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und weitere Verwandtschaft

   Juli 1860
 

aus Wilhelm von Kügelgen
Lebenserinnerungen des Alten Mannes


Viel war die Rede von einem Vorfall, der an dem selben Tage stattgefunden hatte. Der Sohn des alten Lindner, ebenfalls Professor der Theologie*, war nämlich am Morgen auf sechs Jahre nach dem Zwickauer Zuchthause abgeführt worden, zur größten Satisfaktion der Ungläubigen und zum größten Schmerz der gläubigen Welt, zu der er sich gehalten. Er hat sich nämlich seit Jahren, das Vertrauen der Inspektoren täuschend, heimlich aus allen wertvollen Handschriften der Universitätsbibliothek mit der Schere Initialen und Miniaturen aufgeschnitten, während er gleichzeitig als Professor über Moral und Eigentumsrecht las.

Mit den annektierten Bildern konnte er nichts anfangen, er durfte sie weder jemanden zu zeigen noch zu verkaufen wagen, nur in stiller Nacht konnte er sich allein daran erquicken. Zezschwitz, der ihm befreundet war, nannte dies Laster Ikonomanie, Fechner Spitzbüberei. Merkwürdig ist es, daß der höchst verblendete Ikonomane oder Spitzbube, der sonst für einen Ehrenmann gegolten, seinem Beichtvater Ahlfeld gestanden hat, daß er während seines langjährigen langfingrigen Gebarens nie die geringsten Gewissensbisse gehabt. Der würdige alte Vater, eine treffliche Frau und liebe Kinder weinen ihm nun nach. Gott bewahre doch einen jeden Christenmenschen vor Ikono- und anderen Manien ! Das Christentum hat das Üble, daß es die zehn Gebote Gottes im Leibe hat, daher ein stehlender Christ zehnmal schlimmer ist als jeder andere Dieb, und solche Leute tun der Kirche mehr Schaden als die langweiligsten Prediger.
* Bruno Lindner geb. 1814, seit 1846 Professor der Theologie, Verfasser eines „ Lehrbuchs der Kirchengeschichte“ ( 1848 ). Er wurde 1863 begnadigt.
 

 

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