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Stichwortverzeichnis 
nur interessant für Angehörige meiner Familie
und weitere Verwandtschaft

  Marie Charlotte Brutzer, verh. Brachmann 

Unsere gute Mutter, die am 1. Mai 1915 heimgegangen ist, lebte seit dem Tode unseres Vaters und unseres ältesten Bruders Konrad / Heldrungen im Jahre 1892 zuerst zusammen mit ihrer Schwiegertochter Emma geb. Schäfer in Lübeck, wo sie viel mit ihren Geschwistern, dem blinden Onkel Ernst, Tante Gustchen und Tante Sophie zusammen war und ihren Enkel Konrad, der das Gymnasium in Lübeck besuchte, heranwachsen sah. Im Jahre 1895 kam sie zu uns nach Hamburg und wohnte dort anfangs mit uns in Eimsbüttel, Meissnerstr.22 und seit Frühjahr 1903 bis zu ihrem Tode in Bergedorf Schlebuschstr.10. In den ersten Jahren ist sie dazwischen mehrfach monatelang in Lübeck gewesen, auch einmal im neuen Möllner Pfarrhaus. Köstlich war die Feier des 9O.ten Geburtstages in Bergedorf im frohen Kinder- und Enkelkreise, das Köstlichste aber das dankbar fröhliche Geniessen aller Liebesbeweise und die warme persönliche Teilnahme für jeden einzelnen der Mitfeiernden.

Die teure Persönlichkeit trat uns in ungebrochener geistiger Frische entgegen mit ihrer tiefen Wahrhaftigkeit, mit der für eine Frau ungewöhnlichen Objektivität des Urteilens, mit dem regen Interesse für alles Edle und Schöne, wie sie z.B. das Klavierquartett der Altonaer mit lebhaftem Kopfnicken begleitete; es fehlte auch nicht das Aufleuchten der urwüchsigen Kindlichkeit dieser aufrichtigen Seele. Von dieser uns allen so vertrauten köstlichen Unmittelbarkeit noch eine Enkelerinnerung aus einer Sommerfrische in Israelsdorf bei Lübeck, wo drei gleichaltrige Jungen aus verschieden Häusern unter ihrer Obhut fröhlich vereinigt waren. " Vor dem Schlafengehen, so gegen 8 Uhr, wurden wir zur Abendandacht gerufen, die Großmutter hielt.

An einem noch hellen Sommerabend las sie zu Beginn den Vers: " Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder. Es schläft die ganze Welt ".Aber das stimmte doch noch nicht, so fügte sie hinzu: " noch nicht, aber bald." Wir bösen Buben platzten bei dieser gewissenhaften Feststellung heraus und mußten zur Strafe die nächsten Abende von der Andacht fernbleiben!
Es ist unserer Mutter nicht leicht geworden, ihren eigenen Haushalt ganz aufzugeben und in ein Kinderhaus zu ziehen. Für ihren ausgesprochenen selbständigen Charakter war das ein großes Opfer. Wir freilich haben einen unendlichen Segen davon gehabt. Denn unser Haus wurde hierdurch der geistige Mittelpunkt und das Gebetszentrum unserer Brachmannschen Familie.  
Wie viel unvergessliche Feste haben wir feiern dürfen, bei denen unsere Mutter die Krone und der Hauptanziehungspunkt für unsere Verwandten und Freunde war, ich denke nur an die Taufen unserer drei jüngeren Töchter, an unsere und der Altonaer Geschwister silberne Hochzeit, Hildegards grüne Hochzeit, unserer Mutter siebzigsten, achtzigsten und neunzigsten Geburtstag, Onkel Ernst siebzigsten Geburtstag usw.  
Aber auch abgesehen von besonderen Festen hatten wir fort und fort lieben Verwandtenbesuch, nicht nur aus den benachbarten Geschwisterhäusern aus Altona und
Mölln, sondern auch von Johanna, Heinrich, Walther, Marie und der jüngeren Generation, und Briefe kamen und gingen unablässig hin und her. Und wie reich gestaltete sich das Familienleben durch unsere Großmutter, die im Gegensatz zu den viel beschäftigten Eltern für die Kinder immer Zeit hatte ! Wie konnte sie auflachen, wenn Friedchen am morgen die Bürste zur Hand nahm und mit großer Energie Großmutters Haare plättete ! Und kam Friedchen aus der Schule, so war ihr erster Gang zur Großmutter. Die Büchermappe wurde ausgepackt und die Schularbeiten vorbereitet. Und nicht eher durfte der kleine Gast die Stube verlassen, als bis die Pflicht getan war. Mit den " Großen " aber wurde Klavier geübt und Englisch und Französisch getrieben und bewundernswert war das fast nie versagende Gedächtnis und die große Vokabelkenntnis der lieben alten Großmutter.  
Nach dem Abendbrot wurde eifrig gelesen aus Spyri, Brehms Tierleben und anderen für die Kinder passenden Büchern. Auch die Musik durfte nicht fehlen, und all die lieben Kinder- und Volkslieder erschallten aus frohem Kindermund. Kam die liebe Adventszeit heran, dann wurde das große grüne Holzkreuz vom Boden heruntergeholt und mit Tannengrün umwunden. Jeden Abend wurde ein neues Lichtchen auf den vorstehenden langen Nägeln befestigt und nun ertönten die lieben Adventslieder. Dazwischen verlas Großmutter die so fleißig zusammengestellten Weissagungen und gar traulich leuchtete das Weihnachtstransparent über dem Klavier in die halbdunkle Stube hinein. Im Sommer aber saß die gute Mutter in ihrem " Laubchen " auf dem Balkon, von dichtem Lindenlaub jedem Blick entzogen, oder im Garten in der so herrlich gegen Wind und Sicht geschützten Lebensbaumlaube und freute sich über jede Blume, die man brachte. Und wie konnte sie sich freuen über Gottes Schöpferweisheit! Am Sonntag ging’s anfangs unter manchen Mühseligkeiten nach der Anscharkapelle, später im Rollstuhl durch den Wald nach Reinbek zu Pastor Pries, bis die zunehmende Schwerhörigkeit auch dies verbot. Um so dankbarer war sie dann für den Besuch von Pastoren: Pastor Glage, Bruder Heinrich, und andere. Und als sie am 4. Mai 1915 in unserer großen Stube im offenen Sarge unter Himmelsschlüsseln aufgebahrt lag, mit verklärtem Angesicht, konnte unser lieber Pastor Pries mit Recht sagen, ihm wäre, als winke die Heimgegangene vom Himmel uns freundlich zu: " Seid nicht traurig, ich habt es ja so unaussprechlich gut. Kommt nur alle mir nach! "
 

Ja, das gebe uns Gott in Gnaden!  
 

Friedrich Brachmann

 
 

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