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Lebenslauf von Pastor Konrad Brachmann
(Heldrungen)

In der Grabrede, welche Superintendent Heinrich Brachmann seinem heimgegangenen Bruder gehalten hat, sagt derselbe:  „wie wunderbar muß von der Ewigkeit aus ein Blick auf ein Menschenleben sein, welches als ein Räthsel hier vor uns stand, dort aber als eine wundervolle Gnadenarbeit erscheinen wird, über deren Tiefe wir staunen werden, wenn nicht nur der selige Schluß offenbar sein, sondern jeder Schritt als nothwendig für die Gestaltung dieses Lebens klar werden wird. Noch stehen wir in der Zeit des Dunkels und der Räthsel und müssen das meiste als dunkel stehen lassen.”
Fürwahr, das sind Gedanken, welche sich unmittelbar aufdrängten, nicht erst , als die Todesbotschaft aus Heldrungen kam, sondern lange zuvor, so oft man der besonderen Wege Gottes mit dem nun Heimgegangenen gedachte. Warum durften die Gaben, welche Gott selbst ihm geschenkt hatte, nicht in ganz anderer Fülle für den Dienst der Kirche verwerthet werden? Warum mußte diese in ungewöhnlichem Maße vorhandene Arbeitsfreudigkeit und Arbeitskraft so frühe lahm gelegt werden?

Wir kennen wohl die allgemeinen Gesetze, nach welchen der HERR seine Diener regiert; gewiß, wir wissen, daß vor ihm die Gaben und Kräfte nichts sind; wir erfahren aus seinem Wort, daß er zur Ausrichtung seiner Werke Niemandes bedarf und allen Ruhm allein haben will. Aber doch sehen wir Ihn die Gaben in seinen Dienst nehmen und fröhlichen Arbeitern ein reiches Tagewerk in seinem Weinberg bescheeren. Warum nun hier nicht, das bleibt ein Rätsel; die Lösung stellen wir zurück bis zum Anbruch des Tages, vor dem alles Dunkel weicht. Aber wir glauben, daß der HERR auch in diesem Falle alles wohl gemacht hat, und in solchem Glauben wollen wir stille sein.

Der Heimgegangene war eine hervorragend gewinnende Persönlichkeit. Ich habe ihn als Knaben im Elternhause gekannt, als Studenten, als einen Mann in guten und bösen Tagen, im häuslichen Kreise und in ernster kirchlicher Arbeit; niemals habe ich mich der Anziehungskraft, welche von ihm ausging, entziehen können. Man mußte ihn liebhaben, und mit ihm zusammen zu sein, das war immer erquicklich, auch dann, wenn man mit ihm in diesem und jenem nicht einverstanden war. Es war eine natürliche, ihm verliehene Gabe, die aber mehr und mehr durch Gottes Geist geheiligt, sich auch immer kräftiger herausbildete. „Er war, sagt die erwähnte Leichenrede, ein liebenswerther Charakter, der vielen Menschen, denen er auf seinem Lebenswege begegnete, lieb und werth geworden ist. " Welche Freude war es ihm, zu dienen, sich förderlich zu erweisen, Wege zu ebnen und Wünsche zu erfüllen, wenn es ihm irgendwie möglich war!

Von seinem Leben dar ich nun ein wenig erzählen. Geboren am 31. Juli 1849 in Riga siedelte er mit seinen Eltern bald nach Stuttgart über, 1861 aber, als sein Vater Dr. Wilhelm Brachmann die Stelle eines ersten Secretairs beim Oberkirchenkollegium übernahm, nach Breslau. Hier wurde er in die Quarta des Magdalenen-Gymnasiums aufgenommen.

Im Brachmann'schen Hause sammelte sich bald ein bedeutender Kreis aus der lutherischen Gemeinde. An einem Abend der Woche hielt mein Vater hier Besprechungen über messianische Psalmen; an einem anderen Abend hielt der selige Pistorius Katechismusunterredungen. Es wurde viel musiziert, auch vierstimmig gesungen. Geheimrath Huschke, die Familien Reiche und v. Rheinbaben, die Geschwister Regenbrecht, Fräulein Caro, Frau KR Wedemann, Frau verw. Froböß, HERR von Flanß waren meist regelmäßige Theilnehmer. Dr. Besser kam bisweilen herüber. Anregung, Erfrischung, Förderung wurde in Fülle geboten. In dieser Luft wuchsen die Kinder des Hauses fröhlich heran. Im Jahre 1864 wurde Konrad Brachmann mit seiner älteren Schwester(Johanna) von meinem Vater konfirmiert. An seinem Konfirmationsspruch: „gieb mir, mein Sohn, dein Herz, und laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen" hat er lebenslang zu lernen gehabt.

In den späteren Gymnasialjahren dachte er nicht daran, Theologie zu studieren. Theils fesselte ihn die bedeutende Persönlichkeit des damaligen Director Schönborn und gewann ihn mehr und mehr für das Studium der Philologie; teils wurden auch ihm mancherlei Zweifel und Bedenken in Glaubenssachen nicht erspart. Nach bestandenem Abiturientenexamen (Herbst 1867) studierte er zunächst in Breslau Philologie.

Aber er war zum Theologen bestimmt. Das philologische Studium befriedigte ihn nicht in der erwarteten Weise. Die im Herbst 1868 in Breslau gehaltene Synode machte auf ihn einen bedeutenden Eindruck. Bald nach derselben kam er zusammen mit meinem Bruder Ernst (Nagel) auf einige Wochen zu mir nach Radevormwald. Das fröhliche Beisammensein jener Wochen steht mir noch heut in lebendiger Erinnerung. Er begleitete mich auf dem Wege zu einer Krankencommunion. Unterwegs theilte er mir mit, daß er doch große Neigung habe, sich der Theologie zuzuwenden. Er schilderte, wie köstlich er es sich denke, einem sterbenden die letzte Wegzehrung zu bringen und ihm beim seligen Ausgange aus der Welt behülflich zu sein. Auf dem Rückwege war er stiller. Was er gesehen, hatte ihn nicht ganz befriedigt. Seitdem aber wurde die Frage, ob Theologie oder Philologie, viel besprochen.

In Leipzig, wohin er nun ging, ließ er sich zunächst als Student beider Fakultäten eintragen. Doch behielt nun bald die Theologie das Feld. Mit dem Wissensdrang, welcher ihm eigen war, gab er sich dem Studium hin, freilich schon jetzt durch wiederholtes Augenleiden gehindert. Mit nur oberflächlichen Kenntnissen wußte er nichts anzufangen. Unklarheiten waren ihm zuwider. Er ruhte nicht, bis er sich in gründlicher Arbeit zu voller Klarheit hindurch gearbeitet hatte, und so hat er's lebenslang gehalten. Schnelles Zufahren und Zufallen auf irgend eine Meinung war seine Sache nicht. Was er aber in mühsamer Forschung als wahr erkannt hatte, das wußte er dann auch zu vertreten. Es war nicht leicht gegen ihn anzukommen, wenn er mit ruhiger umständlicher Klarheit seine Auffassung begründete. War er aber über eine Sache noch nicht genau unterrichtet, so enthielt es sich in ängstlicher Vorsicht jeden Urtheils.

Als er sich 1870 zum Eintritt in das Heer meldete, wurde von dem untersuchenden Arzt ein Herzleiden festgestellt. Doch schien es nicht erheblich und machte sich ihm selbst noch nicht fühlbar. Er zog, um bei der großen Sache doch auch einen Dienst zu thun, Felddiakon mit in den Krieg, half namentlich bei Sedan viele Verwundete pflegen und kehrte im Oktober mit einem ihm zur Pflege übergebenen Freunde zurück.

Dann setzte er sein Studium in Rostock fort. Hier fand er namentlich bei dem Professor Dieckhoff viele Förderung. Auch der Verkehr in dem Hause seines nachmaligen Schwiegervaters, des Pastors Flörke in Toitenwinkel, war für seine geistige und geistliche Entwicklung reich gesegnet.

Am 29. Dezember 1872 bestand er seine erste, dann nach kurzem Studium in Tübingen und nachdem er Hauslehrer bei dem Justizrath v. Maltzahn in Rostock und einige Monate Gehülfe des Superintendenten Feldner gewesen war, am 22. September1875 die zweite theologische Prüfung, beide Male mit der ersten Zensur. Auch mein Vater, welcher mit Nr. 1 bekanntlich nicht eben freigebig war, ertheilte sie diesem Examinanden in mehreren Fächern, beim zweiten Examen sogar für die Predigt, an die er doch hohe Anforderungen stellte. Man hatte dem Candidaten nicht leichte Themata gegeben. Aber er zeigte sich überall beschlagen und entwickelte auch schwierige Fragen mit der ihm eigenen Klarheit. Nach der zweiten Prüfung ging er wieder zu Aushülfe nach Elberfeld, mußte aber bald nach überstandenem Typhus nach Hause zurückkehren.

Nun dachte er ernstlich an den Eintritt ins Pfarramt, wiewohl nicht ohne Bangen. Er kam sich sehr untüchtig vor; andererseits verlangte in herzlich, Hand an des HERRN Tagewerk zu legen. Die kleine Parochie Sangershausen war damals vakant. Für diese wurde er vom O.K.C. als Hülfsprediger berufen, sodann am 13. Oktober 1876 zusammen mit seinem Bruder Heinrich von meinem seligen Vater ordiniert. Im Mai 1877 folgte die Berufung zum Pastor der Parochie. Diese hätte bei ihrer kleinen Seelenzahl einen eigenen Pastor nicht erhalten können, wenn nicht Dr. Brachmann in gewohnter Opferbereitschaft den Mangel ergänzt hätte. Einen Monat später gründete er sein eigenes Hauswesen mit der Jungfrau Marie Flörke. Und nun stellte er alle seine Kräfte, von seiner ihm gleichgesinnten Gattin unterstützt, mit der ihm eigenen Hingebung in den Dienst seiner Gemeinden.

Von dem freundlich gelegenen Heldrungen aus, wo sein Pfarrsitz war, zog er zu Wagen oder auch zu Fuß über die Berge, namentlich darauf bedacht, den hier und da zerstreuten Häuflein geistliche Pflege zu bringen. Mit seinen tiefergreifenden Predigten nicht minder, wie mit seelsorgerlichen persönlichen Ermahnen, Warnen und Trösten gewann es sich die Herzen im Fluge. Er konnte in den Einzelgesprächen mit Gemeindegliedern über dies und das in ungewöhnlicher Weise das rechte Wort und den rechten Ton finden, Stunden lang wendete er an eine Sache, wenn es nothwendig erschien und kam immer wieder darauf zurück, bis sie wirklich zum guten Ende gebracht war. Mit großem, bisweilen strengem Ernst drang er auf entschiedenes deutliches Bekenntnis. Mit den Betrübten aber wußte er überaus freundlich zu reden und an Kranken- und Sterbebetten von der Freundlichkeit und Leutseligkeit seines Heilandes zu zeugen, war ihm besondere Freude. Seine von Natur etwas umständliche und ausführliche Weise erleichterte es ihm, in allen diesen Beziehungen auf jegliches Bedürfniß in vollem Umfange einzugehen.

Die Gemeinden merkten bald, was sie an diesem Pastor hatten, am meisten aber natürlich die Gemeinde Heldrungen. Diese lebte mit im Pfarrhause. Hier sammelten sich die Kinder, um unterrichtet zu werden, hier Jünglinge und Jungfrauen, um Unterweisung zu empfangen über den rechten Christenwandel; hier war bei ausgeräumten Stuben nicht selten abends schier die ganze Gemeinde versammelt und hörte ihrem Pastor zu, welcher in einer Thür zwischen zwei Stuben stehend erzählte oder Singen lehrte oder Gottes Wort auslegte. Hier fanden bei mancherlei Gelegenheiten viele auch des Leibes Erquickung. Das Pfarrhaus, ob es wohl nur eine bescheidene Mietwohnung war, bildete den Mittelpunkt der Gemeinde.

Von vornherein nahm Konrad Brachmann darauf Bedacht, die zerstreut wohnenden Glieder nach Heldrungen zu ziehen, um die Gemeinde zu konsolidieren, und oft gelang es ihm. Wenn aber Glieder, namentlich junge Leute, wegzogen, dann vergaß er auch diese nicht. Wie oft hat er an mich geschrieben, um Nachricht wegen einiger nach Berlin gezogener Heldrunger zu erbitten, und wenn er selbst dahin kam. dann lag es ihm vor allem an, diese persönlich aufzusuchen, mit ihnen ein Wort zu reden und zu beten. Er wollte so gern, daß alle seine Gemeindeglieder selig werden möchten, und für dieses Ziel war ihm niemals etwas zu viel.

Die Gemeinde Heldrungen hatte damals ein sehr bedürftiges Kirchlokal. Es war eine in einem Hof gelegene nothdürftig ausgebesserte und eingerichtete Scheune. Der Raum war in jeder Weise unzulänglich. Der Pastor konnte nicht in grader Haltung die schmale Kanzeltreppe hinaufkommen; die Austheilung des Abendmahls war kaum zu bewirken, ohne daß der Pastor an die Communikanten stieß; der Platz war so knapp, daß bisweilen die jüngeren Kinder von der Theilnahme am Gottesdienst ausgeschlossen werden mußten. Der Eingang, über einen engen Hof an Viehställen vorbei, war durchaus unwürdig. Als nun 1883 dieses Lokal auch noch in bedenklicher Weise baufällig wurde, ein anderer Miethssaal aber sich nicht finden wollte, da entschloß sich die Gemeinde zu einem Neubau. Ein kleines Kapital war für diesen Zweck bereits gesammelt; als der Pastor die Gemeinde fragte, ob sie in Gottes Namen den Bau wagen wollte, da war ein einmüthiges Ja die Antwort. Die Kgl. Regierung bot einen schönen Platz zu billigem Preise an, Baurat Werner übernahm die Ausführung; in Gegenwart der Großherzogin von Mecklenburg erfolgte die Grundsteinlegung am 11. August 1883 und mit fröhlichem Eifer wurde das Werk in Angriff genommen. Es sollte eine bescheidne, aber doch eine dem hohen Zweck gemäß auch äußerlich würdige Stätte werden.

Aber während der Pastor mit vollem Herzen seine Kräfte für das Haus des HERRN einsetzte, wurde er im eigenen Hause dunkle Wege geführt. Seine Ehefrau erkrankte in sehr bedenklicher Weise; der Arzt forderte schleunigste Überführung derselben in südliches Klima, Anfang 1884 nahm Konrad Brachmann zu diesem Zweck einen längeren Urlaub. Aber es gefiel Gott nicht, die heiß ersehnte und erbetene Hülfe zu gewähren. Die Krankheit nahm zu. In rührender Weise pflegte der Gatte die geliebte Gattin leiblich und geistlich. Aber während der inwendige Mensch der sterbenden kraftvoll in die Höhe wuchs im Glauben dem HERRN entgegen, siechte der äußere Mensch dahin. In diesen schweren Monaten hat wohl das an sich geringfügige Herzleiden bei dem treuen Pfleger sich zu gefährlicher Höhe entwickelt. Am 1. Oktober 1884 mußte er der vielgeliebten Gattin die Augen zudrücken. Sein Schmerz war tief; aber er war getrost; denn er hatte mit Freuden Zeuge sein dürfen eines sehr getrosten Abscheidens in Christo. Unmittelbar vor der Thür der neuen Kapelle, für deren Bau die Pfarrfrau sich mit herzlicher Liebe interessirt, deren Vollendung sie aber nicht mehr gesehen hatte, wurde die theure Leiche zur Ruhe gebettet.

Bald danach. am 1. Advent 1884, konnte die Kapelle eingeweiht werden. Den Tag vergesse ich nicht. Ich durfte die Weiherede halten. Wie fröhlich, wie dankbar war der Pastor! Wohl gingen ihm die Augen über, als er uns zu dem frischen Grabe führte; aber man sah wohl, daß sein Herz sich Pauli Wort aneignete: „in dem allen überwinden wir, weil um deßwillen, der uns geliebt hat." Kräftig leitete er den Gesang auf dem ganzen Wege von dem alten Lokal bis zur Kapelle. Dann predigte er gewaltig, eindringlich; seine Lippen strömten über von dem Preise der Gnade Gottes und mit unwiderstehlichem Ernst forderte er den Dank der That. Mit voller Frische leitete er die Abendversammlung; erst nach 10 Uhr bat er mich, zu schließen; er könne nicht mehr. Die ihm wegen der nicht unerheblichen nun auf der Gemeinde liegenden Schuldenlast ausgesprochenen Bedenken wehrte er getrost ab; die Schulden würden die Gemeinde nicht erdrücken. In der That sind sie Jahr für Jahr langsam, aber sicher heruntergegangen, Dank der unermüdlichen Fürsorge des Pastors und der entgegenkommenden Liebe der Glieder.

Doch nun begann die Zeit, da er sich mehr und mehr an voller Ausrichtung seines Amtes gehindert sah. Namentlich auch die Augen versagten oft den Dienst. Indessen konnte er nach kürzeren oder längeren Erholungspausen immer wieder thätig sein. An der Synode 1886 nahm er lebhaften Antheil; doch ängstete uns damals bisweilen sein Befinden. Ein Urlaub nach derselben gab ihm wieder Erfrischung; aber wir wußten nun, daß wir ihn vielleicht schnell einmal verlieren würden. In jener Zeit wurde viel erwogen, ob es nicht möglich sei, seine Kraft für den kirchenregimentlichen Dienst zu verwerthen. Aber angesichts seines Gesundheitszustandes mußte mit Schmerz darauf verzichtet werden. Immerhin konnte er noch 1887 berichten, daß er sämtliche Ortschaften seiner Parochie besucht und auch außer den gewöhnliichen Predigtdiensten da und dort Bibelstunden gehalten habe. Es war für ihn von wesentlicher Bedeutung, daß nach dem Tode seiner Ehefrau seine Eltern nach Heldrungen gezogen waren und ihm in aller Weise zur Seite standen. Vielleicht haben wir diesem Umstande mit es zu danken, daß er uns noch so lange erhalten worden ist.

Anfang 1889 aber mußte er erklären, daß er sein Amt ohne Hülfe nicht mehr verwalten könne. Er erbat und erhielt die Erlaubnis, sich von dem Candidaten Meisinger, nachdem dieser das Colloquium bestanden hatte, unterstützen zu lassen. Verschiedene Kuren brachten ihm immer wieder zeitweise Erleichterung, die aber nicht von Bestand war. Nach einer solchen Kur konnte er der Synode von 1890 noch in verhältnismäßiger Frische beiwohnen, auch sich mehrfach thätig an derselben betheiligen.

Nur selten und in vertrautestem Kreise gab er dem Ausdruck, wie schwer es ihm wurde, so nach allen Seiten hin gebunden zu sein. Er wollte gern arbeiten und konnte doch nicht; er wollte gern theologische und kirchliche Fragen studiren; immer mehr aber war er darauf angewiesen, von den Seinen sich vorlesen zu lassen. Er nahm den lebendigsten Antheil an allen kirchlichen Ereignissen, drinnen wie draußen, er pflegte gern die Beziehungen zu anderen luth. Kirchen, wo er konnte knüpfte er Verbindungen an; allenthalben aber sah er sich eingeengt von der Rücksicht auf seine Gesundheit. Dennoch that er, was ihm irgend möglich war, mit Kraft und Freudigkeit und in der Liebe zur Kirche wie zu den einzelnen Seelen, welche köstlicher ist, als alle Gaben. Bisweilen verlangte ihn herzlich, von der Fessel des kranken Leibes erlöst zu werden. Aber die Lust an der Arbeit für den HERRN brach dann immer wieder hervor.

Im Jahre 1890 schien ein Stillstand in der Entwicklung seiner Krankheit einzutreten. Der ihn behandelnde Arzt machte ihm guten Muth. Da trat er der Frage näher, ob er es nicht wohl wagen dürfe, wieder in den Ehestand zu treten. Insonderheit auch der Blick auf seine drei heranwachsenden Kinder legte ihm diesen Wunsch nahe. Hatte auch seine Mutter, wie für ihn, so für die Kinder in treuester Liebe bisher gesorgt, so meinte er doch, ihr diese Sorge auf die Dauer nicht zumuthen zu dürfen, zumal sein Vater immer mehr die Pflege der Gattin bedurfte. Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit suchte er sich darüber Gewißheit zu verschaffen, ob er mit seinem Leben ein anderes verbinden dürfe. Reiflich wurde der Schritt unter viel Gebet erwogen. Als aber die Aerzte ihm sagten, daß er bei der Art seines Leidens zwar schnell einmal dahingenommen werden, ebenso aber auch noch viele Jahre leben könne, da erbat und erhielt er in Gottes Namen das Ja der Jungfrau Emma Schäfer, Tochter des Directors der Blindenanstalt in Friedberg(Hessen). Im Januar 1891 fand die Trauung statt. Nur eine kurze Zeit aber durfte er den Segen der ehelichen Gemeinschaft wieder schmecken; seine Gattin ist schnell Witwe geworden; aber sie hat ihm viel Hülfe leisten dürfen bei dem engsten und steilsten Stück des Lebensweges, und sie hat - wie die Leichenrede mit Recht sagte - „auf diesem Wege einen Schatz gefunden, der bleibenden Werth hat."

Ueber die letzten Zeiten lassen wir nur die Leichenrede uns berichten. Da heißt es: „ Er wollte nicht sterben, er wünschte noch arbeiten zu dürfen, O so heiß und sehnsüchtig. Darum schaute er aus nach Hülfe für sein Leiden, machte Pläne, suchte immer wieder Auswege. Und eins nach dem anderen verbaute ihm der HERR und verzäunte seinen Weg. Während er nach Erfrischung suchte, führte ihn der HERR im letzten Jahre durch das Sterben eines ihm gar werthen Freundes und durch die lange Todeskrankheit des geliebten Vaters in immer schwereres Leid und damit auch immer mehr in die Tiefen der eigenen Krankheit, bis endlich der HERR mit gewaltiger Hand über ihn kam und ihn so einengte, daß nur ein Pförtlein übrig blieb: das enge Pförtlein des Todes. Und wie hat er um dieses Pförtlein ringen müssen, leiblich und geistlich.!"

„Ja, es war ein heißes Ringen, bis das arme kranke Herz sich zu Tode jagte, als kein Platz mehr war, wo Ruhe zu finden, kein erquickendes Stündlein des heißersehnten Schlafes. „Noch einmal möchte ich in diesem Leben schlafen können," so sehnte er sich in todesmüdem Lechzen.

„Und geistlich? Ein armer Sünder umklammerte in betendem Glaubenskampfe Jesum und sein Verdienst, die unbewegliche Treue und Gnade Gottes, rang darnach, daß nur kein Zweifel und keine Anfechtung des Satans seine Seele aus Gottes Hand reiße und keine Ungeduld den treuen Heiland betrübe. Wie war er so baar des eigenen Verdienstes, so nichts als ein armer Sünder! Als er nach Trost begehrte, da bat er mich: suche mir die greulichsten Leute heraus, welche des Heilandes Gnade doch noch selig gemacht hat. Und als wir an die große Sünderin, den armen Zöllner, den Schächer uns erinnert hatten, da ruhte er aus in dem Wort: das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, das Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.

„Es schien ihm unfaßbar, daß er eingereiht werden sollte in die herrlichen Reihen der Seligen vor dem Throne Gottes, in welche er doch so gar nicht hineinpasse. Wie war es ihm ein Trost, daß wir durch Gottes Macht im Glauben bewahrt werden zur Seligkeit; wie war es ihm köstlich, daß Jesus für uns bete; wie wichtig die Zusage, daß uns Gott nicht läßt versuchen über Vermögen.

„Und als es ganz enge geworden war, da machte der HERR ein Ende in einem Augenblick, als es keiner erwartete, und führte ihn aus der Enge in die Weite, aus dem schwersten Kampf in den vollsten Frieden, aus der qualvollsten Angst in die ewige Ruhe. Das war Gottes Weg, diesen armen Sünder selig zu machen: in die Enge, in die Tiefe, in das Sterben, aber allzeit an der Hand der Gnade."

Am 7.Oktober (1892) war es, als der HERR seinem Knecht den Feierabend bereitete. Am 10. Oktober hat man ihn an der Seite seiner ersten Gattin zur Ruhe gebettet, vor der Thür der schönen, durch sein Bemühen erbauten Kapelle. Viele Liebe umgab den Sarg und das Grab. Mit heller Zunge, ob auch unter Weinen, wurde der HERR gepriesen um alle Barmherzigkeit, die er an dem Entschlafenen bewiesen, und für allen Segen, den er durch ihn geschenkt hatte. Neben seinem Bruder (Heinrich) redete Pastor Rübenstrunk zu der trauernden Gemeinde.

Wir haben viel verloren. Aber wir demüthigen uns unter Gottes gewaltige Hand. Er giebt und Er nimmt, Er macht reich und arm, alles zu seiner Zeit. Es fällt uns schwer, daß nun zum zweiten Mal in demselben Jahr uns, die wir arm an Kräften sind, ein solcher Verlust trifft. Aber im Glauben beten wir an sprechen: Er hat alles wohlgemacht und alles alles recht bedacht. Er wird auch die verwaisten Gemeinden nicht Waisen lassen. Unserm Bruder aber war das Sterben nur Gewinn. Er ruht in Frieden und das ewige Licht leuchtet ihm. Sein Gedächtniß aber bleibe unter uns im Segen.


P. Johannes Nagel,
Sohn des P. KR Julius Nagel

 

 

neu geschrieben im August 2012 von Hans Bove
(an der älteren Schreibweise habe ich keine Änderungen vorgenommen.

 

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