Bilderbuch der Erinnerung

von Studienrat Dr. Walther Brachmann,

Dresden

aufgezeichnet im Friedrichstädter Krankenhaus zu Dresden im August 1918
ergänzt auf Grund von handschriftlichen Angaben seiner Mutter im Oktober 1918

O weh, die kritzeligen Züge, das Geschmier !
Das durchzulesen all, ist mir, Das weiß der Kuckuck, kein Pläsier ! „
So wirst Du sprechen bald bei Dir, geneigter Leser, denkst Du, mir ?, so viel zu schreiben auf verwünschtem Kriegspapier ? 

 
Manch schöne Wanderung hab’ ich gemacht durch Berg und Tal; mit Wonne ruft sich das Auge die schönen Bilder zurück. Aber köstlicher war kaum etwas, als der Karersee in Südtirol. Jetzt entweiht eine prunkvolle Gasthausbar die Stätte. Damals war’s unverfälschte Natur in rechter Bergeinsamkeit. Da lag der unbewegte See, rings eingefasst von dunklen Wäldern, die ihre Spitzen in den glatten Spiegel tauchten, und auf der Gegenseite wuchs riesig in den Spiegel hinein die rötlich leuchtende Wand des Marmalata, schroff und zackig, wie der Rosengarten und die Dolomitengebilde alle. Das Auge konnte sich nicht satt sehen. Glücklich, wer hier rasten durfte!

Auch in der Erinnerung Spiegel tauchen Bilder auf und erzählen, wie reich das Leben war. Aber es gehört ein friedevolles Gemüt dazu, den Spiegel glatt zu halten und stille Rast, ihr sinnend zu beschauen. Beides hat mir Gott geschenkt in dieser langen Krankheitszeit. So will ich denn dankbar in den Spiegel mich vertiefen und von dem, was er mir zeigt. Bilder in leichten Strichen auch mit der Feder festhalten zu Nutz und Frommen meiner Kinder. Die treuesten Bilder und die liebsten zeigt er vom Elternhaus. Solche sollen’s denn vor andern sein, mit allerlei Gerank darum, wie um Steinbilder in einem alten Garten.

Stuttgart ist mein Geburtsort. Am 17. Dezember 1856 habe ich das Licht der Welt erblickt. Aber die lieben Eltern brauchten nur den Mund aufzutun, und man wusste, dass sie keine Schwaben waren. Sie sprachen die scharfbetonende baltische Mundart. Riga war ihre Vaterstadt und ich freue mich noch heute, sie als neunjähriger Junge betreten zu haben.

Spät erst bin ich nach den kurzen Kinderjahren wieder einmal dort als älterer Mann bei Gelegenheit einer Schwarzwaldreise. Da suchte ich das Haus auf der Friedrichstraße mit dem Garten. Verschwunden ! Die Geleise des Bahnhofs streckten sich darüber. Und einst war es so schön!

Ein ausgedehnter Garten war es, durch einen überbrückten Bach in den oberen und unteren Garten geteilt. Im unteren Garten stand ein Zwetschgenbaum und darum eine Bank. Dort saß einmal ein kleiner Junge und guckte in die Höhe; da fiel ihm Pflaume gerade auf die Nase, worüber er gerechte Entrüstung empfand. Im oberen Garten gab’s von der Hausbesitzerin wohl gepflegte Blumenbeete und einen Herzchenstrauch, meine besondere Liebe. Ich fühle noch das böse Gewissen, als ich solch einen Blütenstempel abbrach und die rosa Hülle von den weißen Herzchen rupfte. Viel Obst wurde geerntet. Deutlich steht mir vor Augen Bruder Konrads Hobelbank, in deren Schraube ein Sack mit Birnen eingefaßt wurde, das gab dann einen köstlichen Most.

 
Und gute Nachbarn gab’s. So Pluckei, wohl den Gärtner vom Nachbargrundstück, der so schön allerlei Getier auszustopfen verstand. Und liebe Verwandte gab’s. Großonkel Heinrich Brutzer, des Rigaer Großvaters Brutzer Bruder, der war Professor am Polytechnicum. Seine Frau war aus Irland, Tante Maria ( ) eine geborene Thomas. Fröhlichen Verkehr gab’s mit den Kindern, die meinen älteren Geschwistern etwa gleichaltrig waren. Ich sehe sie noch, die lieben „ Brutzerles " , auf der Gartentreppe an dem Austritt des Hauses von „Onkel" Heinrich , (Der Ausdruck Großonkel war nicht üblich) stehen: Luise, Marie, Charley. dann die lustige Eveline mit ihren langen Locken und Heinrich.
Sie alle, bis auf Carl, der Ingenieur in Württemberg
wurde, sind später, als Tante Marie nach Onkel Heinrichs Tode nach England zog, Engländer geworden. Die beiden älteren Töchter haben Seeoffiziere geheiratet. Bei einer von ihnen hat Käthe aus Bergedorf noch verwandtschaftliche Aufnahme gefunden.

Die lustige Eveline endete im Irrenhaus. Heinrich hatte an Epilepsie zu leiden, konnte aber die Stelle eines Geistlichen versehen. Einmal hatte es zuvor ein Wiedersehen in Deutschland gegeben, ein Zusammentreffen in Dresden ( lange vor unserer Dresdener Zeit ) , an dem Johanna und Konrad beteiligt waren. Als dann die erste Hochzeit stattfand, schenkten sie der Base ein Bild der Sixtinischen Madonna.

 
Viereinhalb Jahr bin ich in Stuttgart alt geworden. Im August 1861 sind die Eltern nach Breslau gezogen. So weiß ich nicht viel von der Stadt und ihrer Umgebung, nur, daß ich einmal über die Neckarbrücke ging. Und ein ländlicher Ausflug ist mir unvergessen, wohl einmal von Badenweiler aus. Da rasteten wir an einem Waldrand, und weit dehnte sich zu unseren Füßen die sonnige Landschaft aus. In der Ferne aber deutete Vater auf ein silbernes Band : das sei der Rhein. Ich war nicht wenig stolz, es zu erkennen, was nicht allen gelang .
 
Ja, der liebe Papa ! Was war sein Beruf, seine Tätigkeit ? Er hatte in Riga das Gymnasium besucht und mit Eifer die Alten gelesen, ja in Privatstunden sich in Pindars Dichtung einführen lassen. Dann studierte er Geschichte. Ich besitze noch eine umfangreiche Untersuchung von ihm über die Reformation in Livland, abgedruckt in den Schriften der Gesellschaft für Livländische Geschichte. Auch in Berlin hatte er studiert und gedachte da zu promovieren mit einer Abhandlung über Pippin. Doch wurde an der eingereichten Arbeit eine zeitraubende Umarbeitung gewünscht. Da verlor Papa die Lust und reichte die Doktorschrift mit Erfolg in Jena ein. Mit Wehmut sprach er mir einmal davon und fügte hinzu: „ Ja, da hätte manches anders werden können. "
 
Ich glaube, er hatte sich eigentlich die akademische Laufbahn vorgesetzt und ließ sich nun durch die Mißhelligkeit mit dem beurteilenden Professor aus dem Geleise drängen. Warum nur ? Etwa weil ein Bräutchen auf ihn wartete ? Er war durch seine begüterten Adoptiveltern mit den Mitteln, einen Hausstand zu begründen, versehen - ein zweifelhaftes Glück.
 
Auf der großen Sünderstraße in Riga standen die beiden Elternhäuser einander gegenüber. Im Hause des reichen Ratsherrn Kaufmann Brederlo wohnte im zweiten Stock der viel beschäftigte Arzt Dr. Carl Ernst Brutzer, aus Riga gebürtig, (1794) und nach einigen Jahren der Landpraxis in Kipsahl in Livland, wo auch die beiden ältesten Kinder Marie (1823 - 1915), meine nachmalige Mutter, und Henriette ihm geboren wurden, wieder in die Stadt gezogen. Dort folgten noch zwei im ersten Lebensjahr verstorbene Kinder. Erst fünfeinhalb Jahr war Marie alt, da starb die Mutter, Wilhelmine geb. von Holst (1801- 1829), nach siebenjähriger Ehe. Ein kleiner Kupferstich in unserem Esszimmer zeigt ihre edlen Züge.
Ihr Vater Heinrich Christian von Holst (1763- 1812) hatte Theologie studiert, war aber dann aber Landwirt geworden. Er besaß das Gut Winkelmannshof in der Nähe von Riga, war aber später lange Jahre Verwalter der Güter des ihm befreundeten Grafen Sievers im Minskschen Gouvernement. Dort lebte er in Barbarowa, das er von dem Grafen erworben hatte, in glänzenden Verhältnissen, bis im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen von 1812 ein Zusammenbruch erfolgte und er selbst an Typhus starb. Das Gut ließ sich nicht mehr halten. Die Witwe Friederike Wilhelmine geb. Timm aus Goldingen (1777 – 1846 ), zog mit 15 Fuhren, 20 Leibeigenen und einem Kamel, das später das ruhmlose Ende hatte, zu Seife verkocht zu werden, nach Livland.
 
Bei der Übernahme ihres vom Vater ererbten Gutes Kulsdorf schenkte sie fast allen ihren Leibeigenen die Freiheit, weil sie dort in beschränkteren Verhältnissen leben mußte. Kulsdorf lag bei dem Städtchen Lemsal, 12 Meilen von Riga. Als einer ihrer Söhne das Gut übernahm, zog sie für ihre letzten Lebensjahre nach Riga. Sie war allgemein hoch geschätzt wegen der liebenswürdigen stets heiteren Gemütsart, die sich auch in ihren Zügen ausprägt : es ist das prächtig wohlwollende frische Frauengesicht mit den schönsten Grübchen in den Wangen, das in Photographie in unserem Eßzimmer hängt. Sie hinkte etwas und fuhr in späteren Jahren stets in geschlossenem Wagen mit einem Vorreiter. Gestorben ist sie, 69 Jahre alt, 1845. Mama hat diese ihre rechte Großmutter mit Tante Jette zusammen gern in ihrer ländlichen Behausung „ Seelust " besucht und erzählte, wie sie am Sonntagmorgen in aller Frühe durch die Zimmer zu gehen und den frischgescheuerten Fußboden mit duftigem Kalmus zu bestreuen, auch mit einem angezündeten Wacholderzweig räuchern pflegte. Ihr Mann war 1789 vom deutschen Kaiser Joseph II. geadelt worden, zusammen mit seinem älteren Bruder Johann Valentin, der letztere als " Rechtskonsulent bei dem Gerichtshof der Rigaschen Statthalterschaft "; der Adel wurde von russischer Seite auf Grund von Güterbesitz anerkannt.
Doch ich kehre uns Brederlosche Haus zurück und lasse Mama selbst erzählen. „ Meine liebe Mutter starb schon am 12. Juli 1829. Uns wurde durch meines Vaters zweite Heirat ( 1832 ) wieder .eine sehr liebe Mutter geschenkt, aber schon am 20.Juni 1844 nahm Gott die teure Mutter Helene zu sich. Acht Kinder hatte sie Vater geschenkt. Unser Vater war nun unser Alles. Unten im Brederloschen Hause wohnte die liebe, sorgliche und oft betrübte Großmutter mit ihrem Manne, dem kunstkundigen und kunstliebenden Ratsherrn Brederlo. Für die hinterbliebene Kinderschar meines Vaters sorgte sie, und ihr Auge wachte eifrigst über allem. Oben im zweiten Stock wohnte Vater, am Tage stets überreichlich beschäftigt als sehr beliebter Arzt."
Diese Stiefmutter war Helene Marie geb. Lamprecht. Ihr Bildnis fällt auf durch die merkwürdige Pelzboa, die sie zur Verdeckung einer Brandwunde trug. Es zeigt ein feines, freundlich ernstes Gesicht. Von ihr haben die Brutzerschen Tanten aus zweiter Ehe den berühmten „ Wolkenricher ". Als sie nach 12 jähriger Ehe starb, fiel, was in dem eigenen Bericht verschwiegen ist, die arbeitsreiche Sorge für das Hauswesen in erster Linie der ältesten Tochter, der damals zwanzigjährigen Marie zu, insbesondere die Fürsorge für die jüngeren Stiefgeschwister. Gut, daß ihr der Rat der Stiefgroßmutter nicht fehlte. Diese,  Frau Juliane Lamprecht,  hatte in zweiter Ehe den Kaufmann Brederlo geheiratet. Die von diesem angeschaffte namhafte Gemäldegalerie habe ich noch gesehen.
Unter solchen Verhältnissen also wuchs in diesem Brederloschen Hause Marie Brutzer (01.11.1823 – 01.01.1915) heran, „ ein äußerlich sittsames Kind, vielleicht auch ganz lieblich anzuschauen " Gegenüber aber, in dem stattlichen Haus des Kaufmanns Christian Ewald Brachmann, Ältester in der Großen Gilde, ging ein „ fleißiger, strebsamer Gymnasiast " aus und ein in der etwas unbequem knappen dunkelblauen Uniform mit rotpaspelierten Aufschlägen.
Er stammte ursprünglich nicht aus diesem Hause. Sein Vater Johann Ferdinand Brachmann ( geb. Candau 14.02.1783, † Riga 23.10.1837 ), der sich als Kaufmann redlich durchschlug und über manche verfehlte Unternehmung zu klagen hatte, bewohnte mit seiner Frau Wilhelmine Charlotte geb. Neumann ( geb. Goldingen 02.02.1786, † Schmiedefeld bei Breslau 20.06.1870) ein Haus in der Vorstadt. Wilhelm war ( abgesehen von einem früh verstorbenen ) das jüngste von vier Kindern. „ Eine Scharlachepidemie ", so berichtet Mama, „ an der seine drei Geschwister erkrankten, wurde die Veranlassung, daß der kleine, wilde ( damals etwa vier Jahre alt ) aus den engen Verhältnissen des elterlichen Hauses in der Vorstadt Rigas zu dem Bruder seines Vaters, dem reichen Onkel und dessen freundlicher Frau, die kinderlos waren und in der Stadt ein schönes, großes Haus bewohnten, gebracht wurde. Und was nur einstweilen und als vorübergehend begonnen, das wurde den bis dahin so Einsamen so lieb und unentbehrlich, das muntere Treiben des kleinen Neffen Wilhelm, daß sie endlich von den Eltern Zustimmung zu ihrer oft wiederholten Bitte erhielten, ihnen diesen jüngsten Sohn abzutreten. So hatten nun diese seine Pflegeeltern die Sorge für die Erziehung und Schulbildung dieses Kindes übernommen. Das war nicht so leicht durchzuführen. Onkel und Tante reisten zwar für etliche Monate im Jahre nach Deutschland, weilten auch gern in Dresden nach beendeter Badekur ( meist in Franzensbad in Böhmen) , welche wohl die allmählich schwankend werdende Gesundheit des Onkels erforderte.
 
Ein festgeordnetes Schulleben begann wohl erst für den Knaben, als die Pflegeeltern ihn in Dresden in die Anstalt und Pension eines Lehrers Kaden ( Haus der Schwanenapotheke am Neustädter Markt ) gaben, was wohl die Veranlassung war, daß sie selber auch einen Winter hindurch in Dresden blieben, um dem Kinde, das sie zärtlich liebten, näher zu sein.
 
In diese Zeit fällt unzweifelhaft der Verkehr mit dem Acciseninspektor, späteren Finanzprokurator und Advokat Friedrich Christian Brachmann ( geb. 1770 ), von dem Papa mir erzählte. Es gelang den beiden Herren nicht, eine Verwandtschaft nachzuweisen, doch beschlossen sie, sich als Verwandte zu betrachten, zumal da der Tradition nach die kurländische Familie Brachmann ursprünglich aus Sachsen stamme. Auch unserm eifrigen Familienforscher Walther Brachmann aus Altona ist trotz seines heißen Werbens um Louise Brachmann dieser Nachweis bis jetzt nicht gelungen. Dieser Finanzprokurator Br. war nämlich ein Bruder der Dichterin Louise Br. ( „ Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich? ") , ein Sohn eines Christian Paul Br., der Privatsekretär des Feldmarschalls Daun, später kurfürstlicher Geleitskommissar in Weißenfels war. Dessen Vater um 1700 in Dresden, stammte aus einer Bauernfamilie in Franken. Einen Enkel des Finanzprokurators, Oberst z.D. Richard Br., habe ich in Dresden kennengelernt; er erinnerte mich in Wuchs, Gang und Gesichtszügen auffallend an Papa. Einen von ihm aufgezeichneten Stammbaum dieser Familie Brachmann sächsischer Herkunft habe ich dem Familienarchiv einverleibt.

Die Erinnerung an diesen Aufenthalt in Dresden und an seinen Lehrer war in späteren Jahren auch dem Manne immer noch lieb und trug vielleicht auch noch etwas bei zu dem Wunsche des endlich des häufigen Herumziehens müde Gewordenen, wenn noch einmal ein Wechsel des Wohnortes eintreten sollte, in Dresden leben zu können; entschieden ausgesprochen hat er den Wunsch aber nicht.

Wir finden den Knaben wieder in Riga in der Schule des dort allgemein geachteten Dr. Buchholz, zu Zeiten, wahrscheinlich während die Pflegeeltern auf Reisen waren, dort ganz in Pension gegeben, und wiederum noch später im Rigaer Gymnasium, wo er von seinen Lehrern als fleißiger, strebsamer Schüler wohl gelitten und gelobt wurde. "

 
Das waren denn die beiden füreinander bestimmten jungen Leute, die in den beiden gegenüber liegenden Häusern auf der Großen Sünderstraße aufwuchsen. Wilhelms mütterliche Tante Charlotte (1783- 1866) war eine geborene Plenzner von Plenzdorf. Eine Aufzeichnung ihres Vaters über die Geburt dieser Tochter Constantia Charlotte Wilhelmine, ausklingend in ein Gebet, habe ich ins Familienarchiv gelegt. - Diese Heirat mochte wohl zu den günstigen Vermögensumständen des Oheims und Pflegevaters beigetragen haben. Er betrieb ein Weingeschäft, z.T. aber verketten sich seine Kaufmannsgeschäfte mit den sog. Strusen ab. Das waren Flößer, die aus dem Hinterlande Waren auf der Düna nach Riga brachten. Die Flöße konnten sie nicht wieder stromaufwärts führen; sie schlugen sie in Riga los, und mit dem so erstandenen Holz ließ sich ein gewinnbringendes Geschäft machen. Von einer Reise hat er einmal dem kleinen Neffen zwei junge Bären mitgebracht , mit denen der Knabe wie mit Pudelchen spielte, bis sie größer und ausfällig wurden.
 
Die Züge der beiden Brüder Johann Ferdinand und Christian Ewald zeigen die beide großen, künstlerisch recht mangelhaften Ölgemälde in unserem Eßzimmer, das linke stellt den Großvater, das rechts den Großonkel dar, beide in feierlichen blauen Röcken mit goldenen Knöpfen. Darunter hingen die beiden Frauen, die Großtante Charlotte Brachmann, die uns oft in Deutschland besuchte, mit meinem Bruder Willi auf dem Schoß, ein Platz, um den wir anderen ihn stark beneideten, und die Großmutter Wilhelmine Br. geb. Neumann, die ihre letzten Lebensjahre ganz bei uns in Breslau gewohnt hat. Zwischen den beiden Brachmannschen Geschwisterhäusern „waltete herzliche verwandtschaftliche Anhänglichkeit und Liebe". Der Brüder Heimat war das Kurländische Städtchen Candau, wo ihr Vater Johann Friedrich Br. Gasthofbesitzer war, geb. in Candau 1736, gestorben ebenda 1789, vermählt 1771 mit Katharina Veronika Appelbaum. Auf der baltischen Ausstellung 1918 war eine Stickerei zu sehen, die sie ihrem Sohn Chr. Ewald zum Geburtstag gemacht hat.
 
Das Vorstadthaus in Riga, in dem Papas Eltern wohnten, schloß sich für ihn, als er 15 Jahre alt war. Schon 1837 starb sein Vater Joh. Ferd. Brachmann, und die Witwe zog in ein Stadthaus. Wenn der Jüngling, später auch mit seiner Braut, da einkehrte, fand er außer der geliebten Mutter auch die Großmutter Neumann, die nun bei ihrer Tochter lebte und von ihr „schön und treulich verpflegt" wurde. Sie hatte da einen erhöhten Fenstertritt nach der Straße hinaus, und da fand man sie auf einem bequemen Lehnstuhl sitzend gebückt über ihrer Bibel. Sie ist etwa 90 Jahre alt geworden. Von dem heranwachsenden Wilhelm sagte die alte, freundliche Großmutter: Wer den einmal zum Manne bekommt, der hat an ihm ein treues Herz, einen Edelstein, wenn auch in rauher Schale." Von ihr haben wir ein sprechendes kleines Ölbildnis rechts vom Geschirrschrank in der Eßstube; es zeigt einen in eine Spitzenhaube gekleideten alten, eingefallenen, aber scharfblickenden Frauenkopf mit auffallend gelber Gesichtsfarbe.
 
Aus Goldingen, einer namhaften Stadt in Kurland stammten Urgroßmutter Neumann und ihre Tochter, Großmutter Brachmann. Aus Goldingen stammen auch Brutzers. Es war im Jahre 1769, da wanderte ein frischer 13 jähriger Bursche von Goldingen nach Riga, um die Kaufmannschaft zu erlernen; er hieß Christian Eberhard Brutzer (1756 – 1808 ). Er brauchte nicht lange zu suchen, wohin er sich wenden sollte. Sein Vater, der Kürschnermeister Tobias Brutzer in Goldingen, hatte eine Gertrud Timm zur Frau, und das Kaufhaus von Christian Heinrich Timm ( 1728 – 1809 ) war es, in das er eintrat. Er war dort acht Jahr Handlungsbursche, dann fünf Jahre Geselle. Der Handelsherr hatte ein Töchterlein, Marie, Dorothea ( 1766 – 1817 ), dessen Herz Christian Eberhard gewann, und 1782 wurde er Geschäftsteilhaber seines Schwiegervaters. Am 08. November 1784 hat er vor dem Rigaschen Rat den Bürgereid geleistet.
 
Dieser Christian Eberh. Brutzer ist Mammas Großvater. Er hatte drei Kinder: Henriette, Carl Ernst ( geb. Riga 12.11.1794, † ebenda 05.03.1877 ), Dr. med., später Kaiserlich russischer Staatsrat und als solcher geadelt , Mamas Vater und Heinrich Wilhelm, den Professor am Polytechnikum in Stuttgart. Seine Frau Marie Dorothea geb. Timm war übrigens eine Schwester von Mamas Großmutter mütterlicherseits , Friederike Wilhelmine von Holst geb. Timm. Großvater Brutzer hatte also in erster Ehe seine Base geheiratet.
 
Wie Christ. Eberh. Brutzer aus Goldingen stammte, so findet sich dort die älteste nachweisbare Erwähnung eines Brutzer : Im Jahre 1740 wurde Ältester in Goldingen ein Andreas Johann Brutzer aus Ledicken, einem Nachbarort von Goldingen. Die Annahme, daß dieser der Vater von Chr. Eberh. Vater Tobias Brutzer war, liegt um so näher, als beide der Kürschnerzunft angehört haben. Die ebenfalls in Goldingen heimische Familie Timm mag zwischen 1740 und 1760 nach Riga übergesiedelt sein, wo sie nun in Kirchenbüchern und Stadtarchiven öfter genannt wird. Wenn also unsere Eltern beide in Riga aufgewachsen sind , weist doch die Abstammung beiderseits nach Goldingen und Kandau und ist somit Kurland, soweit die Kunde reicht, unsere Heimat.
 
Aus dem lebhaften Knaben Johann Robert Wilhelm Brachmann ( geb. Riga 27.12.1822, † Heldrungen 28.5.1892), dessen Umwelt in seinen Jungenjahren wir kennen gelernt haben, war längst ein tatkräftiger junger Mann geworden, der auf deutschen Hochschulen seinen regsamen Geist bildete. Neben der Geschichte hatte er mit Begeisterung Musik getrieben, ihr widmete er sich nun mit voller Hingebung. Er trug in jener Zeit einen Ring, der eine Lyra zeigte, mit der Umschrift : VNA VITA MEA. Bei Dehn und Haupt in Berlin lernte er Harmonie- und Kompositionslehre. Er spielte sehr gut Klavier, auch sind eine Menge Kompositionen von ihm vorhanden, freilich nur weniges davon gedruckt, wie überhaupt eine gewisse Scheu vor dem Hervortreten in die Öffentlichkeit ihn hier und da hemmte, zumal wenn absprechende Kritik ihn berührte. Von weiteren Veröffentlichungen soll das Urteil eines Fachmannes ihn abgehalten haben, seine Kompositionen ließen hier und da Originalität vermissen. Nun, Freude hat er den Nahestehenden genug damit bereitet. Ich denke nur an das jubelnde „Wie ist doch die Erde so schön, so schön", wie das sinnig feine „ Frühmorgens wenn die Hähne krähn ", wie das hoffnungsfreudige „ Noch nicht, aber bald, macht der Winter halt ",das schon seinen späteren Jahren angehört. Bruder Heinrich hat diese schöne Gabe von ihm geerbt. Manch sinniges Lied hat er vertont, besonders einige von Fr. Wilh. Weber, wie „ Die Abendglocken " und „ Nun danke Gott, die Fahrt ist aus ", aber auch andere, wie z.B. „ Wandern, wandern mag ich in die Welt ". Heinrichs Plan, ein Brachmannsches Liederbuch, in dem Vertonungen von Papa, von ihm selbst und seinen Brüdern enthalten wären, als Manuskript drucken zu lassen, ist leider nicht zur Ausführung gekommen.
 
Papas Studien unterbrach in Herbst 1844 eine Reise nach Italien mit seinem Lehrer Dehn - die Reise berührte Venedig , Ferrara, Bologna (Besuch bei Rossini ), Pisa, Livorno, Rom, Neapel. Die von Mama mir geschenkten Reisebriefe habe ich dem Familienarchiv einverleibt - von wo er köstliche Erinnerungen und schöne Bilder mitbrachte, z B. die unser Wohnzimmer schmückende Reihe von Kupferstichen nach Raffaels Tapeten, sowie die in meinem Zimmer aufgehängten aus der Stanza della Signatura.
In Stuttgart wurde er Mitbegründer und -Leiter der Musikschule, des späteren Konservatoriums für Musik. Beim 50-jährigen Jubelfeste der Anstalt hat man dankbar seines Wirkens und seiner uneigennützigen Förderung der Sache gedacht . Es muß ein frisches, begeistertes Musikleben gewesen sein.
Einer der Hausfreunde war der Weinhändler Laiblin, der eine schöne poetische Ader hatte. Da kam’s öfter, daß beim abendlichen Zusammensein Laiblin ein Gedichtchen machte und Papa es sofort vertonte. Das hübsche Lied „ Wenn in nächtlich trauter Stille " ist auf solche Weise entstanden.
 
Noch vor Begründung der Musikschule war es, als Papa ein Landgütchen in der Nähe des Bodensees erwarb und eine eifrige landwirtschaftliche Tätigkeit aufnahm. Gern denke ich noch an die Erkundungsstreife, die ich, schon graubärtig, gelegentlich eines Aufenthalts am Bodensee unternahm, um diese Stätte zu sehen. Von Langenargen aus am württembergischen Nordufer des Sees mußte ich im Sonnenbrand landeinwärts wandern, bis ich nach Thuniswald kam, und da war’s eines der letzten Gehöfte am Waldrand. Ich fand ein mäßig großes, nicht sonderlich ansprechendes Haus, zu dessen Oberstock eine Freitreppe hinaufführte, von mehreren Wirtschaftsgebäuden, z.T. aus Holz, umgeben. Daran schloß sich die Feldflur an. Die Leute waren draußen bei der Feldarbeit. Ich suchte sie auf und fand auch einen alten Knecht Baptiste, der von Papa wußte. „Ja" , sagte er, „der Herr Doktor hat den Boden gehörig umgetrieben." Mit diesem Ausdruck meinte er wohl das Roden des damals noch weiter hereinreichenden Waldbodens. Von Mama ist mir die Äußerung im Gedächtnis : „Gründlich hat Papa die Landwirtschaft betrieben, wie alles, was er in Angriff nahm "; von Papa selbst die Bemerkung, daß er auch den Dreschflegel zur Hand genommen, aber dann gemerkt habe, wie schwer es sei, mit den Dreschern Takt zu halten. Gern hätte ich mir ein vollständiges Bild von Wohnräumen und Wirtschaftsbetrieb verschafft, allein der moderne Wanderer hat auch bei Erinnerungsfahrten mit der Unrast zu kämpfen, die Eisenbahn und Dampfschiff bringen. Doch genoß ich auf dem Rückweg mit Genugtuung den stolzen Anblick des Säntis auf dem gegenüberliegenden Seeufer, an dem Papa, wie ich von ihm gehört, immer seine besondere Freude gehabt hatte.
 
Nachträglich bekam ich von Mama einen Brief in die Hände , in dem Papa Großvater Brutzer von dem Kauf berichtet. Im April 1850 waren die Eltern, denen bis dahin seit Februar 1847 im zweiten Stock des Brachmannschen Hauses auf der Gr. Sünderstraße die erste Heimstätte bereitet worden war, mit ihren zwei in Riga geborenen Kindern, Johanna und Konrad, nach Stuttgart gezogen. Papa, der die Russificierungsbestrebungen schon damals sehr ernst ansah, wollte, wie ich wiederholt aus seinem Munde gehört habe, seinen Kindern auf jeden Fall das deutsche Vaterland erhalten. Dank sei ihm dafür!  Am 21. August 1851 erfolgte der Gutskauf, vom 2. September ist der Brief, in dem sich folgendes findet : „ Das Gütchen besteht aus 101 Morgen Acker, Wiesen und Wald und ist, bis auf die Wiesen, ganz arrondiert ...Es ist eben und hat kiesigen Grund, wie die meisten Ländereien in dieser Gegend. Die früheren Besitzer des Gütchens haben es aber sch1echt bewirtschaftet, und deswegen habe ich es auch für den mäßigen Preis von 13,900 Fl erhalten, wofür mir auch der größere Teil der heurigen Ernte und fast der ganze Viehbestand zufallen. Der letztere bestehend aus 2 Pferden, 3 Kühen, 3 Ochsen und 2 Rindern, wozu ich noch von den Leuten eine Kuh und ein Kalb gekauft habe; der gegenwärtige Bestand ist also 12 Stück.....Auf dem Gute werde ich ein Wohnhäuschen errichten lassen, wo man aus der Bel-Etage die Schweizer und die Vorarlberger, vom Belvedere auf dem Dach aber den See wird erblicken können.....
 
Heute ist der künftige Verwalter angelangt, und ich bin nun der größten Mühe überhoben, obgleich ich, wie früher täglich längere Zeit auf dem Gute sein und mich von allem unterrichten werde. Ende September erst gedenke ich mit Marie und den Kindern nach Stuttgart zu gehen und dann im Frühjahr, sobald die Feldarbeiten beginnen, so Gott will, wieder hierher zu kommen, natürlich zuerst allein, bis die Witterung wärmer wird. Das Gut heißt Thuniswald, weil es früher Besitzung einer Gräfin Thun war. Diese Gräfin war eine geborene Gräfin Montfort, aus dem alten Geschlecht, das früher fast alles Land von Langenargen bis Bregenz und landeinwärts bis Tettnang besaß und dessen Schloß noch als Ruine in Langenargen steht. Bei Thuniswald fängt auch die große Waldung an, die früher das Jagdrevier der Grafen von Montfort bildete, jetzt aber kein Wild mehr behaust.
 
Die Nähe des Waldes, die freie ebene Lage, nicht zu weit und nicht zu nah vom See scheint mir Thuniswald zu einem gesunden, angenehmen Aufenthalt zu manchen, wo ich gern so manchen Sommer mit den Meinen verleben möchte. ..Wieviel Interesse Onkel Heinrich an dem allen nimmt, können Sie sich bei seinem lebhaften Sinn und regen geistigen Leben wohl schon denken. Heute erhielt Marie einen Brief von ihm, worin er ihr schreibt : ..."Weißt Du, wem ich am meisten wünschen möchte, Euer Thuniswalder Leben und Treiben zu sehen und seine Freude daran zu haben ? Nun, Du wirst Dir’s wohl denken, daß das Vater wäre –diese Freude würde ich meinem lieben alten Bruder wohl von Herzen wünschen! ..Nun, wenn alles sich günstig gestaltet, so hoffe ich Sie, lieber Vater, auch einmal auf Thuniswald begrüßen zu können. ...Ich schließe......mit der Bitte, in freundlichem Andenken zu behalten Ihren Sie aufrichtig hochschätzenden Schwiegersohn Wilh. Brachmann."
 
Mama fügte u.a. folgendes hinzu : „ Mein liebes, gutes Väterchen! ...Einen sehr hübschen Plan zu einem Wohnhaus hat der Professor Bregmann aus Stuttgart, ein College von Onkel Heinrich, den wir in diesem Sommer hier kennengelernt und der theoretischer und praktischer Architekt ist, für uns gezeichnet. Schöne alte‚ Walnußbäume, unter deren Schatten wir schon einmal Kaffee getrunken, werden einen hübschen Platz zum Sitzen geben, der Wa1d ist ganz in der Nähe, kurz, der Platz würde Dir gewiß sehr gefallen; und wenn erst das Häuschen steht und alles Nötige drin ist, dann mußt Du kommen, im nächsten Sommer hoffentlich, und mit Onkel Heinrich bei uns wohnen...... Wir werden wohl gewöhnlich von April bis Oktober hier wohnen......Großmutter Holst würde sich auch freuen über diese Aussicht zum Landleben und mit uns Pläne machen zu Kälber- und Ferkelzucht, zu Gemüse- und Blumengarten usw. Mir macht das Einrichten auch vielen Spaß, nur könnten, wenn es nach meinem Wunsch wäre, das ganze Gut und das ganze Unternehmen kleiner sein; doch kann es vielleicht auch so ganz gut sein und werden. Wenn Du nur alles sehen könntest. Nun leben wohl, lieber, lieber Vater! Wir sind G.s.D. alle jetzt wohl und munter! Johanna wird recht groß und stark und Konrad ist wild und kräftig, wie immer. In treuer kindlicher Liebe Deine Marie. "
 

Bei Übersendung dieses Briefes i.J. 1912 äußerte Mama, es habe sie gefreut, die so lange schlummernden Erinnerungen wieder aufzufrischen. Daß es nicht so gekommen, wie der liebe Papa sich gedacht, das habe zumeist an äußerem Umständen gelegen, dann auch an Schul- und Erziehungsverhältnissen usw.

 
In Aufzeichnungen Mamas aus ihren Alterstagen finde ich, daß die Eltern die Winter 1853 und 54 in Ulm zugebracht hätten, die Sommermonate, so lange die Kinder nicht schulpflichtig waren, in Langenargen. Demnach wird die Tätigkeit an der Stuttgarter Musikschule ( die Musikschule wurde erst 1857 gegründet ) nicht vor 1854 begonnen haben, und damit dürfte dann das Aufgeben von Thuniswald zusammengehangen haben. Leider wurde Papa im Lauf der Jahre seine leitende Stellung am Conservatorium mehr und mehr unbefriedigend. Begegnungen mit leichtlebigen Künstlern mögen dazu beigetragen haben, hatte er selbst doch in jener Zeit eine Wandlung zu tieferem christlichem Ernst erlebt, die wohl anfangs, der damaligen religiösen Bewegung in Süddeutschland entsprechend, eine pietistische Färbung hatte. Ein Institutslehrer Heyer, eine innige, lautere Persönlichkeit wurde sein Freund und übte tiefen Einfluß auf ihn; er hat uns später einmal in Breslau besucht. Daß er wirklich ein guter Mann war, merkten wir an der riesigen Traubenschachtel, die in jedem Herbst aus Stuttgart eintraf; da gab’s köstlichen weißen und blauen Wein und besonders beliebt der rötliche Muskateller. Auch mit Löhe und seinem Kreis kam Papa in Berührung. Diese Beziehungen sind maßgebend geworden für seinen späteren Lebensgang.
 
Mit der Entschiedenheit, die sein Wesen beherrschte, fragte und suchte er, nach dem die Lösung von der amtlichen Stellung in Stuttgart erfolgt war, nach dem Ort, wo die lutherische Kirche am lautersten zur Erscheinung komme, und wurde so zur altlutherischen Kirchengemeinschaft in Preußen nach Breslau geführt. ( August 1861 ). Eine Zeitlang trieb er Hebräisch und andere theologische Studien in dem Gedanken, vielleicht selbst noch als Pastor dieser Kirche dienen zu können. Dann begnügte er sich in rührender Bescheidenheit mit einem unscheinbaren Helferdienst im Breslauer Ober-Kirchen-Collegium, den er lange Jahre hindurch ohne Entgelt mit großer Treue versehen hat. Daneben nahm er seine geschichtlichen Studien wieder auf. Er vertiefte sich in die Geschichte Schlesiens, arbeitete fleißig an einer groß angelegten synchronistischen Tabelle, in welcher Begebenheiten der äußeren Geschichte und solche auf den verschiedenen Gebieten des Geisteslebens zusammengestellt waren. Leider ist nichts davon zur Vollendung oder wenigstens zur Veröffentlichung gekommen.
Daneben ruhte natürlich die Musik nicht. Wie schön war’s, wenn Papa und Mama vierhändig spielten .Da wurde mit großem Ernst erlesenste klassische Musik getrieben. Als größerer Junge wurde ich ab und zu in die Konzerte des Orchestervereins mitgenommen. In gespannter Erwartung ging ich das erste Mal hin. Und was machte ich für eine Entdeckung ? Ich kannte jeden Ton von dem, was vorgetragen wurde. Es war eine Beethovensche Symphonie, die ich von den Eltern oft hatte vierhändig spielen hören. Hausfreunde nahmen, z .T. regelmäßig an festgesetzten Abenden, am Musizieren teil. Und als die großen Geschwister herangewachsen waren, was für ein frisches Musikleben erblühte da ! Konrad spielte die Geige, von Papa auf dem Klavier begleitet. Johanna sang mir ihrer ausdrucksvollen Stimme Lieder von Papa, z.B. das Heimatlied von Geibel,  Mama zum Trost nach der Auswanderung aus der baltischen Heimat componiert, „Vöglein , wohin so schnell ?", Lieder von Schubert, Mendelsohn , Taubert und vielen andern, unvergesslich schön
„ Es war als hätt’ der Himmel die Erde still geküßt " von Rob. Schumann. Und manch anderes Lied, das mir noch in ihrer besonderen Betonung im Ohr klingt. Und wenn Konrad ganz von Dichtung und Melodie hingenommen, dastand und Archibald Douglas von Loewe sang, da weckte seine männliche Begeisterung Sehnsucht und Wonne in der Brust des lauschenden Knaben. Heinrich pflegte mit besonderer Liebe das Klavierspiel. Willy später das des Cello; Manches Trio erklang in unserm Saal. Es gab keine Oratorienaufführung, die wir nicht genossen, keine Gesangdarbietung in unserer Kirche, an der wir nicht teilnahmen. Alljährlich freute man sich z.B. auf die liturgische Weihnachtsfeier und schon auf ihre Vorbereitung unter der Leitung des alten Kirchenrats Nagel. Ja, es war edelste geistige Kost, mit der wir genährt wurden.
Rührend ist mir in der Erinnerung, die hingebende Geduld, mit der der liebe Papa meine eigenen dürftigen Musikleistungen zu fördern suchte. Ich war ein schwächlicher Junge, und die Leistungsfähigkeit hielt mit dem Streben vielfach nicht Schritt. Eine zeitlang wurde ich aus der Schule genommen und zu Hause unterrichtet. Dann ins Gymnasium eintretend, überflügelte ich regelmäßig meine Klassengenossen durch Schärfe der Auffassung und Fähigkeit der Anwendung des Lernstoffes. So wurde ich wiederholt schon nach einem halben Jahr, statt nach einem vollen Jahr in die höhere Klasse versetzt. Das tat der reizbaren Veranlagung nicht gut. Vermehrte Hausarbeit war die Folge, weil doch nicht alles Gelernte durch Übung gehörig verdaut war, und weil eine übertriebene Gewissenhaftigkeit sich von buchstäblicher Erfüllung aller Aufgaben nicht abbringen ließ. Die Eltern merkten den Nachteil wohl und erhoben schließlich Einspruch. Trotzdem geschah’s ein paar Jahre später zu ihrer und meiner Überraschung, daß ich als vorzeitig versetzter Primaner nach Hause kam. So fehlte es je länger je mehr an Zeit zu freier Beschäftigung auch in der Musik. Ich hatte, wie alle Geschwister, zunächst Klavierunterricht bei Papa. Durch Konrads Vorbild gelockt, bat ich mir aus, Violinstunden zu bekommen. Da setzte mir Papa eine Frist: erst müsse ich im Klavierspiel so weit sein, daß ich eine Beethovensche Sonate spielen könne. Als das erreicht war, bekam ich Geigenstunde, freilich bei einem wenig anziehenden und anregenden Lehrer; er war ein Mann ohne Bildung, der mir immer schon auf der Straße durch seine ungewöhnliche Häßlichkeit aufgefallen war, aber geigte ganz gut und war von einer bekannten Familie empfohlen. Nun fehlte mir aber bald die Zeit zu energischem Üben, und schließlich war das Ergebnis, daß ich weder auf dem einen noch auf dem andern Instrument was Rechtes leistete. Und doch, wie manch liebes Mal hat der liebe Papa mich unverdrossen begleitet, wenn ich auf der Geige, die schönen Sachen von Schubert, Beethoven, Mozart, Händel, Tartini zu bemeistern suchte und, wie ich selber merkte, nur zu oft stümperhaft verdarb!  Immer wieder forderte er mich, wohl auch, um der Lern – und Denkarbeit ein Gegengewicht zu bieten, zu solch gemeinsamem Spiel auf und nahm freundlich den guten Willen für die Tat.
Damals war Mamas sauberes Klavierspiel längst verklungen, oder doch zu einer großen Seltenheit geworden. Wo sollte wohl die liebe Hausmutter bei der wachsenden Kinderschar die Zeit dazu hernehmen ? Wie oft baten wir sie, wenn irgend etwas gemeinsames vorgenommen wurde, sich zu uns zu setzen! „ Gleich, gleich! " hieß es dann, und sie war wieder entschwunden. Einen Feierabend kannte sie kaum. Groß war freilich die Schar, die äußerlich und innerlich versorgt sein wollte.
 
Johanna und Konrad waren noch in Riga geboren, 1848 und 49, Heinrich, Willy und Walther in Stuttgart, nach Heinrich noch während eines Zwischenaufenthaltes in Ulm ein Brüderchen Wilhelm Reinhold , das nur wenige Tage alt wurde; ein Schmetterling wurde auf seinem Grabstein gebildet; endlich Frieda, Lenchen und Mariechen in Breslau, die letzte 1865. Lenchen war krank und schwach und starb in zartem Alter. Da ist mir der Tod zum ersten Mal entgegengetreten. Ich sehe sie noch mit den merkwürdig eingefallenen Lippen, mit einem Cypressenkranz geschmückt, im Sarge liegen.
Konnte denn Mama keine wirksame Hilfe bekommen im großen geselligen Haushalt ? Nun, so leicht war’s nicht, denn sie gehörte zu den rastlos hingebenden Naturen, die alles selbst tun zu müssen meinen. Doch gab es nicht nur Dienstmädchen, sondern zeitweise, erfahrenere Gehilfinnen im Haushalt. Vor allem aber kam in besonderen Zeiten und blieb das eine und andere Mal monate-, ja wohl, jahrelang : Tante Jette aus Riga. Sie war Mamas einzige leibliche Schwester und mit ihr innig verbunden von der Zeit her, wo jene als die Älteste in noch jugendlichem Alter den Haushalt des zum zweiten Mal verwitweten Vaters versehen und die jüngeren Geschwister versorgen mußte. Wunderhübsch war sie als Kind gewesen, so daß, wie Mama gelegentlich erzählte, die Hausfreunde ihr auf der Straße wohl einmal verwundert nachsahen. Als wir sie kannten, war ihr Ausdruck durch die sehr auffallende Kurzsichtigkeit beeinträchtigt; er trug aber auch den Stempel der Aufopferung, ja fast des Darbens. Ein selbstloseres Menschenkind habe ich nie gesehen. Man mußte sie nötigen, sich das zu gönnen, was sie für andere reichlich beschaffte. Einen behaglichen Raum für ihren Gebrauch hielt sie für überflüssig. Wie oft haben wir sie an einer Kommodenecke kauernd gefunden, wie sie bei einem Lichtstümpfchen, die Augen dicht über dem Papier, einen Brief schrieb ! Das war ein besonderes Stück ihrer Treue, daß sie die Briefverbindung herstellte in dem ausgebreiteten Verwandtenkreis. Und was für Briefe schrieb man damals, was für tagebuchartige Krankenberichte z .B. mit gewissenhafter Aufzählung aller „ Symptome " ! Aber nicht nur Briefe waren es, die sie schrieb. Sie hatte eine ausgesprochene dichterische Begabung und hat viele an Festtagen und sonst damit erfreut. Zwei Gedichte von Tante Jette, wohl für ihren Vater, Großvater Großvater, bestimmt :
 

Zu einem Thermometer (1873)

Wohl ist’s mit der Wärme auf Erden, oft kümmerlich nur bestellt;
oft müssen wir’s inne werden, wie sie bald steigt und bald fällt.
Auf daß nun der Wechsel nicht schade und Kühlung nicht dringe herein,
so muß wohl auf Linien und Grade ein fleißiges Augenmerk sein .
Doch nicht nach Linien und Graden strömt die Liebeswärme ins Haus;
Wir wissen’s der Vater der Gnaden teilt so gerne und reichlich sie aus.
Und wie er sich gnädig erwiesen in deiner Führung auf’s neu,
so sei von uns Kindern gepriesen die ewige Vatertreu.

 

Zu einem Brillenfutteral

Wenn nach treuen Schaffen, Sorgen still der Abend bricht herein,
müssen bis zum neuen Morgen alle Kräfte ruhen fein :

Nimm das Glas vom Auge fort, laß es ruh’n an seinem Ort.
Und wenn in der Menschen Wesen durch die Brille gar zu klar
Manch Verkehrtes ist zu lesen, dann auch ist es Zeit fürwahr,
Daß das Glas, vom Auge fort, stille ruh’ an seinem Ort.
Ich habe wohl in vielen Jahren deine Treue und Geduld
bei viel Mängeln oft erfahren, stehe stets in großer Schuld :
Laß die Brille auch hinfort für mich ruh’n an ihrem Ort !

 

Auch für sich in aller Stille goß sie ihr glaubens- und liebewarmes Herz in edlen Versen aus. Wir neckten sie neckte sie oft wegen ihrer Eigentümlichkeit. Aber wie lieb hatte sie jedes einzelne von uns Kindern! Eine Stunde ist mir unvergeßlich. Es war in Obernigk, einem ländlichen Ort nicht weit von Breslau, wo wir einige Jahre zur Sommerfrische weilten. In dem schönen Laubwald gab es einen besonders mächtigen Stamm auf freiem Platze, den man „Körnereiche" genannt hatte. Da saß ich mit Tante Jette, da erzählte sie von Theodor Körner, von der Napoleonischen Zwingherrschaft und von den Freiheitskriegen mit glühender Begeisterung. Ihr treues baltisches Herz und ihr in liebewarmer Mitteilsamkeit beredter Mund waren es, die zum ersten Mal lebendiges Vaterlandsgefühl in meiner Brust geweckt haben. Auch von Mama ist mir unvergeßlich das Leuchten des Antlitzes und die lebhaft gesteigerte Betonung, wenn sie das selbstverständliche patriotische Empfinden ihrer Jugendzeit mit den Worten schilderte : „Wir sind russische Untertanen, Livland ist unsere Heimat, aber Deutschland ist unser Vaterland.

"Ja, die liebe Mama, wie nahm sie sich bei aller Arbeitskraft jedes einzelnen Kindes an und suchte edles geistiges Leben in ihm zu wecken. Vor ihren Knien habe ich aus einer Bilderfibel lesen gelernt. Und wie war’s, wenn sie die große Schnorrsche Bilderbibel aufschlug und Willy und ich auf Schemeln vor ihr saßen ? Wie’s Hans Thoma gemalt hat. Als ich zum ersten Mal dies sein köstliches Bild sah, war mir’s sofort klar : das ist meine liebe Mama und niemand anders ! Nur daß sie in der Ecke eines Schwarzwälder Hausgartens sitzt und etwas anders angezogen ist, als ich’s von ihr gesehen. Mit eindringlichem ernsten Auge blickte sie einen an und hat den Finger mahnend erhoben, und auf ihren Knien liegt die große Bilderbibel. Und vor ihr sitzt auf der Fußbank ein Knabe, der sie ernst anschaut und kein Wort verliert.

 

Wie konnte sie so nachdenklich sprechen, jedes Wort eigenartig betonend, als ob sie seinen ganzen Sinn ausschöpfen wollte. Wenn sie so ein Bibelwort uns einprägte oder einen Liedervers, das konnte man nicht so leicht wieder vergessen. z .B das Paul Gerhardtsche „ Die güld’ne Sonne voll Freud’ und Wonne ", da kommt dann auch das Wort : „Wenn wir aufstehen, so läßt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein." 

Es war als ob sie sich nicht genug tun konnte im Preis der Herrlichkeit, die darin für uns beschlossen liegt und die ihr Teil geblieben ist bis zum friedlichen Feierabend. Den Katechismus haben wir bei ihr gelernt und einen Liederschatz fürs Leben.

 
Ernstes Christentum war der Grundstein unseres Familienlebens. Aber auf dieser Grundlage entfaltete sich ein für alles Schöne und Edle erschlossener Sinn romantischer Färbung. Die Musik stand im Vordergrund des Interesses. Vergleichsweise wenig kamen die bildenden Künste zur Geltung. Dem lieben Papa war es nicht immer gegeben, aus dem Schatz seines gediegenen Wissens in anregender Weise auszuteilen. Selbst in die Kunstschätze Breslaus, das stolz sein kann auf sein herrliches Rathaus, seine stattlichen Kirchenbauten und gewiß auch manche schöne Sammlung, wurden wir von ihm wenigstens nicht eingeführt;  die eigene Heimatstadt blieb uns eigentlich fremd, war’s doch auch nicht die rechte Heimat. Eifrig gepflegt wurde die schöne Literatur. Wie schön war’s, wenn Papa abends Dramen von Schiller, Goethe und Shakespeare äußerst lebendig vorlas! Wie eifrig wurde ergriffen, was die Brüder als Studenten an Anregungen heimbrachten! Wie ließ sich’ s Papa angelegen sein, durch die Wahl der Weihnachts- und  Geburtstagsbücher den Sinn auf das Edelste und Beste zu richten. Erst viel, viel später habe ich es durch den Vergleich mit dem Interessenkreis anderer dankbar empfinden gelernt. Dabei verfuhr Papa nicht engherzig. Als Primaner wünschte ich mir einmal Heines Buch der Lieder. Hatte mir wohl von irgend einem Schwätzer imponieren lassen. Papa fragte, warum ich gerade das haben wollte, und ich merkte sein Mißfallen; aber ich fand unter dem Weihnachtsbaum das gewünschte Buch. Geschadet hat es mir nicht. Bald fühlte ich mich durch die unwahrhaftige Selbstironie und durch den  sinnlich schwülen Hauch abgestoßen, Lange ehe ich die klägliche Persönlichkeit und die jüdische Mache verachten lernte. Als Sekundaner wünschte ich mir ein Buch über deutsche Mythologie. Papa ging nicht kurzweg in eine Buchhandlung, sondern beriet sich mit seinem Freunde Prof. Rückert, und auf seine Empfehlung erhielt ich das mir noch jetzt wertvolle Werk von Simrock, um, wie mir gesagt wurde, nach und nach  hineinzuwachsen. Der Wunsch nach einem Geschichtswerk brachte mir eine vielbändige Weltgeschichte. Wo es galt, geistige Interessen zu pflegen, wurde nicht gespart.
Doch wie war der Schauplatz von dem allem beschaffen ? Eine zeitlang wohnten wir zur Miete. Eines Tages aber kam Papa nach Haus und erzählte, er habe ein Haus gekauft mit einem Garten, in dem schöne, alte Rüstern ständen. Es war ein dreistöckiges Haus in der geschlossenen Reihe einer Vorstadtstraße, Teichstraße 2, der Garten lag dahinter. So wohnten denn wir nun im Eignen. Im Garten bekam jedes Kind sein Beet. Ein Reck zum Turnen wurde aufgestellt. Auf drei Seiten stießen Nachbargärten an. So daß es an Licht und Luft nicht fehlte. Gemüse wurde nicht gebaut, Blumen nicht viel, und das Obst beschränkte sich auf wenige Beerensträucher, aber es war ein ordentlicher Tummelplatz. Über den Hof gehend, kam man bei der Haushälterwohnung vorbei. Unter der Freitreppe stand die Hundehütte, da hauste Pless, ein kräftiger Neufundländer, den spazieren zu führen der älteren Brüder besondere Freude wurde Unter der Hausmannswohnung war ein geräumiges Gartenzimmer und daneben vom Hof aus zugänglich ein anderer Raum, der zeitweilig Tischlerwerkstatt, später als Pferdestall diente. In der Zwischenzeit durften wir da in idealer Weiträumigkeit unsere Eichhörnchen, Zeisige und Dompfaffen und dergleichen einquartieren. 
 

Allmählich wurden die Räume im ungeteilten ersten Stock zu eng; so wurde die Hälfte des Erdgeschosses hinzugenommen und durch eine hölzerne Wendeltreppe mit der oberen Wohnung verbunden. Da unten hatten die großen Brüder ihr Reich. Ungeheuer imponierte mir an Sonntagnachmittagen Heinrichs vollgequalmte Stube. Er war da regelmäßig von 5-6 Schulfreunden umgeben, von denen einer den unaussprechlichen Namen Drztsewocki führte. Der feinste unter ihnen war der leider von Gelenkrheumatismus viel geplagte Gustav Bock, Sohn eines Stadtverordneten und begüterten Fabrikbesitzers. Der jüngere Bruder, Hugo Bock, war Willys  Schulfreund. Später als Chemiker hier in einem schönen Lössnitzgrundstück ansässig, besann er sich lebhaft auf die Freundschaft während sein Sohn bei uns in Dresden Neustadt die oberen Gymnasialklassen durchmachte. Friedel hatte später als die Eltern schon in Herischdorf wohnten und er bei Böhringers, unseren lieben Hausgenossen, in Pflege gegeben war, einer angeregten Kreis von Schulfreunden. Ich war in dieser Beziehung in den früheren Jahren ziemlich verlassen, was mit dem wiederholten Klassenwechsel zusammenhing. Später fanden sich Freunde, besonders ein feiner Mensch namens Palm, der dann die höhere Postlaufbahn eingeschlagen hat. Indes war ich gerade in den früheren Jahren an den Sonntagen nicht allein, zusammengeschmiedet mit den mir gleichaltrigen aus der stattlichen Zahl von Söhnen einer ländlichen Pastorenfamilie, mit der eine gewisse Art des Gebens und Nehmens bestand. Sie erhielt wohl manche Wohltaten von den Eltern,  wir dagegen teilten in Ferienzeiten oft die ländliche Freiheit der Pastorensöhne. Da gab es einen kleinen bewaldeten Berg, von einem breiten Graben umgeben, einen trefflichen Spielplatz. Mir ist erst  nachträglich voll zum Bewußtsein gekommen, wie ich infolge einer haltlosen Gutmütigkeit unter dem geistesarmen Verkehr mit meinen Altersgenossen litt. Wie sehnte ich mich nach freier geistiger Beschäftigung, und nun wurde die köstliche Zeit nutzlos erschlagen! Aber schön war’s, wenn Heinrich und Willy mich mitnahmen auf eine Nachmittagswanderung nach Lohe. Das war ein tüchtiger Marsch, die Kohrauer Landstraße hinauf, wo man den Zobten klar vor Augen hatte, drei Stunden hin und drei Stunden zurück. Pless war auch dabei, er wurde durch seine tollen Sprünge den Straßengängern fast gefährlich. Draußen gab’s ein Bad im Fluß Lohe und eine tüchtige Portion Milch und Butterbrot in der Mühle.

 
Der Zobten war das Einzige, was man von Bergen von Breslau aus  erblicken kann. Wie lockt doch solch ein scharf umrissenes lustiges blaues Gebilde! Ich fühle noch die stolze Wonne, als auf einem Klassenspaziergang wirklich hingelangte, als Sohn der Ebene das erste Mal die Bergwelt betrat und es kennenlernte, was ein Fernblick aus luftiger Höhe ist. Die nähere Umgebung von Breslau bot landschaftlich nicht viel, und weitere Ausflüge von der Familie aus oder mit Freunden waren damals noch nicht üblich, um so eindrucksvoller solch ein Erlebnis. Die Sommerferien aber brachten öfters dem Leibe Erfrischung, dem Blick Weitung, dem Geist Anregung im Waldenburger Gebirge, im Riesengebirge, am Ostseestrand.
Doch auch in Breslau hausten wir nicht immer in der Stadtwohnung. Papa kaufte später etwa 1 ½  Stunden vor dem Tor ein bescheidenes Landhaus mit großem Garten am Eingang des Dorfes Schmiedefeld. Das war nun unsere liebe Sommerwohnung. Ein Pferdchen, von dem nichts weniger als herrschaftlichen rothaarigen Kutscher Wolf regiert, führte uns Schuljungen früh in die Stadt. Im Sommer vor der Reifeprüfung (1874) wurde mir’s aber erlaubt, in der Stadtwohnung zu bleiben, behütet von Frau Strietzel, von der die Rede ging, daß sie ihren Seelenwärmer als Kaffeesack benutzte.  
 
An Schmiedefeld haften besonders zwei Erinnerungen. Johannas Verlobung, von der ich später noch erzählen will, und Großmamas Heimgang. Großmutter Brachmann, schon 1837 verwitwet und zuletzt in  ihrer Einsamkeit von einer Frau Girgenson versorgt, war die letzten Jahre ihres langen Lebens bei uns. Sie war noch nie mit der Eisenbahn gefahren. Jetzt holte Papa sie aus ihrer Witwenstube in Riga in unsern belebten Familienkreis, ein ehrwürdiges, schneeweißes, gebücktes Haupt mit gelblichen, bleichen Angesicht und ernstem, liebevollem Blick. Ihr wohlgetroffenes Bild hängt in unserer Eßstube unter dem Ölbildnis ihres Mannes. Sie sprach nicht viel, hat sich wohl auch nicht mehr so recht in die neuen Verhältnisse einleben können. Einen herzlichen Kuß erwarb ich einmal von ihr, als ich auf die Frage nach dem Kaufpreis eines Gegenstandes ihr denselben nach rascher Umrechnung in russischen Kopeken nannte. Man mußte den Eindruck haben: hier ist die Vertreterin eines längst vergangenen Geschlechts in unsere Mitte getreten. Still wohnte sie in einer geräumigen Hinterstube nach dem Garten zu,  später Papas Zimmer. Wir klopften gern an ihrer Glastür an, denn jedesmal spendete sie mit freundlichem Wort von ihrem unversieglichen Vorrat an kleinen Lebkuchen. Um ihretwillen hauptsächlich hatte Papa das Häuschen in Schmiedefeld gekauft, damit sie ohne ihre unsicheren Füße anzustrengen, etwas von ländlicher Natur genießen könnte. Aber wenige Wochen nachdem wir hinausgezogen waren, wurde sie heimgeholt in den himmlischen Garten, ohne daß erst eine längere Krankheit vorausgegangen  wäre, 84 Jahre alt, am 20. Juni 1870.
 
Ihre Kinder waren außer Papa, dem Jüngsten, Johanna, als Frau eines Ratsherrn Strunk in Riga längst verstorben, ferner Onkel Ewald und Tante Minna ( Wilhelmine ). Onkel Ewald hatte später in Brüssel  eine Stellung als  Übersetzer im Ministerium inne. Nebenbei beschäftigte er sich mit Ölmalerei und Photographie. Wir hatten in Breslau von seinem Pinsel eine Anzahl hübscher Wiedergaben von Ölgemälden; einige davon sind wohl jetzt in Mölln und Lissa. Ein kleines Selbstbildnis in Öl hängt in unserem Eßzimmer. Er hat uns einmal in Breslau besucht. Seine Nachkommen sind leider durch Heirat z.T. wenigstens dem Deutschtum und Luthertum  entfremdet, und Tante Minna war in Breslau verheiratet mit einem Handelsschuldirektor Steinhaus, einen von den wenigen Menschen, über die ich aus Papas Munde ein verwerfendes Urteil gehört habe. 
 
Onkel Ewald wollte ihn natürlich, als er bei uns war, aufsuchen. Da war ich zufällig Zeuge wie Papa von ihm sagte: „ Er ist kein guter Mensch; ich warne dich vor ihm.“ Er ist aber später, wie Mama mir einmal später erzählt hat, ein anderer geworden und hat ein friedliches Ende gehabt. Viel eher schon in meiner Knabenzeit, wurde die freundliche Tante Minna von langem Siechtum erlöst. Papa hatte sie treulichst in ihrer Krankenstube besucht und auch öfters das eine oder andere von uns Kindern mitgenommen. Von den Kindern dieses Hauses ist besonders Base Sophie Steinhaus bei uns ein- und ausgegangen, die jetzt als Witwe, Frau Sophie Hage, in Obernigk bei Breslau lebt.

Schon ein Jahr vor seiner rechten Mutter hatte Papa seine Pflegemutter verloren. Sie, unsere liebe Großtante Brachmann, war auch früh verwitwet und hat uns dann oft auf längere Zeit besucht. Sie war eine stattliche, feine Frau, die wir alle sehr lieb hatten. Als sie in späteren Jahren kränker und kränker wurde, reiste Mama nach Riga und hat sie monatelang wie eine Tochter gepflegt. Die älteren Geschwister mußten hin nach Riga, um Abschied zu nehmen. Aber auch uns Jüngere wollte sie noch einmal sehen. So bin ich als neunjähriger Junge im Jahre 1866 nach Riga gekommen. Wir reisten unter Papas Schutz und Geleit. Aber schon in Königsberg traf uns die Kunde vom Heimgang der Großtante. Wir konnten nur noch zu ihrem Begräbnis kommen. Das war nun freilich eine Welt von neuen Eindrücken, die da auf das Kindergemüt einstürmte. Schon das Überschreiten der Grenze bei Eydtkuhnen und gleich darauf der Aufenthalt in der russischen Grenzstation Wirrballen mit dem Visieren der Pässe war befremdend und bänglich, nicht minder Kleidung und Sprache der russischen Beamten. Bei Dünaburg führte eine klappernde Eisenbahnbrücke über den mächtigen Strom. In Riga fielen sofort die Fuhrwerke mit dem nach oben geschwungenen Deichselbogen ins Auge.

 

Nun trat man in den großen Verwandtenkreis ein. Das war denn außer Onkel Struck und Tante Thekla, seiner zweiten Frau, hauptsächlich Mamas Familie: Großvater Brutzer mit seinen zahlreichen, zumeist verheirateten Kindern. Alles war so anders, selbst die Tageseinteilung: um 12 Uhr gab’s ein Gabelfrühstück an langer Tafel, am Spätnachmittag die Hauptmahlzeit. Wir ließen’s uns natürlich trefflich schmecken, besonders das “ Grobbrot “ und das “ süßsaure Brot  “. Die Brederlosche Gemäldegalerie wurde staunend betrachtet. Da war z.B. eine spanische Landschaft und als Staffage der Überfall eines Reisewagens durch Banditen. Die Schiffbrücke über die Düna überschritten wir, die im Winter allemal des starken Eisganges wegen abgefahren werden mußte. An treuer Tantenhand stiegen wir auf den Petriturm, den höchsten in Riga, um von dort Umschau zu halten. Da schlug aber unmittelbar über uns die Glocke an mit so gewaltigem Dröhnen, daß wir schleunigst die Flucht ergriffen. 

An einem Bäckerladen mit einem lockenden goldenen “ Kringel “  vorbei ging’s hinaus in die ländliche Vorstadt nach dem sogenannten Höfchen von Westbergs ; das war eine Stiefschwester von Mama, Tante Helene; mit ihrem Mann, einem wohlhabenden Kaufmann. Wir spielten fröhlich mit den munteren Kindern und kriegten nachher eine große Schüssel Himbeeren mit “ Schmand “ ( Sahne ).

 
Ein paar Jahre danach kam die Kunde, daß von der blühenden Schar binnen 14 Tagen vier durch eine tückische Krankheit dahingerafft waren. Zu Wagen ging’s hinaus nach Rothenberg. Da war die Irrenanstalt, die Onkel Gregor, der älteste Brutzersche Sohn, begründet hatte und nun im Auftrag der Stadt leitete. Erstaunlich war mir’ s, daß Geisteskranke mit an der Familientafel speisten.  Wir wurden  angewiesen, sie nicht besonders anzugucken und nicht anzuzureden, und so ereignete sich auch nichts Besonderes. Onkel Gregors Frau war Tante Minna, eine geborene von Kieter. Das war das kinderreiche Haus, das dann so früh verwaiste und an dem der blinde Onkel Ernst Vaterstelle vertrat.  Die Söhne sind alle tüchtige Männer geworden der älteste Gori, Leiter einer angesehenen Zeitung in Riga, einer Landwirt, erst im Innern Rußlands, dann in Posen, zwei Ärzte in Deutschland, und zwar der Jüngste, Alexander, Irrenarzt, wie sein Vater ; einer Missionar im Dienst der Leipziger Mission; drei sind am gegenwärtigen Krieg beteiligt: einer ist gefallen als deutscher Artillerieoffizier, einer ist deutscher Seeoffizier, einer war Arzt in Rußland, wurde noch vor Kriegsausbruch als russischer Militärarzt einberufen, geriet in Kowno in deutsche Gefangenschaft und wurde später als Arzt in deutschen Diensten verwandt.
 
Onkel Gregor hat uns auch in Breslau besucht. Deutlich schwebt mir noch vor seine stattliche Gestalt, sein aufrecht sich sträubender Haarbusch und die eigentümliche Gebärde, mit der er seine auch für einen Livländer auffallend nachdrücklich betonten Worte begleitete: er hackte mit beiden Händen, was durch die gespreizten Finger noch eindrücklicher wurde. Wir Kinder haben in der Folgezeit diese Handbewegung  und Sprechweise natürlich mit Wonne nachgemacht. Übrigens hatte seine Reise einen üblen Grund; er wollte zu Kußmaul nach Straßburg wegen seiner Magengeschwüre. Leider erlag er nach ein paar Jahren dem Übel, und nicht lange danach auch Tante Minna ihrem Lungenleiden, für das sie am Taunus vergeblich Heilung gesucht hatte. 
 
Onkel Ernst, der sich dann der Verwaisten annahm, war zur Zeit unseres Besuches in Riga auch anwesend in dem stattlichen, angeregten Familienkreis, an dessen Spitze der längst zum zweiten Mal verwitwete Großvater Dr. med. Carl Ernst Brutzer als allverehrter Hausvater und Herrscher stand.  Mir ist die gelegentliche Äußerung einer der Tanten aufgefallen: „Da Vater nie etwas ohne Grund tut, wird ja auch dies seinen guten Grund gehabt haben.“ Onkel Ernst war unverheiratet, ebenso wie Tante Jette, Tante Sophie und die damals noch frische und fröhliche Tante Gustchen. Noch im Besitz seines Augenlichtes, übte er seinen Beruf als Gymnasiallehrer aus. Auch  er hat uns, wie verschiedene der Tanten, in Breslau besucht; er kam damals zurück von einer Reise in die Türkei. Ob auch Tante Minna und Onkel Heinrich in Riga zugegen waren, kann ich nicht sagen. Die  erstere hatte einen Landwirt von Bötticher geheiratet, der letztere war Buchhändler in Petersburg. Es  schwebte über ihm dauernd eine geheimnisvolle Gefahr : er war an einer von der Regierung nicht erlaubten buchhändlerischen Unternehmung beteiligt gewesen. Er hat uns mit seiner Frau, Tante Lotte, einmal in Dresden besucht. Da wollten sie nicht glauben, daß der Wein an unserem Hause reif werden könnte. Später kam Tante Lotte noch einmal nach dem Tode ihres Mannes: ein sehr angenehmer Besuch. In der Brutzerschen Bildergruppe in unserem Eßzimmer ist Großvater Brutzer zweimal vertreten: Es ist die eine lebenswahre Photographie und außerdem ein leider in der Übermalung nicht vollendetes Ölbild., das ihn in molligem Pelzkragen zeigt. Dies Ölbild hing schon in Breslau in unserem Wohnzimmer, es war mir immer wie ein achtungsgebietender Betrachter unsers Kinderlebens.  Glücklicherweise bekamen wir das ehrwürdige Familienhaupt nicht nut im Bilde zu sehen. Ich erzähle davon noch. Von Großtantens Begräbnis, dem Anlaß des ganzen Rigaer Besuches ist mir in Erinnerung, daß jedem Teilnehmer des stattlichen Leichenzuges eine Zitrone in die Hand gegeben wurde. Wir fuhren in Großtantens eigener Kutsche. Aber die mutigen Pferde wollten nicht Schritt halten und mußten vorangelassen werden. Auf dem Friedhof waren in gewissen Abständen Glockengerüste angebracht. Das kam mir recht komisch vor, daß Männer immer vorausliefen von einem zum andern, um, wenn der Zug vorbeikam, zu läuten. 
 

Als wir aus Riga zurückkamen, fing die Cholera in Breslau zu wüten an. Es war unheimlich, die wachsende Zahl der täglichen Todesfälle zu verfolgen und die Leichenwagen so häufig durch unsere Straße rasseln zu hören. Glücklicherweise blieben wir verschont. Niemand von uns ahnte, daß damals in Leipzig jemand an der Cholera erkrankte, dessen glückliche Genesung uns sehr nahe anging: Marie Lindner.  Eine andere Seuche forderte ein paar Jahre darauf drei Mitbewohner unseres Hauses, darunter den General Malachnowsky zum Opfer: es waren die Pocken, an denen auch Schwester Mariechen erkrankte.

Das Jahr 1866 erlebte ich auch als Kriegsjahr mit vollem Bewußtsein. Weit mehr noch 1870 und 71, während ich 1864 nur sehr unklare Begriffe von dem, was Krieg  heißt, hatte und nur das Durchmarschieren der Österreicher mit ihren weißen Uniformen mit roten Aufschlägen durch die Teichstraße mir in Erinnerung geblieben ist, sowie die Nachricht, die Dänen hätten die Düppeler Schanzen „ geräumt “; der unverständliche Ausdruck klang: mir höchst abenteuerlich. 1866 aber beschlich mich ein recht banges Gefühl, die Czechen und Kroaten könnten bei uns einbrechen. Aber es kam ja anders, wir Jungen konnten auf dem Bahnhof lange Züge mit Gefangenen sehen, darunter, von zwei preußischen Soldaten bewacht, einen czechischen “ Mordbrenner “. Es war ein wüster Kerl mit wildem schwarzen Haar und Bart, der von Zeit zu Zeit ans Abteilfenster gestellt und dann von den Zuschauern mit Fäusten bedroht, wurde. Den anderen dagegen, die harmlos aussahen, wurden „Sigarre“ gestiftet. Da kam nach kurzen Wochen - ach diese glücklichen Zeiten - der siegreiche Einzug der Truppen in Breslau !  Den Höhepunkt bildete eine Aufstellung auf dem Ring, wobei ich das Glück hatte, den Kronprinzen, Bismarck und Roon aus ziemlicher Nähe zu sehen. Abends folgte eine allgemeine Erleuchtung;  mit den Brüdern durfte ich mich durch die gedrängt vollen Hauptstraßen quetschen. Ich mußte daran denken, als ich am 31.Juli 1914 durch die ernst bewegten Volksmassen derselben Straßen schritt, und es fiel mir ein Transparent ein, das über dem Tor der Feuerwehr angebracht gewesen war, mit den Worten: „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Wohltätig ist des Feuers Macht, wie sie bei Königsgrätz gekracht.“ Ganz anders aber war doch der Jubel 1870.  Vier Jahre des Knabenlebens machen etwas aus fürs Verständnis. Welch ein Triumph war es, als die zuerst gekaufte Karte vom Kriegsschauplatz, die nach solider deutscher Art ein gleiches Stück Land westlich und östlich der Grenze aufwies, so bald links zu kurz wurde und durch eine zweite, ja dritte ersetzt werden mußte. Diesmal aber waren uns die Kriegsbegebenheiten auch deshalb nähergerückt, weil zwei Brüder daran teilnahmen: Konrad und Heinrich waren als freiwillige Felddiakone ausgerückt. Heinrich hat nach der Heimkehr seine Pflichttreue beim Geleit der Evakuierungszüge voll Verwundeter durch ein Nervenfieber büßen müssen, das ihn in Leipzig befiel. Mama reiste hin und pflegte ihn, von Lindners freundlich aufgenommen in seiner Studentenbude auf der Lindnerei. Wir Jüngeren aber sind in Breslau oft auf den Königsplatz gezogen, um dem Viktoriaschießen beizuwohnen. Die Kanonen waren nach dem  Stadtgraben gerichtet.  

Einmal stand ich in erster Reihe an der Seite eines Geschützes und sah genau das blitzende Feuer und den weißen Rauch. Aber der Luftdruck wirkte so stark, daß ich den Rückzug antrat. Das Schönste war die Wunderkunde, Napoleon sei gefangen.  Man glaubte ja, damit sei der ganze Krieg beendet, und je mehr diese Persönlichkeit als die maßgebende in Europa gegolten hatte, um so ergriffener war alles von der göttlichen Machtwirkung, die den Gewaltherrscher stürzte und fand in König Wilhelms frommem Dank den Ausdruck des eigenen Empfindens. Und dann die Kaiserproklamation in Versailles !  Damit erlebten wir persönlich die Erfüllung einer in tiefer Seele gehüteten Sehnsucht und Hoffnung. Natürlich fiel bei solchen Gelegenheiten die Schule aus; darob doppelter Jubel.

 

Das war freilich ein anderes Knabenvergnügen, als wenn wir mit Hugo Bock „ Steinis spielten. Hierfür hatte sich die schwäbische Bezeichnung ( eigentlich wohl Stein – Nüsse ) erhalten, ebenso wie die andere    „ Fangerle “ spielen. Die Steinis waren bunt glasierte Tonkugeln, wenige ganz große waren dazwischen, solch eine nannten wir einen Mockus;  auch fanden sich nach und nach Glaskugeln mit bunter Einlage ein. Aber die Steinis waren die Hauptsache. Wir hatten in der Kinderstube ein riesiges viereckiges Zinkbecken, wohl für Waschküche und Badewanne ursprünglich beschafft. Das war nun eine treffliche Spielbahn. Man warf seine Kugel rückwärts gegen den erhöhten Rand und suchte im Abprall die Kugel  eines anderen zu treffen oder wenigstens sich ihr zu nähern. „ Gunksen gibt 2, Spannen gibt 1 “ war das Gesetz. Die Kinder in Stuttgart spielten auf der Gangbahn der Straße. -  Etwas Ähnliches war das „ Eierrukeln “ zu Ostern. Da bauten wir eine am Anfang abschüssige Bahn, die mit Teppichen belegt wurde, und suchten, mit den herunterrollenden Eiern andere zu treffen. Dazwischen schlug man auch mit den Eiern gegeneinander, und das härtere forderte das eingeschlagene als Tribut. Vorher war das Färben der Eier ein Festtag, dann das Verstecken, womöglich im Garten. Der Wettstreit war groß, recht schön marmorierte Eier zu Stande zu bringen. Das geschah immer am Gründonnerstag, wo wir auch ein in Zucker geschlagenes Ei zum Frühstück bekamen. Die Eierverschwendung war schier unglaublich nach den traurigen Kriegsbegriffen der Gegenwart. - Von all den Weihnachtsfreuden brauche ich wohl nichts  zu erzählen, da denkt doch jedes kinderreiche Haus : So wie bei uns ist’s am allerschönsten. Eine Krippe hatten wir nicht, wohl aber ein großes Transparent, das zwischen die unteren Zweige gebaut wurde und stets einen vom Fußboden bis zur Decke reichenden Weihnachtsbaum, dessen Schmückung Vorrecht der „ Großen “ war, das Liedersingen glücklicherweise nicht. Ein Fest war dann wieder das Baumplündern, gewöhnlich zu Sylvester, natürlich halfen dabei die Freunde, ebenso wie zu Ostern beim Eierruckeln. Da kam denn manches Gute von den Zweigen herunter, die langen Ketten aus Rosinen und geschälten Mandeln z.B. hatten es in sich. 

Beliebte Bewegungsspiele waren außer „ Fangerles “ Anschlag-verstecken, Ball und Reifenspiel, wenn ein größerer Kreis zusammen war. „ Fang’ schon “ oder „ Hasch, hasch, das letzte Paar heraus “ in Schmiedefeld auch „ Begegnen “, ganz besonders aber Croquet. Schön war’s auch, wenn man einmal mit  Johanna abends durch die dunklen Wege des Schmiedefelder Gartens wandeln durfte und dabei das hübsche Duett singen: „ Das Tal liegt tief im Dunkeln, am blauen Himmel funkeln die Sterne voller Pracht.  
 
“Was die Vöglein gesungen, ist im Walde verklungen. Das ist die Nacht.“ Beim Croquet war Willy unbestritten Meister. Er schob zwar ein wenig, fegte aber fast immer den ganzen Platz rein. Willy war überhaupt unternehmend und wagemutig. In Schmiedefeld tollte er mit Vorliebe auf dem Gaul herum. Im Breslauer Hof übte er Seiltänzerkünste auf dem Teppichständer und der Grenzmauer, die schräg mit Ziegeln abgedeckt war, bis er einmal herunterfiel auf einen spitzen Pflasterstein im Nachbarhof und ein Loch im Kopfe davontrug. Da kam dann der Haushalter von drüben und wusch die Wunde mit dem Pferdeschwamm aus, dafür kriegte er dann eine Flasche Wein. Heinrich war wieder in anderen Künsten Meister, bei denen ihm seine sichere Ruhe zustatten kam, so im Krebsen. Wenn wir in Obernigk waren, ging’ s mit tödlicher Sicherheit vom ersten hellen Morgen an den Krebsteich. Das war ein mächtig großer Waldteich, auf dem zwischen grünen Teichbinsen Baumstämme schwammen; auf einer Seite war er mit Balkenwerk abgedämmt, und da ging der Weg hart vorbei. Die Balkenpfosten hatten zufälligerweise etwa einen Fuß unter dem Wasserspiegel durchgehende Bohrlöcher;  und diese waren den Krebsen ein willkommener Unterschlupf. Da war denn niemand geschickter als Heinrich, sie zu haschen. Wir nannten ihn deshalb den „ alten Lochfahrer “. Später hielten wir hinten ein Schmetterlingsnetz vor und stießen von vorn mit einem Stock, das war dann freilich keine Kunst mehr, obwohl immer noch viel darauf ankam, die Bewegung des Wassers zu vermeiden.
 

Nun muß ich aber von Johanna noch etwas Besonderes erzählen, natürlich etwas sehr Gutes. Sie war es, die als älteste Schwester schon immer uns Kleine mit viel Gutem versorgte, z.B. mit dem Vesperbrot, aber auch mit manchem netten Verschen nach Tante Jettens Weise. Jetzt aber ging sie uns allen würdig voran mit dem Verloben, und das war ein Hauptereignis in Schmiedefeld. In demselben Zimmer in Schmiedefeld links unten, in dem die liebe Großmama Brachmann aufgebahrt gewesen war, wurde ein paar Jahre darauf der Schwester Verlobungsfest begangen, unheimlich feierlich, fast schon wie eine Trauung. Kirchenrat Nagel hielt die Ansprache, da mußte alles ernst sein. Der uns längst bekannte Kandidat Ernst Nagel hatte seine zweite theologische Prüfung bestanden, und nun langte ein Schreiben  großen Formats bei Papa an, dessen Folge für mich zunächst in Johannas schmalem Zimmer in der Stadtwohnung ein Abküssen war, wie ich sie noch nie erlebt hatte !  Nun gabs aber die Feier des freudigen Ereignisses im Familien- und Freundeskreis. Es war ein schöner Festtag. Ich hatte die Tage  zuvor in meiner Schmiedefelder Stube im Seitengebäude unterhalb der Kutscherwohnung gesessen, Chemikalien abgewogen und gemischt, die Mischung in Papierhülsen gefüllt und diese an Brettchen festgemacht und so nicht nur rotes und grünes, sondern auch blaues, gelbes und weißes bengalisches Feuer hergestellt, damit sowie mit Papierlaternen wurde am Abend der große Schmiedefelder Garten festlich beleuchtet. Nach ein paar Monaten folgte im Saal unserer Stadtwohnung die Hochzeitfeier, und nun gab’s in Strehlen - eine knappe Eisenbahnstunde südlich von Breslau - ein Geschwisterhaus zu besuchen, eine Quelle fortgesetzter Freude. Und wie erst das Heranblühen der stattlichen Strehlener Kinderschar mitzuerleben ! Wir genießen noch diesen Segen durch den Verkehr mit Willi Nagel, dem   drittjüngsten der Reihe.

 

Ein paar Jahre, und es gab eine neue Verbindung mit dem Nagelschen Haus. Bruder Willy hatte das Zeugnis über seine wohlbestandene medizinische Staatsprüfung den Eltern auf den Weihnachtstisch gelegt und nun machte er, wie Kirchenrat Nagel bei der Verlobungstafel in seinem Hause sagte, seine Meisterkur, indem er Lieschen (Elisabeth )  Nagel vom Hangen und Bangen befreite. Dazwischen war Konrads Verlobung mit Mieke Flörke gewesen, die er in dem Pfarrhaus zu Toitenwinkel bei Rostock jenseits der Warnow kennen gelernt und gerade in dem großen Familienleid- es starben nacheinander alle Geschwister an Schwindsucht – lieben gelernt hatte. Gerade durch diese Verlobung fühlte ich mich sonderlich beglückt, hatte ich doch als Fux in Rostock ihre Vorgeschichte miterlebt. Ach, daß die liebliche Braut den Keim der schlimmen Krankheit auch in sich trug! Ein paar glückliche Jahre auf der Pfarrstelle zu Heldrungen in der Goldenen Aue, drei prächtige Kinder, Gertrud, Lisbeth und Konrad, und nach dem letzten Wochenbett heftiges Aufleben der anscheinend überwundenen Krankheit, vergeblicher  Aufenthalt in Südtirol und dann das Sterbebett, auf dem ich sie unmittelbar vor unserer Hochzeit besuchte und ihr einen Myrtenstrauß brachte. Ich habe sie sehr lieb gehabt und sie mich. Wir waren aber auch viel zusammen gewesen. Noch als Braut durfte ich sie z.B. behüten in Gräfenberg im Altvatergebirge, wo sie eine Stärkungskur brauchte. Die Kur wurde bis in die Herbstzeit ausgedehnt, und niemand anders hätte recht Zeit zum Aufenthalt dort als ich, der freie Studio. Die Unternehmung endete aber mit einem rechten Schreck. Als ich das wohlverwahrte Arzthonorar, das Papa mir mitgegeben hatte, eine an einem Pappstück festgemachte stattliche Doppelreihe von Goldstücken, herausheben wollte, war es aus der Kommodenschublade verschwunden. Der Verdacht lenkte sich auf einen Burschen, der sich gelegentlich im Hause zu schaffen machte, den Sohn der Aufwärterin, und wirklich gelang mir es, ihn noch am Tage der Entdeckung des Schadens hinter Schloß und Riegel zu bringen. Er war so unvorsichtig gewesen, im Wirtshaus ungewöhnlichen Aufwand zu machen und mit deutschem Gelde zu bezahlen, und so war die Verhandlung an der zuständigen österreichischen Gerichtsstelle nicht zu schwierig. Papa mußte freilich das Geld noch einmal schicken. Der Bursche wurde dann zu schwerem Kerker verurteilt. Wieviel von dem Raub wiederzuerlangen war, weiß ich nicht.

 

Der bedächtige Heinrich folgte erheblich später mit seiner Verlobung. Eine Mecklenburger Pastorentochter hatte auch er sich erwählt. Amelie Karsten aus Parkentin. Ihre Mutter war eine Schwester von Großmutter Lindner, ihre Brüder Heinrichs Universitätsfreunde in Rostock. Leider starb die liebe junge Frau im ersten Wochenbett. Das war in Stolp in Pommern, wo Heinrich lange Jahre Pastor war. Das Kind blieb am Leben, seine Grete, des Einsamen Herzenstrost, jetzt Frau des Pastors Hans Stier in Berlin. Später heiratete Heinrich der Verstorbenen ältere Schwester Elisabeth. Dieser Ehe entstammen Johannes, Heinz, Konrad, Wilhelm, Elisabeth. In gehörigem Abstand kam dann meine und wieder nach einem Weilchen Friedels Verlobung und Hochzeit. In dem lieben Lindnerschen Hause in Leipzig waren Konrad und Heinrich so freundlich aufgenommen worden, daß ein Familienverkehr sich anschloß: Frau D. Lindner besuchte uns mit ihrer Tochter Käthe in Schmiedefeld. In diesem Hause fand ich meine Studentenwohnung und meine stille Liebe, aber erst nach ein paar Jahren Amtstätigkeit in Bautzen und Dresden reifte der Entschluß zu werben, von Altona aus, wo ich mich erst vom Bruder Arzt gesundheitlich hatte untersuchen lassen. Nach Einholung der Zustimmung der eigenen Eltern gingen die inhaltsschweren Briefe an Mutter und Tochter ab, die Antwort kam und das Osterfest sah im  Lindnerschen Hause ein glückliches Brautpaar. Das war 1884. Im Herbst war die Hochzeit.

Bruder Friedel führte eine Jugendliebe heim, Marie Voltolini, die Tochter eines Arztes und Professors in Breslau. Viel später kam Schwester Mariechen an die Reihe, sie holte sich den Holsteiner Johannes Bestmann, ein Wingolffreund von Konrad, und so erblühte das kinderreiche Pfarrhaus zu Mölln im Herzogtum Lauenburg Nun waren alle versorgt .
 

Eine doppelte Verschwägerung bestand also mit dem Nagelschen Hause. So war dies auch dasjenige, das in dem ausgedehnten Verkehrskreise in Breslau uns am nächsten stand. Die Hausmutter eine geborene Freiin von Meerscheidt - Hüllessem steht mir noch deutlich vor Augen in ihrer feinen gütigen Art; leider war sie viel kränklich.  Er, der Superintendent und Kirchenrat Nagel, war eine von den Persönlichkeiten, die ihrer Umgebung unbedingt ehrfürchtige Scheu abnötigten. Nur einmal habe ich ihn lachen sehen. Es war an Papas Geburtstag am 3. Weihnachtsfeiertag, wo immer ein fröhliches Zusammensein im erweiterten Familienkreis stattfand, öfter auch ein Julklapp veranstaltet wurde. Er war früher gekommen als die anderen, saß auf dem Sofa im Saal und fragte uns Kinder freundlich nach unseren Weihnachtsbüchern. Da wagten wir es, ihm Max und Moritz von Busch zu bringen und das, ihm noch ganz unbekannt, nötigte ihm ein schallendes Lachen ab. Sonst kleidete er, wenigstens so weit meine Beobachtung reichte, auch sein Wohlwollen in feierlichen Ernst, der nur zuweilen durch ein Lächeln gemildert wurde. Seine Predigten hielten den Hörer vom ersten bis zum letzten Wort fest durch die Würde des Vortrages, vor allem aber durch die zwingende Geschlossenheit des Gedankenganges. Die Kirche war immer gedrängt voll, auch von solchen, die nicht zur altlutherischen Gemeinde gehörten. Von Kindern waren zu jener Zeit in seinem Hause Ernst, der nachherige Schwager, Marie, Johannas besondere Freundin, und Lieschen ( Elisabeth ), die nachherige Schwägerin, meine Altersgenossin.

 
Noch eine andere Marie war Johannas Freundin, Marie von Reinbaben, ein liebeswürdiges junges Mädchen. Oft habe ich Johanna abends von dort abgeholt. Lange nach unserer Breslauer Zeit erkrankte  sie an einem Lungenleiden und kam in die Heilanstalt zu Göbersdorf.  Und da musste sie infolge einer unvorhergesehenen Verschlimmerung einsam sterben. Die zu spät herbeigerufene Mutter nahm sich diesen schweren Fall so zu Herzen, daß sie darüber geisteskrank wurde. Ein Bruder von ihr, Hans von Reinbaben, war Konrads Freund. Es war eine Freude, die hohe Gestalt zu sehen mit dem buschigen blonden Haar und den blitzenden blauen Augen. Er wurde Jurist, wie sein Vater, der Appellationsgerichtsrat war, und hatte eine glänzende Laufbahn vor sich, als eine schwere geistige Erkrankung dazwischentrat. In die früheren Jahre der Breslauer Zeit fällt der nahe Verkehr mit den kinderreichen Hause des Superintendenten Pistorius ( später bekannt geworden als Verfasser des Kutschke - Liedes ). Was waren das für liebe Leute!  Man konnte es kaum verwinden, als sie, durch die Nahrungssorgen veranlaßt, nach Mecklenburg gingen, wo sie in Basedow eine erträglichere Stelle bezogen. Jeder von uns hatte seinen oder seine Altersgenossen in der Pistoriusschen Kinderschar, ich Dietrich und Dorthe, Heinrich den auf die See strebenden Martin; Konrads besondere Freundin war die frische Elisabeth, jetzige Frau Kirchenrat Hinz in Breslau. Martin bekam endlich von seinen Eltern die Erlaubnis, als Schiffsjunge auf einem Kauffahrteischiff einzutreten. Das Schiff legte einmal in Riga an, und während er da mit Ballastschaufeln beschäftigt war, trat ein herrschaftlicher Diener an ihn heran und lud ihn zum Mittagessen ein; Großtante Brachmann war es, die durch die Eltern von ihm gehört hatte. Nach Jahren gestand er seinen Eltern, daß es Bequemlichkeit und Abenteuerlust gewesen sei, was ihn von den Büchern weggetrieben habe; er bat, sich noch einmal auf die Schulbank setzen und Theologie studieren zu dürfen, was er dann mit eisernem Fleiß durchgeführt hat. In Rostock ist der viel ältere, ernste und reife Mann mein Leibbursch geworden. Ich habe auch einmal sein Elternhaus in Basedow besucht und wurde mit der alten Liebe aufgenommen. So recht heimisch fühlte ich mich aber nicht, das machte das Fehlen der älteren Geschwister. Schon in Breslau war ich nur halbberechtigtes Mitglied in diesem Verkehrskreis gewesen. Am Sonntagabend waren regelmäßig Pistoriussens bei uns. Da saßen wir denn an einer langen Tafel, und wenn abgedeckt war, hielt Superintendent Pistorius eine kurze Bibelstunde. Dann stand man auf, und die Jugend suchte ihre harmlose Freude.  Da wurde musiziert, da wurden Charaden gestellt und Gesellschaftsspiele veranstaltet. Ich aber war um diesen mir viel anziehenderen Teil des Zusammenseins betrogen, ich wurde gerade dann regelmäßig ins Bett geschickt. Den Schmerz darüber fühle ich noch heute. Ich hatte das Gefühl, daß so etwas von Jugendlust nie wiederkehren werde und diese Ahnung hat mich nicht betrogen.
 

Viel später trat in unsern Kreis auch als Hausgenosse Pastor Böhringer und seine Frau, aus Sachsen stammend; sie war eine geborene Loschcke, also Dresdnerin. Kinder hatten sie nicht. Sie waren Jahre hindurch unsre ständigen Gäste am Sonntagabend. Eine besondere Würze dieses Zusammenseins war das Vorlesen der Bücher, die Pastor Böhringer mitbrachte. Fries’ Bilderbuch zum Heil. Vaterunser, die Chronik eines fahrenden Schülers von Brentano, die Lebenserinnerungen eines alten Mannes von Kügelgen haben wir da kennengelernt. Am Weihnachtsabend waren Böhringers auch stets bei uns. Wie nett war es, wenn nach dem Verrauschen der ersten Freude Frau Pastor ungesehen eine Gabe auf jeden  Platz legte, gewöhnlich verstaut zwischen Conradschen Lebkuchen!

Die andere Hälfte des III. Stockwerkes bewohnte Frau Direktor Beloff, in ihrer weißen Haube auch eine vertraute Erscheinung an den Sonntagabenden.

Das war in der Hauptsache der Verkehrskreis, den wir in Breslau hatten. Man kann sagen, daß ihm eine gewisse Einseitigkeit anhaftete infolge der Abgeschlossenheit der altlutherischen Kirchengemeinschaft. Allein wir Kinder waren in der Wahl unserer Freunde nicht eingeschränkt, und als Männer konnten wir uns ja von der kirchlichen Enge mehr oder weniger lösen. Und wenn man gegeneinander abwägt, was uns versagt blieb, z .B .Tanz und Theaterbesuch und was uns an edler, geistiger Anregung gerade in dieser Umgebung geboten wurde, so neigt sich die Schale, der Dankesschuld. Es war in der Tat ein selten reicher Kreis gediegenster, hochgebildeter Leute, in dem wir uns bewegen durften. Dieser Kreis erweiterte sich noch in den Tagen der alle vier Jahre abgehaltenen Generalsynode. Stets war da Raum für einige Wohngäste bei uns bereit; und viele andere gingen bei uns aus und ein, manche auch, die wir Kinder fürchteten und über die wir ulkten, denn das beides schließt sich nicht immer aus.

 

So war’s bei Pastor J. mit seinen unglaublichen Vatermördern. Er kam in den Saal und wir flohen, ich hinter den Ofen. Aber er ließ nicht ab, bis er mit langen Schritten und vorgestrecktem Haupt jegliches Opfer erhascht und abgeküßt hatte, wobei man denn die Vatermörder zu fühlen bekam. In weit angenehmerer Erinnerung ist mir geblieben Pastor Rudel aus Pommern mit seinem rötlichen Haar und  buschigen Brauen, wenn er am Klavier saß und hingerissen von Begeisterung spielte und sang. Die Rungesche Dichtung  „ Es blüht eine schöne Blume “ hatte er selbst komponiert, ebenso einen Düppler Siegesmarsch, nicht ganz korrekt in der Akkordefolge, das merkte auch ich, aber äußerst wirkungsvoll. Oft nachgesprochen wurde in unserem Kinderkreise ein Liedervers, den der lange Pfarrer Eichhorn einst, die Hände reibend, wie das so seine Art war, in schönster badischer Mundart zum Singen vorgesagt hatte: „ Bald dahoim, geliebtes Hoim, süßer als koin Honigsoim. “ Viel Spaß machte’s uns, daß seine Frau trotz der Namensvetterschaft sich vor unseren Eichhörnchen, die wir oft in der Rocktasche bei uns führten, so fürchtete.

Diese und so viele andere also waren seltenere Gäste. Alle paar Wochen aber kam Onkel Besser aus Waldenburg, der geistreiche Mann mit der unvergleichlichen Beweglichkeit und Frische, mit dessen prächtigem Humor tiefer Ernst so wundersam sich paarte.

Ich habe diese Breslauer Zeit in dankbarer Erinnerung behalten. Als ich nach langen Jahren durch Breslau kam und ein paar Stunden Aufenthalt hatte, konnte ich’s nicht lassen, das alte Haus Teichstr. 2 wieder aufzusuchen. Ich stieg hinauf und klingelte an der linken Seite des dritten Stockwerks. Die alte Dienerin von früher, nur mit etwas runzelig gewordenem Gesicht, machte mir auf und führte mich zu Frau Kirchenrat Böhringer, die das Alter nicht sehr verändert hatte. Und so saß ich wieder in des seit Jahren verstorbenen lieben Pastor Böhringers Studierstube, in der noch jedes Buch an seinem Fleck stand, ja Tintenfaß und Aschenbecher am alten Platz auf dem Tische. Die Witwe hatte sich nicht entschließen können, irgend etwas zu ändern : ein Stück Sigunen – Treue. Von derselben herzlichen Liebe fühlte ich mich umgeben, wie ehemals. Ich glaube, man wohnte dort auch für den selbigen mäßigen Mietzins, wie zu Papas Tagen, das war wohl in der Verkaufsurkunde ausgemacht.
 

Ja, mit diesem Hausverkauf hatte es eine eigene Bewandtnis. Beim Wegzug der Eltern nach Herischdorf wurde das Grundstück einem Gemeindeglied zur Verwaltung übergeben. Bruder Friedel, der noch das Gymnasium besuchte, kam damals zu Böhringers in Pflege und hat sich bei der in manchen Stücken größeren Freiheit, die ihm dort gewährt wurde, recht wohl gefühlt. Er hat in dieser Zeit wohl auch Marie Voltolini öfter gesehen als sonst. ( „ Käse, Böhne “ ) Wiederholt waren an Papa schon früher günstige Kaufangebote herangetreten; aber er zögerte. Er war der Meinung, wenn er dem Selbstvorwurf des Wuchers entgehen wolle, das Grundstück nicht teurer verkaufen zu dürfen, als er es erworben. P. Böhringer machte ihn darauf aufmerksam, daß in der Zwischenzeit - es handelte sich um die Zeit von Anfang der 60er bis tief in die 70er Jahre hinein mit all ihren wirtschaftlichen Umwälzungen - das Leben ja in jeder Beziehung viel teurer geworden, also der Geldwert gesunken sei; er konnte seine Bedenken nicht überwinden. Nach etlichen Jahren verkaufte er das Haus zum alten Preis an jenen Verwalter. Der verkaufte es nach nicht langer Zeit weiter und verdiente sich ein kleines Vermögen daran. Weltfremd, wunderlich, unwirtschaftlich war diese Handlungsweise, aber ein Zeugnis von einer unbestechlichen Selbständigkeit des sittlichen Urteils und von einer seltenen Entschiedenheit des im Gewissen gebundenen sittlichen Entschlusses. – 

Soweit wir Kinder diese Eigenschaften uns von dem teuren Vater angeeignet haben, haben wir wohl ein wertvolleres Erbteil überkommen, als die paar tausend Mark, die bei anderem Verfahren jedem von uns zugefallen wären. Papas Handlungsweise ist um so bemerkenswerter, als er in jener Zeit sich ernstliche Sorgen um seinen Vermögensstand machte. Wohl war er vor seinen Geschwistern bevorzugt als Adoptivsohn des wohlhabenden Oheims; doch hatte er durch fortgesetzte freiwillige Zuwendungen den Unterschied treulichst gemildert. Er hat überhaupt stets eine offene Hand gehabt. Für die ihm so teure lutherische Kirche hat er viel getan. Konrad z.B. hat er nur durch die förmliche Zusage eines Jahreszuschusses den Amtsantritt einer selbst nach den Begriffen der altlutherischen Kirchenbehörde unauskömmlichen Pfarrstelle ermöglicht. Berufseinnahmen fehlten, dagegen erlitten die gangbaren Wertpapiere empfindliche Zinsherabsetzungen. Auch mehrte sich beim Wachsen der Kinderhäuser die Veranlassung zu ständigen Beihilfen. Und dazu diese gastfreie Geselligkeit. Wieder und wieder mußte das Kapital angegriffen werden, das Papa doch als ein ihm anvertrautes Gut ansah. So reifte im Frühjahr 1878 der Entschluß, das kostspielige Breslauer Leben mit einem ländlichen Aufenthalt zu vertauschen. Die Wahl fiel auf Herischdorf im Riesengebirge, wo man zugleich der befreundeten Frau P. Schöne durch Abmietung der Wohnung einen Gefallen tun konnte. Dort in Herischdorf habe ich denn nun meine Heimat gehabt während der späteren Universitäts- und der ersten Amtsjahre, dorthin brachte ich den Eltern die liebe neue Tochter. Mit dem Riesengebirge und mit der Bergwelt überhaupt habe ich damals innige Freundschaft geschlossen. Oft bin ich in Ferienzeiten am Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe allein aufgebrochen. Auf ausprobierten Richtwegen ging’s rasch über die Vorebene bis an den  Fuß der waldigen Berge und nun hinan. Wenn die Glocken in dem seltsam für sich stehenden Turm läuteten, war ich in der Kirche Wang, diesem eigenartigen Bau, den Friedrich Wilhelm IV. beim Abbruch in Norwegen gekauft und hier im Gebirge auf einer eng begrenzten Fläche mit schöner Aussicht wieder hatte aufrichten lassen. Jetzt steht in unmittelbarer Sehweite ein breitspuriges Gasthaus in nachäffendem Stil. Damals ging’s zur Brotbaude, wo man ein gutes Mittagessen, womöglich Weinsuppe und Tierkuchen, kriegte, und dann hinauf nach dem Mittagsstein  oder den Dreisteinen zu schöner Rast in luftiger, sonnenbeglänzter Höhe. Mit der Dämmerung langte ich, müde gelaufen und rechtschaffen hungrig, wieder zu Hause an. 

 

Wenn ich nicht zum Wandern, sondern zur Arbeit früh aufstand und zum Fenster hinausschaute, sah ich bei Tau und Nebel die gute Frau P. Schöne im Garten geschäftig. Was hatte diese Pastorenwitwe durchgemacht, was hat sie geleistet! Zu der Sorge um das Haus, das eigentlich auf Sommergäste berechnet war, und um den Unterhalt hatte sie noch die für zwei kranke Töchter Marie und Lili. Wenn  Marie Schöne in ihren gesunden Tagen als Johannas Freundin bei uns in Breslau weilte, freute sich jeder an ihren strahlenden Augen und den leuchtend roten Wangen. Auch ein Bruder, der ehrliche, frische Paul Schöne, war in Breslau bei uns ein- und ausgegangen, und dann hatten wir ihn im Leipziger Wingolf getroffen. Als Pastor hat er sich eine Tochter aus dem Ebelschen  Pfarrhaus in Herischdorf geholt. Leider ist er früh verstorben. Marie Schöne war jetzt gelähmt und ist es lange Jahre geblieben. Als ich aber im Jahre 1914 bei einem kurzen Gebirgsaufenthalt die Herischdorfer Kirche besuchte, an der nun Gottfried Nagel Pastor war, traf ich sie dort und ging ein Stück mit  ihr, sie empfand ihre Heilung wie ein Wunder. Früher fand man sie, auf einem Ruhebett liegend, stets mit einer feinen Handarbeit beschäftigt; auf diese Weise verstand sie der Mutter die Haushaltssorgen zu erleichtern.  

Neben Schönes galt unser Verkehr hauptsächlich dem trefflichen Pastor Ebel und seinem Hause. Er war aus Hessen Darmstadt herübergekommen und durch und durch ein Original von erquickender Frische. Wie konnte er herzlich lachen, wie aber auch, ein echter, Humorist, den Scherz hinter würdigem Ernst verstecken! Gelegentlich sprach er in Versen, wie Papa Heilmann. Zu Bruder Willys Geburtstag trat er mit wunderlich verbeugendem Schritt ein und hob an: „Guten Morgen, Herr Doktor! In der glückwünschenden Chor trete auch ich hervor.“ Papa hatte mit ihm ein Lesekränzchen; in einer Ferienzeit, wo ich teilnehmen durfte, las man Trendelenburgs Logische Untersuchungen, die Ebel durch überraschend barocke Bemerkungen zu veranschaulichen suchte. Dem Witwer führte seine Tochter Emma den Haushalt, Schwester Mariechens beste Freundin.  

Mama verband eine von Jahr zu Jahr sich vertiefende Freundschaft mit der Offizierswitwe Frau von Zacha, einer grundgütigen, klaren, tatkräftigen Persönlichkeit mit der herrlichen Gabe, sich im Alter fröhliches Verständnis für die Jugend zu bewahren. Sie hat uns einmal in Dresden besucht, und da. mußte ich ihrem begeisterungsfähigen Sinn Genüge tun, indem ich ihr abends mit der Laterne das Kügelgen-Kreuz wies und ihr einen Zweig von dem Kastanienbaume brach, an dem es angebracht war.  
 

Mit besonderer Freude denke ich an das Weihnachtsfest in Herischdorf, das Vetter Robert von Holst bei uns zubrachte. Wir studierten damals zusammen in Leipzig, und er war mein Leibfux im Wingolf, ein selten tiefer Mensch, dabei harmlos fröhlich; wie konnte er einen mit seinen merkwürdig dreieckig gekniffenen braunen Augen so schelmisch ansehen! Alles betrieb er aufs gründlichste. Damals haben die Altböhmischen Weihnachtslieder bei uns Heimatrecht erlangt. Wir brachten die in den Thomaskirchen-Motetten  wiederholt gehörten Melodien im Gedächtnis mit und schrieben sie auf, und Papa setzte dazu eine Klavierbegleitung. Das dreistimmige Weihnachtslied von Mor.Hauptmann. „ Nun schwebt auf Engelsflügeln “, das wir noch jetzt so gerne singen, war bei Holsts eingebürgert und wurde nun von uns ausgeschrieben und eingeübt. So gab’s einen erquicklichen Austausch in mancherlei Art, auch Mama besonders lieb; denn Roberts Mutter Anna von Holst war eine von ihr innig geliebte Base in der alten Heimat. Sie war eine Enkelin von Mamas Großeltern Heinrich Christian v. Holst und Friederike  Wilhelmine geb. Timm.  Ihr Mann Georg v. Holst war ein Enkel von Heinrich Christians älterem Bruder Johann Valentin. Tante Anna war eine in Selbstlosigkeit sich aufreibende Pfarrfrau, von deren gütiger Natur auch wir bei zweimaligem Besuch in Breslau einen Eindruck empfangen haben. Bei dem einen Besuch brachte sie außer ihren beiden Töchtern Auguste und Hanna ein estnisches Pflegekind mit, deren sie mehrere hatte. Auf ihren Mann, Onkel Georg, besinne ich mich noch wohl: ein großer starkknochiger Mann mit markigen Gesichtszügen. Auch seinem Charakter nach wird er als eine aus hartem Holz geschnitzte Persönlichkeit bezeichnet, der Furchtlosigkeit, Strenge und Entschiedenheit eigen war uns die deshalb von nicht wenigen gefürchtet wurde.  Er verabscheute alles Unwahre und Halbe, alle Kompromisse. „ Politisch war er ein echter Balte, aber er geißelte scharf alle Herrenmoral und war sozial bis auf die Knochen. “   „ Hinein in das Volk! “  war der Ruf, den er im amtsbrüderlichen Kreise immer und immer wieder erschallen ließ. Als ein vorzüglicher Kenner der estnischen Sprache war er tätig an der Revision des estnischen Gesangbuchs und des estnischen Neuen Testaments. 33 Jahre war er Pastor in Livland. Als er dort durch einen Mordschlag verwundet worden war und die Regierung ihn nicht schützte, übernahm er das Pfarramt in Keieis auf der Insel Dagö, das er noch 10 Jahre verwaltet hat.

 

Dessen ältester Sohn also war mein lieber Robert Holst, leider schon 1901 an der Tuberkulose gestorben, wie diese Krankheit überhaupt in der Holstschen Familie mehrfach aufgetreten ist. Nach Erledigung des Dorpater Gymnasiums nahm er noch ein Jahr mit tiefem Eindruck in Gütersloh am Unterricht teil. Dann studierte er in Leipzig, Erlangen und Dorpat. Von 1883 bis zu seinem Lebensende stand er im Pfarramt zu Audern bei Pernau, wo er der estnischen Bevölkerung mit hingebender Treue gedient hat. Noch in seinen letzten Fieberphantasien befand er sich auf Amtsreisen mit unüberwindlichen Hindernissen, und seine letzten Worte waren darauf bezügliche estnische Ausrufe. „ Er reibt sich selbst auf und liebt das Volk “, so urteilte man über ihn in seiner Gemeinde. Wie eiserner Fleiß, unbeugsame Gewissenhaftigkeit und treue Arbeit an sich selbst hervorstechende Züge seines Wesens waren, so wird auch von seiner amtlichen Tätigkeit die eindringende, ernste Seelsorge besonders gerühmt. Stundenlang verweilte er nach dem Gottesdienst bei der Kirche, um mit Einzelnen, besonders mit den Vormündern, zu reden. Am Sonntagnachmittag fuhr er an den Strand, um die Dagöschen Fischer mit Gottes Wort zu versorgen. Ein estländisches Liederbüchlein für Kinder verdankt ihm seine Entstehung. Er unternahm aber nichts, um etwas zu machen, sondern nur, weil er es machen mußte. Seine ganze Liebe gehörte der Heidenmission, deren Hauptvertreter er im Kreise der Amtsgenossen war. Überhaupt bezeichneten ihn die Mitglieder seines Sprengels als die Richtung gebende Persönlichkeit. Daß er sich „ so schrankenlos für jemanden begeistern konnte “, war schon in Leipzig ein schöner Zug von ihm. Man rühmte auch seine volkstümliche Redeweise mit einer Fülle packender Bilder und Vergleiche. Gern denke ich noch an die erfolgreiche Sammelarbeit für die von Hungersnot gequälten Wolga-Deutschen, zu der ich durch seine Briefe angeregt war. Viel Gewissensnot machte ihm die Behandlung der unter schändlichen Vorspiegelungen zur griechischen Kirche Hinübergelockten und ihrer Abkömmlinge, die gegen das strenge staatliche Verbot Wiederaufnahme begehrten; er ist auch aus solchem Grunde eine zeitlang seines Amtes enthoben worden. Deutsch gesinnt im tiefsten Grunde seines Herzens, forderte er doch mit einem seinen Freunden zuweilen unbequemen Ernst die Anerkennung des Guten an der fremden Volksart. Seine Schulen standen auf Höhe, wie wenige. Als im Russifizierungswahn viele erprobte Schulmeister beseitigt wurden, weil sie des Russischen nicht mächtig waren, erhielt er sich die seinigen dadurch, daß er selbst ihnen in den Ferien russischen Unterricht erteilte. Heiter von Natur und zu fröhlichem Scherz geneigt, verzehrte er sich doch durch den unerbittlichen  Ernst seiner Pflichtauffassung, die er dem stets schwächlichen Körper zum Trotz durchsetzte. Und doch klagte gerade er über den Widerstreit zwischen Wollen und Können.  Allmählich mußte er’s freilich lernen, auf den Machtanspruch des Arztes hin auf Lieblingsarbeiten zu verzichten. -  Verheiratet war er mit einer Tochter des Dorpater Oberlehrers Sintenis, die jetzt mit seiner noch lebenden Schwester und seinen Kindern in Pernau wohnt. Ein Segen, solch einen Freud zu gewinnen! Er war unsers Winfrieds Pate. Sein jüngster Bruder Heinrich von Holst, das jüngste der vier Kinder, hat ebenfalls den Primanerunterricht in Gütersloh genossen. Altklassischer Philologe, wirkte er an den Gymnasien zu Riga und Petersburg, dann eine längere Reihe von Jahren in Gütersloh, bis er als Gymnasialdirektor nach Königsberg berufen wurde. Auch er ist mit einer Sintenis verheiratet. In Herischdorf, wo jenes erquickliche Weihnachtsfest uns geschenkt wurde, habe ich auch, nachdem die Fertigstellung meiner umfänglichen Doktorarbeit mich länger als mir lieb war, auf der Universität festgehalten hatte, mich aufs Staatsexamen vorbereitet und die dazugehörige schriftliche Arbeit angefertigt. Das hätte mir freilich schlecht bekommen können. Die von dem Germanisten Zarncke aus einem entlegenen Gebiete, dem mittellateinischen Tierepos, mir gestellte Aufgabe erforderte eine Literatur, die ich mir in Herischdorf nur mit der größten Mühe und unter erheblichem Zeitverlust verschaffen konnte. Na, es glückte schließlich alles und kam zu einem guten Ende, allerdings nach Wochen angestrengtester Arbeit. Dann kam das Probejahr in Bautzen und die Anstellung am Kgl. Gymnasium zu Dresden – Neustadt. 

 

Doch ich kehre nach Breslau und die Knabenzeit zurück. Da stand ich einmal weinend in Papas Stube. Unter Schluchzen brachte ich heraus, daß ich in dem für Großvater Brutzer eingerichteten Zimmer die neugekaufte Pfeife aus dem Papierkorb genommen hatte, und da war denn der untere Teil abgefallen und der Pfeifenkopf zerbrochen. Die gelinde Buße bestand in dem Auftrag, schleunigst - denn die Ankunft des lieben Gastes wurde noch an demselben Tage erwartet - in die Stadt zu gehen und einen neuen Pfeifenkopf zu besorgen. Das war also wieder einmal einer von den hochwillkommenen Großvaterbesuchen. Wie hat sich doch das Bild dieses „ herrlichen “ Mannes, wie Mama ihn einmal bezeichnete, uns Kindern eingeprägt! Nicht so groß, wie seine Söhne, war er wenigstens in seinem Alter nicht mehr, aber doch eine straffe, männlich vornehme Gestalt, lebhaft in seinen Bewegungen, lebhaft besonders in dem Blick der braunen, ganz eigentümlich dreieckig umgrenzten Augen. Eine große Entschiedenheit lag in seiner Sprachweise; vom Ernst unbeugsamer Überzeugung war getragen, was er sagte;  und doch konnte er Spaß machen -, und dann lag ein Ausdruck liegenswürdiger Schalkheit  auf Augen und Nase, wie ich ihn nie wieder gesehen habe.

Der schönste Großvaterbesuch war aber nicht in Breslau. Wir waren einmal in den Sommerferien an der Ostsee, in Ahlbeck auf der Insel Usedom. Wir saßen beim Mittagessen in der Stube unten, links von von dem Hausflur. Da klopfte es an, und eintrat eine hohe Männergestalt im Reisemantel. Nach ein paar Augenblicken des Staunens sprang Mama auf: “ Ach Ernst !“ Er ließ die allgemeine Begrüßung über sich ergehen und sagte dann langsam und lächelnd zu Mama: „Ja, nun komm aber einmal vor die Haustür und sieh, wer da sitzt !“ Und wer saß auf der Bank links vor der Haustür ? Großvater! Das gab eine stürmische Begrüßung. „Vater, wirklich bist du. da ?“ rief Mama unter Freudentränen. „Ja,“ antwortete er mit behaglichem Lächeln, „die Eisenbahnfahrt ist nichts mehr für mein Alter;  zu Schiff geht’s eher. Da hab ich die Gelegenheit genutzt und bin von Riga nach Stettin gefahren.“

 

Nun galt’s aber, die lieben Gäste unterzubringen. Da wurde für Großvater ein sauberes Erdgeschoßquartier in einem anderen Hause gefunden, und ich, damals Sekundaner, wurde ihm als Famulus beigegeben. So konnte ich den lieben Alten denn am allereingehendsten beobachten und genießen und ihm mancherlei kleine Dienste tun. Die Hauptsache war, daß ihm sein Bett so zurechtgemacht wurde, wie er’s gewohnt war. So steckte ich denn gleich am ersten Abend die Bettdecke von allen drei Seiten zwischen Matratze und Bettrahmen fest, so daß man wie in ein Futteral  hineinschlüpfen konnte. Und er schlüpfte hinein und reckte sich behaglich, und im Nebenzimmer hörte ich seinen Ausruf „ Ah, superbe, superbe !“  Das wiederholte sich jeden Abend. Wenn er aufstand, sang er während des Anziehens in abgerissenen Wortgruppen laut vor sich hin : „ Gott des Himmels und der Erden.“ 

 

Nicht bloß dem Zusammensein im Familienkreise widmete er seine Zeit: er hatte zwei literarische Arbeiten mitgebracht, das eine war eine lettische „ Anweisung an den Landmann, wie er in Krankheitsfällen sich und die Seinen behandeln soll! “  Das Büchlein enthielt aber mehr, als sein Titel und seine Bestimmung erwarten ließen; es bot auch eine Rechtfertigung des homöopathischen Prinzips. Großvater war, wie ich von Mama gehört habe, als gewissenhafter Arzt schier verzweifelt über das Unzureichende der Heilmittel und der Heilmethode, wohl kein Wunder in einer Zeit, die von Physiologie in unserm Sinne kaum etwas wußte. Er war drauf und dran, als ehrlicher Mann seinen Beruf aufzugeben, zu dessen Wirksamkeit er selbst kein Vertrauen mehr hatte. Da traf ihn die Kunde von Hahnemanns Lehre, und er fand in ihr wissenschaftliche Befriedigung. Er ließ sich damals ein Wappen anfertigen, das einen kräftigen Mann zeigt, wie er einen von der Äskulapschlange umwundenen Baum einpflanzt, ein Sinnbild der neuen, verheißungsvollen Lehre. Ich hörte nun in Ahlbeck aus seinem eigenen Munde, wie er sich den Grundsatz similia similibus zurechtlegte. Die Krankheit sei eine Störung der Lebensfunktionen. Was Ursprung, Kraft und Zusammenhang dieser Lebensfunktionen sei, das wüßten wir noch nicht;  man werde in der Forschung darüber schon noch weiterkommen, aber z.Zt. sei es für uns ein Geheimnis. So bleibe nichts übrig, als für dies wissenschaftlich noch nicht erkannte Etwas einen vorläufigen Hilfsbegriff einzusetzen. Er wolle es Lebenskraft nennen. Diese Lebenskraft also regiere den Aufbau unseres Körpers mit seinem Stoffwechsel, sie habe aber auch die Aufgabe, ihn gegen alle schädigenden Einflüsse zu verteidigen. Ehe ein Arzt eingreifen könne, sei längst die Lebenskraft an der Arbeit, eine eingetretene Störung wieder auszugleichen. Dieser Kampf der Lebenskraft gegen die Schädlichkeiten äußere sich in den Krankheitssymptomen. Die Krankheitssymptome seien nicht, wie die oberflächliche Betrachtung annehme, das zu Bekämpfende; im Gegenteil, wenn man die Lebenskraft in ihrem Kampf gegen die Schädlichkeiten unterstützen wolle, müsse man in derselben Richtung einwirken, in der sie wirksam sei, also mit Mitteln, die beim gesunden Menschen eben diese Symptome hervorrufen. 

Großvater hatte zur Erläuterung dieser Anschauung recht drastische Beispiele. Du hast dir den Fuß verletzt und klagst über heftigen Schmerz bei jeder Bewegung. Dieser Schmerz ist nichts Schlechtes, sondern etwas Heilsames; durch ihn erzwingt die Lebenskraft die Ruhe des kranken Gliedes, die für ihre Heilwirksamkeit erforderlich ist. Bei einer Krankheit treten Fiebererscheinungen auf. Sie zeugen von dem Kampf der Lebenskraft gegen die Schädlichkeiten und zwingen zugleich den Kranken durch Lahmlegung seiner Kräfte zur erforderlichen Ruhe
Wenn mich diese Darlegungen auch nicht von der Wirksamkeit der homöopathischen Dosen überzeugten, so machten sie mir doch großen Eindruck durch ihre grundsätzliche Klarheit und Folgerichtigkeit und durch die echt wissenschaftliche Anerkennung der Grenzen unseres Wissens. Die hier aufgeworfenen Fragen hat wohl auch die heutige medizinische Wissenschaft noch nicht restlos gelöst. Um so anerkennenswerter für einen vielbeschäftigten praktischen Arzt der damaligen Zeit, sich diese Fragen vorgelegt und sich so eingehend in sie vertieft zu haben. – 

In späteren Jahren hörten wir brieflich von einem ärztlichen Unternehmen Großvater Brutzers, das zum Neubau eines eigenen Hauses führte. ( Im Familienarchiv befindet sich die Weiherede eines Hauses vom Jahre 1869, wie mir scheint, von Tante Jettens Hand geschrieben. Ob sie mit diesem Bauunternehmen zusammenhängt ? ) Er hatte den Wunsch, seinen lungenkranken Patienten durch zeitweilige Einatmung von komprimierter Luft eine Lungengymnastik zu verschaffen und fand die Ausführung dieses Gedankens durch eine Nachahmung der Taucherglocke. Er baute in einem Raum des Hauses eine Glocke ein, die herabgelassen werden konnte, und dadurch diejenigen, die in ihrem Innern Platz genommen hatten, mit komprimierter Luft umgab.

 

Die andere literarische Arbeit, die Großvater in Ahlbeck vorhatte, war poetischer Natur: die Abfassung  eines Dramas „ Natan, der Tor “ das eine Fortsetzung von Nathan dem Weisen bilden sollte. Zwei  Aufzüge waren, als ich von Großvater eingehend darüber hörte, bereits zu Papier gebracht. Großvater hat an diese Arbeit ein gut Teil Scharfsinn verwendet. Allerlei  Widersprüche, Unlauterkeiten und Unhaltbarkeiten wurden Nathan nachgewiesen, leider meist von der unglücklichen Daja. - Ob es einen großen Wert hat, ein lahmes Machwerk durch eine noch lahmere Fortsetzung zu widerlegen, kann ja zweifelhaft sein. Jedenfalls zeugte das Unternehmen von dem unbestechlichen Wahrheitssinn und von der unbeugsamen Energie, in der Vertretung einer erkannten Wahrheit, die Großvater auszeichneten, außerdem aber von einer Vielseitigkeit der geistigen Interessen, wie sie nicht viele im Beruf abgearbeiteten Ärzte haben werden. Das letztere bestätigte auch der Lesestoff, den er mithatte: Hamanns  Schriften. Er hat mir die Sammlung später zum Andenken geschenkt.

Zu Großvaters Geburtstag mußten wir Kinder immer an ihn schreiben . Da fällt mir eben ein eine Briefstelle aus der Eichhörnchenzeit, die ich wohl als achtjähriger Junge verübte: „ Unsre Eichhörnchen werden bald brüten. Wie hübsch wäre es, wenn wir gerade an dem Tage, an dem du zu uns kommst, junge Eichhörnchen hätten!“ In seiner Antwort ließ Großvater „ dem drolligen Walther “ ein Rätsel aufgeben: Was ist das ? Es hat keine Federn, aber baut sein Nest in den Bäumen; es legt keine Eier und brütet nicht, aber kriegt doch Junge ? “ Es war das die Zeit, wo ich aus der Schule genommen war und mir nun die Morgenversorgung der Eichhörnchen in dem großen Stallraum oblag. Leider sollte ich das erhoffte Familienereignis – woher diese Hoffnung stammte, ist mir unerfindlich, - nicht erleben, weder mit noch ohne Brüten

An den Scherz aus meiner Kinderzeit schließe sich ein Zeugnis des Ernstes und der Treue aus Großvaters letzten Lebensjahren. Auf einem Blatt mit Mamas Schrift aus dem Jahre 1875 wird berichtet, wie Großvater im April dieses Jahres mit Kreide auf eine große schwarze Wandtafel in seinem Zimmer einige Wortabänderungen und zwei selbstgemachte Zusatzverse zu einem Liede von Dav. Denicke, geschrieben habe „ welches Lied sich Vater, wie er jetzt öfters geäußert, zu seinem Buß - und Sterbellied erwählt hat.“ Der Anfangs- und Schlußvers des Liedes lauten:

O Vater der Barmherzigkeit
Ich falle dir zu Fuße.
 
Verstoß nicht den, der zu dir schreit
und tut noch endlich Buße !
 
Was ich begangen wider dich,
 
verzeih mir alles gnädiglich
 
durch deine große Güte.

Und wenn mein Stündlein kommen ist,  
so hilf mir treulich kämpfen,
 
daß ich des Satans Trotz und List
 
durch Christi Sieg mög’ dämpfen ;
 
auf daß mir Krankheit, Angst und Not
und dann der letzte Feind, der Tod,
 
nur sei die Tür zum Leben.

Die Zusatzverse:

Zum Leben dort in jener Welt  
an Jesu Christi Throne !

Hast mir aus Gnad dort Raum bestellt,
 
Gib, Vater, daß dann wohne
 
mit mir auch da die Seelenschar,
 
die mir von dir befohlen war
in diesem Erdenleben.

Gib, Vater der Barmherzigkeit,
daß von den teuren Seelen,
 
Die mir vertraut für diese Zeit
 
ja keine möge fehlen,
 
wenn mir mit andern Seligen,
 
den Engeln all und Heiligen
 
dich ewig wollen preisen !

 

Onkel Ernst, der Großvater nach Ahlbeck begleitete, war damals noch frisch und gesund. Nach einigen Jahren wurde er augenleidend, war, nachdem er sein Lehramt aufgegeben hatte, noch eine zeitlang im Dienste der Armenpflege tätig, verlor aber dann völlig das Augenlicht infolge von Netzhautablösung. Drei Tage dauerte der innere Kampf, bis er sich dieser Schickung beugte. Und nun trug er sein Los mit bewunderungswürdiger Ergebung. Er konnte fröhlich mit den anderen scherzen und lachen. Höchst ergötzlich schilderte er z.B. ein Vorkommnis bei einem Besuchsaufenthalt, wo die Bettstelle unter ihm zusammenbrach:  er habe bei sich gedacht: Si fractus illabatur orbis, inpavideum ferient ruinae ( Stelle aus Horaz, auf deutsch: Bersten mag die Welt und krachen, er kann ihrer Trümmer lachen) und dann seinem Begleiter zugerufen: „ Hören Sie, Sauermann, machen sie Licht, daß sie meine Gebeine zusammensuchen können !“

 

Was für ein gesegneter Beruf ist ihm in seiner Blindheit noch erwachsen : Vaterstelle zu vertreten an der verwaisten Kinderschar seines Bruders Gregor ! Als Großvater 1877 gestorben war, siedelte er mit den  jüngeren Kindern nach Lübeck über.

 

Durch Adoption von seiten eines Hausfreundes Meyer gelang es, diesen, die deutsche Staatsangehörigkeit zu verschaffen. Er erwarb ein nettes Haus mit Garten in der Vorstadt, das mit Möbeln und Bildern aus dem Elternhaus sehr behaglich ausgestattet wurde. Will man übrigens ein Bild von Onkel Ernst haben, so braucht man bloß das von Wilhelm Raabe anzusehen. -

 

Neben ihm waltete Tante Gustchen. Diese wurde aber mehr und mehr gebrechlich. Sie mußte sich einen Arm abnehmen lassen und hatte je länger je mehr mit körperlichen und geistigen Leiden zu kämpfen. An ihrem Bruder hing sie mit einer geradezu eifersüchtigen Liebe. Vorübergehend teilte auch Mama als Witwe der Geschwister Haushalt. 

 

Ich habe mit Frau und allein wiederholt den teuren Onkel Ernst in Lübeck besucht. Er führte Dich durch alle Räume des Hauses und rief mir als es die  Bodentreppe hinaufging zu : „So, jetzt mußt du aber den Kopf ducken, sonst stößt du dich an den Balken. “ So genau wußte der Blinde mit allem Bescheid. Auch die Unterbringung der Möbelstücke hatte er selbst bestimmt. Ich bin mit ihm spazieren gegangen. Er achtete genau auf die Straßenkreuzungen und war so seines Weges völlig sicher. Ans Traveufer führte er mich und sagte: „Nun sieh dir einmal des Stadtbild da drüben an !“ Dabei zählte er all die Türme und hervorragenden Gebäude auf, die man sehen konnte. Und doch hatte er dies Stadtbild nie mit eigenen Augen gesehen. Er beschäftigte sich neben dem Lesen von Blindenschriften gern mit der Schnurgabel und einem Rechen zur Anfertigung von Wollschals und erfreute die Verwandtschaft mit seinen Erzeugnissen.

 
Bald nacheinander sind dann die beiden so eng verbundenen Geschwister, Onkel Ernst und Tante Gustchen nach wohlvollbrachtem Tagewerk friedlich heimgegangen. Als einen Triumph über den Tod wußte Mama, damals schon in Bergedorf, dies Ende mit innigem Dank zu rühmen. Aber über sie selbst kam mehr und mehr das Gefühl der Vereinsamung, als sie allein aus dem großen Geschwisterkreis zurückblieb.  
 
Doch ich habe der Zeitfolge nach vorgegriffen. Für meine Eltern, die Vielgewanderten, war im Alter noch einmal ein Umzug gekommen. Konrads Frau war gestorben, und Mama hatte den Wunsch, ihm in Heldrungen das Haus zu versehen und den drei Kindern, vor allem dem kleinen Konrad, die Mutter zu ersetzen. Es zog sie dahin um so mehr als Konrad als der glücklichste Erbe ihrer romantischen Ader  ihrem natürlichen Empfinden von allen Söhnen am nächsten stand. Nicht ganz so leicht wurde Papa die Übersiedlung. Das lag mit an gewissen Vorgängen in der preußischen lutherischen Kirche, unter denen er in seinen letzten Lebensjahren persönlich aufs schwerste litt, weil er sie mit seiner Überzeugung nicht vereinigen konnte und sich doch seinem immer empfindlicher gewordenen Wahrheitssinn mitverantwortlich fühlte : dein wahrhaft tragischer Ausgang nach allen dieser Sache gebrachten Opfern. Übrigens waren seine Söhne Konrad und Heinrich an jenen Dingen nicht unmittelbar beteiligt, wie sie überhaupt nicht Vertreter einer engherzigen Richtung innerhalb der Kirchengemeinschaft gewesen sind. 
 
Konrad diente mit ganzer Seele seiner kleinen Heldrunger Gemeinde. Als ich einer befreundeten Dame gegenüber einmal ein Bedauern äußerte, daß Konrads edle Kraft nur so wenigen zugute komme, sagte sie: „ Ja, es ist eine kleine Gemeinde, aber eine Mustergemeinde.“ Um alle persönlichen Angelegenheiten seiner Gemeindeglieder kümmerte er sich mit rührender Treue. Dafür hingen sie auch mit treuster Liebe und unbegrenztem Vertrauen an ihm; ich habe davon noch viele Jahre nach seinem Tode Beweise gefunden. Der Gottesdienst wurde früher in einer armseligen Scheune gehalten; er baute ihnen ihr Kirchlein. Alles wurde aufs  sorgsamste geplant und erwogen. Als Baustoff wurde der schöne in erreichbarer Nähe anstehende Kalkstein gewählt, der bescheidenem künstlerischem Schmuck sich so wohl fügte, als Baustil der für solch kleines Kirchlein gewiß geeignetere romanische; das Sakristeifenster wurde einem im württembergischen Kloster Maulbronn nachgebildet. Es war ein gar schönes, edles Werk, diese nunmehr vollendete Kapelle, an dem die ganze Gemeinde ihre liebevolle Freude hatte. Leider hatte sie beim Bau eine beträchtliche Schuldenlast auf sich genommen; doch wurde Jahr für Jahr treulich etwas davon abbezahlt, und manche haben dabei mitgeholfen, z.B. Mama, bis sie in ihren alten Tagen noch die große Freude erlebte, daß die ganze Schuld getilgt war. 
Die Eltern fanden ihre Wohnung zunächst im Schloß Heldrungen, einer alten Wasserburg, im 17. Jahrhundert festungsartig ausgebaut. Der unverheiratete Amtsrichter stellte seine dortige Wohnung, die er doch nicht ausnutzen konnte, freundlich zur Verfügung. Schwester Mariechen, die einzige aus der Kinderschar, die den Umzug mitmachte nannten wir scherzweise das Burgfräulein. Infolge eines Personalwechsels im Gerichtsamt mußten aber später die Eltern die Schloßwohnung aufgeben und mit recht dürftigen Räumen in einem Anbau des Stockschen Hauses, das Konrad bewohnte, vorlieb nehmen. Bei Besuchsfällen wurde in der Nachbarschaft ein Zimmer gemietet. – Auch dort in Heldrungen fehlte es nicht an nettem Verkehr. So ist der Oberförster Jacobi zu nennen, der auch auf dem Schloß seine Amtwohnung hatte, und namentlich das feingebildete Haus des landeskirchlichen Superintendenten Reineck, dem insbesondere die heranwachsenden Töchter viel verdankten. 
 

Da haben die Eltern denn etliche Jahre gelebt. Ein fröhliches Ereignis in dieser Zeit war Mariechens Verlobung und Hochzeit mit Johannes Bestmann.  Papa aber kränkelte und verfiel mehr und mehr. Ein Professor aus Halle, den man herbeirief, erkannte die Krankheit nicht oder wußte keinen Rat. Um Ostern 1892 war ich mit meiner Frau noch einmal zu Besuch, und wir empfingen des treuen Vaters Abschiedssegen. Auch die übrigen auswärtigen Kinder kamen noch an sein Sterbebett. Am 28. Mai wurde er von dem immer schwerer gewordenen Leiden - es war wohl Magen - oder Darmkrebs – erlöst,  nachdem er stundenlang das Wort wiederholt hatte, das auch auf seinem Grabkreuz steht : „Ich gebe ihnen das ewige Leben.“  Heinrich, damals schon in Berlin und zuständiger Superintendent, hielt die Begräbnisrede, während Konrad den liturgischen Teil der Feier übernahm. Groß war die Beteiligung von Seiten der Gemeinde und aufrichtig die Trauer um den guten, verehrten Herrn Doktor. „ Die Leute hatten ihn gern “, so schreibt  Mama, „ nicht nur weil er der Vater ihres Pastors war, sondern, weil er stets freundlich und wohlwollend sich ihnen zeigte in seiner ihm eigenen Art, wenn er auf seinen meist einsamen Spaziergängen ihnen begegnete und sich mit ihnen unterhielt. “  

Während Mieke, Konrads Frau, und nun bald auch Konrad selbst auf dem Platz vor dem Kapelleneingang ihre Ruhestätte fanden, wurde Papa auf dem Ortskirchhof bestattet. Mama beschreibt den Ort mit folgenden Worten: „ Auf dem Friedhof in Heldrungen ( Provinz Sachsen) ist sein einsames Grab. Wenn du durch das kleine Pförtchen an der Südseite der Umfassungsmauer, nahe an dem Weg, der nach Brettleben führt, hineinkommst und in der Richtung ein wenig nach rechts weiter der Mitte zuschreitest, hast du bald links eine Ulme und rechts in einiger Entfernung eine Tanne; dazwischen findest du ein Grab mit einem nicht ganz ebenmäßig schönen dunklen Kreuz, zu beiden Seiten zwei Lebensbäume, die eiserne Einfassung fast zu knapp für eines Mannes Ruhestätte. Wenn noch alle Inschrift auf dem Kreuz gut zu lesen, so wirst du dich ihrer freuen und findest auch Namen und Geburtsort des lieben Schläfers. Am 31. Mai 1892 bettete man dort seine irdische Hülle.

 
Ach, hätte man dem lieben Papa, der in seinen späteren Jahren durch übergroße Umständlichkeit wohl etwas schwierig im Verkehr geworden war, durch mehr Ehrfurcht und Geduld seine große Treue gelohnt ! Denn Treue war der Grundzug seines Wesens allenthalben, auch wo er irrte. Wir haben viel abzubitten, wenn man, z.B. mit seinen Anliegen den bequemeren Weg über Mama ging, und so dem so liebevollen, so Hilfsbereiten übles Vertrauen bewies. Wir haben ihm unendlich viel zu danken. - Und nicht nur wir Kinder. Vor mir liegt ein Brief von P. Paul Schöne in Reinswalde, darin heißt es: „Mein innig geliebter, hochverehrter Herr Doktor !  Soeben höre ich, dass Sie, lieber, teurer Freund und großer Wohltäter unserer Familie, so krank sind, und wohl bald zu unseres Herrn Freude eingehen werden. Da wünschte ich so sehr, Sie noch grüßen und Ihnen meine herzinnige Dankbarkeit für Ihre viele, große Liebe zu mir und zu uns sagen zu können....Wie danke ich Ihnen, wenn Sie mir so freundlich die Hand gaben, Ihre Hand so hoch aufhoben und in meine so väterlich einschlugen, wenn Sie mich so treu ansahen; lieber Herr Doktor, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gerne ich Ihnen noch einmal die Hand geben möchte und wie sehr ich wünsche, dass Sie reich gesegnet seien im Leben, im Leiden und im Sterben! Wie will ich mich freuen, Sie wieder zu sehen im Reiche der Herrlichkeit, und so oft mir eines Ihrer Kinder  oder Kindeskinder, oder wer Ihren Namen trägt, hienieden entgegenkommt oder ich von ihm höre, will ich ihm ewiges Heil, - und den Frieden unsers Herrn Jesu Christi wünschen und erbitten....“
 

Mama hat rückblickend des Heimgegangenen Wesen mit folgenden Worten geschildert: „Als Knabe war er wild, oft unbändig und eigenwillig, stürmisch, lebhaft - aber wohlwollend und barmherzig;  als Jüngling wohl schwärmerisch, aber stets nach edlem Ideal aufwärts strebend. Nachher hat der liebe Gott ihn mir geschenkt zum Lebensgefährten, und was die Großmutter von ihm gesagt, das traf zu, und ich durfte ihn mein nennen. Treue war sein eigenstes Wesen: aufrichtig, wahrhaftig und bieder, peinlich gewissenhaft  wurde er immer mehr in jeder Pflichterfüllung. Ein edel ritterlich und natürlich liebenswürdiges Wesen war ihm eigen; aber dabei war auch Einfalt ein gar lieber Charakterzug - eine Nathanaelsseele, die ein Israel rechter Art geworden ist, der wohl länger, als irgend jemand es geahnt, im inneren Kampf stand mit seiner heftigen, leidenschaftlichen Natur, bis er durch Gottes Kraft obsiegte und ein gar milder ach wohl wehmütig stiller Greis wurde, - der sich sehnte bei seinem Herrn daheim zu sein, schon lange ehe er in seinem 70. Jahre, abgerufen wurde. Was er als recht erkannte, dafür setzte er seine ganze Kraft ein und verteidigte die Sache mit dem lebhaften Feuer seines Wesens und fester Energie. Aber gar vielfache Hemmungen erfuhr er in seinen Wünschen und Bestrebungen, und wohl das Schwerste war es, daß er nie einen bestimmten Lebensberuf gefunden..... Niemals untätig, sondern stets geistig beschäftigt und fleißig, fehlte ihm doch je länger je mehr die gebotene Arbeit, die dann auch wieder das Ausruhen so erwünscht sein läßt. Musik war sein Liebstes;   una vita mea   als Umschrift über einer Leier, so hatte er sich einen Siegelring arbeiten lassen ..   Wenn er abends am Flügel saß, den lieben Sänger ( Konrad ), so voll von jugendlichem Feuer, begleitend, da war mir’s als müßten die beiden als Sänger und Spieler durch die Welt ziehen und den Leuten ihre Weisen spielen, um die Herzen unwiderstehlich emporzuziehen und zu heben zu besserem Sein. “

Dies schrieb die Witwe in unserm Hause in Dresden, wo sie zu Besuch war, am 28. Mai 1897, an dem Tage, wo vor fünf Jahren dieser „ Ehrenmann im vollsten Sinne des Wortes “ von ihrer Seite genommen worden war, „ im Frühling, als draußen die Bäume ihr neues Kleid anlegten und die Vöglein ihre Lieder anstimmten“. Am 19. Februar dieses Jahres würden die Eltern ihre goldene Hochzeit gefeiert haben. Zu diesen fünf Witwenjahren kamen noch weitere achtzehn. – 

 

Dasselbe Jahr 1892 brachte uns im Herbst noch einen Todesfall, den von Bruder Konrad. Das Herzleiden, das er seit einem im Jünglingsalter überstandenen Gelenkrheumatismus hatte, warf ihn auf ein qualvolles Sterbebett. Zur Krankheitspein gesellten sich bittere Selbstvorwürfe. Er hatte sich nach mehrjährigem Witwertum wieder verheiratet mit Emma Schäfer, einer Tochter des verdienten hessischen Blindenanstaltsdirektors. Es war ein kurzes Glück. Nun quälte ihn der Gedanke, man müsse ihn ja für einen Buben halten, daß er als schwerkranker Mann noch ein Weib an sich gefesselt habe. Aber die Krankheit schlummerte ja, als er den folgenschweren Schritt tat. Papas Sterbebett mit allem
Schweren, was es mit sich brachte, hatte sie geweckt und viel anderes von Amtsreisen, Arbeiten und Nöten sie auf die Höhe gebracht, bis das arme Herz brach. Doch war ihm noch ein friedliches Stündlein beschert. Bruder Heinrich, der auch in den letzten Tagen ihm beigestanden hatte, hielt wieder die Grabrede. Es war viel Weinens um ihn in der Gemeinde. 

 
So war der Erste hinweggenommen aus unserm Geschwisterkreise.  Ich habe viel Liebe von ihm erfahren in mancherlei Weise.  Wir sind zusammen gewandert im Riesengebirge und später von Heldrungen aus so oft zur uralten Sachsenburg über dem Unstruttal bei Oldisleben mit den noch heute in ihrem Bergfried steckenden Pfeilen, über die Hainleite, zur Rotenburg im  Kyffhäusergebirge; ich war ein gern aufgenommener Gast in seinem jungen Hausstand an manchem lieben Ferientag. Immer ging’s frisch und fröhlich zu, und der Gedankenaustausch blieb nicht auf der Oberfläche. Ich habe durch ihn in den entscheidenden Jahren der Charakterentwicklung so manche Förderung erfahren. An der wachsenden Sorge um die Gesundheit seiner Frau durfte ich vollen Anteil nehmen, z.B. auf jener Reise nach Erfurt, wo er auf Grund einer Sputumuntersuchung sich den ärztlichen Bescheid über die Natur der Krankheit holte. Als ich mich verlobte, ihm, dem jugendlichen Freund des Lindnerschen Hauses, zu besonderer Freude, weilte er mit der Kranken in Südtirol. Da bekam ich einen Glückwunsch in italienischer Sprache, in dem geschrieben war, wie sie beide unsre beiden Namen den Bergen zugerufen und sich am Widerhall gefreut hätten. Und, wie nett war er später zu unsern Kindern, damals  z.B. als er ihnen ungesehen einen großen Osterhasen mit allerlei Gutem ins Zimmer schob. So haben wir ein gut Stück Leben mit einander geteilt.  
 

Auch mit Bruder Heinrich hab’ ich viel und herzlich verkehrt, schon in einer Zeit nahen Zusammenwohnens in Breslau. Heinrich saß über seinen Arbeiten zum Kandidatenexamen, ich hauste nebenan als Primaner. Später habe ich wiederholt seine und der Seinen Sommerfrische geteilt in Stolpmünde, in Misdroy, im “ Lustigen Seehund “ auf Amrum, und so oft in Berlin ihn besucht, nie ohne persönliche Ausbeute; ein Ohr voll Musik altheimischer Art  z.B. war schon was wert. Wenn er zwischen dem aufreibenden Großstadtleben einmal aufatmen wollte, kehrte er wohl in unserm stillen Garten ein oder sehnte sich wenigstens danach.  Zuletzt, als er infolge eines schweren Herzleidens sein Amt in Berlin niederlegen mußte und auf waldiger Berghöhe in Freienwalde im Oderbruch eine Feierabendstätte fand, hab’ ich ihn auch dort auf der Durchreise zu Mama und sonst besucht und ihm noch so recht in die großen blauen Augen geschaut, bis es auch mit ihm das letzte Mal gewesen war. 

 
So bin ich auch in späteren Jahren immer aufs neue einem Geschwisterhaus um das andere herzlich nahe getreten, besonders natürlich dem durch das gleiche Amt, durch die gemeinsame Reise nach Italien im Frühjahr 1911 und durch die häufigen Besuche bei Mama vornehmlich verbundenen Bruder Friedrich in Bergedorf. Die Reisen nach Bergedorf gaben aber auch erwünschte Gelegenheit, in Mölln vorzusprechen und dort nicht nur mit einem eigenartiggeprägten Pfarrhaus norddeutscher Art geschwisterlichen Verkehr zu pflegen, sondern auch etwas von einer mir lange fremd gebliebenen kleinstädtischen Kulturwelt und landschaftlichen Eigenart kennen zu lernen. Wie lehrreich war es, den Ratzeburger Dom zu besuchen und die unter Schwager Bestmanns Mitwirkung erneuerten Möllner Fresken zu besichtigen, wie schön, die Seen zwischen den Buchenhügeln zu schauen, noch schöner, vom Kahn aus die ehrwürdige Möllner  Kirche und unter ihrem Schutze die roten Dächer mit den Storchnestern abends im See sich spiegeln zu sehen. Auch in Altona wurde immer wieder Einschau gehalten. Schade nur, daß der vielbeschäftigte Bruder Arzt selber meist nicht zu schauen war. Das war nun leider nicht zu ändern. Um so treuer pflegte Schwägerin Elisabeth den Zusammenhang, und um so willkommner war gelegentlicher Kinderbesuch herüber und hinüber. Ein Fest war es uns, als bei der Dresdner Hygiene - Ausstellung Berufspflicht und Verwandtenliebe sich vereinigten zugunsten eines Geschwisterbesuchs in unserm Hause, und herzlich genoß ich im Frühjahr 1917 bei Walthers Hochzeit einen längeren Aufenthalt in Cuxhaven und damit eine ausgiebigere Berührung mit Willys Haus und seinen Kindeshäusern. Abseits von der Straße liegt leider Deutsch-Lissa, Ernst und Johannas Altersheim. So sind die, bei denen man in der Jugend am häufigsten einkehrte, im Alter fast unerreichbar geworden. Einem endlich durchgesetzten Besuch dort im Sommer 1914 setzte der Kriegsausbruch ein rasches Ziel.  Desto dankenswerter war es, daß wir die lieben Geschwister und ihre Kinder wiederholt bei uns begrüßen konnten, und der dauernde Zusammenhang mit ihrem in Dresden heimischen Kinderhaus ersetzte den Mangel, so daß auch mit diesen Geschwistern die Verbindung von Jahr zu Jahr nur inniger wurde. Auch mit Emma hat’s erfreulicherweise immer wieder einmal eine Berührung gegeben.  So haben wir sie einmal in ihrer Friedberger Witwenwohnung besucht, sogar zu dreien. Es war im Zusammenhang mit der erquicklichen Rhein- ,Main- und Taunusreise in Ernsts letztem Schulsommer 1913.
 

Wie hat Mama, selbst der lebendige Mittelpunkt des Familienzusammenhangs, immer wieder an solchem Verkehr sich erfreut! Der Zusammenhalt zwischen ihren Kinderhäusern war ihr ein so ernstes Anliegen. Und wenn damit eine Wanderung verknüpft werden konnte, die die Leibeskräfte erfrischte und der Gedankenwelt neue Nahrung gab, so begleitete sie die Reisenden von Ort zu Ort mit rührender Teilnahme.  Ganz besonders aber hatte sie Verständnis für das Verlangen nach Gedankenaustausch zwischen ihren Söhnen. Wenn sie Gelegenheit dazu schaffen konnte verzichtete sie für sich gern auf die Freude des Zusammenseins.  „Wie schön, wenn die Männer so miteinander reden können über das, was sie bewegt! “ so hörte ich sie öfters sagen, und dann nahm sie wohl ihr Augenglas und beobachtete mit Freude die im Zimmer Auf- und Abgehenden. Sie kannte es nicht anders aus ihrem Vaterhaus, wo sie mit Ehrfurcht bei den seltenen abendlichen Zusammenkünften der Männer ihren Gesprächen lauschte. Ihr reger Geist hatte eben von Jugend auf in seltenem Maße Hunger nach gründlicher Belehrung und bei treustem Festhalten an dem, was ihr durch die Erfahrung gewiß geworden war, ist das Verlangen nach Erweiterung ihres Gesichtskreises ihr geblieben bis in die Altersjahre. Was war es ihr ein Ernst um die Erkenntnis der Wahrheit auf allen Gebieten des Lebens, und wie erfaßte sie eine erkannte Wahrheit mit Herz und Willen. Mir ist’s manchmal beschämend gewesen, wie sie von uns Söhnen Auskunft erbat, gründlicher und eindringender, als wir sie uns selbst verschafft hatten, und die Bescheidenheit, mit der sie das etwa Dargebotene annahm und sofort darauf ihre Gedanken weiterbaute. Nichts war ihr fremder, als Geschwätz ohne Sachkenntnis; als oberflächliches Aburteilen, als fade Rechthaberei. Einmal äußerte sie mit einem gewissen Bangen, mit den modernen technischen Einrichtungen, z.B. der elektrischen Straßenbahn, könne sie sich nicht zurechtfinden; diese Herrschaft des Menschengeistes über die Naturkräfte erscheine ihr wie eine Überhebung, wie ein Unrecht an der alten Erde. Ich sagte ihr: „O nein, Gott hat sie für den Menschen bereitgelegt, wie Bergwerksschätze, die einer nach dem andern gehoben werden sollen; sie warten nur darauf, dem Menschen zu dienen. „ Ja, Gott hat sie bereitgelegt, “ wiederholte sie langsam,  „und sie warten nur darauf. So ist’s was anderes.“ – Wir hatten uns in Dresden an der eigenen Lebensbeschreibung der Amalie Dietrich erfreut, und ich brachte ihr das Buch bei einem Weihnachtsbesuch nach Bergedorf mit. Sie nahm es mit lebendigem Anteil auf und wünschte, daß wir’s unter dem Weihnachtsbaum gemeinsam lesen möchten. Bald aber zeigte sich’s, daß sie mit dem Hören Schwierigkeiten hatte. Da nahm sie, die bald Neunzigjährige, selbst das Buch und las eine Stunde und länger mit lebhaftester Betonung vor, daß es eine Lust war. Sie konnte nach solch einer geistigen Anregung langsam das Haupt neigen mit einem unvergleichlichen wehmütig lächelnden Ausdruck dankbarer Befriedigung, wie nach einem Labetrunk, der den Durst doch noch nicht gestillt hatte. 

 

Doch ist kurz nachzutragen, wie ihr äußeres Leben sich gestaltet hatte. Nach Konrads Heimgang kam für Mama und die junge Witwe Emma eine unruhvolle Zeit. Der Heldrunger Haushalt wurde aufgelöst. Die beiden Töchter blieben teils unter der Stiefmutter und Großmutter Obhut, teils in Geschwister- oder Freundeshäusern, teils lernend im Lettehaus in Berlin. Schließlich haben sie sich beide verheiratet : Lisbeth mit P. Görg in Schwenningdorf bei Bünde in Westfalen, wo sie, die auch als Kind immer so ein freundliches Lachen auf ihrem rosigen Gesicht hatte, in einem blühenden Kinderkreis fröhlich lebt; Gertrud erheblich später in Berlin mit einem naturwissenschaftlich gebildeten Privatgelehrten von Oertzen. Leider war diese Ehe nur von kurzer Dauer. Gertrud von Oertzen lebt jetzt mit ihrer Tochter Wiltrud in Ratzeburg. Mama zog nach Lübeck (Frühjahr 1893), wo für sie Heimatluft wehte. Emma teilte ihren kleinen Haushalt. Der kleine Konrad hat da die Schule besucht und mit den Brutzerschen Jungen Kameradschaft gehalten. Später wurde er zur Erledigung der Gymnasialstudien in das Pädagogium in Godesberg am Rhein gegeben und ist dann in die Kaiserliche Marine eingetreten. Nach mancherlei Schwierigkeiten und Krankheitsnöten zog Emma mit zwei Schwestern zusammen nach ihrer Heimatstadt Friedberg in Hessen. Mama, deren zunehmende Gebrechlichkeit zu ernsten Sorgen Anlaß gab, um so mehr, als sie ihrer ganzen Natur nach wenig geneigt war, sich Pflege und persönliche Dienstleistungen zu gönnen, ließ sich bewegen, zu ihrem jüngsten Sohn Friedrich nach Bergedorf zu ziehen
( Spätherbst 1895 ) um sich mit schmerzlichem Verzicht auf das eigene Heim, in dem sie auch, wie noch in Lübeck, selbständig Kinderbesuch aufnehmen konnte, bei ihm in Pflege zu geben. Je länger je mehr hat sie die treue Fürsorge der Geschwister und die Großmutterstellung in einem kinderreichen Kinderhaus schätzen gelernt. In den ersten Jahren war sie zwischendurch zu längerem Besuch in Berlin
, Dresden, Altona, Lübeck und besonders in Mölln, bei zunehmendem Alter blieb Bergedorf ihr ständiger Witwensitz. Und so haben wir die teure Mutter in ihren hohen Altersjahren oft, so oft in Bergedorf besucht, ja wir haben mit Freude in großem Kreis ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert. Wie war sie da frisch, heiter und dankbar ! Wie lebendig nahm sie alles auf, was die Liebe ihr darbot : In einer Mappe waren die Bilder aller Kinderhäuser mit Enkeln und Urenkeln vereinigt. Für alle - es waren bei ihrem Heimgang sechs Kinder, sieben Schwiegerkinder, vierzig Enkel, sechsunddreißig Urenkel - hatte sie warmes, liebevolles Interesse. Willy und seine musikalischen Söhne waren mit Cello und Geige angerückt, und sie hörte mit vorgeneigtem Haupt das Trio und schlug den Takt mit ihrer Hand. Ein Posaunenchor hatte sie schon am Morgen mit Choralklängen gegrüßt. "An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd' ; was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert," das war ihr Bekenntnis, das ihr dankbarer Stolz an diesem Tage. 

 

Dann aber währte’s nicht lange, da ging’s reißend bergab mit ihren Kräften. War schon vorher ihre Versorgung schwierig geworden, so daß eine besondere Pflegerin angenommen werden mußte - eine zeitlang hat unsere Hanna mit Freuden diesen Dienst versehen und so auch ein Stück Großmuttersegen eingeheimst - so kam Mama nun zum Liegen. Die geistigen Kräfte nahmen sichtlich ab, was bei einem so regsamen Geist besonders schmerzlich zu beobachten war ; die Teilnahme für die äußere Welt mit all dem Kriegsjammer und den Nöten der Einzelnen erlosch mehr und mehr; immer ausschließlicher war es die jenseitige Welt, die ihren Geist beherrschte.

 

Erquicklich war’s in vieler Beziehung, der lieben Mama in der letzten Lebenszeit zu dienen. Noch vor der Verschlimmerung ihres Zustandes habe ich wiederholt stundenlang in ihrem geliebten Balkonzimmer ihr gegenübergesessen, umgeben von jahrelang sorgsam verwahrten Papieren und einem großen Papierkorb. Da wurde denn eins nach dem andern entfaltet und geprüft und das meiste dem Papierkorb anvertraut. Kindlich freute sie sich, so ohne Sorge um eine etwaige Veruntreuung, diese Last loszuwerden. Manches wurde beiseite gelegt, manches konnte ich ihr zur Erledigung abnehmen. Sie atmete auf nach solchen Stunden, und mit einem herzlichen „ Wie gut! “ sah sie den Berg kleiner und kleiner werden. 

 

Genau anderthalb Jahre nach dem 90. Geburtstag hat sie noch gelebt; am 01. November war ihr Geburtstag, am 01. Mai 1915 ihre Heimfahrt. Zu Ostern war ich noch einmal bei ihr, schon in dem größeren Zimmer oben, das dann auch ihr Sterbezimmer werden sollte, das war der bewußte letzte Abschied. Wie schwach war sie, wie hatte sie mit den Schleimmassen zu kämpfen, ohne sie doch bewältigen zu können, wie griff sie oft angstvoll ins Leere, wie war oft der Blick erloschen! Ich konnte ihr das Lutherlied vorsingen “ Mit Fried’ und Freud’ ich fahr dahin!“ , das ihr merkwürdigerweise noch ganz unbekannt war. Wie hat sie sich daran erquickt ! Mühsam sprach sie in Absätzen die Worte nach. Als ich nach Stunden wieder ins Zimmer kam, sagte sie: „ Ach, sage mir das noch einmal !“ Ein Entbehren war es, daß Heinrich, selbst krank, ihr nicht , wie früher so oft zu Trost und Stärkung nahe sein konnte, ein Entbehren umgekehrt für die fernen Kinder, nicht mehr ihr friedvolles Angesicht im offenen Sarge sehen zu können. Nicht gehört, sondern nur gelesen haben wir, was bei der häuslichen Feier am 03. Mai mit tiefem Verständnis von P. Fries aus Reinbek gesagt wurde: „ Mir ist, als sähe ich jetzt die ehrwürdige Gestalt neu verjüngt. Und während sie leise entschwebt, sehe ich, wie sie sich noch einmal umwendet. Sie winkt mit der Hand und ich meine ihre Stimme zu hören mit der ganz bestimmten Klangfärbung : „ „ „ Danke, danke “ höre ich sie sagen. „ Habt Dank für all eure Liebe und für die Geduld, mit der ihr mich getragen habt bis zuletzt! Und grüßt mir noch die andern.“ Und nun wendet sie sich um. Der Blick richtet sich aufwärts, es falten sich die Hände, und verklärender Glanz breitet sich über das geliebte Antlitz, um nun nicht mehr zu weichen. Und in Staunen und Anbetung können die Lippen nur das eine stammeln : „ O wie schön! O wie schön!“ 

 
Am 05. Mai haben wir sie auf dem schönen Bergedorfer Waldfriedhof zur Ruhe gebettet. P. Reiners von der Hamburger Anscharkapelle hielt die Grabrede. Er hatte recht, wenn er als ihrer Persönlichkeit Kern die vollendete Wahrheitsliebe bezeichnete. Am Palmsonntag 1917 war ich wieder in Bergedorf zu Gertruds Konfirmation. Als am Nachmittag Besuche mir unbekannter Freunde sich häuften, ging ich allein hinaus auf den Gottesacker. Da war eine liebliche Friedensstätte zu finden, in einer von Nadelholz umschlossenen Ecke und aufgerichtet war die von Willi Nagel entworfene Grabplatte aus Muschelkalk, darauf links die Angaben über Namen, Geburt und Abscheiden, rechts der Jesajasspruch : „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein.“ Ein erhaben herausgearbeitetes Kreuz teilt die Fläche und lässt oben Raum zu einem Schmuck von Narzissen, der Marienblumen. die Mama so gern mit inniger Bewunderung betrachtet hatte. Der Querbalken des Kreuzes trägt in feierlicher Schrift die Worte : „ Christus ist mein Leben “und so sprechen zu dem Besucher die beiden Bibelstellen, die den beiden Gedächtnisreden zugrunde gelegen hatten.
 

Zur Seite des Steines war eine Christrose frisch erblüht. Die brach ich und einen Taxuszweig und brachte es der Konfirmandin als einen stummen Gruß von der, die im Leben so treulich die Ihren alle mit ihren Segenswünschen begleitet hatte. Es sind nicht leere Wünsche geblieben, Gott sei Dank! Das Wort ist Wahrheit geworden, das am 90. Geburtstag ihr in der Mappe der Kinderhäuser mitgegeben wurde: „Ich will dich segnen und sollst ein Segen sein.“                          

                        

 

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