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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

Johanna Nagel, geb. Brachmann

In Riga erblickte meine Mutter das Licht der Welt. Mir ist's, als hätten alle guten Geister an ihrer Wiege gestanden und ihr Gaben verliehen, die den Blumen gleich zu schönster Blüte im Leben sich entfalten und ihre Leuchtkraft bis ins hohe Alter behielten.  

Frühzeitig kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland  und verbrachte in Stuttgart ihre Kindheit. Ich lernte als Student in Stuttgart noch einige liebe Menschen aus dem Kreise kennen, die damals im Hause meiner Großeltern aus -und eingingen, Spielkameraden meiner Mutter, die mir sie schilderten, wie sie mit Frische und Fröhlichkeit als Älteste die jugendliche Schar führte. Im Geschwisterkreis fand sie schon damals ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Bruder Konrad, der ihr auch bis zu seinem Ende am nächsten stand. In Stuttgart, wo meines Großvaters Arbeit besonders der Musik gewidmet war, mag wohl auch bei meiner Mutter die herzliche Freude am Gesang geweckt worden sein. Eine frühzeitig schon auftretende Schwäche ihrer Augen hinderte sie leider sehr am Lesen der Noten; um so mehr aber halfen ihr gutes Gehör und sicheres Gedächtnis beim Singen. Mit inniger Freude sang sie, am liebsten die Lieder, die ihr Vater komponiert hatte, so das fröhliche " Wie ist doch die Erde so schön! " 

Die Übersiedlung mit den Eltern nach Breslau brachte sie in enge Berührung mit den streng lutherisch gerichteten Kreisen, die sich um Pistorius, Nagel, Böhringer u.a. scharten. Mit aller Hingabe hat sie die ernste Lebensauffassung dieser Männer in sich aufgenommen. 

Fröhliche Zeiten müssen es gewesen sein, als mein Vater sie als  Braut aus dem großen Brachmannschen Geschwisterkreise holte und als nun in Strehlen das Heim aufgeschlagen wurde, in dem der so treu erfüllte Pflichtenkreis der Pfarrfrau sich ihr auftat. 

Bald wuchs eine fröhliche Kinderschar heran. Wie schön klang es uns, wenn sie uns abends in Schlaf sang.  Wie viel Freude trug sie in unsere Kinderstube, wenn sie Märchen erzählte und Geschichten vorlas. Wie lebendig konnte sie alles gestalten. Aber auch wie ernst war sie, wenn sie uns den Katechismus lehrte und die Liebe zur unbedingten Wahrhaftigkeit einprägte. Nach des jüngsten Geburt 1888 begann ihre Leidenszeit. Ein Darmleiden schwächte, von Jahr zu Jahr sich verschlimmernd, ihre Kräfte, bis eine erst 1904 vorgenommene Operation ihr wesentliche Besserung verschaffte. In dieser langen Krankheitszeit, in der sie den älteren Töchtern nach und nach den Hausstand anvertrauen musste, sorgte sie sich mit um so rührenderer Treue um das leibliche und geistige Wohl der Heranwachsenden neunköpfigen Kinderschar, teilte mit jedem Freud und Leid und verstand jeden in seiner Eigenart.

Für ihre selbstlose Natur war die viele Pflege, die ihre Krankheit erforderte, eine harte Schule, aber dankbar empfand sie dabei immer die innige Liebe, mit der der Vater für sie sorgte. Die Familienfesttage verschönte sie stets mit ihren Gedichten, die sie frei in Gedanken gestaltete und dann einem von uns diktierte. Am schönsten sind ihre Frühlingsgedichte, aus denen so unmittelbar ihre Sehnsucht nach Freude hervorleuchtete. 

Schwer empfand sie es, als eins nach dem anderen von den Kindern das Elternhaus verließ, als Vaters Eremitierung den Abschied vom liebgewordenen Strehlener Pfarrhaus brachte und in Deutsch-Lissa eine Mietwohnung bescheidene Unterkunft bot. Das Schwerste aber brachte der Krieg, der ihr den Jüngsten nahm kurz vor seiner schon festgesetzten Kriegstrauung. Aber auch einen seltenen Höhepunkt durfte sie 1922 noch erleben, die goldene Hochzeit, die im Kreise aller Kinder und Enkel in der alten Strehlener Pfarre gefeiert wurde.

Die letzten Jahre waren recht mühselig für sie, aber ihre zähe Natur hielt doch immer wieder durch, obwohl sie selbst oft wünschte, heimgehen zu dürfen. In seltener Frische feierte sie noch den 77. Geburtstag, dann kam der Tod und führte sie heim zu ewiger Freude.  

Wir schauen ihr nach und erkennen immer deutlicher ihr Wesen: Freude war der Grundzug ihres Wesens, Liebe war ihr Tagewerk, Demut war ihr Schmuck, Wahrhaftigkeit ihr Wanderstab und Gottes Gnade ihre Leuchte und das Ziel ihrer Sehnsucht.

 

Willi Nagel

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