellte sich dem Publikum vor. " Du hest den dicken, swatten Pudel noch vergeten " rief der Jungenschwarm. Der Hund erschien dann und zerrte der Großmutter die Haube vom Kopf. Das nun folgende Spiel wurde dirigiert vom Applaus der Zuschauer, die jede Prügelszene mit lautem Gejohle begleiteten.

Am zweiten Tag ging Mutter mit uns zum Markt. Wir waren dann bei ihrem Bruder Onkel Julius und Tante Elise zum Kaffee eingeladen, und stets stand ein großer Teller mit Korinthenbrötchen bereits auf dem Tisch. Ich trieb mich den ganzen Nachmittag auf dem Markt herum, bis gegen Abend Onkel Otto mit allen die sich bei dieser Gelegenheit zur Reye-Familie rechneten, einen Rundgang durch sämtliche Schaubuden machte.

In einer der Buden konnte man durch Gucklöcher ein richtiges Bergwerk in Betrieb sehen ! In einer anderen bezahlte Onkel Otto für jeden einen Groschen, damit wir ein doppeltes Kalb bestaunen konnten. In noch einer anderen Bude ließ sich eine Riesendame sehen, oder ein Schlangenbändiger und ein Feuerfresser zeigten unter atemlosen Zuschauen von uns Kindern ihre Kunststücke. Ein Frauenzimmer hatte sich über und über Hals, Brust und Arme tätowiert. Das mußte ja entsetzlich weh getan haben, denn unser Dienstjunge Heinrich Hardler hatte auf seinem Arm doch nur einen tätowierten Anker, und er sagte, daß es sehr weh täte, wenn man mit glühenden Nadeln so ein Muster in die Haut piekt.

Am Dienstagvormittag ging man dann noch einmal zum Markt, weil dann alles etwas billiger war. So erstand ich für 20 Pfennig ein Stück Schmutt-Aal. Mein Bruder Ernst hat einmal am ersten Markttag für sein ganzes Geld einen dicken Schmutt-Aal gekauft und diesen sofort auf der Straße verzehrt. Wenn die Marktbuden abgebrochen waren, dann war auch schon beinahe Pfingsten. Am Nachmittag des 1. Feiertages besah Mutter mit uns die Bilderbibel, und wenn ich mir unter Pfingsten gar nichts hätte vorstellen können, so verstand ich seinen Sinn doch nach dem wundervollen Bild von Schnorr v. Carolsfeld. - Am Nachmittag des 2. Pfingstages waren wir dann meistens bei den Verwandten in Nordleda.

Ostern..., Pfingsten mit dem Fleckenfest... - am allerschönsten war doch Weihnachten ! Wenn wir an den Abenden vorher die gelben, blauen, roten und grünen Tüten aus Glanzpapier geklebt hatten, die langen Strohketten mit buntem Papier aufgeschnürt und die Netze für Walnüsse ausgeschnitten waren, konnte es losgehen. - Unsere Wunschzettel waren bescheiden und bezogen sich auf nützliche und nötige Dinge, aber einen speziellen kleinen Wunsch schrieben wir doch jeder auf. Am Vormittag des 24. zog es uns Kinder nach Ritzebüttel, um dort in den verschiedensten Läden einzukaufen. Mutter hatte mit ihren Einkäufen für den Haushalt bis zu diesem Tag warten müssen, denn in jedem Laden bekam jedes Kind als Zugabe einen großen Bilderbogen mit bunten Tieren oder Soldaten, manchmal auch andere kleine Bildchen.

Endlich wurde es Abend. Da saßen wir dann singend in der Wohnstube, in der kein Licht gemacht wurde, bis unser Vater klingelte und wir auf die Große Kellerstube strömten, wo in strahlender Pracht der Tannenbaum stand. Singend zogen wir alle um ihn herum, um schließlich an unsere einzelnen Plätze geführt zu werden und dort die Herrlichkeiten zu bestaunen. Auf dem Weihnachtstisch fehlte nie eine große Marzipantorte, die Onkel Wilhelm aus Hamburg geschickt hatte. Er bekam von dankbaren Patienten, die in der Heil -und Pflegeanstalt Friedrichsberg Heilung gefunden hatten, so viele große Torten aus echtem Lübecker Marzipan, daß er jedes Jahr allen sechs Geschwisterfamilien eine schenken konnte.

Nach einiger Zeit im Familienkreis kamen unsere Leute herein. Wir führten sie zum Weihnachtsbaum und zeigten ihnen unsere Geschenke; Schlittschuhe für den einen oder anderen von uns fehlten selten. Onkel Otto drückte jedem unserer Leute einen Taler in die Hand, und nachdem sich alle bedankt hatten, sagte Vater : " Kinners, nu geft de Peer en düchtige Schüffel voll Hower !" Die Tiere sollten auch Freude haben am Weihnachtsfest.

Schließlich wurde zum festlichen Abendessen gegangen, das wie immer aus Schweinskopf, Bruststück und Bratenklüten bestand. Bis 9 Uhr durften wir Kinder aufbleiben, während Vater und Mutter gemütlich im Sofa saßen. Den Abschluß der Weihnachtszeit bildete für uns der 30. Dezember. In der Dämmerung kamen dann alle Tagelöhnerkinder. Sie bewunderten mit uns die aufgebaute Krippe, tanzten singend mit uns um den Weihnachtsbaum, der dann gemeinsam geplündert wurde. Viele Äpfel und Kekenjes waren von neuem für sie an den Baum gehängt worden. Die Jungens bekamen jeder ein Paar neue Holzschuhe und die Mädchen ein Hemd, das Mutter selbst genäht hatte.

Sommerliche Ausfahrten in die Umgebung

Der Sommer brachte fast an jedem Sonntag eine größere Ausfahrt. Mit einem oder auch zwei Wagen, damit unser Hausbesuch genügend Platz hatte, ging es gleich nach dem Mittagessen los. Fahrziel war oft die Alte Liebe. Bei klarer Sicht konnten alle die gute Augen hatten, die jenseitige holsteinische Küste als schmale dunkle Linie sehen. Schiffe kamen und gingen; ein großer Viermaster zog seine Bahn an Cuxhaven vorüber; kleine Ewer und Schuten huschten hin und her. Ein Schleppdampfer schleppte ein beschädigtes Schiff in den Hafen, damit es auf Bufe's Werft repariert würde. Fern am Horizont tauchte ein winziger Punkt auf, der sich schließlich als Fahrzeug entpuppte: ein riesiger Viermastsegler, der mit Waren aus fernen Ländern kam. Gegenüber der Alten Liebe setzte er eine Flagge. Auf dieses Zeichen sprangen zwei Lotsen in die Lotsenjolle und steuerten zum Segler hinüber, dessen Bordwand der eine Lotse gewandt erklomm.

Das Gedicht " Siehst du die Brigg dort auf den Wellen ?" kennt jedes Kind. Es spricht von der Hingabe und dem Lebenseinsatz der Lotsen. Im Jahre 1824, als mein Urgroßvater Jacob Hinrich Benöhr noch Lotsenkommandeur war, ist in einer Sturmnacht das Feuerschiff draußen von seiner schweren Verankerung losgerissen und mit der ganzen Besatzung von den Wellen verschlungen worden.

Ich stellte mich zu den Lotsen, die in ihrem schweren Ölzeug, den Südwester in den Nacken geschoben, in der einen Hand das Fernrohr, in der anderen die kurze Pfeife haltend, gemächlich unter dem Vorbau der Alten Liebe saßen. Jedes Schiff, das am Horizont auftauchte, wurde gemustert, an der Flagge festgestellt ob es ein Holländer, ein Amerikaner, Engländer oder Franzose war, woher es kam und was es wohl geladen haben mochte. Ich fragte die Lotsen, was es auf sich habe mit dem großen Ball auf dem Gerüst in der Nähe der Alten Liebe. " Min Deern, dat will ick di seggen " - und dann machte er mir klar, daß in dem großen Ball Wasser ist, das durch die Sonnenstrahlen zum kochen gebracht wird und in dem dann mittags Klüten gekocht werden. " Schlag 12 sind die Klüten gar, und der Ball fällt herunter !" - Wehe wenn man an die Lotsen eine dumme Frage richtet; sie spinnen viel Schifferlatein.

Vater mahnte zum Weiterfahren. Wir stiegen in unsere Wagen, fuhren durch den Schlippen und dann auf dem Döser Strichweg an der Wettern entlang, um zum Kalten Badehaus zu gelangen. - Nur wenige Häuser standen hier an der Straße. Meistens waren es strohgedeckte Gehöfte, deren Wiesen sich weit ausbreiteten, bis an den Deich heran.

Beim Kalten Badehaus wurde ausgespannt, und wir tranken gemütlich Kaffee in dem schönen Garten. Dann aber die Treppe hinauf auf den Deich - oh diese Fernsicht! Himmel und Meer soweit das Auge reichte. Wir liefen bis an die Steinkisten, sammelten Muscheln und Seetang, glitschten aus und tummelten uns auf dem kurzen Gras des Vordeichs. - Weiter zur Kugelbake ! Auf dem langen Steindamm, der immer mehr von der Flut umspült wurde, gingen wir bis zur nördlichsten Spitze, auf der das riesige feste Gerüst stand - jenes Wahrzeichen, das gleich den Leuchttürmen, den Seetonnen und den Feuerschiffen den Seeleuten zur Orientierung dient.

Ob zur Kugelbake oder über Ritzebüttel und Stickenbüttel nach Duhnen - der Aufenthalt am Meer war immer ein herrliches Erlebnis. - An einem anderen Sonntag wurden zwei Leiterwagen mit Pferden bespannt. Es sollte eine Fahrt nach Arensch unternommen werden. Wir Kinder saßen auf den mit Stroh gestopften Säcken schön Rücken an Rücken. Über Holte und Spangen ging es in die Heide hinein. Die Pferde zogen in den ausgefahrenen Spuren langsam dahin, während das Heidekraut die Räder an beiden Seiten hemmte.

Arensch bestand aus vier Höfen, deren Besitzer sämtlich Talmann hießen. Während die gastfreie Frau Talmann für uns alle Kaffee und Milch, Brot, Butter und köstlichen Heidehonig bereitstellte, liefen wir Kinder in die Schlafstube, um die vom Vorjahr her bekannte Sehenswürdigkeit erneut in Augenschein zu nehmen. Über dem sehr breiten Elternbett mit den rot und blau gewürfelten Bezügen waren am Fußende einige Krippen angebracht, in denen die Kinder schliefen. Eine der Wiegen, in der meist ein Kleines lag, war mit einem Strick versehen, der durch ein Loch in der Wand in den Kuhstall führte und dessen Ende an dem Schwanz der Kuh befestigt war, die dieser Wand am nächsten stand. Wenn die Kuh nun mit ihrem Schwanz hin und her schlug, wiegte sie das Kind.

Zu den schönsten Ausfahrten gehörte die zum Schützenfest, das einmal im Jahr stattfand und für das ganze Amt Ritzebüttel ein Hauptvergnügen bildete. Die Schützengilde zog bekränzt schon früh morgens durch die Straßen des Fleckens Ritzebüttel, über den Westerwischweg nach dem " Busch ", d.h. nach dem kleinen Gehölz, das aus windschiefen Eichen, Erlen und Tannen bestand und das nach dem Amtmann Brockes den Namen " Brockeswalde " erhielt.
Mit zwei Wagen fuhren wir nachmittags mit unserem Hausbesuch zum Busch, tranken in der Gastwirtschaft Kaffee und gingen dann zum Schützenplatz, wo die Herren sich eifrig bemühten, durch Ringe zu schießen und den Adler auf einer hohen Stange zu treffen. Wir besahen die vielen Geschenke und Gewinne, die die Schützen für das Abschießen eines Flügels, einer Klaue oder der Krone auf dem Haupt des Adlers erhielten. Zum Schluß steigerte sich die Spannung, wer den letzten Schuß tun würde, um dann zum König ausgerufen zu werden. Auch Onkel Julius war es einmal, ein anderes Mal Onkel Otto. Unter lautem Tusch und Hurra wurde der Schützenkönig bekränzt und zu Döschers Pavillon geführt, wo er mit seiner erwählten Königin die erste Runde tanzen mußte, ( ich sehe noch Onkel Otto, wie er zur Erheiterung sämtlicher Zuschauer in dem großen Pavillon herumhopste. ) Schließlich ging es wieder zum Festplatz zurück, wo ein riesiges Feuerwerk abgebrannt wurde.

In Jedem Sommer lud Tante Emma die gesamte ortsanwesende Reye-Familie zum Kaffee nach Brockeswalde ein, weil sie in ihrem eigenen Haus nicht Raum genug hatte, um die in Cuxhaven, Hamburg und Straßburg wohnenden Geschwisterfamilien aufnehmen zu können. Ketel mußte unentwegt hin und her fahren, bis er die Gesellschaft zusammen hatte. Nach dem Kaffeetrinken wurde ein Spaziergang durch den Busch zum Galgenberg gemacht, von wo man einen weiten Blick über das Land hatte, über Heide, Geest und Marsch. Wir spielten im Wald, tanzten zum Klavierspiel der Tanten im Pavillon und amüsierten uns herrlich.

Öfters ging Mutter im Sommer mit uns Kindern zum Außendeich, an der Napoleonsbatterie vorbei, bis nahe an die Quarantänestation, in der die Schiffsbesatzungen und Passagiere von ansteckungsverdächtigen Schiffen für einige Wochen untergebracht wurden. Wir zogen Stiefel und Strümpfe aus und liefen auf dem warmen kurzen Gras umher, fingen Krebse in den vom Meer gewühlten Löchern, suchten Muscheln an den Steinkästen, und pflückten die wenigen Strandblumen. Mutter erzählte uns, wie einmal zwei ihrer Brüder mit anderen Jungen dort am Grodener Außendeich splitternackt herumgelaufen waren, gebadet hatten und sich sonnten. Einer der Jungens schwang sich auf eines der dort weidenden Pferde, und dieses, von den anderen Jungens angetrieben, rannte mit seinem Reiter, der sich schreiend an der Mähne festhielt, nach Ritzebüttel. Zum Entsetzen aller Frauen und zum Gaudium der Kinder lief das Pferd, scheu geworden, durch die Straßen, bis ein beherzter Mann es schließlich zum stehen brachte.

Zu den häufigeren Ausfahrten gehörte der Besuch bei Onkel Heinrich Benöhr und Tante Marie in Nordleda. Wir fuhren durch Groden und kamen dann auf preußischem Gebiet durch Altenbruch, dessen Kirche mit den zwei Türmen den Seefahrern auf der Elbe als Wahrzeichen diente. ( " Die Türme von Altenbruch dwars." ) Dann ging es nach Lüdingworth, wo der Lehrer Franz Grabe wohnte, der so schöne plattdeutsche Gedichte machte. Schließlich Nordleda. Hier hatte Vaters ältester Bruder einen sehr schönen großen Hof. Onkel Ferdinand Segelke und Tante Mathilde, Vaters Schwester, waren meistens schon vor uns da.

Onkel Heinrich war Schultheiß von Nordleda, und Onkel Ferdinand Schultheiß von Groden. Als solche waren sie u.a. verantwortlich für die gesamte Entwässerung ihrer Bezirke und die Instandhaltung der Deiche. Wir Kinder saßen steif und etwas gelangweilt auf den grünbezogenen Polsterstühlen und hörten zu, was die Erwachsenen sprachen. Die Unterhaltung betraf wieder Schleusenanlagen, Gesetzesvorlagen im Preußischen Landtag und in der Hamburger Bürgerschaft, auch wohl den Krieg von 1870/71 mit den damaligen Siegesnachrichten und dem Charpiezupfen. Tante Marie beteiligte sich eifrig am Gespräch. Sie wußte in sämtlichen deutschen Dynastien Bescheid. Von Fürsten, Herzögen, Großherzögen und Königen, von Prinzen und Prinzessinnen kannte sie die genauen Daten und Verwandtschaftsbeziehungen, und wenn wir im Winter im Klingelschlitten oder im Sommer im Wagen nach Nordleda fuhren, so konnte Tante Marie stets etwas Neues über diese Familien berichten. Aber was ging das uns eigentlich an ? Wir waren doch keine Untertanen ! Wir Hamburger Staatsbürger waren doch Republikaner, und kein Fürst und kein König hatte uns etwas zu sagen !

Auch von der hannoverschen Welfenpartei war öfter die Rede. Diese war durchaus nicht damit einverstanden, daß das frühere Königreich Hannover nach dem Krieg von 1866 preußische Provinz geworden war. Sie durfte daher ihre Versammlungen nicht auf preußischem Gebiet veranstalten, und hielt sie deshalb stets in Ritzebüttel ab. - Der Kulturkampf bildete weiteren Gesprächsstoff. Wir selbst hatten zu Hause zwei Hampelmänner; der eine war Bismarck mit den drei Haaren, und der andere war Windhorst. Wenn man an einem Band zog, so schlugen sie sich, und einmal lag Windhorst oben, und einmal Bismarck. Das war eine Illustration zu den geistigen Kämpfen, die in jener Zeit ausgefochten wurden. Wenn wir aus Nordleda zurückkamen, hatte ich 14 Tage lang genug zu bedenken. Und was ich nicht ganz begriffen hatte, erklärten Vater und Mutter mir.

Das Wichtigste, Kinder, ist die Schule !

Mein 6. Geburtstag rückte heran, und nun trat an die Stelle des Kindergartens endlich die Schule. Vater hatte uns eingeprägt : " Die Schule geht allem anderen vor !" Wir durften nichts tun, auch nicht helfen auf dem Hof, ehe die Schularbeiten vollständig und einwandfrei erledigt waren. Meine ältere Schwester Anna mußte jetzt also auf meinem Geburtstagswunschzettel alles eintragen, was ich für die Schule nötig hatte. Richtig lag dann auch neben dem großen Korinthenbrot und dem mit einem Immergrünkranz umgebenen Topfkuchen, einem neuen Paar Stiefel, Schokolade und einer Apfelsine alles was ich als Schulanfängerin brauchte : eine Schiefertafel mit Schwamm und Wischlappen, ein Griffelkasten mit zwei Griffeln, ein Rechenbuch und die gelbe Hahnenfibel.

Ich kam auf die Höhere Töchterschule von Fräulein Cochius, mußte also immer nach Ritzebüttel. Im Unterricht kam ich gut mit. Wir hatten alle feste Klassenplätze; nur nach Diktaten und in der Rechenstunde wurden wir gesetzt. Das gab dann ein lustiges Rauf-und runter. Als ich einmal im Diktat statt " Knabe " " Kanbe " geschrieben hatte, kam ich vier herunter, was mich ganz schrecklich geärgert hat.

Aufsatz war meine Lieblingsstunde. Um so unglücklicher war ich über das Ergebnis eines Aufsatzes, den wir in dem schlimmen Regenjahr nach den Ferien zu schreiben hatten. Das Thema lautete " Wie ich meine Ferien verlebt habe ". Ich schrieb von dem Regen, der wenigen Milch, dem Pflegeheu im Obstgarten, das in die Misten gefahren werden mußte, von unseren wenigen Spielen in der Scheune. Als die Aufsatzhefte nach 8 Tagen zurückgegeben wurden, nahm die Lehrerin mein Heft in die Hand und sagte : " Emma Benöhr, dein Aufsatz ist schlecht !" Ich stand wie verdonnert; alle sahen sich nach mir um. " Was du da geschrieben hast, schreibt man nicht in einem Aufsatz. Setz dich !" - Die ganze Stunde überlegte ich. Ja was hätte ich denn anderes schreiben sollen, als was ich doch tatsächlich in den vier Wochen erlebt hatte ? Was wußte schon eine Lehrerin, die in der warmen Stube sitzt und auch für die Ferien ihr Gehalt bekommt, von den Nöten und Sorgen eines Hofbesitzers und seiner Familie, wenn es Jeden und jeden Tag regnet und eine Jahresernte total verdirbt !

Seit ich Lesen gelernt hatte, konnte ich selbst die schönen Geschichten von Elise Averdieck
( " Karl und Marie ", " Lottchen und ihre Kinder ", " Roland und Elisabeth" ) lesen. Ich vertiefte mich außerdem in das dicke Buch, in dem eine Großmutter ihren Enkelkindern die deutsche Geschichte erzählt und das viele Bilder enthielt, von Karl dem Großen und Bonifatius bis zu den deutschen Kaisern. In der Handarbeitsstunde mußten wir später in jedem Jahr zwischen Ostern und Pfingsten ein Paar Strümpfe nach genauer Vorschrift fertiggestellt haben. Wir häkelten einen Häkellappen und später Spitzen und Durchsätze für Schürzen. Wir lernten an einem Flicktuch Säume, Rollnaht, schräge Rollnaht, französische Naht, Kappnaht und Zierstiche, mußten Flicken einsetzen und Muster stopfen. In der Stickstunde machten wir derart feinen Plattstich und Lochstickereien, daß ich mich heute noch wundere, was meine sehr schlechten Augen und sonst so ungeschickten Hände an Kunstwerken fertiggebracht haben.

Heimatkunde mochte ich gern. Wir begannen mit dem Schloß Ritzebüttel, auf dessen inneren und äußeren Burggraben wir Schlittschuh zu laufen pflegten, wenn es genug gefroren hatte. Einmal fragte mich die Lehrerin : " Emma, ist der Hof am Leestrom euer Hof ?" Ich wurde rot vor Freude, daß unser Hof in ihrem gedruckten Heimatkundebuch besonders genannt war, und sagte stolz : " Ja, das ist unser Arnhausen !"
Der Heimatkunde-Unterricht entwickelte sich zum Geschichtsunterricht. Wir hatten uns unglaublich lange Zahlentabellen und Daten einzuprägen. In der deutschen Geschichte sind wir stets nur bis zum Krieg von 1864 gekommen. Im neuen Schuljahr fingen wir wieder von vorn an mit den griechischen Göttern, deren Zänkereien wir auswendig lernen mußten.

In den Geographiestunden wurden von jedem Land eine geographische und eine politische Karte gezeichnet. Die politische Karte für Frankreich hatten wir schnell fertig, weil es dort nur Provinzen gab; die deutsche politische Karte war dafür um so schwieriger, denn Deutschland als Bundesstaat hatte all die Fürstentümer, Herzogtümer, Großherzogtümer und Königreiche. Da mußte man den Malkasten, der nur die sechs Grundfarben enthielt, schon gründlich ausnutzen, um durch immer neue Farbzusammenstellungen die einzelnen Länder herauszuheben. Die Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen brauchten keine Farbe; sie waren freie Reichsstädte, und wir in Ritzebüttel gehörten ja zu der großen Hansestadt Hamburg !

Die Zeichenstunde war langweilig. Wir mußten immer wieder zwischen waagerechten Linien, die etwa zwei Zentimeter von einander entfernt waren, lauter senkrechte gerade Striche zeichnen. Meine wurden oben und unten immer etwas schief, wenn ich mir auch noch so viel Mühe gab. Und wenn ich sie oben oder unten korrigieren wollte, so bekamen sie einen dicken Klumpfuß. - Ja, wenn wir hätten malen können wie unsere Dora Maetzel, die mit beiden Händen zugleich mit ihren Pinseln wunderhübsche Blumen malte, und das ohne sie vorgezeichnet zu haben !

Nachdem wir drei Jahre Grundschule hinter uns hatten, begann der Englischunterricht. Wir hatten neben der Grammatik sofort auch Konversation, wobei wir ein an die Wand gehängtes großes Bild betrachteten : " What is that ? " - " That is the picture. " " What is there on the picture ?" - "On the picture there is the house in the garden. "

Zu Beginn des 6. Schuljahres lernten wir Französisch. Ich merkte, daß unsere Tante Tine nie Französisch gelernt hatte. Als sie zur Schule ging, wurde nur Englisch gelehrt. Vater und Mutter dagegen konnten viel Englisch und Französisch, Vater auch viel Latein.

In der Botanikstunde erfuhren wir von gefiederten Blättern und Schmetterlingsblütlern, mußten aber vor allem wissen, in welche Klasse des Linné schen Systems jede Pflanze nach der Zahl ihrer Staubgefäße gehörte. - Zoologie wurde im Winter gelehrt. Da ging es um den Bau und die Größe der Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien des In- und Auslandes. Wir mußten wissen, welche Tiere in die Familie der Hunde und welche in die Familie der Katzen gehörten. Von den Menschen wurde uns gesagt: " Der Mensch gehört zu den Säugetieren." Irgendein weiterer Unterricht über den menschlichen Körper wäre höchst unanständig gewesen.

In der Singstunde lernten wir viele schöne Lieder. Ich mußte manchmal vorsingen, weil ich das Hohe C mühelos herausbrachte. Der Lehrer spielte uns die Lieder auf seiner Geige vor, und wir sangen einstimmig, zwei- oder dreistimmig. Als am 10. November 1883 Luthers 400. Geburtstag gefeiert wurde, machte unsere ganze Schule einen Fackelzug durch die Südersteinstraße, die Nordersteinstraße und auf dem Westseitedeich entlang. Das Lied, das wir von der Schule bis zur Alten Liebe unentwegt singen mußten, liegt mir bis heute im Sinn : " Wir zünden unsere Lichter an, dem Martinus zu Ehren - dem Lichtfreund und dem Glaubensmann, und keiner soll's uns wehren !" -

Auf dem Schulweg, für den ich etwa eine halbe Stunde brauchte, konnte ich mancherlei erleben. Die Chaussee war an beiden Seiten von breitem Gebüsch eingefaßt; nur bei den Übergängen zu den Feldern waren Lücken. Durch diese entstanden im Winter manchmal gewaltige Schneewehen, die man mit großem Hallo überwand, oft bis an den Leib im Schnee versinkend, dann wieder herauskrabbelnd, um bei der nächsten Schneewehe dasselbe Vergnügen zu haben. Es stand kein Haus an der ganzen Chaussee. Nach Groden hinüber war Müllers Hof das erste Gebäude und nach Ritzebüttel der Hof von Charles Meyn. Im Sommer lagen gelegentlich betrunkene Handwerksburschen, die wir Stromer nannten, im Chausseegraben. Dann ging ich in weitem Bogen um sie herum. Zwischen Meyn's Hof und dem Ritzebütteler Friedhof waren einige elende Häuser. Hier wohnte eine Wahrsagerin. Herr Pastor Walther sagte in einer Predigt gegen die Wahrsagerei, daß in der Dämmerung Frauen in Holzschuhen und Damen in Pelzkragen zu dieser Frau gingen, um sich aus Karten und Kaffeesatz die Zukunft sagen zu lassen.

In einem dieser elenden Häuser wohnten auch große, sehr ungezogene Jungens, vor denen wir entsetzliche Angst hatten. Die Chaussee war herrlich zum Singen und Gedichtaufsagen. Oft begegnete mir kein Mensch. Nur morgens gingen etliche Handelsfrauen mit ihren Körben voll Gemüse, Eiern und Butter von Groden nach Ritzebüttel oder schoben diese schönen Sachen in einem Kinderwagen vor sich her. Ich schmetterte dann meine Lieblingslieder hinaus: " Es braust ein Ruf wie Donnerhall " oder " Vater, ich rufe Dich ". Meine Gedichte " Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen " oder " Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein " paßten zu jeder Jahreszeit.
Einmal kam ich bei äußerst starkem Regen völlig durchnäßt in der Schule an. Fräulein Cochius schalt, daß ich überhaupt gekommen wäre. Meine Antwort : " Vater sagt, die Schule geht allem anderen vor !" Nur etwa ein Drittel aller Schülerinnen war gekommen, und auch nur diejenigen, die der Schule am nächsten wohnten. Die Lehrerin wollte uns keinen Unterricht erteilen; ich aber meintet " Wir sind nun hier, nun geben Sie uns auch ordentlich Stunde !"

Im Herbst, zu Weihnachten und Ostern bekamen wir Zeugnisse. Zur Zeugnisverteilung versammelte sich die gesamte Schule in zwei großen Klassenzimmern. Es wurde ein Choral gesungen, und Fräulein Cochius hielt eine lange Rede. " Das Zeugnis ist der Spiegel einer Schülerin. " Alle Zensuren in Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit und Ordnung wurden öffentlich aus jeder Klasse bekanntgegeben. Vater nahm es als selbstverständlich, daß unsere Zensuren sich sehen lassen konnten. " Gott hat euch gute Gaben gegeben; die habt ihr treu zu benutzen. In den Fächern die euch weniger leicht fallen, könnt ihr Fleiß beweisen !"

Jedes Jahr wurde vor den Osterferien Examen abgehalten. Mit der untersten Klasse wurde begonnen, mit der obersten geschlossen. Während der Zeit, in der meine Klasse geprüft wurde, waren auch Vater oder Mutter, wer am besten Zeit dafür hatte, anwesend. Wir mußten kopfrechnen, lesen, und wurden in Heimatkunde und Religion geprüft. Nach einem tiefen Knicks, den ich ja glücklicherweise im Kindergarten gelernt hatte, sagte ich das vergnügliche Gedicht vom Spitz und den Gänsen auf.

Montags, dienstags, donnerstags und freitags hatten wir von 8-12 und von 2-4 Uhr Schule. Über Mittag durfte ich als Auswärtige in der Schule bleiben, aß mein Butterbrot und konnte Schularbeiten machen. Später bekam ich dienstags und freitags in der Mittagszeit Klavierstunde bei Fräulein Tölcke. Ich mußte Fingerübungen machen und Etüden spielen. Weit mehr Spaß machte es, wenn Mutter mit mir vierhändig spielte. Besonders liebte ich das Stück " Lachtäubchen " .

An jedem Mittwoch nachmittag ging ich zur " Pastorenstunde ". In Verfolg des Kulturkampfes und der Zivilstands-Gesetzgebung war es Pastor Walther in Ritzebüttel untersagt, den Religionsunterricht in unserer Schule zu geben. Er richtete daher an anderer Stelle eine Religionsstunde ein, deren Besuch freiwillig war.
Die Schulverhältnisse in Ritzebüttel waren damals für die Jungens recht trostlos, während die Höhere Mädchenschule unter Fräulein Cochius' Leitung sehr gut war. Meine Großmutter Amalie Reye, die früh verwitwet war, hatte ihre Söhne deshalb nach Hamburg aufs Johanneum geschickt. Sie mußten zum Beginn und Schluß der Ferien zwei Tagesmärsche wandern, sozusagen als Fahrende Gesellen. In Stade übernachteten sie jedesmal.

Mein Vater hatte das Glück gehabt, daß zu seiner Schulzeit ein außerordentlich fähiger Mann eine Rektorschule unterhielt. Mit großer Liebe und Dankbarkeit erzählte Vater uns oft von seinem verehrten Lehrer, Herrn Rektor Danzel.

Wenn es in Ritzebüttel auch nicht gut um die Volksschule stand, so war doch in Groden eine anerkannt gute. Viele Eltern aus dem Flecken Ritzebüttel schickten ihre Kinder in die Grodener Volksschule, damit sie nebenbei Privatstunden bei Herrn Bossée erhalten konnten. Groden wurde dadurch in einer Weise von den " Fleckenjungens " überschwemmt, daß der Schulvorstand beschloß, es dürfe kein auswärtiges Kind mehr die Grodener Volksschule besuchen, das nicht in Groden wohnte. So gaben Onkel Julius Reye und Tante Elise ihren Ernst zu uns nach Arnhausen.

Der genannte Herr Bossée wohnte in einem kleinen Häuschen neben der Schule. Er hatte nie ein staatliches Examen gemacht, war aber ein derart ausgezeichneter Philologe und Pädagoge, daß er viele Schüler nicht nur bis Obersekundareife, sondern die Begabteren sogar bis Unterprima brachte. In großzügiger Weise richtete Herr Quitmeier, der Leiter der Grodener Volksschule, es so ein, daß Gruppen von Schülern während der Schulzeit und bis zum Spätnachmittag zu Herrn Bossée in den Privatunterricht gehen konnten. Die zwei oder drei letzten Schuljahre besuchten diese Auswahlschüler dann das Gymnasium in Stade. Später haben sie " ihrem hochverehrten lieben Lehrer, Herrn Gustav Bossée " auf dem Grodener Kirchhof ein schönes Denkmal errichtet.
Natürlich ging es in der Grodener Volksschule anders zu als auf einer Höheren Töchterschule. Als Bruder Max 6 Jahre alt war, schickte Vater ihn in diese Schule. Ein Trupp unserer Tagelöhnerkinder wartete schon auf der Abschnede auf ihn, auch unser Schweinejunge, der auf dem Weg noch eben die Pflugscharen beim Schmied abliefern mußte.

Der Schulunterricht begann mit der Erlernung einer neuen Sprache : Hochdeutsch. Die wenigsten der Kinder konnten diese Sprache verstehen und sprechen. Herr Quitmeier unterrichtete außer der obersten Klasse auch die Kleinen selbst, weil die anderen Lehrer meistens aus Hamburg stammten und unser Platt nicht genügend beherrschten. Herr Quitmeier sprach also einzelne Wörter und kleine Sätze vor, die die Kinder im Chor oder einzeln viele Male wiederholen mußten. Einmal ging ein kleiner Junge mitten in der Stunde zu ihm und sagte : " Du, mok mi mol de Büx open. Ik mut mol ut de Büx. " Gehorsam half Herr Quitmeier ihm. Der Junge verschwand, um nach geraumer Zeit wieder in die Klasse zu kommen, sich vor seinen Lehrer hinzustellen und zu sagen: " Du, mok mi mol de Büx wedder tau !"

In den Pausen gab es stets eine große Balgerei auf dem Schulhof, denn nach dreiviertelstündigem Stillsitzen, wobei nicht einmal ständig mit den Holzschuhen getrampelt und geklappert werden durfte, wollten Arme und Beine zu tun haben. Nachdem Herr Quitmeier am Schluß der Pause in die Hände geklatscht hatte, fiel es schwer, daß jedes Kind nach vielem Schubsen und Drängeln seinen zugewiesenen Platz wiederfand. In der Singstunde erscholl ein vielstimmiges Gebrüll von Knaben- und Mädchenstimmen. Herr Quitmeier hatte Mühe, mit seiner Geige und kräftiger Männerstimme einigermaßen die Melodie von " Der Kuckuck und der Esel " zu halten.
Die kleinen Fäuste, die wohl alle eine Peitsche und eine Mistforke zu regieren wußten, hatten es bitter schwer, ein i und eine 1 richtig zu schreiben, nicht allzuweit über der Linie oder darunter. Wenn die unterste Klasse am Schluß des Schuljahres 60 hochdeutsche Wörter in ihrer Bedeutung kannte, sie richtig auszusprechen und anzuwenden wußte, so war das Ziel erreicht.

Nach drei Schuljahren kam Bruder Max von der Grodener Volksschule auf die durch Professor Rohde aus Hamburg eingerichtete Höhere Staatsschule; ein Jahr später folgte ihm unser Ernst. Viele der Volksschüler gingen jedoch nach Amerika. Wenn sie im letzten Schuljahr gefragt wurden : " Was wollt ihr werden ?", dann lautete die Antwort sehr oft: " Ich geh nach Amerika !" Daß die Hälfte aller Konfirmanden nach drüben ging, war nichts Besonderes. So ging auch unser Schweinejunge Nicolaus Marks, der von seinem 12. -14. Lebensjahr bei uns die Stiefel geputzt, die Enten getastet, nachmittags einen Sack voll Disteln für unsere Jungen Schweine gesucht und zerstoßen, und am Abend den Ofen für die Döns geheizt hatte, in die Vereinigten Staaten. Ein paar Nachbarjungens hatten ihn nachkommen lassen. Niklas war das Lernen in der Grodener Volksschule sehr schwer gefallen, so daß Mutter sich immer wieder um seine Schularbeiten gekümmert hatte. Etliche Jahre später kehrte er als gemachter Mann und vornehmer Herr zurück, um seine Eltern - unseren Vorschnitter Peter Marks und seine Frau Mine - die täglich zweimal zum Melken kamen, noch einmal zu besuchen. Er hatte in Amerika mit Stiefelputzen auf der Straße angefangen und es danach bis zum Oberkellner in einem großen internationalen Hotel gebracht. Nach dem Besuch in der Heimat wollte er drüben ein größeres Delikatessengeschäft übernehmen.

Noch einmal zurück zur Schule. Herrn Prof. Rohde wurde das gesamte höhere Schulwesen im Amt Ritzebüttel unterstellt, und dazu gehörte auch unsere Höhere Mädchenschule. Der Unterricht wurde noch vielseitiger. In den höheren Klassen hatten wir, nachdem der Kleine und der Große Ploetz erledigt waren, französische und englische Literatur. Wir lasen " Un verre d'eau ", Lord Byron's " Prisoner of Chillon ", auch manches von Sir Walter Scott. In Deutsch lernten wir die " Drei Ringe " aus Nathan dem Weisen. Eine Art von Aufsätzen war und blieb mir unangenehm: die sogenannte Crie, anzufertigen nach ganz genauer Vorschrift. Dabei mußte ein Dichterausspruch oder Sprichwort bestimmt werden nach Wortlaut, Inhalt, Beweis der Wahrheit, Beweis der Unwahrheit der Gegenbehauptung, Beleg der Wahrheit durch andere Dichter-Aussprüche oder Sprichwörter, Beweis der Wahrheit aus der Geschichte und dem Leben. - In anderen Stunden waren perspektivisch Würfel zu zeichnen, oder es ging um " zusammengesetzte Regeldetri mit umgekehrten Verhältnissen "

Die Schulzeit neigte sich ihrem Ende zu. Wir waren konfirmiert, und der Schulabschluß vereinte die ganze Schule zum letzten Zeugnisempfang. Fräulein Cochius hielt eine lange Rede über das Wort " Was vergangen, kehrt nicht wieder; aber ging es leuchtend nieder, leuchtet's lange noch zurück. " Wir setzten uns in unsere Klasse und weinten. Dann fingen wir an, die Klasse zu scheuern, die Fenster zu putzen und alles in Ordnung zu bringen.
Meine Kindheit war abgeschlossen, und ein ganz anderes Leben begann.

abschließendes Wort

Das Mädchen Emma Benöhr hat sich seinen Wunschtraum, Lehrerin zu werden, nicht erfüllen können. Wegen ihrer schwachen Augen rieten die Ärzte dringend von einem Studium ab. So kam sie denn nach einigen weiteren Jahren auf Arnhausen, " um einmal etwas ganz anderes in fremder Stadt unter fremden Menschen kennenzulernen ", in ein Kasseler Pensionat. Für eine Höhere Tochter nichts Ungewöhnliches; doch hat Emma später nur ungern daran zurückgedacht. Einer " Bauerntochter " waren die jungen Damen überheblich und voller Vorurteile begegnet.
Mit 22 Jahren heiratete Emma den Pastor August Lohmeyer und siedelte ins Lippische über. Fünf ihrer Kinder wurden groß. Sie selbst hat sich nie ganz von Arnhausen lösen können und ist in ihren Gedanken immer wieder dorthin zurückgekehrt.
Der Zweite Weltkrieg traf Arnhausen schwer. Im August 1943 fiel der Hoferbe Otto Andreas als Soldat einer Flakbatterie in Cuxhaven.
Es ist Emma Lohmeyer-Benöhr erspart geblieben, das Ende Arnhausens mitzuerleben. Sie starb 1951 mit 75 Jahren. Nur wenige Jahre später, am Pfingstsonnabend 1954, brannte ihr Geburtshaus, das 200 Jahre alte Wohngebäude auf Arnhausen, bis auf die Grundmauern nieder. Eine unruhige, wechselvolle Zeit begann, bis der Hof schließlich aufgelöst wurde.
Arnhausen ist nicht mehr. Was blieb, ist die Erinnerung.


 

Erläuterung einiger Ausdrücke

 
 

Bake

feststehendes Seezeichen zum Kennzeichnen des Fahrwassers^

Balje

Wasserfaß, Eimer, Kübel

Beste

junge Kuh, die noch nicht gekalbt hat

Bierlechel

hölzernes Tönnchen, das den Feldarbeitern zum Trinken diente

Bindelbaum

Baum beim Erntewagen zum Niederschnüren des Fuders

Blesse

weißer Stirnfleck bei Pferden und Kühen

Böl

Stück Land

Brache

gepflügter, unbebauter Acker

Bussole

Schiffskompaß

Buttermolle

Mulde, Trog

Chaise

Kutsche mit Halbverdeck

Darre

Draht- oder Holzgitter zum Trocknen von Getreide

Döns

heizbares Zimmer, Leutestube

Dohnenstieg

Anlage zum Vogelfang

dwars

querschiffs

Gabsch

zwei Hände voll ( Spinat u.a. )

Göpel

mit Zugtier bewegte Vorrichtung zum Antrieb von Arbeitsmaschinen

Grapenbraten

Topfbraten

Harkels

das auf dem Felde Nachgeharkte

Hechel

kammartiges Gerät zum Spalten der Fasern bei der Flachsbearbeitung

Hocke

mehrere zusammengestellte Getreidegarben

Kieke

Kohlenbecken zum Wärmen z.B. der Füße

Kiepe

viereckiger Tragekorb mit Gurten zum Tragen auf dem Rücken.

Kirne

Butterfaß zum Kirnen der Butter

Klüten

Klöße aus Mehl oder Fleisch

Koben

Verschlag, kleiner Stall, besonders für Schweine

Köksch

Köchin

Konsole

Wandbrett

Krecke

Rodelschlitten

Landauer

viersitziger Pferdewagen mit zusammenlegbarem Verdeck

Longe

Laufleine für Pferde bei der Dressur

Lucht

oberes Stockwerk, auf dem Korn etc. gelagert wird,  Boden

Milchsatte

größere flache Schüssel, in der Milch sich setzt

Miste

Dunggrube

Ofenkasse

Ofenrohr zum Warmhalten von Speisen u.s.w.

Queen

junges weibliches Rind, das noch nicht gekalbt hat.

Remise

Wagenschuppen, Geräteschuppen

Schapp

Schrank mit Doppeltür

Schlipp

schiefe Ebene, z.B. in der Werft

Schock

Maßangabe, 60 Stück

Schrot

grob gemahlene Getreidekörner

Siele

Zugriemen der Zugtiere

Spint

altes Trockenhohlmaß

Sprik

dürrer, abgefallener Zweig eines Baumes

Stack

in Gewässer hineingebauter Damm ( Buhne )

Strohhümpel

Strohhaufen

Stuten

Kuchenbrot

Stutpferd

junges weibliches Pferd

Triftstück

Weidewiese

Wagenschauer

Schuppen für Fahrzeuge

Wehl

Wasserloch

 

zurück

hoch