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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

So war das damals bei uns
von Heilwig Bove
verwitwete Stake, geborene Brachmann,  1982  von ihr niedergeschrieben   
( mit einer Ergänzung von ihrem Bruder Ernst-Gerhart )
         
      

 

Wir haben einen langen, strengen Winter, da will ich anfangen, Euch Enkelkindern von früher zu erzählen. Vorgestern hatten zwei von Euch Geburtstag, Jörg in Minden wurde 10 Jahre alt und Peter in Vesbeck 13 Jahre alt.

Am 17. Juli 1917 wurde ich in der Göttinger Klinik geboren. Es war eine böse Zeit damals. Es war Krieg, der 1. Weltkrieg. Die Menschen hatten einen schlimmen Winter hinter sich, den Steckrübenwinter. Außer Steckrüben gab es nichts zu essen. Die zugeteilten Bezugsscheine (man bekam diese für Babywäsche und andere dringend benötigte Textilien) nützten nichts, denn die Läden waren leer.

Damals lebte noch ein Kaiser, der Deutschland regierte, das sehr viel größer war als heute. Auch Kolonien besaßen wir, und mein Vater wollte nach dem Krieg dort als Arzt arbeiten. Aber bei meiner Geburt war ja noch Krieg.


Meine Mutter wohnte noch bei ihrem Vater, dem Pastor der reformierten Gemeinde Adam Heilmann. Er bestimmte auch meinen Vornamen, der althochdeutsch ist und Heil im Kampf bedeutet und außerdem anklingt an den Namen Heilmann.

Mein Vater erhielt erst sehr viel später im Feld die Nachricht, dass ich auf der Welt war. Wegen eines sogenannten Heimatschusses wurde er in die Rasemühle bei Göttingen verlegt, in deren Nähe, in Lemshausen, die Eltern ihre erste Wohnung hatten. Ich weiß, dass noch viele Jahre später aus dem Körper des Vaters Granatsplitter herauseiterten.
Dann war der Krieg zu Ende, mein Vater konnte nicht mehr nach Afrika, sondern fuhr mit dem Fahrrad die Göttinger Gegend ab und erfuhr dabei, dass in Groß Schneen ein Arzt gestorben sei. - Im Dezember 1918 zogen wir also nach Groß Schneen.
[1] Es war eine kleine Wohnung bei Bauer Harriehausen. Ein Vorhang trennte das Behandlungszimmer vom Wohnzimmer, das auch als Wartezimmer diente.

Damals gab es die Inflation, d. h. Geldentwertung. Man rechnete mit Billionen Mark. Wenn man etwas Geld verdient hatte, musste man sofort losgehen und Brot kaufen, eine Stunde später war das Brot schon sehr viel teurer.

Am 7. Februar 1919 wurde dann mein Bruder Ernst Gerhart geboren. Benannt nach den beiden gefallenen Brüdern der Eltern: Ernst Brachmann und Gerhart Heilmann.[2]  Er war im Gegensatz zu mir ein kräftiges Kerlchen. Ich war „hiefig“, klein, dünn und kränklich. Kein Wunder nach den Hungerjahren.Mein Vater war nun eine Standesperson. Er hatte seinen Burschen aus dem Krieg mitgebracht, der ihn mit einer Kutsche und dem Pferd „Lotte“ auf die Dörfer fuhr (Jeder Offizier hatte einen Burschen, der ihm die Uniform in Ordnung hielt und das Pferd versorgte). Wir hatten dort keinen Garten, da ging Mutter mit uns auf den Friedhof, wo wir spielten. Dort wuchsen Christrosen und die ersten Veilchen. Von Grabpflege war noch nichts zu sehen. Es blieb ein herrlich verwilderter Ort. Auf diesem Friedhof ruhen nun die Eltern.

Ich kann mich an die Wohnung bei Harriehausens, das Plumpsklo und den Umzug am 1. März 1921 in das Haus von Herrn von Ußlar erinnern. Damals war ich noch keine 4 Jahre alt. - Nun wohnten wir im Oberdorf bis zum 7. August 1930. Als Hilfe kam dann Frau Bach zu uns, eine Schwäbin, die schon im Hause unserer Großeltern half. Sie starb später an Tbc, die sie von der Milch der Kühe des Nachbarn Koch bekommen hatte.  Am 5. Juli 1921 kam unsere Schwester Agnes zur Welt. Mutter erzählte von der Geburt, daß die Hebamme im Nebenbett geschnarcht hätte während der Wehen und erst wach geworden wäre, als das Köpfchen schon zu sehen war.
Aus der Zeit habe ich sehr viele Erinnerungen: das erste Sehen des Schwesterchens, das Windeln, Pudern und Stillen. 

Wir saßen dann auf der Fußbank, Mutter stillte und wir bettelten „Erzähle, ass Du klein waast“. Und Mutter berichtete vom Pfarrhaus in Göttingen, vom großen Garten, den vielen Geschwistern. Hans, Paul, Gretli, Gertrud, Gerhard und Mariechen. Sie redete vom Wingolf und von vielen bedeutenden Menschen, die im Pfarrhaus verkehrten. Ihr könnt alles nachlesen in den Erinnerungen des Großvaters Adam Heilmann.

 

 

Wir wuchsen also in einem Dorf auf. Es hatte damals ca. 800 Einwohner. Wir kannten jedes Haus, wussten wo wer wohnte. Da gab es noch einen Schuster mit Schusterkugel und Pechgeruch, eine Frau, die die Kragen und Hemden der Männer stärkte (Männer trugen damals einen „Vatermörder“, einen hohen steifen Stehkragen).

 

Da gab es noch einen Hirten, der mit einer Trompete Kälber, Kühe, Gänse und Ziegen zusammentrieb; einen Ausrufer mit einer Klingel, der die neuesten Nachrichten verkündete; einen Postboten, der mit einem Esel die Postsachen brachte und über jedes Telegramm Bescheid wusste.

Wir hatten zwei Lehrer, Herrn Lüdecke und Herrn Bruns. Beide waren Meister ihres Faches. Herr Lüdecke machte „bunten Wind“, spielte also die Orgel, war „Halbwürden“ im Gegensatz zu dem Pastor, dem „Hochwürden“. Beide Lehrer hatten einen großen Garten, und es war eine Ehre für die Schüler, dort zu helfen. Außerdem konnte der eine gut Bäume schneiden, und der andere half dem Bürgermeister bei den Finanzen. Natürlich waren sie auch Vorsitzende der verschiedenen Vereine: Kriegerverein, Männergesangverein, Schützenverein, Turnverein, Raiffeisenverband.

Wir hatten auch einen Kirchenchor und für Mädchen den Luisenbund. Politisch gab es die Spaltung zwischen Welfen, die dem hannoverschen Königshaus anhingen und den Preußen. Kirchlich bestanden keine Gegensätze, da eigentlich jeder evangelisch-lutherisch war. Sehr selten geschah eine Heirat in das nahe katholische Eichsfeld. Damals war Pastor Schützer schon lange Pastor an der Unterkirche. Die Oberkirche gehörte zum Gut derer von Bodenhausen. Einmal im Jahr musste in der Kirche zu Hottenrode gepredigt werden, die sehr einsam stand, und von der man einen herrlichen Rundblick hatte. Diese Gottesdienste wird niemand vergessen, der an ihnen teilnahm. Heute ist es deutsch-deutsches Grenzgebiet. Auch damals verlief dort eine Grenze. zwischen Hannover, Thüringen und Hessen. Viele Kriegsheere sind im Verlauf der Jahrhunderte dort durchgezogen. - Herr Lüdecke konnte Geschichte sehr anschaulich machen. Auf dem Burgberg zu Friedland stand „Tilly“ mit seinem Heer. Unter jenen Bäumen lagerten sie einmal und dort lauerten die Raubritter auf die Pfeffersäcke. Im Wald schließlich gab es ein versunkenes Dorf, bei Ludolfshausen wurde der letzte Bär geschossen. Jedenfalls war die Vergangenheit um das Dorf herum sehr lebendig. Jedes Dorf hatte seinen Spitznamen.

So hießen die Ludolfshäuser „Bärenfänger“, die Friedländer „Wasserratten“, weil sie am Wasser, der Leine wohnten und die Reiffenhäuser „Bloufintchers“ (Blaufüßer), weil in ihren Wäldern Blaubeeren wuchsen. Auch die Menschen im Dorf hatten ihre Spitznamen. So hieß ein Mann „Tänewieser“ (Zähnezeiger), er war also immer freundlich und lachte gern. Auch gab es in jedem Dorf einen „Dorftrottel“, ein Geisteskranker oder ein geistig Minderbemittelter. So lange sie nicht gefährlich für die Mitmenschen wurden, liefen sie auf der Straße herum, sprachen die Leute an, machten auch kleine Arbeiten; andere wieder wurden versteckt, weil man sich ihrer schämte. Oft kam Emma aus Reiffenhausen in die Praxis, mit irgend welchen eingebildeten Leiden. Eines Tages kam sie munter anmarschiert und sagte „Morgen bin ich tot“. Sie starb wirklich an dem Tag, es war kein Selbstmord.

An dieser Stelle möchte ich auch den Aberglauben erwähnen. Es gab einige Stellen, so den „tiefen Bach“, an denen man nicht ohne Gruseln vorbeiging. Da wurde der Werwolf gesehen oder der Mann ohne Kopf, oder ein schweres Wesen hüpfte plötzlich in die „Köze“ auf dem Rücken, aber man durfte sich nicht umdrehen und es angucken.

So wuchsen wir also in das Dorf hinein, hatten unsere Freunde und spielten die Spiele aller Dorfkinder: Kreisel, Knicker, Ballprobe, Seilspringen. - Viele liebe Verwandte hatten wir und natürlich die Freunde der Eltern, die aus dem nahen Göttingen kamen. Da war vor allem der Großpapa Heilmann. Man muß seine Erinnerungen lesen, um sich ein Bild von seiner Persönlichkeit zu machen. Er ruhte auf dem Fels des Christentums, hatte eine umfassende Bildung und hat viel für das geistige Leben der Stadt Göttingen getan. Aus seinen Erinnerungen geht u. a. hervor, daß sein Vater Lehrer in einem kleinen, armen hessischen Dorf war in der Nähe von Schlüchtern. Dieser ging noch bei seinem Vater in die Lehre, brauchte also keine weitere Ausbildung! Er aß rundherum bei den Bauern, bekam später „Naturalien“ als Bezahlung und war sehr musikalisch. Zur Aufbesserung des Gehaltes spielten sie auch auf bei Dorffesten. Sein Schwiegervater Wohlrat Rupp baute selbst ein Tafelklavier und beherrschte sieben Instrumente. Mein Großvater studierte in einer Zeit, wo selbst die Kerze, die man als Lichtquelle brauchte, eine Kostbarkeit war. Zwei seiner Schwestern starben an der „Halsbräune“ (Diphtherie), die damals viele Opfer forderte.


Großvater Heilmann konnte mit uns Kindern fröhlich sein, schnitzte uns Weidenpfeifen, und Ostern war undenkbar ohne seinen Pfiff auf zwei Fingern, mit dem er dem Osterhasen anzeigte, daß wir nun die Eier suchen wollten. Wir sahen dann den Hasen auch, wie er forthüpfte. Kurz, er war ein idealer Großvater, den wir sogar an seinem Bart zupfen durften, was wir bei unserem Vater nie gewagt hätten. Nebenbei hatte der Großvater die Gabe, mit der Wünschelrute Wasseradern aufzuspüren, was früher sehr wichtig war. Er hat es schon geerbt und hat diese Gabe auch weitervererbt, ich glaube, mein Bruder hat sie auch. Leider wurde der Großvater dann krank. Er bekam die Schüttellähmung, war lange in Marburg in einer Klinik und starb 1930 in unserem Haus in Groß Schneen.
[3]

Die Großmutter habe ich nie kennengelernt. Sie starb
kurz vor der Hochzeit meiner Eltern.[4] Ihre Kinder haben sie sehr verehrt und geliebt. Ich erzähle hier mal, wie es war, als meine Eltern sich verlobten.[5] Mein Vater war ja im Wingolf, einer Studentenverbindung, der eigentlich alle Verwandten angehörten. Im Pfarrhaus Heilmann gab es einen lustigen Kreis von Wingolfiten und jungen Mädchen. Mein Vater schwärmte eigentlich für Lene Bauer geb. Holscher, die heute noch lebt und meine Patentante wurde; aber seine Mutter meinte, die Agnes Heilmann würde ihr als Schwiegertochter besser gefallen. Daraufhin hielt mein Vater schriftlich bei meinem Großvater um die Hand seiner Tochter Agnes an. Die war damals in Berlin zur Ausbildung auf einer Frauenfachschule und fiel aus allen Wolken, als ihr Vater ihr von dieser Werbung berichtete. Sie hat dann doch „ja“ gesagt, die Verlobung wurde gefeiert und  im September 1916 war die Kriegstrauung.[6] Bei dieser Kriegstrauung war mein Vater in Uniform und Mutter in Trauerkleidung. Wäsche und Möbel gab es nicht zu kaufen. Mutter ging in ihr Elternhaus zurück, und Vater mußte wieder zurück ins Feld. Das Gleiche habe ich dann 1939 erlebt.

Nun berichte ich weiter von den Verwandten und Freunden, die uns in Groß Schneen besuchten. Mit dem Großvater kam meist Tante Mariechen, Mutters jüngste Schwester, die ihm damals den Haushalt führte.
[7]  Als sie Pastor Kurt Rebermann (auch ein Wingolfsbruder) heiratete,[8]  war es für uns Kinder ein unvergessenes Fest. Noch viele, viele Wochen danach spielten wir Hochzeit.
Unsere liebste Tante war Tante Gretli, sehr klug, sehr warmherzig. Sie starb leider mit 40 Jahren an Tbc, die
sie sich in den Hungerjahren und durch ihre rastlose Tätigkeit zugezogen hatte.[9]  Damals konnte man als Mädchen in Göttingen noch kein Abitur machen. Dazu musste sie nach Hannover. Sie studierte dann, wurde Lehrerin, Oberlehrerin und schließlich Geschäftsführerin des Reichselternbundes in Berlin.[10]  Zu allen Gelegenheiten machte sie wunderschöne Gedichte, auch als sie schon sehr krank war, führte sie noch einen regen Briefwechsel. Ihr starker Glaube trug sie auch in ihrer angen Krankheit.

 

Die vierte Schwester, Gertrud, heiratete den Dr. jur. Wilhelm Luetkemann. Ihre beiden Söhne, Leonhardt und Joachim waren fast gleichaltrig mit uns.[11] Sie waren in den Ferien sehr oft bei uns; hinterher hatten wir uns auch den Berliner Dialekt angewöhnt - und es war richtig still ohne sie. Luetkemanns waren schon frueh motorisiert, hatten lange ein kleines rotes Auto. Ihre spätere Wohnung in Kassel wurde durch einen Luftangriff zerstört. Leonhardt fiel als junger Leutnant in Polen in den ersten Kriegstagen. Joachim ist heute Forstdirektor in Langen.

 

 

 

Mutters Lieblingsbruder war Onkel Paul aus Minden Seine Frau, Tante Elli, lebt jetzt noch dort.[12]  Als Arzt hatte er nicht viel Freizeit; er machte in Groß Schneen am liebsten lange Spaziergänge und war heimatkundlich sehr bewandert. Seine 4 Kinder sind oft und gern bei uns gewesen. Dieter war der erste Mensch, den ich mit einem Schlafanzug bekleidet gesehen habe, man trug nur Nachthemden.[13]
Von Vaters Seite kam die liebe Großmutter aus Dresden und ihre Tochter, Tante Hanna.
[14] An den Großvater kann ich mich wenig erinnern. Großmutter erzählte gern aus ihrer Jugend, als sie mit der Postkutsche von Leipzig bis in das ferne Mecklenburg reisten und dort mit vielen Vettern und Basen in dem großen Gutshaus in Malchow die Ferien verbrachten, betreut von einigen Tanten, die sie auch unterrichteten. Großmutter erzählte auch von der „Lindnerei“ in Leipzig (Sie war eine geborene Lindner). Ihr Vater war Theologieprofessor an der Universität, wie auch dessen Vater.[15]  Da war eine dunkle Geschichte, daß nämlich ihr Vater einige kostbare Bücher aus der Bibliothek ‚entwendete’ oder vergaß, sie zurückzubringen. Für diese Missetat mußte er in’s Gefängnis. Das erregte großes Aufsehen. Noch in den Erinnerungen von Kügelgen (1812-1870) in seinem Buch 'Erinnerungen eines alten Mannes’ wird davon berichtet.[16]



Die ‚Lindnerei’ war also eine beliebte Studentenbleibe und
reges geistiges Leben herrschte dort. Die hübschen Sachen, von Großmutter bemalt, leben heute noch, z.B. die Teller mit Richterschen Motiven oder das Schlüsselschränkchen. Sie heiratete Walter Brachmann, der Studienrat in Dresden wurde. Er stammte aus einer baltischen Familie. Dessen Vater war so reich, daß er sieben Söhne studieren lassen konnte,ohne selbst einer geregelten Arbeit nachzugehen.[17]  Er lebte für  die Religion und die Musik. In seiner Familie war mal von einem Kamel die Rede, das wohl von einem Kriegszug stammte und später zu Seife verkocht wurde. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da kamen also nun zwei hochgeistige Familien zusammen, sie bekamen fünf Kinder. Hanna war manisch depressiv. Winfried, mein Vater, hatte Glück, daß er meine tatkräftige, fröhliche Mutter heiratete, sonst wäre er wohl kaum mit dem normalen Leben fertig geworden.[18] Tante Käthe muss als Kind ein entzückendes junges Mädchen gewesen sein, bis sie sich wohl in einen verheirateten Mann verliebte.[19] Damals eine Todsünde. Ich kenne sie nur, in einem kalten Zimmer hausend mit vielen Katzen und Möbeln aus Kisten. Sie war also etwas seltsam. Ein Aussteiger würde man heute sagen. Dann kam Tante Frieda, die als 4-jährige eine Hirnhautentzündung und infolgedessen den geistigen Stand einer 10-jährigen hatte. Als letzter. Onkel Ernst, geistig und körperlich gesund, aber er fiel im 1. Weltkrieg. [20]

Tante Hanna war Religionslehrerin, und von ihr kennen wir auch alle die biblischen Geschichten, die sie sehr lebendig erzählte. Sie war leider manisch depressiv und kam dann, um sich gesund pflegen zu lassen. Morgens und abends wurde im Dresdner Haus
[21] eine Andacht gehalten, wobei Großmutter mit ihrem bis ins Alter hellen Sopran. alle überstimmte. 

 

 

In diesem Haus gab es noch Gasbeleuchtung und abends bekam jeder eine Kerze, um in’s Bett zu finden, denn die einzelnen Räume waren nicht zu beleuchten. Von unseren herrlichen Ferien in Dresden erzähle ich später noch.
Dann kamen nach Groß Schneen die Großtanten Therese, Helene und Agnes (genannt Anne) Dietrich und Tante Mariechen Heilmann, eine Diakonisse, Schwester des Großvaters.
[22] Ehe sie kam, wurde die ganze Wohnung gescheuert, und trotzdem fand sie noch Schmutz. Es war damals so, daß Töchter, die nicht geheiratet hatten, entweder als billige Arbeitskraft auf dem Hof blieben oder Diakonisse wurden und damit versorgt waren. Der Beruf der Lehrerin oder der Ärztin war noch sehr selten.

 

 

 

 

Ich kann hier nicht alle aufzählen, die uns besuchen kamen, sie stehen jedoch alle in dem Gästebuch, das bei mir liegt. Es kam z.B. auch Vetter Willi Brachmann aus Cuxhaven.[23]  Wie war nun so der Lebensstandard unseres Elternhauses? So viele Menschen und so viel Besuch! Es ging einfach zu, wir hatten den Garten und seine Erzeugnisse, Milch und Eier vom Nachbarn und im Herbst wurde ein Schwein geschlachtet. Auf das Brot wurde Schmalz oder Pflaumenmus gestrichen. Wurst oder Fleisch gab es selten, man wurde auch von Kartoffeln und Sauce satt. Wir aßen sogar Margarine und keine Butter, wobei man bedenken muß, daß die Margarine damals noch sehr viel schlechter schmeckte als heute. Wenn wir Durst hatten, mischten wir uns ein Getränk aus Wasser, Essig und Zucker, oder wir kauten rohe Rhabarberstengel. Im Wald fanden wir Sauerklee. Abends tranken die Erwachsenen Most. Wein gab es nur bei feierlichen Anlässen. Vater hatte zwar einen Likör in seinem Zimmer, aber da er ja immer bereit sein mußte, durfte er ihn nicht trinken. Bargeld war knapp und jede unnötige Ausgabe wurde vermieden. Auch mit der Kleidung war es so. Gekauft wurde nichts Fertiges. Zu Pfingsten erhielten die Kinder neue Kleider. Dazu kam die Dorfschneiderin in’s Haus und manchmal noch die Weißnäherin, die die Bettwäsche flickte. Leider durften Mädchen noch keine langen Hosen tragen, nur selbstgestrickte Strümpfe, die schrecklich kratzten. Im Winter habe ich mächtig gefroren und der schönste Platz war in der Küche - mit den Füßen im warmen Backofen. Einen Mantel besaßen wir auch erst später, eine dicke Wolljacke mußte reichen. Viele Frauen aus dem Dorf gingen im Winter mit ihrem Umschlagtuch, hatten nicht mal einen „Kirchenmantel“. In einem großen gefütterten Umhang trugen sie auch kleine Kinder.

Daß uns die Eltern einmal Süßigkeiten kauften (Bolchen), ist kaum vorgekommen. Der Besuch schenkte uns eine Tafel Schokolade, manchmal ein Spiel. Apfelsinen, Feigen und Datteln schickte uns jedes Weihnachten in einem Paket Onkel Bruno aus Leipzig, ein Bruder der Großmutter, welcher blind war.
[24] Der Onkel hatte in seiner Wohnung 1) einen Laubfrosch in einem Glas und 2) eine Sammlung von Kanonenkugeln und Splittern von der Völkerschlacht bei Leipzig 1813.

Ich sagte ja schon, daß Geld knapp war und an Reisen, wie heute nicht zu denken war. Da aber andere Leute es auch nicht konnten, haben wir es nicht vermisst. Auch hatten die Ärzte keine Vertretungen untereinander, so daß, wenn Vater mal wirklich krank war, ein teurer Vertreter genommen werden musste.  Da der Beruf sehr anstrengend war, kam es ab und zu vor, daß Vater richtig zusammenklappte. Er ging dann an die Werra, wo es ein kleines primitives Gasthaus gab: Zella.
[25] Heute ist an dieser Stelle ein großer Wohnwagenplatz. Übrigens versuchte Vater dort einmal, einen Fuchs zu zähmen. Mutter fuhr mit uns manchmal nach Dresden. In dem großen Garten an den Elbwiesen und in dem verwinkelten Haus spielten wir herrlich. Es gab Ausflüge mit dem Raddampfer in die sächsische Schweiz oder nach Pillnitz, oder auch nach Hosterwitz, wo Onkel Winfried Pastor war. Er stand dann mit seinem langen dunklen Lutherrock bekleidet und mit wehenden weißen Haaren am Landungssteg, um uns abzuholen.

 

In Dresden besuchten wir später auch Museen und die berühmte Gemäldegalerie, um uns zu bilden. Es war wirklich eine wunderschöne Stadt, ehe sie dann im Krieg zerbombt wurde. - Ja sonst wüßte ich keine Reisen, schon gar nicht mit den Eltern zusammen. Aber Ausflüge in die nähere Umgebung, Hanstein, Ludwigstein, Burg Plesse oder zur Kirschenzeit nach Witzenhausen vergesse ich nie. Später fuhren wir dann auch mit dem Fahrrad, z.B. zum Meißner, wo Trollblumen und Orchideen blühten. Eingekehrt wurde jedoch nicht: Brot und Saft schleppten wir mit. Und während der Fahrt sangen wir die alten Volkslieder. Nicht nur bei Ausflügen wurde viel gesungen, auch im Elternhaus. Vater konnte es zwar nicht, aber er weckte uns sonntags oft mit einem Spiel auf seinem Waldhorn. Mutter besaß später ein Harmonium, und zum Sonntag gehörte eine kleine Andacht mit Gesang und Harmoniumbegleitung.  Ein Geburtstag ohne „Lobe den Herren“ und ein Sommerabend ohne „Der Mond ist aufgegangen“ war nicht denkbar.

 

Wer es miterlebt hat, weiß wie schön das war. Leider war ich auch unmusikalisch und wohl zu faul, um Klavierspielen zu lernen. Heute bereue ich das. Mein Bruder hatte Geigenunterricht. Einen Raum, um sich mal zurückziehen zu können, gab es nicht. Das war besonders unangenehm im Winter, da keiner der Schlafräume zu heizen war. Es blieb also nur die Küche, in der man auch Schularbeiten machte und die Stube mit dem großen Kachelofen. Das Holz kam zwar aus dem Gemeindewald, aber da nur einige Bauern eine „Gerechtsame“, d. h. einen Anteil besaßen, hörten wir uns um, wer etwas abgab. Dann kam aber gleich ein großer Wagen voll mit ganzen Stämmen und Laubwerk auf den Hof. Hierzu bestellten wir eine Sägemaschine, die von Hof zu Hof weitergereicht wurde. Schon von weitem hörte man das Kreischen. Dann hackte ein alter Mann, Herr Trümper, das Holz und die Frauen, Mutter und Frau Bach,[26] banden mit Draht die Spricken (Kleinholz) zu Bunden und zwar so groß, daß man sie mit einem Arm umfangen konnte. Im Hof wurde dann kunstvoll eine Holzfinne aufgebaut unter Mithilfe von uns Kindern, denn das Holz mußte ja trocknen. Auf allen Höfen standen solche riesigen Holzfinnen, zu frieren brauchte also wohl niemand.

Ganz arme Leute gab es wohl nicht in unserem Dorf. Fast jeder hatte ein Haus oder ein Häuschen, einen Garten und einen Stall für ein Schwein. Auch Ziegen und Hühner besaßen die allermeisten Einwohner. Viele Männer fuhren nach Göttingen zur Arbeit, und die Frauen arbeiteten auf den Feldern der großen Bauern oder dem Gut. Dort bekamen sie auch „Deputat“, d. h.. Kartoffelland, Milch und Getreide. Die großen Bauern besaßen natürlich Pferde als Zugtiere, einige hatten Ochsen, jedoch Milchkühe vor dem Wagen gab es, so glaube ich, bei uns in Groß Schneen nicht - wie z.B. in Hessen.

Wir hatten bei von Ußlars ein „Ostfriesisches Milchschaf“, das uns mit Milch versorgte. - Dabei wuchsen wir heran, und die Schulzeit rückte näher. Im Unterdorf neben der Kirche stand die zweiklassige Volksschule. Sie hatte also zwei Klassenzimmer. Im unteren Raum fand der Unterricht für das 1.-4. Schuljahr statt und im oberen für die drei letzten Schuljahre. Keine leichte Aufgabe für die Lehrer. In einem Jahrgang gab es ca. 6-10 Kinder. Natürlich mußten die Größeren den Kleineren helfen. Der Unterricht begann mit einem Lied, begleitet von der Geige des Lehrers. Dann kam ein Gebet. Jeder Lehrer mußte ein Musikinstrument beherrschen. Kinder, die heute auf eine Sonderschule kommen würden, blieben damals in der Klasse. Das ging nicht ohne Hilfe des „gelben Heinrich“, dem Haselstock. Den Jungen wurde der Hosenboden strammgezogen und die Mädchen bekamen einen Hieb über die Finger, was bestimmt auch weh tat. Auch „in die Ecke“ mußten sich Kinder zur Strafe stellen und zwar mit dem Rücken zur Klasse. Turnstunde wurde auf der Wiese neben der 1000jährigen Eiche erteilt. - Die Mädchen spielten Ringelreihen, die Jungen hatten Bock und Pferd. Weitsprung und Wettlauf gab es auch. Die meisten Kinder hatten später ein gut fundiertes Wissen. Schlimm war allerdings das Schulklo, auf das ich nie ging.

Überhaupt waren die sanitären Einrichtungen im Dorf das, was man heute „menschenunwürdig“ nennt. Aber auch zu Hause hatten wir das Klo auf dem Hof. Darunter stand ein Wagen mit einer Deichsel, der den duftenden Inhalt dann in den Garten fuhr, wo er untergegraben wurde. Ein Badezimmer mit Badewanne habe ich nirgends gesehen. Sonnabends stellte uns die Mutter in die Waschbalje und schrubbte uns mit dem auf dem Herd erwärmten Wasser ab. Das schmutzige Wasser kam dann durch den Gossenstein, welcher ein Abflußloch in der Außenmauer hatte und gelangte so in die Gosse. Diese vereinigte sich mit den Abwässern der anderen Häuser und floß als übelriechendes Gewässer neben den Straßen ab.

Aber nicht alles Wasser ging diesen Weg. Das fettige Abwaschwasser kam in die „Drangtonne“ zur Tränke für die Schweine - wie noch heute auf dem Lande. Fließendes Wasser aus dem Wasserhahn gab es noch nicht in jedem Haus. Die Pumpe auf dem Hof, im Winter dicht mit Stroh und Säcken umhüllt, lieferte das Wasser für Mensch und Vieh. In der Küche stand dann ein Wassereimer mit einer Kelle darüber, mit der jeder trank, der durstig war. Wer warmes Wasser zum morgendlichen Waschen haben wollte, mußte über einen guten Geist verfügen, welcher früh aufstand und den Herd anmachte.

Dabei fällt mir ein, daß auch meine Mutter im Winter manchmal nachts aufstehen mußte um den Herd anzumachen, wenn nämlich Vater zu einem Patienten fahren mußte. - Das Auto stand seinerzeit unter einem offenen Vordach. Es brauchte im Winter heißes Kühlwasser und mußte angekurbelt oder angeschoben werden. Vater schrie dann: „Schieb doch, schieb doch“, aber Mutter war längst auf der glatten Straße ausgerutscht. Später erfand Vater ein System von Glühbirnen, die er unter der Kühlerhaube anbrachte, um sie dann im Bedarfsfalle vom Bett aus einschalten zu können. So war dann der Motor warm, bis er sich angezogen hatte.

Nun komme ich auf das Thema „Unsere fahrbaren Untersätze“. Das Pferd konnten wir in der Mietswohnung nicht halten. Das Motorrad „Flottweg“ ersetzte das Pferd.

Unser erstes Auto war ein Einsitzer aus Holz. Ohne Verdeck. und ohne Tür. Dann kam der verrückt gewordene Kohlenkasten, ein roter
Hanomag.[27] Der hat lange gedient. Darin konnten schon zwei Menschen sitzen. Später kam dann der offene „Aga“. So alle zwei Jahre gab es ein neues Auto, da das alte wegen der schlechten Wegverhältnisse verbraucht war. Nun brauchten wir auch einen Wagenpfleger, Chauffeur und jemanden, der uns bei den schweren Arbeiten half. 
Das wurde Wilhelm Bachmann. Seine Frau Frieda half dann auch im Haushalt. Als dort die Kinder kamen, wurde Frau Bachmann, die Mutter, unsere Hilfe. 

Lotte Brachmann -  Bove taufte sie liebevoll „Babbi“. Sie entwickelte sich zu einer unentbehrlichen Kraft im Haus. Das wurde Wilhelm Bachmann. Seine Frau Frieda half dann auch im Haushalt. Als dort die Kinder kamen, wurde Frau Bachmann, die Mutter, unsere Hilfe. 

Aus Frau Bachmanns Erzählungen weiß ich, wie die ' kleinen Leute 'damals lebten. Sie war in Adelebsen geboren. Als Schulkind half sie auf den Feldern anderer Leute. Nach der Konfirmation kam sie „in Dienst“, also als Magd zu einem Bauern, wo sie einige Male aus Heimweh weglief aber jedes Mal zurück mußte, denn sie hatte ja „Handgeld“ angenommen. Zu Fuß ging sie oft mit der „Köze“ auf dem Rücken bis nach Göttingen und zurück - ca. 40 km - um Eier und Butter zu verkaufen. Dann hatte sie Glück und kam als ‚Mädchen’ in einen Stadthaushalt. Da kamen einmal zwei junge Männer aus Groß Schneen, die suchten eine Braut. Der eine gefiel ihr recht gut, und sie ging mit ihm. Dieser war aber schon verlobt - die Braut sollte für den anderen sein, der verwitwet war und drei Kinder hatte. Sie blieb, zog die Kinder auf, pflegte den bald kranken Mann und gebar ihren Sohn Wilhelm. Nach dem Tode ihres Mannes lebte sie als Witwe wieder in Groß Schneen. Sie konnte von keiner Seite mit Unterstützung rechnen. Sie lebte mit ihrem Sohn von ihrer Hände Arbeit. Sie verkaufte ihr Schwein, welches sie gefüttert hatte, um etwas Bargeld zu bekommen.

Ihr größter Wunsch war ein Stückchen eigenes Land, denn Land war der Gradmesser für Reichtum. Der Sohn lernte gut, wollte Automechaniker werden. Andere Jungens kamen zum Bauern und verdienten sich so wenigstens das Essen. Wer aber etwas lernen wollte, mußte noch Geld zuzahlen. Sie hat es unter unwahrscheinlichen Entbehrungen geschafft, die sich heute niemand mehr vorstellen kann. Dabei war sie nicht verbittert oder vom Leben enttäuscht, sie hatte einen feinen Charakter und verstand sich ausgezeichnet mit unserer Mutter.

Ich erzählte vorher von der Schulzeit in Groß Schneen und auch von den „Hieben“, die es dort gab. Damals galt noch das Bibelwort: „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“. Zucht war das Ziel der Erziehung. Ein junger Baum mußte fest angebunden werden. Auch sprang das Leben schon früh sehr hart mit den Menschen um, und nur wer sich selbst in Zucht halten konnte, kam vorwärts. Manche Eltern verprügelten ihre Kinder ganz furchtbar. Das gab es bei uns nicht. Allerdings gab es von Mutter ab und an mal eine Ohrfeige. Bei schweren Vergehen, vor allem bei Ungehorsam oder Lügen, mußten wir zum Vater, der uns dann mit dem Stock den Hintern versohlte. - Bei Tisch hatten Kinder nur zu reden, wenn sie gefragt wurden. Überhaupt durften Kinder nicht auffallen und mußten auf’s Wort gehorchen.

Da ich das erste Kind war, wurde so allerhand an mir ausprobiert. Das Ziel war: Abhärtung. Viele kalte Güsse mußte ich schon als Kleinkind über mich ergehen lassen! Noch heute mag ich sie nicht. Vater allerdings liebte das spartanische Leben. Im Keller unseres Hauses hatte er eine „Männerschwämme“ eingerichtet. Sie bestand aus einer (kalten) Dusche und Holzrosten, welche immer feucht und glitschig waren. Alle männlichen Gäste kennen sie. Vater war und blieb ein Frontsoldat. Er haßte Teppiche, Gardinen und weiche Betten. Er schlief auf einem schmalen, harten Bett in seinem Zimmer (hinter der Praxis) und war ein Frühaufsteher. Morgens machte er einen Rundlauf und wenn er irgendwo zu Besuch war, hatte er schon einen ausgiebigen Spaziergang hinter sich, wenn die Familie gähnend am Frühstückstisch erschien.

Auch wir Kinder mußten sonntags früh um acht Uhr am Frühstückstisch erscheinen, nachdem uns Mutter mühsam aus den Federn gejagt hatte. Mittags liebte Vater ein Examen: „Was weißt du von ...?“, welches er auch mit jugendlichen Besuchern anstellte. Er kannte seinen Goethe, Kleist, Koerner, Schiller. Sein ewiger Seufzer war „Was lernt ihr denn heute noch?!“ Höhepunkt eines gemütlichen Abends war die „Lorelei“ auf sächsisch:[30]

 

De säk’sche Lorelei

Ich weeß nich, mir isses so gomisch
Un ärchendwas macht mich verschtimmt.
S’is meechlich, das is anadomisch,
Wie das ähmd beim Mänschen oft gimmt.

De Älwe, die bläddschert so friedlich,
Ä Fischgahn gommt aus dr Tschechei.
Drin sitzt ‚ne Familche gemiedlich,
Nu sinse schon an dr Bastei.

Un ohm uffn Bärche, nu gugge,
Da gämmt sich ä Freilein ihrn Zobb.
Se schtriecheltn glatt hibbsch mit Schbugge,
Dann schtäcktsn als Gauz uffn Gobb.

Dr Vader da unter im Gahne
Glotzt nuff bei das Weib gans entzickt.
De Mudder meent draurich:“Ich ahne,
Die macht unsern Babbah verrickt.“

 

 

Nu fängt die da ohm uffn Fälsen
Zu sing ooch noch an ä Gubbleh.
Dr Vader im Gahn dud sich wälsen
Vor Lachen un jodelt: „Jucheh!“

„Bis stille“, schreit ängstlich Ottilche.
Schon gibbelt gans forchtbar dr Gahn,
Un blätzlich versinkt de Familche...
Nee, Freilein, was hamse gedan!

Vater starb - indem er fünf Wochen vorher sagte: „In vier Wochen bin ich tot, ich möchte aber zu Hause sterben.“ Er hatte Krebs. Vier Wochen aß er nichts und trank nur kaltes Wasser. Es sah alle Papiere durch, verkaufte das Haus und starb - zwei Wochen vor Peter Brünkes Geburt.

Nun habe ich schon sehr weit vorgegriffen. Wir waren damals sehr oft ohne Aufsicht und konnten uns austoben. - Am Sonntagnachmittag gehörte die Mutter uns Kindern. Dann ging sie mit uns oft auf den Einzelberg. Meist schlossen sich noch Freunde und meine Freundin Grete an. Da haben wir wunderbare Stunden verlebt. Wir spielten ‚Verstecken’ und ‚Kriegen’ und kochten die tollsten Gerichte aus Gänseblümchen und Löwenzahn oder spielten ‚Familie’. Einmal zog meine Schwester eine Puppe aus ihrem Kleiderausschnitt und rief „Hurra, ich habe ein Baby bekommen“ und meinte dann ergänzend „da ist doch die Frau am dicksten, da kommt doch das Baby heraus“. Die Geschichte, daß der Storch die Kinder bringt, erzählten uns die Eltern nicht, aber die meisten anderen Kinder hatten keine Ahnung von Zeugung und Fortpflanzung, denn alles was unterhalb der Gürtellinie vor sich ging, war tabu. Ich habe später ein schon 18-jähriges Mädchen kennengelernt, die keine Ahnung hatte, wie ein Mann aussah und wie man zu einem Kind kommt. Es wunderte mich, da man Zeugung und Geburt bei Tieren oft miterlebte.

Dieser Einzelberg gehörte einfach zu unserem Leben und dem des ganzen Dorfes. Er war Kinderspielplatz und Ziel des Sonntagsspazierganges. Alle Gäste mußten hingehen und auch Feste feierte man dort - auch heute noch. Es gab dort eine Kirschplantage, und oft an meinem Geburtstag, dem 17.7., gingen wir hin, kauften Kirschen und übten Weitspucken mit den Kernen. Der Berg könnte ein Basaltkegel sein, also ein Vulkan aus früheren Zeiten, so wie der „Hohe Hagen“, den wir von dort aus sehen konnten. Außerdem war der Einzelberg im Winter unser Rodelparadies. Es gab leichte und schwere Strecken. Ich habe immer unsere Kinder bedauert, die nicht so einen herrlichen Berg zum Schlittenfahren vor der Tür hatten.

Spaziergang durch das Jahr

Nun will ich einmal einen Spaziergang durch das Jahr machen und von den besonderen Festen im Jahreslauf berichten. Es fing am ersten Januar morgens an und zwar mit den Kindern, die von Haus zu Haus zogen und sangen. Entweder ein Kirchenlied oder: „Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, an allen vier Ecken einen gebratenen Fisch und mitten darin ein Gläschen Wein. Das soll dem Herrn sein Abendbrot sein, zu diesem Neujahr“. Dann gab es noch ein plattdeutsches Lied: „Ek stoh up en kahlen Staane, mek fröst an meene Baane. Let mek nich so lange stan, ik mot nochn betchen weier gon. Rosenblatt, inne Statt, schöne Junkfa chif mek wat“. Sie bekamen dann Obst und Gebäck, später allerdings lieber Geld. Wir sind auch oft mitgezogen.


Dann rückte Palmsonntag und damit die Zeit der Konfirmationen näher. Die Jungen hatten in dem Jahr vorher besondere Arbeiten zu verrichten. Sie mußten mittags und abends die Glocken läuten; sie traten in der Kirche die Blasebälge der Orgel, und vor dem Osterfest zogen sie mit einem großen Handwagen durch das Dorf und sangen, nein sie schrien: „Well rut, well rut, fiev, sechs, Welln taun Poschfeuer her“. Sie sammelten also Holzwellen (Bunde) für das Osterfeuer. Natürlich war in dieser Zeit auch der sonntägliche Kirchenbesuch Pflicht. Auch wurden sie nun erwachsen - blieben auf dem Hof oder begannen mit einer Lehre.  Kleinknecht wurde wohl niemand mehr. Die Mädchen gingen in die Stadt (in einen Haushalt) oder in einen Gutshaushalt.Die Jungen bekamen die ersten langen Hosen und die Mädchen zwei Kleider, ein Prüfungskleid und das schwarze Konfirmationskleid. Eben, weil sie dann von zu Hause wegkamen. 

 

Nun kam Ostern, das große Reinemachen vorher und das Kuchenbacken. Mehrere Familien benutzten ein Backhaus; es wurde mit Kleinholz geheizt, das dann ausgefegt wurde. Nur sehr wenige hatten auf ihrem Hof einen eigenen kleinen Backofen aus Lehm. Es gab Butter-, Obst- und Schmandkuchen. Schmand ist das Fett, welches sich auf der Milch absetzt. Ein Schmandbrot mit Zucker bestreut schmeckte herrlich. - Morgens wurden unter großem Jubel die Ostereier gesucht, abends ging es zum Osterfeuer. Die Jungens hatten sich Pechfackeln gemacht, wir Mädchen trugen bunte Laternen. Über dem für das Osterfeuer zusammengetragenen Holzstoß war eine Figur befestigt, die den Winter darstellen sollte - er wurde also verbrannt. Da das Osterfeuer auf einem hochgelegenen Platz abgebrannt wurde, konnte man weit in der Runde die anderen Feuer der Nachbardörfer sehen. Das bleibt unvergeßlich. Am 2. Ostertag gingen wir in den Wald und spielten noch einmal ‚Eier verstecken’. Man konnte die Eier zum Beispiel schön in einen Ameisenhaufen legen, sie wurden dann recht fleckig durch die Säure, ebenso ein Taschentuch, das dann herrlich roch. Diese Sitte stammt noch aus Mutters Elternhaus.

Pfingsten wurden Birkenzweige vor die Häuser gestellt. Außerdem ging Lehrer Lüdecke mit denen, die schon so früh aufstehen mochten, auf den Bocksbühl, den höchsten Berg der Gegend, um die Sonne aufgehen zu sehen. Ich habe selbst gesehen, wie sich die Sonne in den Fenstern des Brockenhauses (Harz, ca. 50 km enfernt) spiegelte. Anschließend hatten die Menschen wenig Zeit, denn es begann die Ernte.

Nach der Ernte kam die Kirmes. Morgens holte die Musik die Prominenten mit ihren Fahnen ab. Der Zug ging zur Kirche und dann nach dem Gottesdienst weiter zum Ehrenfriedhof, auf dem für jeden Gefallenen des 1. Weltkrieges eine Linde gepflanzt worden war. Herr Lüdecke hielt dann eine Ansprache, sie endete mit dem Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“. - Nachmittags war Rummel. Er bestand aus einer Schießbude, einem Stand mit Süßigkeiten, einem Tanzzelt und einem Karussell, welches von einem Pferd gezogen wurde. Dieses Pferd ging innen herum, wie bei einem Göpel. Als mein Bruder 5 Jahre alt war, machte er mit Mutter seine erste Radfahrt nach Witzenhausen. Da sah er dieses Pferd auf der Weide und bald darauf auch die Kirmesbuden. Dafür durfte er umsonst Karussell fahren. - Später kam dann ein Kettenkarussell dazu. Jedenfalls haben wir Kinder uns gefreut, da wir es nicht anders kannten. Am Tag danach, wenn die Besucher fort waren, begann das eigentliche Dorffest auf dem Turnplatz neben der 1000-jährigen Eiche. Es wurde Wettlaufen, Weitsprung, Sackhüpfen und Tauziehen veranstaltet: Tauziehen zwischen dem Ober- und dem Unterdorf, zwischen Heinrichs und Fritzens oder zwischen Winfrieds (unserem Vater) und den Eduards (dem Lehrer). Abends zog die Musikkapelle herum und spielte bestellte Lieder. Ein Ständchen für die Liebste oder für einen Welfen: „Ich bin ein Preuße“ und umgekehrt.

Alle zehn Jahre fand der Grenzumgang statt. Die Grenze des gesamten Dorfes wurde abgeschritten, zwischendurch gab es eine Stärkung, und Kinder wurden auf einen Grenzstein gestellt und bekamen eine Ohrfeige (bekamen diesen denkwürdigen Tag also hinter die Ohren geschrieben).

Dann wurde es Advent, und der Nikolaus schlich um die Häuser und horchte, ob die Kinder wohl artig waren. Bei den vielen Herbststürmen konnten wir uns gut vorstellen, daß gute und böse Geister herumirrten. Natürlich gab es keinen Schwarm von Nikoläusen, wie heute vor jedem Kaufhaus. Eben nur den einen, den Richtigen. Manchmal sprach er sogar ‚platt’. Nachdem wir ein Gebet und einen Vers aufgesagt hatten, und er sich durchaus an unsere Missetaten erinnerte, schüttete er den Sack voll Äpfel und Nüssen auf dem Fußboden aus. Auch die Rute wurde der Mutter übergeben.

Weihnachten rückte näher, und wir waren selig, wenn wir einen Lamettafaden fanden. Das Fest selbst will ich hier übergehen, denn jedes Kind hat da seine eigenen Erinnerungen. Aber zu unserer Krippe möchte ich etwas sagen. Sie stammte aus dem Erzgebirge, und mehrere Generationen der Vorväter hatten die geschnitzten Figuren zusammengetragen. Die Hauptfiguren sind heute bei meiner Schwester Agnes in Chile. - Zum Aufbau benötigte mein Vater mehrere Tage, der Bau zog sich oft über eine ganze Zimmerlänge hin. Der Tannenbaum und mehrere Tannenspitzen wurden hineingearbeitet, und die Rinden der echten Korkeiche ergaben die Felsen. Die ‚drei Weisen’ mit Kamelen und Treibern waren vertreten, viele Hirten, Schafe und Engel waren da. Uns war die Krippe viel wichtiger als der Tannenbaum.

Danach folgten die sogenannten „12 heiligen Nächte“. Das ist die Zeit, in der die Erde ruht. Der Saft steigt erst wieder nach dem Dreikönigstag in die Pflanzen. In dieser Zeit brausen die Stürme und die heidnische Gottheit wird losgelassen. Es darf keine Wäsche gewaschen werden, „Freya“ streut Asche darüber. - In der Neujahrsnacht wird so viel Krach gemacht, damit die bösen Geister vertrieben werden. Bei uns allerdings gab es keinen Krach, keine Böllerschüsse. Nur die Glocken der Dörfer rings herum läuteten feierlich das neue Jahr ein. - Doch ich erinnere mich, daß junge Burschen durch das Dorf zogen und mit Peitschen knallten - und damit wären wir dann wieder beim Neujahrssingen.

Ich wurde nun allmählich 10 Jahre alt und mußte zum Lyzeum nach Göttingen. Da ich klein war und dünn, suchten die Eltern Pensionseltern für mich und fanden sie in der Familie Nordbeck.[31] Herr Dr. Nordbeck war Landrat des Kreises Göttingen. Sie hatten ein Mädchen zum Miterziehen ihrer eigenen Tochter Dorothea gesucht. Ich hatte es sehr gut dort und durfte Vati, Mutti, Oma und Opa sagen. Die beiden Familien sahen sich sehr oft, und wir machten Ausflüge zusammen, feierten Feste, kurz, es war ideal. Die Aufnahmeprüfung für diese Schule dauerte eine Woche.

Als ich vierzehn Jahre alt war, kam ich wieder nach Hause und wurde wie auch meine Geschwister ‚Fahrschülerin’. Viertel nach sechs Uhr aufstehen, mit dem Fahrrad nach Friedland, dann ca. eine dreiviertel Stunde Bahnfahrt bis Göttingen, in der wir noch fleißig lernten, abschrieben usw., dann noch gut 20 Minuten Fußweg bis zur Schule. So um halb drei Uhr trudelten wir dann wieder zu Hause ein. Das Essen schmeckte nicht mehr, da die Eltern schon um zwölf Uhr gegessen hatten und schon wieder in der Praxis waren.

Wir waren nun jeden Tag in der Stadt. Bei unseren früheren Besuchen beim Großvater Heilmann, der in der Wöhlerstrasse wohnte, imponierte uns als erstes das Wasserklo, dann ein Schaufensterbummel mit Mutter in der Vorweihnachtszeit und natürlich alles, was uns Mutter aus ihrer Kindheit in Göttingen erzählte. 

Dazu gehörte das bunte Bild der Studenten. Jeder trug Mütze und Band seiner Verbindung. Wenn sie bei Stiftungsfesten oder sonstigen festlichen Anlässen in vollem Wichs durch die Straßen marschierten, sah es toll aus. Ich habe so mit 16 Jahren noch die letzten Stiftungsfeste mitgetanzt bis die Verbindungen in dieser Form im Dritten Reich verboten wurden. Es gab schlagende und nicht schlagende Verbindungen, auch Landsmannschaften. Alle hatten ein eigenes Haus mit den jeweiligen Fahnen davor. Schlagende Verbindung heißt, daß bei einer Mensur sich zwei Studenten mit Säbeln ‚schlugen’. Es war als Mutprobe gedacht. Und damit man das auch später noch erkennen konnte, wollte man einen „ Schmiß “ haben, eine Verwundung im Gesicht. Jeder Student war einem strengen Ehrenkodex unterworfen, wie bei den Offizieren. Aber Trinkfestigkeit war keine Schande, im Gegenteil, es wurde viel, oft zu viel getrunken (Salamander reiben). Es hatte durchaus seine Vorteile, in einer Verbindung zu sein. Da waren z.B. die „alten Herren“, die einem später beruflich von Nutzen sein konnten, und bei denen man sich jederzeit Rat und Hilfe holen konnte und ein kostenloses Mittagessen. Im ersten Semester war man „Fuchs“, später wurde man eventuell „Fuchsmajor“. Ich erinnere mich, wie stolz ich war, als bei einem Stiftungsfest in Maria Spring (Mariechenhüpf) meine beiden Onkels ( Wilhelm Luetkemann und Paul Heilmann ) als Fuchsmajore mit mir tanzten. Man fuhr nach Maria Spring oder nach Bremke mit einem „Kremser“, einem offenen, von Pferden gezogenen Wagen.

Über das Thema „Studenten“ wäre noch viel zu erzählen, immerhin spielten sie schon in den Freiheitskriegen 1813 als Verbindungen eine Rolle und zwar auch, wie heute, oft als politische Gruppe; deshalb wurden sie wohl auch 1933 in dieser Form verboten. - Heute kann man niemanden als Studenten erkennen, alles sieht gleich aus in Jeans, Parka und mit wilden Bärten. - Allerdings war der Bart immer ein Zeichen des freien Mannes, oft auch des fortschrittlichen, da ganz früher nur die Sklaven geschoren wurden.

Ich möchte noch einige Zeilen über die „Mode“ einfügen. Zur Zeit meiner Großeltern konnten sich nur die Wenigsten die „Mode“ leisten. Das Hochzeitskleid war schwarz und mußte für alle späteren feierlichen Anlässe reichen. Die Stoffe waren schwer und gut und hielten lange. Die Damen ‚schnürten’ sich, um eine enge Taille zu haben, d.h. sie wurden geschnürt. Meine Großmutter hat mir von diesen Qualen erzählt. - Die Damen trugen große Hüte, und es war vornehm, blaß zu sein. Das führte so weit, daß die jungen Mädchen blutarm waren und sehr leicht in Ohnmacht fielen. Nur die armen Mädchen waren braun, weil sie auf den Feldern arbeiteten. - Mein Großvater erzählte, daß er als erwachsener Mann zum ersten Mal eine lange Unterhose trug. Bis dahin war nichts darunter. Während der Kriege und danach konnte man sich um Mode ohnehin nicht kümmern. Es gab nicht einmal Stopfgarn. Als wir noch Kinder waren, hatten das Gummiband und der Reißverschluß noch nicht die Welt erobert. Wir trugen Leibchen mit Knöpfen, welche an die Hosen geknöpft wurden. Erst nach dem 2. Weltkrieg lernten wir den „New Look“ kennen: Weite lange Röcke. Wir waren selig, als wir nach langen Jahren endlich etwas Neues kaufen konnten. Seitdem geht der Rocksaum ‚rauf und runter’. Die Mode wechselt laufend.

Ich komme nun zum Jahre 1933, als Hitler an die Macht kam. Die Uniform war braun. Damals war ich 16 Jahre alt und ich erzähle hier nur, wie ich und meine Altersgenossen diese Zeit erlebt haben. Nach dem 1. Weltkrieg war ja Deutschland ganz unten. Wir mußten ungeheure Summen an die Siegermächte zahlen, eine Firma nach der anderen krachte zusammen. Es gab ein Heer von Arbeitslosen. Ich meine mich zu erinnern, daß sich die Abgeordneten im Reichstag einmal mit Stuhlbeinen prügelten, weil keiner einen Ausweg wußte. Und da kam jemand aus dem Volk und versprach, daß alles besser werden sollte. Man sah rote Fahnen mit dem Hakenkreuz, die wir nicht schön fanden. Die Arbeitslosen, die nichts zu verlieren hatten, waren mit seine ersten Anhänger. Und es wurde besser. Es gab wieder Arbeit und damit Hoffnung und Geld. Die Jugend lungerte nicht auf den Straßen herum, sondern schaffte im Arbeitsdienst etwas Sinnvolles. Noch eine Sache möchte ich zu bedenken geben, ehe man uns verurteilt. Das war der Kommunismus, der damals wie heute vor der Tür steht und die Weltherrschaft anstrebt. Die bürgerlichen Parteien wußten keinen Rat mehr, so blieben nur noch die ganz Linken oder die ganz Rechten, und so wählten viele von uns die Letzteren.

Aber ich habe schon vorgegriffen. Das Jahr 1930 war für unsere Familie bedeutsam. Wir zogen um in „unser Haus“. Dieses Haus zu bauen, war nur möglich unter großen Entbehrungen und Mithilfe von Verwandten. Es stand am Fuße des Einzelberges. Geliebt von uns Kindern, dann den Enkeln, Verwandten und vielen, die darin Zuflucht und Wärme fanden. Der Kachelofen im Wohnzimmer mit der Kachelbank hat so vieles gesehen - er steht nicht mehr. Der Garten, die Pflaumenbäume rund herum, das Bergeli, das Fahnengrab mit den süß duftenden Madonnenlilien. Das ist heute alles Vergangenheit. Aber die Erinnerung ist ja das Paradies, aus dem man nie vertrieben werden kann. Wenn wir das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ singen oder hören, stehen wir im Geist am Klavier und sehen durch die Verandatür den Mond über dem Einzelberg stehen. So ist es eben mit Liedern oder auch Gerüchen, die untrennbar mit einer Situation von früher verknüpft sind.

 

 

Es wurde also unter großen Entbehrungen gebaut. So ein Landarzt wurde nie reich, ich kenne jedenfalls keinen. Die kleinen Bauern waren nicht in der Krankenkasse, es wurde bei ihnen eher ein Viehdoktor geholt als einer für die kranke Oma. Wer reich war, ging zum Spezialisten in die Stadt. Vater schrieb nur sehr ungern Rechnungen, weil er wußte, daß die Leute kein Geld hatten, und Mutter mußte ihn oft sehr bitten, welche zu schreiben. Wenn in einer Familie ein Arzt nötig war, wurde ein Kind zur „Öffentlichen“ geschickt - es war oft das einzige Telefon im Dorf - „Herr Doktor muß schnell kommen“. Was der Patient hatte, ob Temperatur, oder andere Symptome, wußte niemand. Die Praxis hatte einen Einzugsbereich von ca. 10 km im Umkreis. Da kam Vater oft müde und mutlos heim, weil er ‚hetzen’ mußte, nur weil ein Kind grüne Stachelbeeren gegessen hatte. Andererseits passierten auch viele Unfälle in der Landwirtschaft.

Nun will ich aber wieder von den Jahren 1933 und folgenden berichten. Ich war Mitglied des BDM (Bund deutscher Mädchen), und mein Bruder gehörte zum Jungvolk. Dort wurde er bald Fähnleinführer, weil er aus der „Bündischen Jugend“ kam.[33] Seit 1910 bestand diese „Wandervogelbewegung“, in die Pfadfinder sowie parteipolitisch. und auch religiös gefärbte Jugendverbände gehörten. Sie hatten sich zusammengefunden aus Protest gegen das „satte“ Bürgertum. Sie waren idealistisch eingestellt, suchten die „blaue Blume“, lasen Walter Flex (Rein bleiben und reif werden).[34] Rauchen und trinken war verpönt. Sie trieben viel Sport, wanderten, segelten und sangen die alten Fahrtenlieder. Diese Jungens wurden nun als geeignet angesehen in der neuen Bewegung die Jugend zu führen. Schon mit 14 Jahren hatte mein Bruder Ernst-Gerhart ein Motorrad. - Gern denkt er an die Zeit mit seinen „Pimpfen“ zurück.

Auch wir Mädchen sangen die alten Fahrtenlieder, bastelten, turnten und wanderten. Es entstand dadurch eine schöne Dorfgemeinschaft. Es wurden in den Mädchen viele Talente entdeckt, welche in ihnen schlummerten. Die Erwachsenen waren auch organisiert. PG (Parteigenosse) mußte man als Beamter sein. Dann gab es den NS Fliegerkorps oder den NSKK (Kraftfahrerkorps), NSV (Volksfront). Letztere waren aber ausgesprochen harmlos. Die SA und die SS wurden militärisch gedrillt. Die Menschen damals waren sauber, und man konnte ohne Angst vor Überfällen sein. Keine Handtaschen wurden geklaut, keine Mädchen wurden vergewaltigt.

Ich beendetet dann die Schule mit der mittleren Reife und kam nach Malchow in Mecklenburg auf eine Landfrauenschule des Reifensteiner Verbandes.[35] Malchow ist der Ort, wohin meine Großmutter noch mit der Postkutsche reiste. Ich sah dort die Gräber der Vorväter Engel. In dieser Schule lernte ich alles, was eine Landfrau wissen muß. Daran schlossen sich zwei Lehrjahre an. Eventuell wollte ich Lehrerin an so einer Schule werden. Im 1. Lehrjahr lernte ich Hans Stake kennen, der dort im Arbeitsdienst war.

Er stammte aus Hildesheim, kam auch aus der bündischen Jugend und hatte nach seinem Abitur eine landwirtschaftliche Lehre absolviert, um einmal Bauer zu werden. Er vermittelte mich für das 2. Lehrjahr zu Cromes in Schlatow in Vorpommern. Cromes hatten dort eine Neusiedlung. Es war alles sehr primitiv dort, aber herrlich. Kein fließendes Wasser, nur eine Pumpe. Zwei kleine Kinder, zwei Pferde und zusammen mit mir zwei junge Mädchen zum Helfen. Eine Woche Außendienst - eine Woche Innendienst. Pferde ausschirren, striegeln, melken mit der Hand. Die Kühe waren auf der Weide, und man mußte mit dem Melkschemel immer mitgehen. Ausmisten und den Mist auf das Land verteilen gehörte natürlich auch dazu. In der zweiten Woche dann. kochen, das Baby versorgen. waschen (noch nach der alten Art. ohne Maschine), backen, Hühner fühlen, Gartenarbeit und einkochen. Am Wochenende kam dann Hans aus Greifswald, wo er seine zwei Jahre Wehrdienst ableistete. Er brachte Kameraden mit - immer sehr nette Jungens - es wurde viel diskutiert. Herr Cromes war als Pastorensohn sehr kirchlich eingestellt - da gab es oft Probleme mit Hitlers Politik. Auch die Frage, ob Groß- oder Kleinbauer - welches von beidem sinnvoller sei - kurz, es gab viel Gesprächsstoff. Geld verdiente ich dort noch nicht, es war „schlicht um schlicht“. Im 1. Jahr mußte ich sogar noch DM 60,[36] - zuzahlen. Im Jahr darauf, nach bestandener Prüfung, bekam ich als Gehilfin DM 20, - im Monat. Davon kaufte ich mir ein Fahrrad. Ich zahlte damals DM 60,- dafür.

So kam das Jahr 1939 heran. Silvester verlobten wir uns. Ich ging dann zu Lingnaus (auch in einer Neubauernsiedlung). Lingnau war der frühere Pfadfinderführer von Hans mit seiner jungen Frau. Sie erwartete gerade ihr 2. Kind. Dort haben wir auf richtigen Strohsäcken geschlafen, die wir uns selber stopften. Auch dort war es schön, daß Hans jeden Sonntag kam, allerdings mit einem Fußmarsch von der Bahn her von ca. eineinhalb Stunden. Einen freien Sonntag gab es auch nicht. Zum Melken mußte man wieder da sein. Dort bei Lingnaus erlebte ich übrigens die erste richtige Geburt mit. Zum Glück wartete das Baby, bis die Hebamme kam. Bis dahin war mir ganz schön mulmig. Durch die viele Arbeit (im Sommer standen wir morgens schon um 4 Uhr auf) merkten wir nicht, wie sich das große Gewitter (der Krieg) zusammenbraute. Ein Radio im Haus war damals noch selten. Das erste Radio sah ich als 10-jährige bei einem Bastler. Durch Kopfhörer hörte man einige Töne und staunte, daß diese aus der Luft aufgefangen werden konnten. Auch das Kino war noch eine Seltenheit. Ab und an gab es im Gasthaussaal eine Kinovorführung - als Stummfilm. Ein mehr oder weniger gut gestimmtes Klavier lieferte die Geräuschkulisse. Um die Zeitung zu lesen war man nach dem langen Arbeitstag meistens zu müde.

Mein lieber Hans und seine Kameraden strichen schon die Wochen ab, denn bald war der 2-jährige Wehrdienst vorüber. Wir machten schon Zukunftspläne. Im August hatten sie eine große Übung; und dann am 1. September 1939 marschierten sie gleich in Polen ein. Da hatten wir ihn, den Krieg. 5 Jahre bestimmte er nun unser Leben. Danach wurde es auch nicht besser, zuerst sogar noch viel schlimmer. Der Polenfeldzug währte nicht lange. Mein lieber Vetter Leonhard Lütkemann fiel gleich in den ersten Tagen. - Ich bekam dann ein Telegramm: „Papiere vorbereiten für Kriegstrauung“. Plötzlich waren die Greifswalder Soldaten wieder da. Die Standesämter waren überlaufen. Wir mußten nach Züssow zum Standesamt. Mit uns heiratete Ulla, die mit mir bei Cromes war und zwar einen Freund von Hans, der auch nicht aus dem Krieg zurückkam. Cromes bereiteten uns beiden Paaren ein schönes Hochzeitsfest. E1tern oder Verwandte konnten nicht dabei sein. Abends verzogen wir uns in das beste Hotel von Greifswald, feierten unsere Hochzeitsnacht, und schon am nächsten Morgen rückten die Truppen wieder ab. Ich ging zurück auf’s Kartoffelfeld und machte da weiter, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte und heulte wie ein Schloßhund.

Für uns Frauen hieß es: warten auf Feldpost, hoffen auf einen Urlaub für den Mann und lernen, ohne Männer, auch arbeitsmäßig, auszukommen. Richard Lingnau lehrte mich pflügen. Im Winter 1939/1940 zog es mich wieder nach Groß Schneen. Nun waren mein Mann, mein Vater und mein Bruder im Feld. Am 18. Januar 1940 mußte ich nach Dresden, um die Großmutter zu pflegen. Sie starb am 1. Februar. Es war ein harter Winter, und immer wieder froren die Wasserleitungen zu. - Schwester Agnes war damals im Arbeitsdienst eingesetzt, nachdem sie Notabitur (Puddingabitur) gemacht hatte. Mein Bruder war nach seinem Abitur sofort eingezogen worden.

Agnes kam dann nach Hannover auf die Pädagogische Hochschule. Mutter war im DRK tätig, sie hatte ein großes Gebiet zu leiten, erst den halben Landkreis, später den ganzen Kreis. Da kam ihr meine Hilfe sehr gelegen.. Wir hielten DRK-Kurse in den einzelnen Dörfern ab und machten viel Bahnhofsdienst in Göttingen und teilten ihn auch ein. Zuerst wurden die Soldaten, die mit den Zügen ankamen, mit Butterbroten gestärkt, später gab es Erbsensuppe aus Erbsmehl und noch später nur noch warmen Ersatzkaffee. -

November 1940 lag Hans ca. 14 Tage in Stolp (Pommern), und ich konnte ihn besuchen. Danach merkte ich, daß ein Baby unterwegs war. Die Freude hierüber war allerseits sehr groß. Da es mir relativ gut ging, habe ich die Zeit der Schwangerschaft sehr genossen. Ein häufiger Gast damals und während des ganzen Krieges war Lotte Bove, mit Rainer, Winfried und Dietmar (Schnoor).
[37]




Lotte mit den Kindern kam zu uns, weil sie Angst hatte, daß Cuxhaven sehr von Luftangriffen betroffen werden könnte. -  Die Menschen in den größeren Städten konnten kaum eine Nacht in ihren Betten schlafen, weil so oft Fliegeralarm war. Sie mussten dann jedesmal in ihren Keller oder in einen großen Luftschutzbunker gehen. Einige von diesen großen Bunkern stehen heute noch. Jedes Haus mußte abends verdunkelt werden.

Kein Lichtschimmer durfte durchscheinen. Ein ‚Blockwart’ hatte dafür zu sorgen, daß diese Vorschrift genau eingehalten wurde. Die angreifenden Flugzeuge fanden aber trotzdem ihre Ziele. Seht Euch mal die Bilder zerbombter Städte an, es war grauenhaft. Städte, wie z.B. Hildesheim oder Dresden wurden innerhalb einer einzigen Nacht völlig zerstört.  Wir auf dem Dorf hatten es da besser, aber in den Keller mußten wir auch oft, bis wieder ‚Entwarnung’ gegeben wurde. Straßenbeleuchtung war natürlich nicht möglich, und die Schummerstunde dehnten wir recht lange aus. Die Zahl der Menschen, die allein durch Fliegerangriffe um’s Leben gekommen sind, ist ungeheuer groß.

 

Im Juni, als ich im 7. Monat schwanger war, fragte Hans an, ob ich ihn besuchen könnte. Er lag in Unter-Retzbach (zwischen Wien und Prag).[38] Es war eine abenteuerliche Reise dahin. Eine solche Reise würde ich keiner Frau in diesem Zustand heute empfehlen. Es war jedoch eine schöne Zeit dort, ca. 14 Tage, bis am 21. Juni nach einer Sonnenwendfeier der Beginn des Krieges gegen Rußland wie eine Bombe einschlug. - Es folgte der sofortige Aufbruch. Dann kamen Briefe von der Wolga, dem Don, dem schwarzen Meer und aus Stalingrad, von dort allerdings nur kurze Karten - und dann nichts mehr. Ein kurzer Urlaub war uns noch vergönnt im Juli 1942, als Heila also schon 11 Monate alt war, fast 1 Jahr.[39]

Als sie zweieinhalb Jahre alt war, fragte meine Schwester Agnes an, ob ich im Warthegau eine Stellung als Heimleiterin annehmen wollte (Sie war zu der Zeit als Lehrerin dort tätig). Also fuhr ich mit meiner kleinen Tochter hin. Die Reise dauerte 23 Stunden. Es wurde eine interessante Zeit für mich, vor allem durch die vielen Schwarzmeer-Deutschen, die dorthin umgesiedelt worden waren (Heim in’s Reich). Es waren auch viele Volksdeutsche dort, die schon lange dort wohnten und auch Polen und Russen. Ich hörte dort die echten russischen Lieder und ahnte die Weite des Ostens. Ich lernte russische Gerichte kennen und viele interessante Menschen. Jede Woche, wenn die Kinder zu Hause gewesen waren, mußte ich den Schülerinnen die Läuse auskämmen. Als Heila dann die Läuse auch bekam und anschließend auch noch die Krätze, ließ ich sie bei meiner Mutter in Groß Schneen.

 

 

Die Front rückte näher, wir hörten schon den Kanonendonner von Warschau, da hab’ ich mich dann verdrückt.  Agnes allerdings mußte ausharren, erst als deutsche Soldaten in voller Flucht an ihr vorbeiliefen, organisierte sie noch den Rückzug des Dorfes - als dann aber eine Bombe dazwischen fiel, sah sie zu, daß sie selbst mit heiler Haut davon kam. Irgendwie und irgendwann landete sie dann in den letzten Kriegstagen in Groß Schneen.
 

1944/1945 war ein sehr harter Winter. - Viele Ladeninhaber hatten ihre Geschäfte in wilder Flucht verlassen, und wer gerade vorbeikam, bediente sich. „Komm mit, Du frierst“, hieß die Parole. So kam Agnes mit etlichen Männerhosen übereinandergezogen hier an. Handgepäck war Ballast. - Unser Haus war voll, übervoll. Flüchtlinge aus Schlesien, Ausgebombte aus Hannover, Berlin usw. - drei Menschen in einem Raum, wohnen, schlafen und essen, das war normal. Und die Bomben fielen immer noch. Wir sahen die „Weihnachtsbäume“ über Kassel, hörten die brummenden Flugzeuggeschwader fast jede Nacht und auch am Tage und zu uns kamen die Tiefflieger, die Menschen auf dem Feld oder die gerade aus dem Zug stiegen, beschossen. Tack, tack, tack, die Geschosse hüpften nur so auf der Straße vor unserem Haus.

8.4.1945.[40] Und dann kam das Ende des Krieges. In unserer Garage hatten wir Stroh ausgelegt, auf dem ca. zehn Verwundete lagen. - Ein ‚Blindgänger’ landete genau vor dem Garagentor; Vater nahm das Ding in die Hand und brachte es auf ein Feld. Das war Mut. Ich stand gerade an, um Brot zu ergattern, als eine Kompanie „Feinde“ einmarschierte, vorweg riesige Neger. Es war gräßlich, wir hatten noch nie welche gesehen.

Unsere Nachbarin, Frau Rawald, bekam gerade in diesen Tagen ihr Kind, den Gerd, der jetzt dort Schlachtermeister ist. Sie hockte mit dem Baby auf einer engen Kellertreppe und bekam prompt Kindbettfieber. Vater konnte sie zum Glück retten.

Ich schrieb vom Anstehen, um z.B. Brot zu bekommen. In den letzten Kriegstagen gab es kaum das, was einem auf „Marken“ zustand. Für Geld war ohnehin nichts zu haben. Ich erinnere mich, daß ich morgens jedem seine zwei Scheiben Brot abwog - mehr gab es nicht. Wie ich trotzdem immer alle satt bekam, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich arbeitete auf dem Feld für 24 Pfennig die Stunde. Hatte ich einen halben Tag gearbeitet, konnte ich mir einen halben Liter echte Milch abholen, bei einem ganzen Tag Arbeit entsprechend: einen ganzen Liter. Eine große Viehzucht hatte ich aufgebaut: ca. 20 Kaninchen, 10 Hühner, 4 Gänse und 2 mal auch ein Schwein. Da ich nun Landarbeiterin war, hatte ich 1/8 Morgen Kartoffelland, und wenn man zwei Morgen Zuckerrüben bearbeitete, bekam man Zucker. Davon konnten wir dann Sirup kochen. Vor diesen zwei Morgen Zuckerrüben stand ich ganz allein, niemand und keine Maschine half. Dreimal mußte ich hacken und die Rüben verziehen - auf Knien. Im Herbst dann die Ernte, zu der man eine kurzstielige Gabel hatte, mit der man jede einzelne Rübe herauswuchtete. In einem Jahr war wenig Regen gefallen, da war der Lehmboden hart wie Stein. Damit ich das Blatt dann abhacken konnte, legte ich jede Rübe gut in die Reihe. Danach warf ich sie zu Haufen zusammen, die oft erst abgeholt wurden, wenn sie voller Frost waren. Die Rüben mit den langen Schwänzen besaßen den meisten Zuckergehalt. Diese tat ich dann heimlich auf einen Extrahaufen und spät abends „klauten“ wir ihn dann per Auto.

In diesem Zusammenhang muß ich nun auch vom Sirupkochen erzählen. Zuerst reinigte ich die Rüben mit einer Bürste. Dann wurde geschnitzelt. Eine Schnitzelmaschine hatte jeder Bauer. In unserem großen Waschkessel kochte ich die Schnitzel dann recht weich mit möglichst wenig Wasser. Dann liehen wir uns eine Rübenpresse, welche damals sehr begehrt war. Der Saft, der nun herauslief, wurde eingekocht - wieder in dem grossen Waschkessel. Ich mußte so feuern, daß es zwar hoch, aber nicht überkochte. Dieses dauerte ca. einen ganzen Tag und eine Nacht. Gegen Morgen war es dann so weit. Es war Sirup geworden. Heute kann man ihn in jedem Lebensmittelgeschäft kaufen.

Vater ließ sich in Korn bezahlen, welches wir abends durch die Kaffeemühle drehten und dann einweichten. Morgens mit Salzwasser gekocht und Sirup darüber war es ein nahrhaftes Frühstück. Obst und Gemüse lieferte unser Garten. Zusammen mit Lotte Bove grub ich den Rasen hinter dem Haus um, damit wir mehr Gartenland zur Verfügung hatten. - Auch die vielen Flüchtlinge halfen auf den Feldern mit und freuten sich, wenn sie etwas Gartenland zugeteilt bekamen. Die Schlesier waren schon länger da, auch Ostpreußen, nun kamen auch Flüchtlinge aus Thüringen, Pommern und Sachsen, welche gerade noch fliehen konnten, ehe der Russe die Grenze abriegelte. Handwagen an Handwagen zogen wochenlang über die Grenze - wir wohnten ja nicht weit ab.

Mit Hilfe der britischen Besatzung entstand damals das Lager Friedland.[41] Auch wurde nun das DRK wieder gerufen, um dort zu helfen. Und da gab es viel, viel Arbeit und heute ist es auch noch nicht anders. - Allmählich kamen nun die Söhne und Männer aus der Gefangenschaft zurück. Die Wenigsten konnten in ihrem Beruf dort weitermachen, wo sie vor dem Krieg aufgehört hatten. Vor allem vielen jungen Leuten haben wir einen Unterschlupf und Essen geben können. Junge Ärzte freuten sich, wenn sie ohne Gehalt eine Stelle als Assistenzarzt bei Vater annehmen konnten; Dieter Böhme, Freund meines Bruders, war der erste in dieser Reihe. Er zog auch mit in den Wald, um Holz zu sammeln. Ja, man durfte Holz sammeln aber nur mit Handwagen, o h n e Säge und Axt. Der Wald war damals immer so sauber, als hätte dort jemand ausgefegt. Ein abgestorbenes Bäumchen war nirgends zu finden, man mußte schon sehr nachhelfen. Ja, der warme Ofen im Winter! Ein Brikett war eine Kostbarkeit! Man brachte es zu Versammlungen oder Geburtstagen mit. Zum warmen Ofen gehörte auch warme Kleidung. Es gab sie nicht einfach so zu kaufen.

Schon während des Krieges begannen wir zu „spinnen“. Ein Sprichwort sagt „Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinnen am Abend, erquickend und labend“. Damit ist natürlich die Tätigkeit als solche gemeint (und nicht etwa die Spinnen als Tiere). Wer sich schon morgens an’s Spinnrad setzte, tat es für Geld. Tat er es abends, so für sich selbst. Das Surren des Spinnrades war viele Jahre lang meine Abendmusik, aber eine schöne. Stellte man sich mit dem Schäfer gut, so gab er Rohwolle ab. Die wusch man, um sehr viel Dreck und Läuse zu entfernen. Ein Wollkämmer kämmte sie zu wunderschönen Bällen. Mein Spinnrad und eine Haspel dazu hatte ich mir ‚gebraucht’ kaufen können (Jetzt hat es Agnes in Chile). Je dünner der Faden, desto mehr Fäden (2-3) konnte man zusammendrillen. Ich bündelte sie zwischen Hand und Ellenbogen und färbte sie mit Naturfarben. Jedenfalls in einem Winter schaffte ich eine Jacke. - Nebenbei hatte ich noch Angorakaninchen, welche ich schor, und deren Wolle ich dann verspann. Ihr seht, Zeit ist ein relativer Begriff. Die einfachsten Bedürfnisse, Wärme, Kleidung, Essen, beanspruchten alle Kräfte. Weder eine Diskussion noch ein „sich selbst finden“ hätte einem genützt. Wir mußten „ran“ und waren abends so müde, daß wir ohne Schwierigkeiten einschliefen. Selbst, daß man den eigenen Mann nicht daheim hatte, irgendwie haben wir auch das geschafft. Die Männer, die zurückkehrten, hatten die Hölle erlebt und mußten erstmal zu sich selbst finden. So manche Ehe scheiterte. Bisher hatten die Frauen alles gemeistert und nun wollte der Mann „Herr im Haus“ spielen. - Natürlich war ich neidisch auf die, welche nun ihr Nest bauen konnten. Es tat weh, allein zu sein, aber ich hatte wenigstens mein Kind.

Noch einmal muß ich vom Lager Friedland erzählen. Am 20. September 1945 wurde es eröffnet. Es bestand aus 19 Nissenhütten, die einfach so auf die Wiese gestellt wurden. Bereits im Winter 45/46 gingen schon täglich 5000 bis 7000 Menschen hindurch. Die ersten Kriegsgefangenen aus Rußland trafen ein am 13. August 1946.[42] - Die Grenze dort geht mitten durch das Gut Besenhausen. Von dort wurden sie mit britischen Bussen abgeholt, nachdem sie sich zuvor noch mit Kakao der Heilsarmee gestärkt hatten. Die Heilsarmee hat dort damals viel Gutes getan. Mit der Leiterin, Major Mitchell,[43] war Mutter befreundet, und sie arbeiteten sehr eng und gut zusammen. Bei dem Lied „Nun danket alle Gott“ welches gleich hinter der Grenze gesungen wurde, blieb wohl kein Auge trocken. Ich beobachtete einmal einen Trupp Soldaten, welcher aus amerikanischer Gefangenschaft kam und in die DDR [SBZ] wollte und kurz danach einen Trupp, welcher aus russischer Gefangenschaft kam. Die ersteren waren einigermaßen gekleidet und gesund, die anderen mit dicken Hungerbäuchen, mit Lappen an den Füßen und Lumpen als Kleidung.

Am Lagertor drängten sich täglich Frauen und Mütter mit Bildern ihrer vermißten Angehörigen und fragten „wer kennt ihn?“. Auch ich hatte an meiner Schwesternschürze ein Bild von Hans angesteckt und ließ auch über Lautsprecher ausrufen, ob ihn wohl jemand kennt. Es meldeten sich auch manchmal welche, aber wenn ich sie dann mit nach Haus nahm, ihnen gut zu essen gegeben hatte und Vater sie ausfragte, blieb meistens nur die Hoffnung, daß er vielleicht eines Tages auch vor der Tür stehen würde. - Aber die Jahre vergingen - und das Wunder geschah nicht.

Heila kam in die Schule, fuhr anschließend an den Unterrichtsschluß mit dem Fahrrad zu mir in’s Lager, wo ich arbeitete. In irgendeiner Ecke machte sie dort dann auch ihre Schularbeiten. Sie half dann beim Geschirrausgeben oder ähnliches, was ihr großen Spaß machte. Ich hätte in Friedland als Angestellte bleiben können, aber ich wollte nicht den ganzen Tag von zu Haus und Heila fort sein. Überhaupt hatte ich es ja gut, daß ich das schützende Elternhaus hatte. Heila hatte eine Heimat, ihren Hund Peter, Bachmanns zum Spielen und das Haus voller Menschen, wie z.B. Onkel Konrad Weymann und Tante Marie, geb. von Winzingerode.[44]

Wie oft steht im Gästebuch „Auf der Heimkehr aus der Gefangenschaft fand ein heimatloser die erste gastliche Aufnahme“

Als Grenzgänger kamen Frau von Buchka, Friedrich Ernst, Prinz von Sachsen-Altenburg, Mäus und Hummi Seidler mit Mutter, welche ihren Fuß auf der Flucht gebrochen hatte, Hans-Georg Volkhardt, ein geistreicher Student, der sich so durch’s Studium hungerte, die beiden Rosenbachtöchter (Uschi mit dem Silberblick, in die sich alle verliebten) usw.[46]

Agnes war Lehrerin in Groß Schneen. Ernst-Gerhart hatte seine Familie gegründet und lebte in Obernjesa. Sogar Heinz Bove steht des öfteren im Gästebuch, weil ja Lotte, wie schon erwähnt, viel hier bei uns war. Lilo Voigt jetzt in Eisenberg) war bei uns mit ihrem Wilhelm mit seinem PW auf dem Rücken (Prisoner of war/ Kriegsgefangener).[47] Wir waren eine durchaus lustige Gesellschaft.

Es war die Zeit des „Suchens“. Viele suchten ihre Angehörigen, andere nach einem Ort, wo sie bleiben konnten. Es war auch die Zeit des Schwarzmarktes. Alle Züge waren überfüllt. Ich erinnere mich, daß ich einmal nach Hildesheim wollte. Jemand hob mich durch ein Fenster in das Abteil; da stand ich nun eingekeilt, ein Bein auf dem Fußboden, doch das zweite Bein konnte ich bis Hildesheim nicht an die Erde kriegen. Es stank nach Fisch, Salzheringe waren eine sehr begehrte Ware. Ich weiß von einem, der an der Grenze damit geschnappt wurde und in’s Gefängnis kam und so lange dort bleiben mußte, bis er die Salzheringe alle aufgegessen hatte. Ohne Wasser natürlich.

Die Grenze zur DDR bestand noch nicht aus einer Mauer, deshalb versuchten viele, noch einige Sachen zu retten. Das waren dann die Grenzgänger. Die Lilo Voigt z.B. brachte auf ihrem Rücken alle Teile ihrer Nähmaschine herüber. Das war nicht ungefährlich. Manche Männer in den Grenzdörfern fanden ein einträgliches Geschäft, indem sie diesen Menschen hin- bzw. herüberhalfen. Wer Gold oder Silber besaß, hatte es vor dem Einzug der Russen im Garten vergraben. J e d e r vergrub in den letzten Kriegstagen, was er an Kostbarkeiten hatte. Ein ungeheures Lebensgefühl war in allen Menschen, die ‚noch einmal davongekommen waren’. Man feierte bei selbstgebrautem Rübenschnaps und Kuchen aus Ersatzkaffee und Schlagsahne (1 Tasse Zucker, 1 Tasse Saft, 1 Eiweiß) - Autos fuhren mit Holzgas. Das Holz wurde mitgenommen und unterwegs verkohlt. Zu Geselligkeiten oder zu Versammlungen nahm man, wie schon erwähnt, ein Brikett mit.

Mit dem Jahr 1948 kam dann die Währungsreform. Die meisten Menschen hatten - sofern möglich - Geld auf die hohe Kante gelegt, um nach dem Krieg etwas für den Neuanfang bzw. für’s Überleben zu haben. Vom Wehrsold meines Mannes hatte ich keinen Pfennig angerührt. Es waren 10.000 Mark, die nun plötzlich durch diese Währungsreform futsch waren. Für unsere Eltern war es das zweite Mal, das alles Geld von heut’ auf Morgen nichts mehr wert war. Jeder Mensch bekam als Handgeld DM 40,-[48] der neuen Währung. - Plötzlich waren die Läden wieder voll und das Leben wurde auch langsam wieder normal.

1950 machte ich mit Thredes (dem Groß Schneener Pastor) zusammen die erste Reise an den Bodensee. Der Zug war sehr lange unterwegs. Es gab nur Holzsitze. Vor dem Krieg gab es KdF (Kraft durch Freude-Reisen).[49] Das war die erste Möglichkeit überhaupt für einfache Leute, sich mal eine Reise zu gönnen. Es war der bescheidene Anfang des heutigen Tourismus. Bescheiden war denn allerdings auch unsere Fahrt an den Bodensee. Mittags kauften wir uns zwei trockene Brötchen und lasen uns Obst auf in den riesigen Obstplantagen dieses gesegneten Landes. Wie berauscht gingen wir durch Meersburg und Konstanz.

1951 drängte es mich, mal wieder beruflich tätig zu sein. Heila kam zur Familie des Lehrers Bolle in Obernjesa (DM 100,- im Monat). Diese 100 Mark verdiente ich auf Schloß Wolfsbrunnen bei Eschwege. Es war ein Erholungsheim für junge Bergleute, ca, 50-100 junge Menschen hatte ich dort zu bekochen und zu versorgen.

 

Es hat mir viel Freude gemacht.Ja und dann kam der Anruf, daß Lotte Bove am 18. August 1951 nach kurzer Krankheit gestorben war. Sie waren alle in den Sommerferien mit den Kindern auf ihren Rädern noch hier vorbeigekommen. Heinz saß nun da mit den drei Söhnen. Am 1. September. fuhr ich dann nach Cuxhaven, um dort auszuhelfen. -Am 1. September 1982 werden es 31 Jahre, die ich nun in Cuxhaven mit Euch allen lebe. So, wie heute sah es dort allerdings damals noch nicht aus. Unten im Haus wohnten noch die Großeltern, Willi und Jula Brachmann, denen mit Lotte ihr drittes und letztes Kind gestorben war.

Oben schliefen die drei Jungens in einem Zimmer.[50] Geheizt wurde mit Torf, den Euer Vater (Großvater), Heinz, mühselig selbst gestochen hatte. Aber nur sonntags konnte die Stube geheizt werden. Sonst spielte sich alles in der Küche ab: Schularbeiten aller vier Kinder, kochen und nachts hängte ich dort auch die Wäsche auf, die nicht trocknen wollte. Eine Waschmaschine - halbautomatisch - bekam ich zu meinem 40. Geburtstag. Der Garten war damals noch wesentlich größer und länger als er heute ist. Viele Obstbäume standen darin. Jedenfalls konntet ihr alle wunderschön mit den vielen Nachbarskindern darin spielen. Es gab da so einige Probleme mit und durch die Großeltern, aber das mußten wir in Kauf nehmen, denn hier konntet ihr Euch austoben, was in einer engen Stadtwohnung nicht möglich gewesen wäre. Ich habe es jedoch nie bereut, daß ich hier Wurzeln schlug, um Euch, so gut wie ich konnte, die Mutter zu ersetzen.

unser Haus in Cuxhaven
Westerwischweg 28


 

 

 

Ergänzende Angaben von meinem Bruder Ernst-Gerhart Brachmann

vom Tonband übertragen von Hans-Heinrich Bove

Liebe Heilwig ! 

Ich möchte Deine Ausführungen ‚Ein Spaziergang durch das Jahr’ noch etwas ergänzen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich die Neujahrslieder - gesungen - auf dem Tonband auch festhalte, damit man auch hört, wie’s gesungen wurde (das geht hier auf dem Papier ja nun leider nicht, deswegen sei hier nur nochmal der Text wiedergegeben): „Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, an allen vier Ecken einen gebratenen Fisch und mitten darein ein Gläschen Wein, das soll dem Herrn sein Abendbrot sein zu diesem Neujahr zu diesem Neujahr“ / und plattdeutsch: „Ick sto uppn golden Staane mick fröst an miene Baane, loot mick nich so lange stoon, ick mutt noch’n beeten wäja chon. Rosenblatt in de Statt, schöne Jungfa chiff mich watt“.

Jetzt die Sache mit den besonderen Verrichtungen. Das Jahr vor der Konfirmation[51] mußte man die Bälge treten. Die großen Trittbalken befanden sich hinter der Orgel und man mußte ganz darauf stehen und den Balg ‚runtertreten’, damit Luft in den Orgelkörper kam. Das sind ganz große Lederbälge gewesen. Man hielt sich an einer Stange fest und stieg ein um das andere Mal auf die beiden Bälge oder Balken von den Bälgen. Aber das war eben nur das Jahr vor der Konfirmation, denn während des Konfirmationsjahres mußte man ja am Gottesdienst teilnehmen. Allerdings mußte vorher geläutet werden. Das war ganz besonders schwierig. Unser Jahrgang: wir waren nur drei Jungens und drei Mädchen, und diese drei Jungens nun mußten das Läuten erledigen. Ich ging schon in Göttingen zur Schule und stand sowieso nicht immer zur Verfügung. Aber sonntags mußte ich ja da sein. Es waren zwei große Glocken zu läuten vor dem Gottesdienst. Eine ganz große und eine kleinere. Die kleinere war nicht so schwierig, aber bei der großen mußten wir uns zu zweit oder zu dritt an das Glockenseil hängen, um die Glocke überhaupt in Schwung zu bringen. Eine besondere Schwierigkeit war das sogenannte Betglockenschlagen. Das ging so, daß ein Zwischenschlag erzeugt werden mußte, also so: bum bum bum - bum - bum. Und das dreimal hintereinander. Das ging nur so, daß man sich ganz fest in das Glockenseil einhing, sich mit unter den Glockenboden hochziehen ließ - dadurch konnte die Glocke nicht voll ausschwingen - sondern der Klöppel mußte noch einmal auf den Rand fallen. Dann mußte man aber sofort abspringen vom Seil und loslassen, damit nicht noch ein weiterer Anschlag kam.

Es wurde sehr kritisch von den Dorfbewohnern beurteilt, ob die diesjährigen Konfirmanden in der Lage waren, ‚de Bätchlocke richtig to sloan’. Das mußte dann auch gemacht werden am Karfreitag und an anderen großen Feiertagen, wenn in der Kirche unten das Glaubensbekenntnis verlesen wurde, dann gingen die Konfirmanden ‚raus’ - hoch in den Glockenturm und mußten während der Verlesung die Betglocke schlagen. Manchmal kamen große Jungens ‚rauf, die an sich keine Konfirmanden mehr waren, die schon vor drei oder vier Jahren konfirmiert worden waren. Das haben wir sehr gefürchtet, denn sie ließen uns dann auf dem Glockenseil reiten, eine sicher nicht ganz ungefährliche Sache: sie zogen einem das Glockenseil zwischen den Beinen durch - man mußte sich wohl oder übel ja am Seil festhalten. Sie machten das während des Läutens und so kriegte man dann einen fürchterlichen Riß zwischen die Beine, wenn das Glockenseil hochzog. Das war so eine von den Viechereien, die es auch gab. Jetzt vielleicht nochmal vertont das Durchziehen des Dorfes mit einem großen Wagen, das war meistens ein Leiterwagen, nicht so groß wie ein Pferdewagen, es war so ein Mittelding; es wurde ein langes Seil gemacht, zwischendurch wurden Griffhölzer eingezogen, so daß ungefähr 20 Jungens je zwei nebeneinander den Wagen zogen. Gesungen wurde folgendes: Welln rut, welln rut, fiv, sechs Welln ton Poschfeure her.

Eine besondere Kunst war das Fackeln machen. Man mußte sich einen Fichtenknüppel aussuchen, von etwa 2-3 m Länge, je nach Größe - man streckte die Hand ganz weit nach oben, und so lang wurde dann die Fackel. Oben wurde sie gespalten, unten wurde ein Griff geschnitzt damit sie auch handlich war - aber nach oben hin immer weiter gespalten - nach ganz oben hin ganz fein gespalten - das ist eine ganz besondere Kunst. Dann wurden zwischen diese gespaltenen Holzteile, die ja aber zusammenbleiben mußten und nicht absplittern durften kleine Keile geklemmt, so daß Luft daran konnte. Und so wurde die Fackel etwa 8-14 Tage vor Ostern gemacht.

Dann in den letzten Tagen vor Ostern kam das große Kuchenbacken der Frauen, in den Backhäusern, den großen Backöfen, die aus Lehm gemauert waren. Wenn der Kuchen fertig war, der Ofen aber noch warm war, wurden die Fackeln dort eingeschoben, damit das Holz richtig austrocknete. Vor dem Osterfeuer wurde es dann noch ein bißchen mit Werg umwickelt, oder man steckte etwas Holzwolle dazwischen, damit das Anbrennen leichter ging. Das Entzünden erfolgte am Osterfeuer, was schon brennen mußte. Dann mußte man die Fackel in großem Kreis ständig über dem Kopf schwingen, und sie durfte auch nicht ausgehen.

Zum Osterfeuer selbst ist noch zu sagen, daß wir es teilweise bewachen mußten. Das taten meistens die schon etwas größeren Jungen, die so um die 18/20 Jahre alt waren. Aber wenn zwischen zwei benachbarten Dörfern Fehden bestanden und das geschah beispielsweise, wenn jemand einem Mädchen aus dem anderen Dorf schöne Augen machte, die anderen Jungen aus dem Dorf aber nicht wollten, daß dieses Mädchen aus dem Dorf herausgeholt wurde, dann rächten sie sich zum Teil damit, daß das Osterfeuer vorzeitig angesteckt wurde. Das war natürlich eine ganz große Blamage, wenn in einem Dorf zu Ostern kein Osterfeuer da war, weil es schon vorher abgebrannt war.

Zur Kirmes ist noch zu sagen, daß sie die Konfirmierten noch im gleichen Jahr hoffähig, d. h. tanzfähig machte. Wer konfirmiert warldurfte tanzen. Natürlich konnte das kein Mensch. Die Mädchen eher, aber die Jungens nicht. Man mußte dann sehen, ob irgend ein nettes, älteres Mädchen, meistens so drei-fünf Jahre älter, einen unter die Fittiche nahm und mühsam das Tanzen beibrachte. Erst kam der Marsch, dann die Polka, der Rheinländer und dann als Krönung der Walzer. Halt, nicht zu vergessen, der Schieber, der kam als allererstes.

Nun möchte ich noch etwas von der Ernte erzählen, die Du ja übergehst, Heilwig. Die kleinen Leute, das waren Deputatarbeiter, die als Deputat ein oder zwei Morgen Land meistens hatten, damit sie Getreide hatten für ihr Brot und um 1 Schwein zu füttern ein Jahr lang. Diese kleinen Leute also mußten immer mit der Sense selbst mähen. Der Mann mähte, die Frau nahm ab, d. h. sie mußte das gemähte Getreide abnehmen und bündeln. Die Kinder hatten vorher Seile gedreht, was wir auch alle gelernt haben, und mußten die Seile passend hinlegen, damit die Frauen dann ein Bund, was sie aufgerafft hatten, dort ablegen und zubinden konnten. Später mußte man dann auch zubinden. Das erforderte einige Kraft, man mußte den richtigen Knoten kennen und anschließend wurden die Hucken, also Haufen Getreide, aufgestellt.

Oft mußte man wieder raus aufs Feld, weil ein Gewitter dazwischen kam, oder Stürme die Haufen umgeschmissen hatten, oder weil sie nicht hielten, wenn man sie selbst schlecht aufgestellt hatte. Das war natürlich eine große Schande.

Die kleinen Bauern hatten meist kleine Mähmaschinen, die so gestaltet waren, wie heute noch die Grasmäher sind, also ein hin- und herlaufendes Mähmesser. Das Getreide fiel also einfach im Sahwad runter, wurde von den Frauen mit der Sichel aufgenommen, gebündelt und wie vorher beschrieben weiterbehandelt. Die größeren Bauern hatten Pferdegespanne (die Kleinbauern hatten häufig Kuhgespanne oder ein Pferd und eine Kuh, wenn sie etwas fortschrittlicher waren); die größeren Bauern also hatten Pferdegespanne, und wenn sie sehr modern waren, und das waren sie meistens in den 20er Jahren schon, dann hatten sie eine Flügelmaschine, das waren große Holzrechen, die sich im Takt drehten und von einer Getreideauffangfläche bundweise ablegten, so daß also die Frauen bloß noch binden mußten, was da schon in Bunden abgelegt war. Wer noch fortschrittlicher war, ich glaube, das war so ca. 1928, hatte einen sogenannten Selbstbinder. Eine Garnrolle wurde mit in die Maschine eingelegt und in bestimmten Portionen wurde dann das Getreide automatisch mit gebunden und sie fielen dann also als Bunde herunter. Wunderbar war immer das Vespern auf dem Felde, wenn man mitgeholfen hatte, man setzte sich in den Schatten einer Hocke auf ein Getreidebündel, und es gab Kaffee oder Saft, oder man holte Wasser aus einer nahen Quelle, sofern eine in der Nähe war. Es gab wunderbare Kopfwurst oder Blasenwurst, die wurde dann angeschnitten, Gurken dazu und selbstgebackenes Roggenbrot. Das schmeckte, wie es das einfach nirgends anders gab.

Ich machte diese Arbeiten am liebsten bei den kleinen Leuten, oder bei den Kleinbauern mit, denn die brauchten wirklich Hilfe. Bei den großen Bauern war es gut, wenn man sich zur Zeit des Einfahrens meldete, da durfte man die Pferde anziehen lassen; d. h. die Männer wurden gebraucht, um die entsprechend ausgerüsteten Ackerwagen zu beladen. Eine Frau war meistens dazu eingeteilt, auf dem Wagen das Fuder richtig zu laden, was auch eine große Kunst war und wir Kinder durften die Pferde anführen. Man mußte auch dabei gut aufpassen, damit es immer richtig weiterging und dann mußte man den Pferden, die oft Fliegenmützen aufhatten, trotzdem noch die unendliche Zahl von Fliegen abwehren, die klebten richtig um die Augen, und wenn die Bremsen kamen, die ja sehr arg stechen - man konnte selbst solche Stiche abbekommen - dann neigten die Pferde auch zum ‚durchgehen’ und so war es also eine echte Aufgabe für ein Kind, hier richtig zu handeln.

Später durfte man dann auch schon mal selbst so eine Fuhre laden. Und wehe, sie kippte um. Das war natürlich dann eine für den Ernteablauf sehr aufhaltsame Geschichte. Man gab sich also sehr viel Mühe, das richtig zu erlernen. Dazu hieß es dann erst einmal mit auf den Wagen, zugucken wie’s gemacht wird, daß man die Ecken richtig auslegte, daß das Gewicht immer nach innen zeigte und somit ein Rutschen der Garben nach außen vermieden wurde. Man muß dazu bedenken, daß die Ackerwege außerordentlich holperig waren und tiefe Pfützen und Löcher hatten usw. und daß die Landstraßen, die man ja natürlich auch benutzen mußte, auch sehr, sehr holperig gewesen sind. Das waren große Erschütterungen, denen die Wagen ausgesetzt waren. Die Vorstellung von Teerstraßen gab es nicht. Anfang der 30er Jahre wurde eine Teerstraße von Groß Schneen nach Göttingen gebaut, aber alles andere waren holperige Basaltstraßen.

In den Wintermonaten wurde das Getreide gedroschen. Es bedurfte der Nachbarschaftshilfe, da sehr viele Leute dazu gebraucht wurden. Es mußte aus der Scheune herausgeladen werden, es gab Dreschmaschinen - d. h. Eigenbesitzer waren nur sehr wenige Bauern. Es gab Genossenschaftsmaschinen, die wurden dann von Hof zu Hof gefahren, mit einem Elektromotor, den es dann auch schon gab früher. Ich habe aber auch noch die Dampflokomobile kennengelernt. Der alte Bruns hatte so eine Installation an der Brücke. Der drusch dann auch für die kleinen Leute. Und zwar brachten die bei ihren Bauern meistens ihre Garben mit ein und fuhren die paar Säcke gleich wieder mit weg. Aber das war ein staubiges Geschäft. Alles war voll Staub. Es wurde dann aber entsprechend auch gut gevespert. Es gab Kaffee und Kuchen und sehr gut vom Geschlachteten.

Vorher wurde noch besonders langes Roggenstroh aussortiert, weil man das zum Herstellen der Seile brauchte, womit man eben die Bunde eingebunden hat. Man hat ja nicht etwa einfach auf dem Feld das Stroh genommen, später ja, da war man nicht mehr so pingelich, anfangs aber nicht, sondern das Seilestroh wurde immer extra ausgedroschen mit’m Dreschflegel. Dazu wurden diese Bunde so gepackt, daß die Kornseite, die ihrenseite nach innen zeigte und dann ging’s im Takt, je nach dem, wieviele Drescher da waren und man konnte an dem Tackt schon ganz genau ablesen, wie die Schlegel fielen. Tadamtadam, tadamtadam, das waren vier Drescher; tamtam, tamtam, tamtam, das sind zwei Drescher; tamtamtam, tamtamtam, das sind drei Drescher.

Ich bin ziemlich sicher, daß ich heute sowohl noch mähen, als auch mit dem Flegel noch dreschen könnte.

Ja, das Schlachten war ja auch so ein großes Ereignis. Darum hieß es auch: das Schlachtfest. Ganz früher, nach der Inflation, ich denke da so an 1928, haben wir auch selber geschlachtet. Wenn wir kein Schwein selbst großgezogen hatten (wir hatten ja mal ein Schaf und auch Hühner), dann wurde eben ein fettes Schwein gekauft und das Schlachtfest fand bei uns statt. Sonst drückten wir uns aber bei solchen Gelegenheiten immer gerne dabei herum (wenn also das Schlachtfest bei anderen Leuten war), denn es fiel immer etwas für uns Kinder dabei ab. Der Doktor bekam ohnehin seine Schlachtsuppe gebracht oder vom Kesselfleisch ein Stück oder sonst etwas an Wurst. Es waren halt immer dankbare Patienten dabei, die bei solchen Gelegenheiten eben auch an ihren Doktor dachten. Wir Kinder beobachteten natürlich das Treiben beim Schlachten selbst mit Interesse. Man durfte z.B. den Schwanz halten, keine leichte Aufgabe, weil die Schweine nicht gerne sterben wollten. Der Hausschlachter war bestellt, er brachte eine große Holzkeule mit und einen Dorn, und er mußte dann diesen Dorn zielsicher auf der Stirn des Schweines ansetzen und schlug dann mit der Holzkeule den Dorn in die Stirn des Tieres, welches dann dadurch betäubt würde. Es mußte dann sofort abgestochen werden, das Blut wurde in einer großen Schüssel aufgefangen und mußte sofort gerührt werden um das Fibrin ‚rauszuholen, weil es sonst ja nicht verwendbar war.

Dann wurde es in einen großen Trog gelegt, eine große Molle, und mit heißem Wasser übergossen. Nun begann die Arbeit der Männer. Das Tier mußte geschrubbt werden. Nach dieser Prozedur des Borstenabschrubbens war es ganz blank und weiß. Man stach hinter den Achillessehnen durch und konnte es dann an einem entsprechenden Bügel aufhängen. Auch keine leichte Arbeit für die Männer, denn früher waren die Schweine, wenn sie als schlachtreif betrachtet wurden, immer 3,5-4 Ztr. schwer. Dann wurde es aufgeschnitten, die Därme kamen heraus, wurden gereinigt, umgestülpt, damit sie auch von innen sauber wurden. Dann blieb es erst einmal eine Weile hängen, man frühstückte - dazu gehörte ein ordentlicher Schnaps - und das Schwein konnte nun auskühlen. Es folgte die Arbeit des Zerlegens, es wurden die Schinken zum Räuchern abgeschnitten und die ganze Einteilung, wie die Hausfrau es wünschte, wurde vorgenommen und dann ging’s an’s Kleinschneiden und an’s Wurstmachen. Da standen wir natürlich besonders gern dabei. Alles mußte vorher eingekauft worden sein: Salz, Gewürze und eventuell noch Därme, weil die Schweinedärme ja allein nicht ausreichten für die viele Wurst. Die Mettwürste wurden dann ja weggebracht zum Trocknen, später dann zum Anräuchern, aber die Kochwurst, die Leberwurst und die Weißwurst und die Blutwurst, all’ diese kamen in einen großen Kessel, der vorher angeheizt worden war (normalerweise war es der Waschkessel). Während des Wurstmachens bekam man oft unversehens einen Klaps (besonders beim Blutwurstmachen), so daß man das ganze Gesicht voller Blut hatte. Aber dann kam das ersehnte Ereignis, daß einem die Wurst angemessen wurde. Das waren immer Weißwürste. Man mußte den Mund so weit wie’s ging aufmachen und der Fleischer legte also eine noch nicht abgebundene Wurst dadrum herum, und je weiter man den Mund aufmachte, um so größer fiel die Wurst aus. Diese wurde dann erst abgebunden, und meistens gab es 3-4 Weißwürste, die wir dann selig nach Haus brachten.

Den Schlachttermin festzulegen war gar nicht so einfach, denn 1) mußte der Hausschlachter frei sein, 2) sollte es in einer Kälteperiode sein, denn bei warmem Wetter würde das Fleisch sich nicht so gut halten und außerdem durfte auch keine der beteiligten Frauen, die vielleicht Fleisch anzufassen hatten, ihre Periode haben. Denn es galt als ganz sicher, daß sonst die Wurst verderben würde.

Ich erinnere mich da an eine Geschichte, die Vater gern erzählte, die, so weit ich mich erinnere, in Stockhausen passiert war. Er mußte dort den Angehörigen sagen, daß der alte Vater wohl bald sterben müßte, es sei nicht mehr viel zu machen mit seiner Lungenentzündung. Da war die erste Reaktion der Hausfrau: „Ochottochott, hoffentlich kommt er uns nich zwischens Schlachten!“

So wichtig waren diese Ereignisse. Nicht ganz so spannend wie das Schlachten war auch das Muskochen. Viele Leute hatten ja große Zwetschgenbaumbestände, wir aber nicht. Wir pachteten dann einen Baum. Der wurde dann ersteigert - was da eben so am Straßenrand stand in Richtung Göttingen - zwischen Stockhausen und Groß Schneen waren große Zwetschgenbestände - am sogenannten ‚ Tiefen Bach ‚. Man ersteigerte also so einen Baum. Es ging an’s Pflücken. Wir zogen dann mit einem Handwaten los, eine Leiter war daraufgelegt, ebenso die Körbe und Vorratskörbe sowie die Pflückhaken. Genauso ging’s beim Äpfelpflücken zu. Wenn man den Segen dann zusammen hatte, begann das Entsteinen. Das war ein Familienereignis. Und dann eben das Muskochen. Das passierte auch im Waschkessel unter ständigem Umrühren, damit nichts anbrannte. Entsprechend sanft mußte geheizt werden.

Alle Kinder, die das nun zum ersten Mal erlebten, wurden in’s Bockshorn gejagt. Sie wurden z.B. in die Nachbarschaft geschickt, um die Musstiefel und die Musleiter zu holen, damit wir richtig in den Kessel hineinkönnten. Die unerfahrenen zogen dann auch los und wurden dann bei der Ankunft beim Nachbarn schrecklich ausgelacht. Das war eben ein Brauch, der sich immer wiederholte und auf den auch immer wieder jemand hereinfiel.

Wichtige Tage waren auch das „Waschen“ und das „Backen“. Waschmaschinen gab es überhaupt noch nicht. Die Kochwäsche wurde auch wieder in dem großen Waschkessel in der Waschküche gekocht, wurde dann an einem Knüppel aus der heißen Brühe gezogen (dem Waschwasser wurde zuvor Schmierseife zugesetzt, die u. U. auch noch selbst gekocht werden mußte oder auch Kernseife) und in den Waschzuber gesteckt, wo sie dann auf einem geriffelten Blech so lange gerubbelt wurde, bis sie ganz weiß wurde. Die vollendete „Bleiche“ entstand aber erst durch das Bleichen auf dem Rasen oder zumindest durch das Aufhängen auf der Leine, wenn sie von der Sonne beschienen wurde. Der Waschtag war eine große Anstrengung für die Frauen, und sie hatten abends dann immer ganz verschrumpelte, weiße Haut an den Händen.

Das Backen war etwas fröhlicher. Die Frauen haben das Mehl mit Wasser angerührt und es geknetet bis es zum Teig wurde. Wir Kinder wurden zum Bäcker geschickt, um für 5 oder 10 Pfennig Hefe zu holen - je nach Umfang bzw. Größe des Kuchens. Nachdem der Teig damit versetzt war, mußte er über Nacht gären (Der große Backtrog stand immer in der Stube). Am nächsten Tag wurden dann die Brotlaibe auf langen Brettern ausgeformt. Vorher mußte der Backofen angeheizt sein. Auch dazu gibt es eine lange Vorgeschichte, denn für das Feuer im Backofen wurde ja nur Reisigholz, also Knüppelholz verwendet. Die Männer kümmerten sich im Winter beim Holzschlagen darum, daß der Stamm richtig verarbeitet wurde, alles aufgemetert und geteilt wurde und dann auch heimgefahren wurde. Die Klötze wurden dann erst auf dem Hof zersägt und gespalten. Das Reisig wurde extra abgefahren. Das war zum großen Teil wieder Frauenarbeit, nämlich das Reisig richtig herzurichten. Von dem feineren Zeug wurden Bunde gemacht; diese waren zum Anheizen des Backofens notwendig. Die Knüppel wurden dann nachgeschoben, damit das Feuer länger vorhielt. Wenn dann der Backofen richtig heiß war, wurde die Ofentür geöffnet, mit einer Kratze ganz schnell die Asche herausgeholt und mit einem nassen Lappen ausgewischt, damit der Staub dann nicht so auf’s Brot fiel. In Süddeutschland nennt man diesen Vorgang übrigens „Hudeln“. Daher unser Ausdruck: „Nur nicht hudele“, womit man meint. nur nicht hetzen. Die Wenigsten wissen aber, woher dieses Wort kommt.

Ja, dann war also der Backofen ganz warm, und es wurden nun die Brote auf einer Stange, die vorne ein Brett hatte, in den Backofen eingeschoben, durch einen kleinen Ruck fielen sie hinunter auf die Plattform des Backofens, und dort blieben sie bis sie gar waren. Zu den Festtagen wurden dann auch noch Plattenkuchen nachgeschoben, das hat Heilwig ja schon geschildert. Appelkaucken, Zuckerkaucken, Schmantkaucken. Es gab auch noch Pustekaucken, wie der aber gemacht wird, weiß ich nicht. Alles andere könnte ich genau beschreiben.

  • Ich muß jetzt noch einmal an die Ernte denken. Es gab ja nicht nur Getreide zu ernten, sondern für uns Kinder war auch die Kartoffelernte wichtig. Da mußten wir die Kartoffeln auflesen. Bei den kleinen Leuten wurde jede Staude mit der Mistgabel ausgegraben, geschüttelt und dann mußte eben mit der Hand in die Wanne nachgelesen und in den Sack geschüttet werden. Das verursachte Kreuzschmerzen, und abends wußte man, was man getan hatte. Herrlich war das Kartoffelfeuer, welches aus dem liegengebliebenen Kartoffelkraut angezündet wurde. An diesem Feuer nun zu sitzen, war ein Erlebnis für sich. Die jungen Kartoffeln wurden in die Asche gelegt. Waren sie dann schön schwarz geworden, war es ein Hochgenuß, diese mit etwas Salz zu essen. Der Geruch der Kartoffelfeuer zog durch das ganze Land. Es war ja dann immer Herbstzeit, welche dadurch ein Charakteristikum bekam. Schlimm waren auch die Zuckerrüben. Wir bekamen ja nicht so ohne weiteres Taschengeld, sondern wir mußten immer irgend etwas machen, damit wir es uns verdienten. Schuheputzen, Holzhacken oder sonst etwas. Einkaufen oder ähnliches (auch Hoffegen). Eine gute Einnahmequelle war nun das Zuckerrübenverziehen. Man hatte ja damals noch keine Einzelpflanzen, wie heute, sondern die Zuckerrübe wuchs immer auf dem Kneuel, 5-6 Pflanzen kamen immer auf 1 Knäuel. Die mußten nun also gezogen werden. Vorher wurden sie vereinzelt (getrennt in die einzelnen Pflanzen) mit der Hacke, und dann mußten die Kinder auf den Knien hinterherrutschen, die ganzen übrigen Pflanzen wegziehen, so daß nur noch eine stehen blieb. Das war auch ein hartes Geschäft. Die Zuckerrüben wurden nur von Großbauern angebaut. Der Verwalter stand immer mit der Hacke dahinter und zog einem einen über, wenn man nicht mitkam. Man konnte sich allerdings aussuchen, ob man eine, zwei, drei oder gar vier Reihen verziehen wollte. Ganz tüchtige Leute machten vier Reihen und kamen trotzdem im Tempo noch mit. Das habe ich eigentlich nicht geschafft. Zwei, drei Reihen waren für mich das äußerste. Für die Stunde wurde, glaube ich, ein Groschen bezahlt. Eine ‚Riesen-Viecherei’! An der Zuckerrübenernte hatten wir Kinder nicht teil. Man muß dazu aber einmal festhalten, wie das früher so war. Jede Zuckerrübe wurde mit dem sogenannten Griffel ausgegraben, in eine Reihe gelegt und dann ging man mit einem Hackmesser an der Reihe entlang, um die Köpfe abzuschlagen, das Kraut von der Rübe zu trennen. Dann fuhr der Wagen die Reihe entlang, und die Zuckerrüben wurden nun mit der Forke aufgeladen. Die schweren Ackerwagen - es gab ja noch keine Gummireifen - sanken oft bis zur Achse ein, und es mußten oftmals vier oder sechs Pferde vorgespannt werden. Unter viel Geschrei kamen die Wagen dann schließlich aus dem Felde wieder heraus. Eine furchtbare Dreckarbeit, diese Zuckerrübenernte. Man muß sich wirklich rückblickend wundern, wie Menschen und Tiere diese Riesenanstrengungen durchgehalten haben, denn der Tag fing ja auch schon um 4 Uhr früh an für die Gespannführer zumindest, weil sie ja erst füttern mußten um dann um 5 oder 5.30 Uhr rauszuziehen, egal zu welcher Jahreszeit, eben zum Pflügen oder im Sommer auch zum Grasmähen (da schon um 3 Uhr, da das Gras ja noch naß sein mußte). Abends bis um 9 Uhr wurden noch die Sensen gedengelt und dieses Geräusch des Dengelns erfüllte die Sommerabende (so ab Ende Juni, wenn das Gras gemäht wurde). Ein Klang, den man auch nicht aus den Ohren verlieren kann.

  • So, nun ist das Band voll, und ich hoffe, liebe Heilwig, Deine Ausführungen noch etwas ergänzt zu haben, so daß man auch verstehen kann, wie sich der Ablauf des Jahres in unserem Dorf vollzog.

     



    [1]  Groß Schneen hat 1777 Einwohner (2000) und umfaßt 1114 ha Gemarkungsfläche und ist das Grundzentrum der Gemeinde Friedland.
     Groß Schneen gehört zu den ältesten Siedlungen im Leinetal. Funde aus der jüngeren Steinzeit um 3000 v. Ch. belegen das. Urkundlich wird Groß Schneen im Jahr 1022 in den Güterlisten des Michaelisklosters in Hildesheim aufgeführt. Hier heißt der Ort noch "snen". Frühere Erwähnungen aus dem Jahre 821 in den ' Corveyschen Traditionen' sind Groß Schneen nicht eindeutig zuzuordnen. Die Ortschaft wuchs aus zwei Teilen zusammen, die jeweils eine eigene Kirche hatten. Die im 30-jährigen Krieg zerstörte evangelische St. Michaeliskirche im Unterdorf wurde 1705 wieder geweiht. Wahrzeichen Groß Schneen ist die 1000-jährige Eiche im Unterdorf, im ausgehenden Mittelalter Halsgerichtsstätte des Amtes Friedland.
    Unser Ort liegt an der alten Heerstraße Göttingen- Witzenhausen-Süddeutschland. Durch seine Lage in einer flachen Senke über der Leine gelegen und seine große fruchtbare Feldmark konnte dieser Ort in der Vergangenheit vielen Menschen Arbeit und Brot geben. Heute gibt es noch sieben landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe. Ständiger Zuwachs an Einwohnern wurde durch die geographische Lage in der Nähe des Oberzentrums Göttingen begünstigt.
    In den letzten Jahren wurden mehrere Wohngebiete erschlossen. Auch ein Gewerbegebiet ist im Entstehen, wo sich noch Betriebe ansiedeln können. An infrastrukturellen Einrichtungen ist vieles vorhanden. Die Gemeindeverwaltung der Gemeinde Friedland befindet sich in Groß Schneen, ebenso das Polizeikommissariat. Der Ort verfügt über einen dreigruppigen Kindergarten. Eine Grundschule (1.-4. Klasse), eine Orientierungsstufe (5.-6. in Niedersachsen obligatorisch) und eine Haupt- und Realschule (Klasse 7-10) sind vorhanden. Der Schule und den Sportgruppen steht eine dreiteilige Sporthalle zur Verfügung. Eine Sportfreianlage mit einem Fußballgroßfeld, einem Kleinfeld, zwei Tennisplätzen und Leichtathletikanlage stehen ebenfalls zur Verfügung. Der Landkreis Göttingen betreibt eine "Jugendbildungsstätte", die von Vereinen und Organisationen angemietet werden kann.
    Zehn Vereine und Verbände gibt es in Groß Schneen. Sie prägen das Dorfleben mit. Allein der Sportverein mit 800 Mitgliedern bietet 12 Sportarten an. Die Kirmesgemeinschaft, ein Zusammenschluß aller Vereine, organisiert das größte Fest im Ort, die Kirmes (Kirchweih), jedes Jahr im September, die auch von zahlreichen auswärtigen Besuchern aufgesucht wird.
    Groß Schneen verfügt über zwei Geldinstitute, einen Lebensmittelsupermarkt, einen Getränkemarkt und drei Gaststätten. Zwei Ärzte für Allgemeinmedizin, ein Zahnarzt, eine Apotheke und eine Massagepraxis decken die Gesundheitsversorgung ab.
    12 Handwerksmeister stehen mit ihren Betrieben für fachgerechte Handwerksarbeit.
    Groß Schneen ist seit 25 Jahren mit der französischen Stadt Houdan, 50 km westlich von Paris gelegen, verschwistert. Jährliche Vergleichsschießen der Schützenvereine sind Tradition. Generationen von Jugendlichen besuchen die Partnergemeinde und lernen so die jeweilige Lebensart kennen. Die Carl-Friedrich-Gauß Realschule nimmt inzwischen die Schüleraustausche mit dem College in Houdan wahr.

    [2] Ernst Gerhart Brachmann , Dr.( agrar )., * 07.02.1919  in Göttingen, U 04.03.1990 in Basel
                                               zunächst Ingenieur,  in späteren Jahren: Heilpraktiker
    Ernst Brachmann, * 16.09.1894 in Dresden,
    U
      gefallen als Soldat in Frankreich am 04.09.1916
    Gerhart Heilmann, * 19.09.1896 in Göttingen,
    U
    gefallen als Soldat in Marfaux. Dep. Marne /
                                                                                Frankreich am 07.07.1918

    [3]  Adam Heilmann,  Dr. theol. h.c. , Pfarrer,  * 05.04.1860 in Hohenzell, Kreis Schlüchtern,

       U  18.11.1930  in Groß-Schneen

     

    [4]  Caroline Heilmann, geb.22.05.1829 in Bieber, Krs.Gelnhausen, U 20.10.1880 in Hohenzell

    [5]  Verlobungsdatum 17.05.1916

    [6]  genaues Hochzeitsdatum??

    [7]  Marie Heilmann genannt Mariechen * Göttingen, U 19.08.1975 in Philippsthal

    [8]  Kurt Rebermann, Pfarrer u. Dekan * 03.08.1898 in Hannover, Hochzeit am 09.09.1925 in Göttingen   U 30.07.1975 in Bad-Wildungen 

    [9]  Margarethe Heilmann, genannt Gretli , Dr .phil  * 16.07.1892  in Göttingen, U + 13.10.1932 in Freudenstadt im Schwarzwald

    [10] Infos Reichselternbund

    [11] Gertrud Luetkemann geb. Brachmann, * 11.11.1894 in Göttingen, U  in  ?
    Dr. jur. Wilhelm Luetkemann, * 10.09.1891 in Uetze Krs Burgdorf,
    U  13.07.1973 in Kassel ?
    Leonhardt Luetkemann, * 01.07.1918 in Berlin ,
    U  gefallen als Soldat in Lowice / Polen am 11.09.1939
    Joachim Luetkemann, Forstdirektor, * 25.03.1921 in Wolfenbüttel ,
    U
    29.03.1989 in Langen

    [12] Dr. med. Paul Heilmann, * 03.01.1890 in  Spanbeck bei Göttingen, U  30.11.1968 in Minden
    Elisabeth Heilmann genannt  Elli , * 06.09.1897 in Göttingen,
    U
      15.06.1988 in JHöxter

    [13] Dieter Heilmann, Gastwirt * 09.12.1923 in Hollenstedt, Krs.Harburg?
    Dr.Ulrich Heilmann, * 12.12.1928 in Minden,
    Hermann Heilmann, *  03.03.1932 Minden,
    Ilse Heilmann, * 13.09.1943 in Minden verh. mit Manfred Mennzel, * 14.10.1934

    [14] Maria Brachman geb. Lindner, * 07.10.1859 in Leipzig , U  01.02.1940 in Dresden verh. am 30.09.1884 in Leipszig mit Dr. phil Walther Brachmann * 17.12.1856 in Stuttgart + 02.09.1929 in Dresde. 
    Kinder :

    Johanna Brachmann, genannt Hanna * 23.04.1886 in Dresden,
    U  27.11.1954 n ? 
    Dr.med. Winfried Brachmann, 06.02.1888 in Dresden
    U 06.01.1969 in Groß-Schneen
    Katharina Brachmann, genannt Käthe * 11.04.1889 in Göttingen,
    U
      in ?
    Frieda Brachmann, * 03.01.1892 in Göttingen 
    U ? in
    Ernst Brachmann, * 16.09.1894 
    U
      gefallen als Soldat in Frankreich am 04.09.1916

    [15] Vater von Marie :  Wilhelm Bruno Lindner, Prof.der Theologie in Leipszig, * 20.03.1814 in ?, U 18.05.1876  in ? war verh. mit Frieda Lindner, geb. Engel, * 16.11.1830 in  ?, U 23.10.1902  in ?
    Großvater : Friedrich Wilhelm Lindner, Privatdozent und Lehrer an der Bürgerschule zuLeipszig, * 11.12.1779 in ? war verh. mit Gottliebe Lindner geb. Rudolph, * 25.01.1780 in ?

    [16] Wilhelm von Kügelgen, Maler und Autobiograph, * 20.11. 1802 in St. Petersburg, U 25.5. 1867 in Ballenstedt (Quedlinburg). - K. wurde als Sohn des Historienmalers Gerhard v. K., der von 1798-1803 am Zarenhof in Petersburg weilte, 1802 ebd. geboren. K. wuchs in Dresden auf, wo im Hause seiner Eltern Gotthilf Heinr. v. Schubert, Adam Müller u. Joh. Gottfried Seume verkehrten. [...] 1853 wurde er zum Kammerherrn des geisteskranken Herzogs Alexander Carl v. Anhalt-Bernburg auf Schloß Hoyn ernannt. Erst zu dieser Zeit wandte sich K. von der Malerei ab u. der Beschäftigung mit autobiographischen Aufzeichnungen zu. Die postum hrsg. Erinnerungen K.s mit ihren miniaturartigen Schilderungen Goethes, Jean Pauls sowie des Franzosenhasses u. Patriotismus u. des zeitgenössischen Antisemitismus (vgl. VIII. 4 d. »Jugenderinnerungen«) stellen ein Zeitdokument dar, an dem das Bürgertum bis in die zwanziger Jahre dieses Jh.s hinein einen Identifikationstext hatte. Außer den Schriften hat K. Bildnisse der Hzgn. Friederike u. d. Hzg.s v. Anhalt-Bernburg, von der Fam. Krummacher, v. Ludwig Richter u. vor allem von der eigenen Familie, aber auch religiöse Bilder im nazarenischen Stil hinterlassen.

    Werke: Drei Vorlesungen über Kunst, Bremen 1842; Die Geschichte des Reichs Gottes, nach der heil. Schrift, in Bildern. Mit andeutendem Texte v. Friedr. A. Krummacher, 4 Hefte, Essen 1831-1845; Von den Widersprüchen in der heil. Schrift für Zweifler. Mit einem Vorwort v. Friedr. Krummacher, Berlin 1850; Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1870; Lebenserinnerungen des Alten Mannes in Briefen an seinen Bruder Gerhard 1840-1867, bearb. u. hrsg. v. Paul S.v. Kügelgen u. Joh. Werner, Leipzig 1923, Neuausg. u.d.T. »Bürgerleben«, München 1990; Der Dankwart. Ein Märchen, Stuttgart 1924; Erinnerungen 1802-1867, hrsg. v. J. Werner, 3 Bde., Leipzig 1924-1925; Wilhelm an Adelheid. Briefe an seine Schwester, hrsg. v. H. Schneider u. A.-L. Vitzhum, Hamburg 1957.

    Lit.: Georg Kaspar Nagler, Neues allgemeines Künstlerlexikon VII (1839); - ADB XVII, 307; - Wilh. Neumann, Lexikon baltischer Künstler, 1908; - L. Volkmann, Die Jugendfreunde des »Alten Mannes«, Johann Wilh. u. Friederike Tugendreich-Volkmann, Leipzig 1924; - W. Schüßler, K. , in: Mitteldt. Lebensbilder IV, 253-267, 1929; - Leo v. K., Ein Malerleben um 1800 u. die anderen sieben Künstler der Familie, 19243; - W. Melchers, Die bürgerliche Familie des 19. Jh.s als Erziehungs- u. Bildungsfaktor, Diss. Köln 1930; - F. Ernst, W.v.K., in: Essays II, 265-291, Zürich 1946; - H. Leuthe, Studien zu den Autobiographien L.E. Grimms, W.v. K.s u. F. Wasmanns, Diss. Freiburg i. Breisgau 1953; - F.H. Schubert, W.v.K. u. das konservative Preußen, in: Histor. Jbb. der Görresgesellschaft 82 (1963), 188-218; - C. Clarke Fraser, The Autobiograhies of Ludwig Richter, Ernst Rietschel and W.v.K. Fictionalization and Adaption of Goethe's Narrative Techniques, Diss. Univ. of Connecticut 1981; - NDB XIII, 185-186; - DLL IX, 605 f.; - Kindlers Neues Literatur Lexikon IX, 821 f., hrsg. v. Walter Jens, München 1990; - Literatur Lexikon. Autoren u. Werke dt. Sprache VII, 61 f., hrsg. v. Walther Killy, Gütersloh, München 1990.

    [17] Vater von Walter Brachmann : Dr .phil. Wilhelm Brachmann * 15.12.1822 in Riga , Privatgelehrter,  U  28.05.1892 in Heldrungen

    [18] Dr. med. Winfried Brachmann, * 06.02.1888 in Dresden , U 16.01.1969 in Groß-Schneen
    verh. mit Agnes Brachmann geb Heilmann., * 14.02.1891 in Spanbeck bei Göttingen,
    U
    06.10.1966 in Groß-Schneen

    [19] Katharina, genannt Käthe Brachmann, * 11.04.1889 in Göttingen,  U ?  in ?

    [20] Frieda Brachmann , * 03.01.1892 in Göttingen, U? in ?
    Ernst Brachmann, *  16.09.1894  in ?,
    U
      gefallen als Soldat in Frankreicham 04.09.1916

    [21] Dresden-Neustadt, Bautzener Straße 106

    [22] Pastor Adam Heilmann war verh. mit Marie Dietrich.
    Marie hatte 3 Schwestern :
    Therese Dietrich, * 11.01.1846 in Hofgeismar ,
    U 18.11.1930 in ?
    Helene Dietrich, Krankenpflegerin * 02.10.1858 in Marburg/Lahn,
    U  in ?
    Agnes "Anne" Dietrich verh. Giesecke, * 30.06.1867  in Marburg (Hessen),
    U
    ? in ?

    sowie Adam Heilmanns Schwester:
    Maria Heilmann, gen. Mariechen, Diakonisse in ?, * 21.10.1871 in Hohenzell,
    U ? in ?

    [23] Wilhelm Brachmann, Oberstudienrat  und Lehrer für alte Sprachen in Cuxhaven * 30.11.1881 Altona , U 03.08.1964 in Rahden

    [24] Prof. Bruno Lindner, * ca. 1857 in Leipzig, U ? in ?

    [25] Zella, an der Werra ( Hessen ) südlich von Treysa

    [26] Herr Trümper, ein Landarbeiter aus dem Dorf, den man zur Hilfe anheuern konnte
    Frau Bach , genannt Babi, unsere Haushaltshilfe, eine Schwäbin, die schon seit vielen Jahren bei uns war.

    [27] Bild???

    [28] Bild???

    [29] Wilhelm Bachmann???
    Frieda Bachmann???
    ? Bachmann???

    [30] entnommen aus „ Säk’sche Balladen von Lene Voigt, Verlag A.Bergmann, Leipzig

    [31] Familie Nordbeck, Landrat ...???

    [32] Stimmt das, wann???

    [33] zur Bündischen Jugend vgl.: Hermann Giesecke, Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend, München 1981, S. 89f:
    Auf der rechten Seite sammelten sich die völkisch orientierten Freideutschen im "Jungdeutschen Bund", der unter Leitung von Glatzel von 1919 - 1924 bemerkenswerte Erfolge hatte. Der Bund engagierte sich ausdrücklich politisch, und zwar für die deutsch-nationale Volkspartei, ohne sich dabei als deren Jugendorganisation zu verstehen.
    Glatzels Idee war unter anderem, die völkisch-orientierten Gruppen zusammenzufassen - nicht durch eine übergreifende Organisation, sondern durch persönliche Kontakte der Führer (vgl. Müller 1971, S. 249 ff.). Auf diese Weise sollte die Einigung der Jugend von rechts "wachsen".
    Charakteristisch für die politische Ideologie des Bundes wie für alle Bünde und Gruppen auf der Rechten - sie unterschieden sich nur durch Varianten und durch die mehr oder weniger heftige Radikalität ihrer Positionen - waren organologische Vorstellungen, die nicht beim "künstlich organisierten" Staat ansetzten, sondern bei den "natürlichen" Sozialstrukturen des "Volkes". Die Staatsform hatte dem "Wesen des Volkes" zu entsprechen, und daran gemessen konnte die Weimarer Republik nicht bestehen. Die Hoffnung setzte man auf Führer, nicht auf Funktionäre, auf Integration des einzelnen in personale Bezüge innerhalb der "Volksgemeinschaft", nicht auf die Partikularität von Parteien und Interessengruppen, auf die Gemeinsamkeit aller Deutschen auch jenseits der Reichsgrenzen - wobei die Juden z. B. nur stören konnten. Das hier nur angedeutete ideologische Syndrom, das Sontheimer (1978) detailliert beschrieben hat, war - in allen möglichen Varianten - in den meisten Bünden verbreitet, auch in denen, die sich "unpolitisch" gaben.
    Für die bürgerliche Jugend hatte sich im Vergleich zur Vorkriegszeit die Lage erheblich verändert. In einer Zeit der Orientierungslosigkeit und der politischen Gegensätze lag die Suche nach Werten, nach Bindungen und Zwecken, für die einzusetzen sich lohnt, näher, als die "Freiheit" des Wanderns vor dem Kriege. Disziplin statt Freiheit, Bindung statt Autonomie hieß die neue Tendenz. So entstanden als neue Form der Jugendbewegung die "Bünde" bzw. "Orden". Sie waren straffer organisiert als die früheren Wandervogelgruppen und versuchten, bestimmte Werte bzw. Aufgaben für sich verbindlich zu machen. Es gab eine unübersehbare Zahl von Bünden, deren Mitgliederzahl zwischen 60 000 (Jungdeutscher Orden 1929) bis zu einigen Dutzend reichte. Rudolf Kneip führt in seinem "Handbuch der Jugendverbände" (1974) mehr als 1200 Bünde und Organisationen an, die meisten von ihnen waren bündische Gruppen. Ab 1925 schloß sich eine Reihe von ihnen zur "Deutschen Freischar" zusammen.

    [34] Walter Flex, * 6.7.1887 in Eisenach, U16.10.1917 in Pendehof auf Ösel.
    Flex autobiografische Erzählung "Der Wanderer zwischen beiden Welten", München 1917, ist neben Jüngers und Remarques wohl eine der bekanntesten Darstellungen aus dem ersten Weltkrieg - an jenen gemessen das Dokument eines fragwürdig-kindlichen Idealismus. Seiner Wandervogel-Ideologie, seiner idealistischen Verzerrung und Ästhetisierung des Krieges, aber auch seiner Darstellung einer starken, homoerotisch getönten Freundschaftserfahrung verdankte das millionenfach verbreitete Büchlein seine verführerische Kraft und breite Wirkung.

    [35] Zum Reifensteiner Verband vgl.: Ortrud Wörner-Heil, Frauenschulen auf dem Lande. Reifensteiner Verband (1897-1997). Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung, 11, 2. Aufl. Kassel 1997.

    [36] wohl eher Reichsmark

    [37] Dietmar Schnoor, Sohn von Lottes Schwester Irmgard Brachmann verh.Schnoor * 29.03.1937 in Hamburg , U 15.03.1992 in Hamburg

    [38] Wo liegt Unter-Retzbach???

    [39] Heilwig "Heila" Brüncke geb. Stake, * 27.08.1941 in Groß-Schneen

    [40] gemeint ist der 8. Mai?, Einmarsch in Göttingen, Groß Schneen, wann???

    [41] Lager Friedland, 20.9.45 von Brit. gegründet?... Infos

    [42] checken

    [43] Info Major Mitchell???

    [44] Konrad Weymann, * ? in ?, U? in ?
    Marie Weymann geb. von Winzingerorde, * ? in ?,
    U
    ? in ?

    [45] was da sonst noch so " deutsches drin steht " checken

    [46] Frau von Buchka???
    Friedrich Ernst von Sachsen Altenburg
    Mäus und Hummi Seidler, die Geschwister Seidler sind Flüchtlinge aus dem Osten, die dann auf dem Hof Zimmermann in Hambrook heimisch wurden.
    Hans-Georg Volkhardt, Student ???
    ? Rosenbach???
    Uschi Rosenbach???

    [47] Lilo Vogt war ehemals in Thüringen eine höhere BDM-Führerin und wurde dann prompt von den Russen eingesperrt. Als sie dann herauskam, durfte sie nur eine niedere Tätigkeit annehmen und wurde Dienstmädchen bei uns in Groß Schneen.. Als Dienstmädchen taugte sie nicht so sehr, aber es entwickelte sich daraus eine lebenslange Freundschaft , Bald kam auf ihr Mann Wilhelm Voigt aus der Gefangenschaft und sie zogen dann bald von hier fort. Oft haben wir uns in den späteren Jahrzehnten besucht. 

    [48] Bank deutscher Länder, Einheit checken

    [49] KdF - Vorher vergleichbares???

    [50] Damalige Zimmeraufteilung... bis wann???

    [51] Konfirmation EG ca. 1933

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